“Bin ich denn der Ein­zigste hier, wo Deutsch kann?” — Von der deut­schen Sprache ihrem Niedergang

Warum delivern Media-Agencys so gerne Ideas? Wie ver­kaufen uns die Fern­seh­macher für dumm – und warum fällt selbst eine so alt­mo­dische Insti­tution wie die Kirche plötzlich auf das Blabla wich­tig­tue­ri­scher PR-Agen­turen herein?
Um all dies zu beant­worten, taucht der Autor Andreas Hock noch tiefer in lin­gu­is­tische Abgründe hinab. Dabei ist das per­fekte Buch für alle ent­standen, die keine Lust mehr haben, bei Hot­lines anzu­rufen, sich bei der Kaf­fee­be­stellung duzen zu lassen und sich mit Hate Speech aus dem Internet herumzuärgern!
Rund die Hälfte aller weltweit gespro­chenen Sprachen ist vom Ver­schwinden bedroht. Soweit ist es bei uns glück­li­cher­weise noch nicht, dennoch sollten wir uns ein wenig mehr darum bemühen, die Sprache der Dichter und Denker zu schützen – schon allein so vong Prinzip her.
Viel­leicht kennen Sie das Gefühl: Radio­hören kann – ganz unab­hängig von etwaigen sprach­lichen Unzu­läng­lich­keiten – bis­weilen ein großes Ärgernis dar­stellen. Steht man bei­spiels­weise in einem zwanzig Kilo­meter langen Auto­bahnstau auf­grund einer Total­sperre nach einem Last­wa­gen­unfall und muss Lieder wie »Drive« von den Cars, »Life is a Highway« von Tom Cochrane oder »On the Road again« von Willie Nelson über sich ergehen lassen, dann braucht man schon eine ganze Menge Selbst­be­herr­schung, um nicht unmit­telbare Gewalt gegen das Emp­fangs­gerät anzuwenden.
Das­selbe gilt für Situa­tionen, in denen nahezu patho­lo­gisch gut gelaunte Mode­ra­toren, die heut­zutage selten eine Mor­gen­sendung, dafür aber umso häu­figer eine »Morning-Show« mode­rieren, von Agen­turen zuge­lie­ferte Witze erzählen, während man im mor­gend­lichen Pen­del­wahnsinn bei Schnee­regen hinter einem Streu­gut­fahrzeug her­tu­ckern muss.
Nun sind die Sender, bezie­hungs­weise deren Ent­schei­dungs­träger, natürlich nicht für einen mög­li­cher­weise unpas­senden Moment ver­ant­wortlich. Doch auch die fort­schrei­tende Digi­ta­li­sierung des Rund­funks, die es sogar dem Besitzer eines fünf­und­zwanzig Jahre alten Fiat Uno mit einer Vier­tel­million Kilo­meter auf dem Tacho zumindest theo­re­tisch ermög­licht, in Berch­tes­gaden den »Offenen Kanal Lübeck« rausch­un­ter­drückt und glo­ckenklar zu emp­fangen, kann nicht darüber hin­weg­täu­schen, dass die meisten der bun­desweit über vier­hundert zuge­las­senen Sta­tionen den­selben belang­losen Mist spielen. Aber warum erzähle ich Ihnen das?
Nun, auch ich saß an einem trüben Frei­tag­nach­mittag vor einigen Jahren in meinem Wagen und navi­gierte mich ebenso ent­nervt durch den Berufs­verkehr wie durch die Spei­cher­liste meines Auto­radios. War ich etwa dem neuen Titel von Justin Bieber gerade noch durch einen beherzten Druck auf die Pro­gramm­wech­sel­taste ent­kommen, landete ich statt­dessen wahl­weise bei Miley Cyrus, Taylor Swift oder erneut bei Justin Bieber, wenn auch der junge Mann nun ein anderes Stück als soeben bei der Kon­kurrenz zum Besten gab.
Nach wei­teren ver­zwei­felten Ver­suchen, dem gerade so ange­sagten wie aus­tausch­baren, vor­wiegend eng­lisch­spra­chigen Pop­musik-Einerlei zu ent­kommen, erwischte ich durch Zufall einen Sender, in dem etwas Außer­ge­wöhn­liches vor sich ging: Es wurde, ich konnte es kaum glauben, ernsthaft und aus­dauernd geredet!
Mitten auf der hoff­nungslos über­las­teten Stadt­au­tobahn geriet ich in eine unüber­hörbar emo­tional auf­ge­ladene Debatte über unsere Sprache. Gespannt wartete ich, ob das Gespräch zwi­schen einem Schrift­steller, einem His­to­riker und einem Ger­ma­nis­tik­pro­fessor durch das übliche, belanglose Hit­pa­raden-Gedudel unter­brochen wurde, aber das war erstaun­li­cher­weise nicht der Fall.
