Titelbild: Elon Musk mit Optimus-Roboter, KI-generiert von Grok (built by xAI) am 26. November 2025

Elon Musk: Geld wird irrelevant. Warum das unwahr­scheinlich ist

Auf dem U.S.-Saudi Investment Forum am 19. November 2025 ließ Unter­nehmer-Titan Elon Musk seine Zuschauer wissen, welche Zukunfts­per­spek­tiven er mit dem Fort­schreiten der Künst­lichen Intel­ligenz („KI“, Eng­lisch: „Arti­ficial Intel­li­gence“, oder kurz: „AI“) ver­bindet. (von Thorsten Polleit)

Musk sagte unter anderem:

And my guess is, if you go out long enough—assuming there’s a con­tinued impro­vement in AI and robotics, which seems likely—money will stop being relevant.

Wow: Eine Zukunft, in der Geld keine Rolle (mehr) spielt? Ist das möglich, oder ist es zumindest wahr­scheinlich? Um diese Fragen zu beant­worten, rufen wir uns doch zunächst einmal in Erin­nerung, aus welchen Gründen die Men­schen Geld nach­fragen, und das schon seit Jahrtausenden.

In den han­dels­üb­lichen Lehr­bü­chern werden drei Motive genannt, die die Men­schen ver­an­lassen, Geld zu halten: Tausch­mit­tel­funktion, Rechen­funktion und Wertauf­be­wah­rungs­funktion des Geldes. Aller­dings gibt es einen Grund für die Geld­nach­frage, der all diesen genannten vor­ausgeht, der sie letztlich bestimmt. Und das ist die Unsi­cherheit oder Unge­wissheit im Bereich des mensch­lichen Handelns.

Wäre alles perfekt vor­her­sehbar, bräuchten die Men­schen tat­sächlich kein Geld. Jeder wüsste dann nämlich heute schon alles über seine künf­tigen Ziele, Bedürf­nisse, seine ver­füg­baren Mittel, deren Preise etc. In einem solchen Fall könnten wir schon heute alles so arran­gieren, dass unsere künftige Güter­nach­frage ent­spre­chend unseren Prä­fe­renzen mit den ver­füg­baren Gütern bedient wird.

Wenn aber die Zukunft ungewiss ist, dann ist der Mensch gerade nicht in der Lage, heute schon alles zu wissen, was er künftig bedarf, was er künftig nach­zu­fragen wünscht. Vielmehr muss er dann bereits im Hier und Heute mit künf­tigen Ver­än­de­rungen rechnen, die er noch nicht kennt, oder die er nicht voll­um­fänglich abschätzen und bemessen kann, und für sie vor­sorgen. Und genau das ist auch der Grund — die Unge­wissheit über das Zukünftige —, warum Men­schen Geld nachfragen.

Ludwig von Mises (1881–1973) schreibt dazu:

Denn nur weil es Ver­än­derung gibt und über Art und Ausmass der Ver­än­derung Unge­wissheit besteht, muss der Ein­zelne Kasse halten. [1]

Das Halten von Geld gibt den Men­schen die Mög­lichkeit, mit der künf­tigen Unge­wissheit umzu­gehen. Es macht jeden ein­zelnen tauschfähig(er), er kann auf ver­än­derte Situa­tionen in der für ihn best­mög­lichen Weise reagieren.

Natürlich kann die Vor­sorge für unsi­chere Ereig­nisse und Umstände in der Zukunft auch mit „nor­malen Gütern“ (Nah­rungs­mittel, Kleidung etc.) bewerk­stelligt werden. Doch mit dem Halten von Geld ist das eben besonders einfach und effi­zient — denn Geld ist schließlich das all­gemein akzep­tierte Tausch­mittel, ist das markt­fä­higste Gut von allen.

