Politik

Erdogans (un)durchsichtige Machtspiele – Auftakt für neuen Großkrieg in Syrien?

19. Januar 2018

Die Kurden sind das größte Volk ohne Staat auf dieser Welt. Die Tragödie des Kampfes um einen eigenen Staat dauert schon lange. Im Jahr 1639 wurde im Vertrag von Qasr-e Schirin Kurdistan zwischen dem Osmanischen Reich und dem Reich der Safawiden aufgeteilt. Seitdem ist „Kurdistan“ nur noch eine ideelle Größe. Heute liegt das Gebiet Kurdistan teilweise in Syrien, in der Türkei, im Iran und im Irak. Besondere Spannungen gibt es im türkischen Teil Kurdistans. Die Kurden erhoben sich dort mehrfach gegen die türkische Herrschaft:  Der Scheich Said Aufstand 1925, 1930 der Ararat-Aufstand und 1938 der Dersim-Aufstand wurden allerdings von der weit überlegenen türkischen Armee niedergeschlagen. Aus dieser Zeit entstand die von der Türkei als terroristisch eingestufte PKK. Zwischen dieser Partei und der Türkei kommt es immer wieder zu Konflikten.

Im Syrien- Krieg hoffte Erdogan auf den Fall Assads. Er rechnete damit, in den Wirren des Untergangs Syriens kurdische Gebiete für die Türkei hinzu gewinnen zu können. Doch die Dinge entwickelten sich anders, als gedacht. Assad sitzt fest im Sattel, fester sogar, als vorher.

Die kurdische YPG kämpfte gegen den IS und die anderen Söldnertruppen auf Seiten der regulären syrischen Armee Assads. Sie haben sich Ruhm und Ehre und einen bedeutsamen Sieg auf Seiten Syriens erkämpft. Dementsprechend haben die Kurden in Syrien nun einen guten Stand. Genau das kann Erdogan überhaupt nicht brauchen. Er befürchtet, dass die Kurden auf ihrem Gebiet in Syrien weitergehendere Rechte erhalten könnten. Bereits jetzt soll schon eine explizit kurdische Streitkraft den Norden Syriens, und damit auch die kurdische Grenze bewachen und verteidigen.

So etwas ist die Keimzelle einer autonomen Provinz und ein Magnet und Ansporn für die Kurden auf türkischer Seite. Mit kurdischen Grenzern wäre die Grenze in den kurdischen Teil der Türkei für Kurden leichter passierbar. Das heißt, Widerstandskämpfer und PKK Leute können mit Unterstützung der kurdischen Grenzer auf syrischer Seite viel leichter die Grenze passieren.

Erdogan reagiert, wie man ihn kennt: zornig, brutal, aber nicht dumm.

Für die kommenden Tage kündigte er einen Angriff auf eine kurdische Enklave im Norden Syriens an, die von der kurdischen YPG-Miliz kontrolliert wird. Man wolle die südliche Grenze der Türkei von Terroristen säubern, war die Begründung. Die kurdische Grenztruppe wolle er zerstören, bevor sie überhaupt gebildet wird. Dazu würde die türkische Armee mit „syrischen Oppositionskräften“ zusammenarbeiten.

Türkei: Erdogans Griff nach der Alleinherrschaft (Länderporträts) von [Gottschlich, Jürgen]Gleichzeitig legt sich Erdogan aber jetzt auch mit den USA an. Dass die Vereinigten Staaten den IS herangezüchtet haben, ist mittlerweile jedem bekannt. Erdogan stellt nun die YPG in eine Linie mit dem IS und den anderen Söldner-Terroristentruppen und reklamiert die Verletzung der türkischen Grenze durch die YPG-Milizen. Als NATO-Mitglied hat er Anspruch auf Unterstützung durch die NATO. In einer Rede rief er vor den Abgeordneten: „Hallo NATO! Ihr habt die Pflicht, Euch gegen die zu stellen, die die Grenzen Eurer Mitglieder verletzen!“

Interessant ist die Aussage, die türkische Armee werde mit syrischen Oppositionskräften zusammenarbeiten. Dieser schöne Ausdruck bezeichnet genau die von den USA ausgebildeten, bewaffneten und bezahlten Söldner, die Assad im Auftrag der USA stürzen sollten, in Syrien gehaust haben wie die Barbaren und zum großen Teil erst zum IS übergelaufen und angesichts der Niederlage und der Gefahr einfach abgeknallt zu werden, wieder zu anderen Milizen übergelaufen sind.