Und so durfte ich eine geschlagene Stunde lang einem recht inter­es­santen Diskurs darüber lau­schen, ob unser gegen­wär­tiges Deutsch nun dem Untergang geweiht war oder noch Hoffnung bestand. Am Ende der Sendung herrschte weit­gehend Einigkeit über Ers­teres, und der Mode­rator ver­ab­schiedete sich mit dem Schlusssatz, dass dies eine Son­der­sendung anlässlich des mor­gigen »Tages der deut­schen Sprache« gewesen sei.
Ein Tag, von dem ich noch nie in meinem gesamten Leben gehört hatte. Mit all den Aktions- und Gedenk­tagen war dies ja ohnehin so eine Sache: Ich wusste zwar auf­grund der Vor­liebe meiner Frau, dass es immer im August einen »Welt­kat­zentag« gab. Ab und an las ich auf den letzten Seiten meiner Tages­zeitung von einem »Tag des Was­ser­spül­k­lo­setts«, einem »Inter­na­tio­nalen Tag der Hand­tasche« oder dem »Glüh­bir­nen­aus­tausch-Tag«.
Es gab schlimme Krank­heiten wie Krebs, Dia­betes oder AIDS mit eigenen Gedenk­tagen und nach Ländern unter­teilte Vor­lieben, die an bestimmten Tagen zele­briert wurden – wie den schwe­di­schen »Tag der Zimt­schnecke«, den »Tag des Eier­ku­chens« in Frank­reich oder den »Dan Kravate«, den kroa­ti­schen »Kra­wat­tentag«. Von einem »Tag der deut­schen Sprache« aber, der immerhin seit 2001 an jedem zweiten Samstag im Sep­tember begangen wurde, wusste und las ich noch nie etwas.
Und weil ich davon ausging, dass ich mit dieser Wis­sens­lücke nicht alleine war, wurde ich traurig. Ich fand, dass es sich hierbei im Gegensatz zum »Welttag der Schwert­schlucker« (am jeweils letzten Samstag im Februar) um einen sehr sinn­vollen Akti­onstag han­delte. Und diese Sinn­haf­tigkeit musste umso mehr betont werden, wenn man sich einfach nur mal in seiner näheren Umgebung umschaute und umhörte.
Nachdem die Sendung vorüber war, fielen mir plötzlich all die sprach­lichen Anspruchs­lo­sig­keiten und ent­setz­lichen Wort­ge­bilde auf, die alleine entlang meines rest­lichen Heimwegs auf mich und andere anspruchslos gewordene End­ver­braucher lau­erten und denen ich vorher längst keine Beachtung mehr geschenkt hatte.
Ich las auf groß­flä­chigen Pla­katen von einem »Maximum Taste«, den man offen­kundig erlebte, wenn man nur Pepsi-Cola trank. Ich musste mir Renaults »Créateur d’Automobiles« im Geiste über­setzen, um zu begreifen, dass da ein Auto­mo­bil­bauer allen Ernstes mit dem Wort »Auto­mo­bil­bauer« für sich warb. Und ich wun­derte mich, warum die deutsche Luft­hansa mitten in Deutschland damit prahlte, dass es »No better Way to Fly« gäbe, ob wohl man mit ihr doch einfach »auf eine bessere Weise fliegen« hätte können. Mein Blick fiel auf Schilder von »Back Shops«, »Handy Stores«, »Designer Outlets«, »Hair Com­panys« oder »City Pubs«. 
Schluss­endlich fuhr neben mir noch ein Lie­fer­wagen mit ört­lichem Kenn­zeichen, auf dessen Heck­klappe der Spruch »From Store to Door« gedruckt war und der dann an der Aus­fahrt zum »Inter­na­tional Con­vention Center« unserer Stadt rechts abbog. Zu Hause musste ich nach­for­schen, was es mit diesem »Tag der deut­schen Sprache« auf sich hatte. Ich stieß auf gleich mehrere Initia­toren, die es sich zum Ziel machten, das Bewusstsein für unsere Mut­ter­sprache wieder zu stärken.
Es ging ihnen darum, dass man nicht jeden sprach­lichen Unsinn unkri­tisch über­nehmen sollte, dass man zumindest die grund­le­gendsten Schreib­regeln nicht vergaß und dass man wieder etwas mehr Augenmerk auf eine gepflegte Aus­drucks­weise legen möge. Dabei stellte ich fest, dass ich mich rein sprachlich gesehen keinen Deut besser ver­hielt als die meisten anderen meiner Mit­men­schen: Ich sah meine E‑Mails durch und bemerkte einen erschre­ckenden Ver­zicht auf die Unter­scheidung von Groß- und Kleinschreibung.
Auch ver­wendete ich gedan­kenlos dut­zendfach eng­lische Begriffe in meinem Wort­schatz und holte mir gele­gentlich, ohne mich über die Bezeichnung zu ärgern oder auch nur darüber nach­zu­denken, ein Miet­fahrrad bei »Rent a Bike«, wenn ich keine Lust hatte, mit der »Tram« zu fahren, wie unsere Stra­ßenbahn auf den offi­zi­ellen Hin­weis­schildern genannt wurde, was mir gar nicht auf­ge­fallen war. So konnte es nicht weitergehen.