Musks Äußerung, Geld könnte ver­zichtbar werden (und damit wohl auch seine Kauf­kraft ein­büßen), setzt also voraus, dass die Unge­wissheit über Künf­tiges im Bereich des mensch­lichen Han­delns ver­schwinden kann (oder wird). Zunächst mag man viel­leicht geneigt sein, so etwas als Folge von AI, Robotik (oder anderer Tech­no­lo­gie­sprünge) für möglich zu halten. Doch eine solche Schluss­fol­gerung lässt sich bei genauerem Nach­denken nicht vertreten.

Der eine Grund ist: Die Natur, in der der Mensch lebt, lässt sich (erfah­rungs­gemäß) nicht perfekt vor­her­sehen. Die Umstände ändern sich, nicht selten in ganz unvor­her­seh­barer Weise. Bei­spiels­weise kommt es immer wieder zu Natur­ka­ta­strophen (Vul­kan­aus­bruch, Über­schwemmung etc.). Oder Regionen, die bisher unwirtlich waren, werden durch Ver­än­derung der Wit­te­rungs­ver­hält­nisse plötzlich bewohnbar und bebaubar. Die Natur hat sehr häufig Unsi­cherheit, Unge­wissheit im Gepäck, mit der der Mensch umgehen muss.

Der andere — für die hier behan­delte Frage ent­schei­dende — Grund ist jedoch: Das mensch­liche Handeln selbst lässt sich nicht (mit wis­sen­schaft­lichen Mitteln) pro­gnos­ti­zieren. Schon Ludwig von Mises stellte heraus, dass das mensch­liche Handeln nicht auf der Basis innerer oder äußerer Fak­toren (bio­lo­gi­scher, che­mi­scher Art) vor­her­sagbar sei:

Die Wis­sen­schaft des mensch­lichen Han­delns geht von der Tat­sache aus, dass Men­schen absichtsvoll Ziele anstreben, die sie gewählt haben. Es ist genau dieses, das alle Spiel­arten des Posi­ti­vismus, Beha­vio­rismus und Pan­phy­si­ka­lismus ent­weder allesamt leugnen oder es still­schweigend über­gehen. Nur, es wäre einfach ver­rückt, die Tat­sache zu leugnen, dass Men­schen offen­kundig sich ver­halten, als ob sie wirklich auf bestimmte Ziele zustreben. Diese Leugnung der Ziel­ge­rich­tetheit des mensch­lichen Ver­haltens kann nur auf­recht­erhalten werden, wenn man annimmt, dass die Wahl beider, von Zielen und Mitteln, nur scheinbar sei und dass mensch­liches Ver­halten letztlich deter­mi­niert ist durch phy­sio­lo­gische Gescheh­nisse, die ganz in der Sprache der Physik und Chemie beschrieben werden kann.

Sogar die fana­tischsten Anhänger der Sekte der ‚Ein­heits­wis­sen­schaft‘ schrecken davor zurück, für diese plumpe For­mu­lierung ihrer grund­le­genden These unzwei­deutig ein­zu­stehen. Es gibt gute Gründe für diese Zurück­haltung. So lange noch keine bestimmte Beziehung zwi­schen Ideen und phy­si­ka­li­schen oder che­mi­schen Gescheh­nissen ent­deckt worden ist, die als regel­mäßige Abfolge auf­tritt, bleibt die posi­ti­vis­tische These eine erkennt­nis­theo­re­tische Behauptung, die nicht von wis­sen­schaftlich gebauten Expe­ri­menten abge­leitet ist, sondern aus einer meta­phy­si­schen Welt­sicht.[2]

Hans Hermann Hoppe gab Mises‘ Argument nach­folgend die rigorose (handlungs-)logische Basis. Und zwar mit der Aussage, dass der Mensch sich durch Lern­fä­higkeit aus­zeichnet.[3] Lern­fä­higkeit bedeutet zunächst einmal, dass der Han­delnde seine künf­tigen Wis­sens­be­stände und die aller anderen nicht schon heute voll­um­fänglich kennen kann — die er aber kennen müsste, um sein künf­tiges Handeln und das Handeln der anderen, das zwei­felsfrei durch künftige indi­vi­duelle Wis­sens­be­stände bestimmt ist, vorherzusagen.