Es ist nicht davon auszugehen, dass Erdogan dieser Umstand nicht bekannt ist. Also liegt der Verdacht nahe, dass die Kräfte in den USA, die hinter dem Umsturzversuch Syriens und der Absetzung Assads standen, auch hier wieder im Hintergrund die Fäden ziehen.

In diesem Zusammenhang ist auf das berühmte Statement des Generals und NATO-Oberbefehlshabers im Ruhestand, Wesley Clark zu verweisen, der mehrfach öffentlich erzählt hat, wie er bei einem Besuch im Pentagon von der Strategie der USA erfuhr:

«Und dann nahm er ein Papier von seinem Schreibtisch und sagte zu mir: „Ich habe gerade diesen Merkzettel aus dem Büro des Verteidigungsministers bekommen, und hier steht: wir werden 7 Länder angreifen und deren Regierungen innerhalb von 5 Jahren stürzen.“ „Wir werden mit dem Irak beginnen und dann nehmen wir uns Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, den Sudan und den Iran, sieben Länder in fünf Jahren.“»

 

 

Sehen wir hier den nächsten Schachzug der USA, die jetzt verdeckt und unter nur scheinbarem Dissens, zusammen mit der Türkei ihre Strategie der 7 zu stürzenden Länder weiter verfolgt? Ist es eine abgesprochene Strategie, dass die Türkei jetzt auch noch die NATO mit in einen neu zu entfachenden Großkrieg hineinzieht? Soll Syrien doch noch zu Fall gebracht werden, um dann leichteres Spiel mit dem Iran zu haben? Bei genauem Hinsehen spricht einiges dafür, dass die Falken in Amerika sich nicht mit der Niederlage in Syrien abfinden und einen neuen, diesmal größeren Krieg anzetteln wollen. Syrien, der Libanon und der Iran stehen in Nahost nach wie vor auf der Erledigungsliste. Es wäre naiv zu glauben, dass die Großmacht USA einen so großen Plan mit so hohen Kosten einfach aufgeben. Das angeschlagene Amerika kämpft mit allen Mitteln um den Erhalt seiner Macht. Es gibt viel zu tun für die CIA.

Andererseits ist auch Präsident Assad nicht gerade begeistert von der neuen Grenztruppe im Norden Syriens. Die von den Amerikanern aufzubauende Truppe wird zum überwiegenden Teil aus Kurden bestehen. Wie gesagt, würde das die Autonomie-Träume dieses Volkes in Nordsyrien beflügeln. Auch Assad möchte keinen neuen Brandherd in Gestalt einer um ihre Unabhängigkeit ringende Keimzelle „Kurdistan“ im Land haben.

Die Stabilität der Region würde wieder unterminiert. Genau das liegt aber im Interesse Erdogans und der Kräfte hinter der CIA. Russland und Assad halten dagegen. Russlands Außenminister Sergej Lawrow warnte bereits deutlich vor einer „Teilung Syriens“. Ein Sprecher des syrischen Außenministeriums protestierte am Montag gegen die Verletzung der „Souveränität und der territorialen Integrität und eine eklatante Verletzung des Völkerrechts“. Dies sei ein Teil der destruktiven Politik der USA, die Region zu destabilisieren und Konflikte anzuheizen.

Präsident Erdogan könnte bei der ganzen Gemengelage sogar gewinnen. Sollte das hier gezeichnete Szenario tatsächlich beabsichtigt sein, könnte er der USA ihm im Gegenzug zu einer Kooperation die Zusage abnötigen, die „Kurdenfrage“ letztendlich in seinem Sinne zu lösen. Im „Seitenwechseln“ ist der alte Fuchs nicht unerfahren.

Die offizielle Reaktion der NATO auf Erdogans Appell war diplomatisch. Man bezeichnete die Türkei als „geschätzten Verbündeten“ und man werde sich für die Verteidigung des Landes einsetzen. Die NATO sei aber nicht in Syrien „am Boden“ präsent. Erdogan müsse sich mit seinem Anliegen an die von der USA geführte Koalition gegen den IS wenden, zu der viele Länder gehören.


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