Am fol­genden Tag, dem eigent­lichen Akti­onstag, bemühte ich mich nach Kräften, meine Sprache zumindest diesem fei­er­lichen Anlass ent­spre­chend von Angli­zismen und ähn­lichem Lin­gualmüll zu befreien, was mir natürlich nur unzu­rei­chend gelang. Das stellte ich schon beim ungefähr dritten oder vierten »Okay, cool« mei­ner­seits fest, und erst danach zwang ich mich, schlicht »Jawohl« zu sagen, wenn ich meinem Gesprächs­partner zustimmen wollte.
Auch boy­kot­tierte ich leider für die dringend benö­tigte Auto­wäsche weder den ört­lichen Anbieter »Mr. Wash«, noch ver­zichtete ich anschließend auf den »Refill« meines »Coffee to go«, weil ich so müde war. Und auch die »Cus­tomer-Hotline« meines »Handy-Pro­viders« rief ich am Nach­mittag not­ge­drungen an, weil mein Mobil­te­lefon wieder einmal abs­packte, wie man heut­zutage zu sagen pflegte, wenn ein tech­ni­scher Defekt vorlag.
Immerhin ver­wei­gerte ich am Abend den »Block­buster« auf Pro7, aber nur, weil wir bei Freunden zum Essen ein­ge­laden waren. Alles in allem schien es kein Wunder, dass der »Tag der deut­schen Sprache« versandete.
Unab­hängig von der All­ge­genwart der sprach­lichen Belie­bigkeit um uns herum gab es in meiner Hei­mat­stadt keine Ver­an­staltung, keinen Zei­tungs­ar­tikel und keine sons­tigen Aktionen, die ein paar mehr Men­schen Sinn und Zweck dieses eigentlich dringend not­wen­digen Tages hätten ver­mitteln können. Statt­dessen las ich in der Lokal­presse einen aus­führ­lichen Bericht über den Welt-Mett­brötchen-Tag, samt eines dazu­ge­hö­rigen Rat­gebers, wie man Mett am besten im Kühl­schrank auf­be­wahren sollte.
Also beschloss ich, ein Buch über das Thema zu schreiben – über die Sprache, nicht über die Mett­wurst, ver­steht sich. Immerhin war ich Jour­nalist und als solcher doch beruflich gewis­ser­maßen mit meiner Mut­ter­sprache ver­wachsen. Und so ent­stand Bin ich denn der Ein­zigste hier, wo Deutsch kann?
Ich schreibe das deshalb an dieser Stelle, weil mich der, nun ja, durchaus erfreu­liche Erfolg des Büch­leins einer­seits dahin­gehend beruhigt hat, dass es doch noch einige andere Sprach­in­ter­es­sierte zu geben schien, die nicht alle Ent­glei­sungen klaglos hin­nehmen wollten.
Ande­rer­seits hat sich, das muss man leider sagen, der Zustand unserer Sprache seitdem nicht wirklich ver­bessert. Und so erscheint die Zeit reif für dieses zweite Buch, in dem ich nicht ver­säumen möchte, darauf hin­zu­weisen, dass die nächsten »Tage der deut­schen Sprache« am 8. Sep­tember 2018, dem 14. Sep­tember 2019 sowie dem 12. Sep­tember 2020 statt­finden. Viel­leicht tragen Sie sich diese Termine ja mal vor­sorglich in den Kalender ein.
Sie müssen übrigens nicht den ersten Teil gelesen haben, um die fol­genden Seiten zu ver­stehen. Die hier geschil­derten sprach­lichen Miss­griffe stehen allesamt für sich, und wenn Sie nach der Lektüre immer noch keine Magen‑, Kopf- oder Ohren­schmerzen haben von all den gedan­kenlos ver­wen­deten Angli­zismen und anderen lin­gu­is­ti­schen Irrungen unserer selt­samen Zeit, dann dürfen Sie sich gerne den Vor­gän­gerband eben­falls zulegen. Ich würde mich darüber freuen!
Und es wäre schön, wenn sich noch ein paar Men­schen mehr für die Pflege unserer deut­schen Sprache begeistern würden; der Sprache, die einmal die der Dichter und Denker war. Gedichtet wird zwar noch immer, mit dem Denken jedoch sieht es oft nicht mehr ganz so rosig aus.
Nicht, dass man sich des Deut­schen eines Tages am 21. Februar ent­sinnen muss, dem soge­nannten »Welttag der Mut­ter­sprache«. Der wird seit einigen Jahr­zehnten von der UNESCO orga­ni­siert, die anlässlich dieses Datums immer wieder besorgt darauf hin­weist, dass gegen­wärtig rund die Hälfte aller weltweit gespro­chenen Sprachen vom Ver­schwinden bedroht ist.
Soweit ist es bei uns glück­li­cher­weise noch nicht. Aber wenn dem einst so sein sollte, dann tröstet uns ver­mutlich auch keine Zimt­schnecke, kein Eier­kuchen und schon gar kein Mett­brötchen mehr…
Hier die Lese­probe und das Inhalts­ver­zeichnis von “”Wenn du mich frägst, macht das in keinster Weise Sinn”” als PDF.