Der Grund: Man kann die Lern­fä­higkeit des han­delnden Men­schen nicht wider­spruchsfrei ver­neinen; die Negation der Aussage „Ich kann lernen“ ist logisch wider­sprüchlich, sie gilt vielmehr a priori.

Wenn du sagst „Der Mensch ist nicht lern­fähig“, dann begehst du damit einen per­for­ma­tiven Wider­spruch: Indem du diese Aussage triffst, gehst du davon aus, dass dein Gesprächs­partner das Gesagte noch nicht kennt, es aber lernen kann — sonst würdest du diese Aussage ja nicht machen.

(Übrigens: Lehrer, Pro­fes­soren, Wis­sen­schaftler ins­be­sondere: Sie alle gehen davon aus, dass der Mensch lern­fähig ist. Ansonsten würden sie ja (für sich und/oder andere) gar nicht erst ver­suchen, neues zu ent­decken und zu ver­breiten. Würden sie die Lern­fä­higkeit ver­neinen, wären sie Zyniker, viel­leicht sogar Schar­latane, Betrüger.)

Und wenn du sagst „Der Mensch kann lernen nicht zu lernen“, dann unter­stellst du Lern­fä­higkeit, dass man also lernen kann, dass man nicht lernen kann — und sagst damit ganz offen­sichtlich etwas Fal­sches, begehst einen offenen Wider­spruch.

Wenn man also die Lern­fä­higkeit des han­delnden Men­schen nicht wider­spruchsfrei ver­neinen kann, sie aus logi­schen Gründen wahr ist, dann kann man auch nicht schon heute wissen, wie künftig gehandelt wird: Der Han­delnde kennt weder seinen eigenen Wis­sen­stand in der Zukunft, der sein Handeln bestimmen wird, noch kann er die Wis­sens­be­stände seiner Mit­men­schen heute schon kennen, die deren künftige Hand­lungen hervorbringen.

Man mag viel­leicht der Ansicht sein, dass der Mensch das Wirken der künf­tigen Natur­kräfte perfekt wird pro­gnos­ti­zieren, in den Griff bekommen kann; trefflich lässt sich eine solche Vor­stellung debat­tieren. Was sich aber nicht ver­treten lässt, ist, dass das künftige mensch­liche Handeln vor­her­sagbar wird wie eine Impuls-Antwort-Funktion — nach dem Motto „Wenn A geschieht, dann folgt B“.

Damit ist natürlich nicht gesagt, dass alles im Bereich des mensch­lichen Han­delns unsicher, nicht pro­gnos­ti­zierbar wäre — genauso wenig wie es nicht bedeutet, dass alles gewiss wäre.[4] Vielmehr muss es aus rein logi­schen Gründen Unsi­cherheit geben, wenn es so etwas wie Sicherheit gibt; und ent­spre­chend muss es Sicherheit geben, wenn es so etwas wie Unsi­cherheit gibt — denn das eine lässt sich nicht ohne das andere denken.

Die Logik des mensch­lichen Han­delns sagt uns, dass es im Bereich des mensch­lichen Han­delns Dinge gibt, die wir mit apo­dik­ti­scher Gewissheit wissen. Etwa das der Mensch handelt; dass der Han­delnde Ziele anstrebt, die er mit dem Einsatz von Mitteln zu erreichen sucht; dass Mittel knapp sind; dass Handeln not­wen­di­ger­weise Zeit erfordert, Zeit also für den Han­delnden ein unver­zicht­bares Mittel ist; und anderes mehr.

