Alexander Kohlhaas
Ein Schüler verweigert die Teilnahme an einem LGBT-Workshop, und plötzlich steht ein Bußgeld im Raum. Schon diese knappe Konstellation wirkt wie eine Miniatur des neuen pädagogischen Ernstes: Nicht das klärende Gespräch steht am Anfang, sondern die Frage, wie schnell aus einer familiären Gewissensentscheidung ein Fall für den Verwaltungsapparat werden kann. Wenn Berichte darüber stimmen, dann sagt dieser Vorgang mehr über den Zustand dieses Landes aus als manche Bildungsstudie.
Der konkrete Anlass: NIUS berichtet über einen 14-jährigen Gymnasiasten aus dem Landkreis Dachau, dem ein Bußgeld droht, weil er auf Wunsch seiner Eltern nicht an einem verpflichtenden LGBT-Workshop zu „Geschlechterrollen und Geschlechtsidentität“ teilnahm; die Eltern hatten zuvor Zweifel an der weltanschaulichen Neutralität des externen Veranstalters und unbeantwortete Fragen an die Schule geltend gemacht.
In unserem Buch „Gendern, bis der Arzt kommt“ beschreiben Jan van Helsing und ich jenen Bundesrepublikaner, der mit Abweichung grundsätzlich nicht mehr klar kommt. Gemeint ist der Mensch, der Freiheit, Vielfalt und Toleranz zwar gern im Mund führt, aber innerlich zusammenzuckt, sobald jemand die erwartete Haltung, den vorgesehenen Sprachgebrauch oder das vorgeschriebene Mitmachen verweigert. Dann kippt die angebliche Toleranz erstaunlich schnell in Belehrung, Sanktion und Verwaltungssehnsucht. Tolerant ist man nur, solange der andere am Ende genau das tut, was die Toleranten ohnehin von ihm erwarten.
Denn was könnte man jungen Menschen nicht alles beibringen? Man könnte ihnen erklären, wie Energieversorgung funktioniert, wie man sichere Kraftwerke baut, warum Atomphysik kein Hexenwerk ist und weshalb ein Industrieland nicht allein von moralischer Wärme und Windstille leben kann. Man könnte Ingenieurwissenschaften, Maschinenbau, Elektrotechnik und Fahrzeugtechnik wieder als kulturelle Kernkompetenzen begreifen. Kurz: Man könnte ihnen beibringen, Dinge zu bauen, zu reparieren, zu verstehen und zu verbessern. Es wäre für Deutschland vielleicht nicht ganz unschädlich, wenn wieder mehr junge Menschen wüssten, wie man gute Autos, belastbare Netze, stabile Maschinen und funktionierende Infrastruktur hervorbringt.
Stattdessen wirkt es, als sei mancherorts das vermeintlich korrekte Gendern wichtiger geworden als die Frage, ob ein Schüler überhaupt versteht, wie die Welt materiell zusammenhängt. Der moralisch betreute Sprachgebrauch erhält den Rang einer Schlüsselqualifikation, während technische Bildung, wirtschaftliche Urteilskraft und praktische Lebensfähigkeit oft erstaunlich blass bleiben. Der junge Mensch soll nicht zuerst ein freier, denkender, technisch und finanziell gebildeter Erwachsener werden, sondern ein korrekt sensibilisiertes Haltungsteilchen im pädagogischen Teilchenbeschleuniger. Dabei gäbe es an Schulen reichlich Lebensnotwendiges zu lehren:
- Beziehungsfähigkeit zum Beispiel.
- Wirkliche Kommunikation. Konfliktfähigkeit.
- Den Umgang mit Angst, Kränkung, Geld und Verantwortung.

Junge Menschen verlassen die Schule mit mehr Unsicherheit über ein falsches Pronomen als über die Frage, wer eigentlich das Geld erzeugt, mit dem sie später Miete, Auto, Brot, Steuern und ihre eigene Verschuldung bezahlen sollen.
Das ist kein kleiner Bildungsfehler, sondern eine zivilisatorische Schieflage. Eine Gesellschaft, die ihre Kinder in korrekter Sprache, aber nicht in Geld, Energie, Technik, Beziehung und Selbstverantwortung unterrichtet, zieht keine mündigen Bürger heran, sondern moralisch dressierte Verbraucher mit Abschlusszeugnis. Sie können dann vielleicht die richtige Formel aufsagen, verstehen aber weder den Kreditvertrag noch die Stromrechnung, weder den Bau eines Kraftwerks noch den wirtschaftlichen Niedergang des Landes, in dem sie leben.
Vielleicht braucht dieses Land deshalb ein neues Schulfach: angewandte Wirklichkeitskunde. Erste Stunde: Wie entsteht Geld? Zweite Stunde: Wie baut man etwas? Dritte Stunde: Wie spricht man mit Menschen, ohne sie zu verwalten? Vierte Stunde: Warum ersetzt Haltung keine Bildung? Und in der letzten Stunde dürfte dann gern besprochen werden, wie eine Gesellschaft heißt, die Kinder nicht zuerst zum Denken erzieht, sondern sie in ein pädagogisches Moralbad taucht und bei Verweigerung mit Bußgeld winkt.
Unser Vorschlag für diesen Zustand lautet: Regenbogenbürokratie mit Beitragsbescheid. Sie ist bunt im Auftritt, grau im Verfahren und erstaunlich schnell dabei, aus Pädagogik Verwaltung, aus Bildung Bekenntnis und aus einem Schüler einen Fall zu machen.























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