Die Logik des mensch­lichen Han­delns infor­miert uns aber auch darüber: Wir können wis­sen­schaftlich gesehen nicht mit Gewissheit wissen, wie und wann der Mensch künftig handelt — und der Grund dafür ist, dass der Mensch lern­fähig ist, eine Aussage, die sich nicht wider­spruchsfrei ver­neinen lässt, die a priori gilt.

Solange das künftige mensch­liche Handeln unter Unsi­cherheit statt­findet, es im Bereich des mensch­lichen Han­delns Dinge gibt, die der Unsi­cherheit unter­liegen, ist auch der Grund dafür gegeben, dass auch in der Zukunft (wie immer sie tech­no­lo­gisch aus­sehen wird) die Men­schen (wei­terhin) Geld nach­fragen; dass also das Geld für sie einen Wert hat, dass es nicht irrelevant für sie wird und werden kann.

Oder denkt Elon Musk etwa daran, dass die künf­tigen Men­schen eine „andere Logik“ als wir heute haben werden? Das wäre schwer oder gar nicht denk- und vor­stellbar für uns. Denn „unsere Logik“ ist ja die Vor­aus­setzung für jedes kohä­rente Denken über­haupt. Man kann den Satz „Logik könnte sich ändern“ nicht einmal for­mu­lieren, ohne sich dabei auf die Logik, auf den Satz vom Wider­spruch (wonach der­selbe Satz nicht zugleich wahr und falsch sein kann, im selben Sinn und zur selben Zeit) zu berufen.

Jedes zukünftige Wesen (Mensch, Post­mensch, KI-Wesen, Alien etc.), das aus unserer Sicht kohärent denken, kom­mu­ni­zieren oder Wis­sen­schaft betreiben kann, müsste die­selben grund­le­genden logi­schen Prin­zipien benutzen, die wir auch benutzen, weil diese Prin­zipien für uns erst kohä­rentes Denken möglich machen.

Man mag durchaus spe­ku­lieren: Viel­leicht werden künftig super­in­tel­li­gente KIs oder hoch­ge­ladene Bewusstseine in einer Weise denken, die für uns buch­stäblich unvor­stellbar ist, mit einer „neuen Logik“ ope­rieren. Aber schon solch ein Gedanke steht auf dem Boden der uns bekannten Logik: Jedes Wesen, das den Anspruch for­mu­liert „unsere Logik ist anders als eure“, setzt nämlich bereits „unsere“ logi­schen Kate­gorien wie Iden­tität und Unter­schied voraus.

Hätte unser Gegenüber eine andere Logik als die unsrige, es wäre für uns sehr wahr­scheinlich gar nicht zu ver­stehen, wie auch sollten wir uns mit ihm ver­stän­digen? Über­haupt wäre fraglich, ob ein solches Gegenüber uns als menschlich erscheinen würde und könnte. Wenn also Elon Musk tat­sächlich damit rechnet, dass irgendwann das Geld für die Men­schen irrelevant wird, dann kann das wohl nur in einer für uns nicht ver­steh­baren Welt statt­finden, in der die Logik des mensch­lichen Han­delns nicht mehr gilt.

[1] Mises, L. v. (1940), Natio­nal­öko­nomie. Theorie des Han­delns und Wirt­schaftens, Genf, S. 377.

[2] Mises, L. v. (2014), Theorie und Geschichte. Eine Inter­pre­tation sozialer und wirt­schaft­licher Ent­wicklung, Akston Verlags GmbH, München, S. 62–63.

[3] Siehe hierzu Hoppe, H. H. (1983), Kritik der kau­sal­wis­sen­schaft­lichen Sozi­al­for­schung. Unter­su­chungen zur Grund­legung von Sozio­logie und Öko­nomie, West­deut­scher Verlag.

[4] Siehe Hoppe, H. H. (1997), On Cer­tainty and Uncer­tainty, Or: How Rational Can Our Expec­ta­tions Be?, in: Review of Aus­trian Eco­nomics 10, no. 1, S. 49–78.


Der Beitrag erschien zuerst hier: misesde.org
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