Die Alibi-Ren­ten­lö­sungen der Groko: Die Ärmsten bleiben im Regen stehn

Die Groko ist zwar noch nicht in tro­ckenen Tüchern, aber es ist erkennbar, dass sich für die wirklich in Not lebenden Deut­schen keine Wende zum Bes­seren abzeichnet. Ins­be­sondere für die Klein­rentner bleibt es ein karges Brot. Es gibt ein paar wenige „Geschenke“ und die Vision einer „Grund­rente“, die in den Son­die­rungs­ge­sprächen an die Öffent­lichkeit drangen. Doch das ist der berühmte Tropfen auf den heißen Stein.
Die Müt­ter­rente II wird gefeiert: Müttern die vor 1992 drei Kinder geboren haben, wir ein drittes Erzie­hungsjahr bei der Rente zuge­standen. Mütter mit nur zwei Kindern bleiben außen vor.
Die von der SPD in den Ver­hand­lungen durch­ge­setzte „Soli­dar­rente“ soll bei Renten, die unter 838 Euro liegen, als Grund­si­cherung ein­springen. Das bedeutet, die Betrof­fenen hätten einen Anspruch auf eine monat­liche Grund­si­cherung von 880 bis 900 Euro. Der Pfer­defuß: Die Soli­dar­rente greift nur nach einer Bedürf­tig­keits­prüfung und – das muss man sich einmal ver­ge­gen­wär­tigen — ist nur dann möglich, wenn der Betroffene min­destens 35 Bei­trags­jahre vor­weisen kann (inclusive Kin­der­er­zie­hungs- und Pfle­ge­zeiten). Die Hürde liegt hoch, und gerade die armen Alten fallen durch das Raster. Vier von fünf Rentnern, die unterhalb des Grund­si­che­rungs­ni­veaus liegen, erfüllen diese Vor­aus­setzung nicht. Nur etwa 20 % würden von diesen beschei­denen Wohl­taten profitieren.
Es gibt bestimmte Men­schen­grppen in diesem Lande, in dem wir gerne gut leben würden, die haben noch nicht einen Tag hier gear­beitet und noch keinen Cent ein­ge­zahlt, stehen in vollem Saft und Kraft und bekommen alles, was sie brauchen. Unsere alten Mütter und Väter, die Deutschland auf­gebaut haben, müssen dagegen hungern und frieren.
Nein, das ist nicht über­trieben. Die Pro­fes­sorin Irene Götz schreibt in der „Zeit“darüber. Sie hat sich auf Spu­ren­suche gemacht. Sie hat arme Rent­ne­rinnen besucht, begleitet und befragt. Zwei Ihrer For­schungs­schwer­punkte sind „pre­ka­ri­sierter Arbeits­alltag“ und „Alters­for­schung“. Sie führt ein Inter­view­projekt der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft zum pre­kären Ruhestand.
Sehr viele der ärmsten Rentner sind Frauen. Durch grund­sätzlich kleinere Ein­kommen als die Männer, Kin­der­er­ziehung und wech­selnde Teil­zeitjobs, oft auch durch die Pflege der alten Eltern haben sie nur wenige Punkte sammeln können. Sie sind im Leben meistens die­je­nigen, die die unent­gelt­liche Arbeit gemacht haben und davon aus­ge­gangen, dass ihnen dann auch geholfen werden würde. Dass sie von der Rente des Mannes mit­pro­fi­tieren. Eine Scheidung macht oft auch einen Strich durch diese Auffangposition.
Besonders Frauen, die aus der gut­bür­ger­lichen Gesell­schafts­schicht kommen, halten auf sich und achten darauf, dass man ihnen die Armut nicht ansieht. Da sie für die Kinder und das Haus, Erziehung, Schule, Einkauf, Kochen und Haus sauber halten zuständig waren, übten sie oft nur Halb­tagsjobs aus oder arbei­teten sogar ehren­amtlich. Wenn dann mit Ende vierzig die Kinder aus dem Haus sind und der Ehemann eine Jüngere gefunden hat und sich scheiden lässt, finden diese Frauen keinen Job mehr, der die Rente auf­bessert. Sie bleiben in den Aus­hilfs­tä­tig­keiten und Nebenjobs ohne Ren­ten­an­sprüche. Kommen sie dann in das Alter, sind sie von heute auf morgen bet­telarm. Frau Kanz­lerins Emp­fehlung, doch „einfach zu riestern“ ist Hohn. Sie hatten nie die fünfzig oder hundert Euro übrig, um sie in eine Ries­ter­rente zu stecken.
Irene Götz sucht sich für ihr Projekt das gefähr­lichste Biotop für alte, arme Frauen aus: München, die Stadt mit Herz … und absurd hohen Wohn­raum­preisen. Fünfzig allein lebende Frauen zwi­schen 60 und 80 Jahren wurden stun­denlang befragt und ihr Umfeld angesehen.
Etwa vier­einhalb Prozent der Deut­schen stocken schon beim Ein­tritt in die Rente durch Zuwen­dungen vom Sozi­alamt auf, weil die Rente nicht einmal das Exis­tenz­mi­nimum erreicht. Das ist das Dop­pelte der Anzahl von 2005. Die Dun­kel­ziffer dabei ist hoch. Vielen armen Alten ist es peinlich, beim Sozi­alamt betteln zu gehen. Und sie wollen auch ihre Kinder nicht belasten.
In dem Bericht in der Zeit erfährt man von den Exis­tenz­ängsten der bet­tel­armen Frauen. Ganz obenan steht die Angst, aus der Wohnung aus­ziehen zu müssen, weil die Miete erhöht wird oder die Heiz­kosten steigen oder der Strom­preis. Das ist der Alp­traum, denn das führt nicht selten in Obdach­lo­sigkeit oder zur Des­in­te­gration und Iso­lation in einer Wohnung auf dem Land, wo niemand sie kennt oder in ein Heim. Bis­weilen auch in den Selbstmord. Die Alten können einen Umzug nicht meistern. Schon die Mittel für Fahrzeug und Packer fehlen. In Fällen, wo das Amt hilft, werden sie einfach „irgend­wohin verfrachtet“.
Was Jüngere nicht bedenken: Die Alten haben schon ihre Ein­schrän­kungen, aber auch gelernt, damit umzu­gehen. Sie haben ihren ver­trauten Hausarzt, die nette Nach­barin, die ihnen den kleinen Einkauf mit­bringt und oft nur einen Teil der Summe ver­langt. Eine andere Nach­barin, die mit angeb­lichen „Essens­resten“ vor der Woh­nungstür steht, Freunde, die sie auch einmal hierhin oder dorthin fahren. Mög­li­cher­weise wohnt eine Tochter oder ein Sohn in der Nähe und kümmert sich ein bisschen.
Wie sehr solche Freunde oder Ange­hörige zum Retter in der Not werden, zeigt ein Fall, den der Zeit-Artikel beschreibt: Eine ehe­malige lei­tende Alten­pfle­gerin klagte, schon lange auf eine Sozi­al­wohnung zu warten. Pro­vi­so­risch schläft sie seit zwei Jahren auf einem Klappbett im Flur der Tochter. Sie hat über 40 Jahre alte Men­schen ver­sorgt und nun findet sie im Alter keinen bezahl­baren Wohnraum.“
Der Spar­zwang für die alten Frauen ist brutal. Sie besorgen sich das Essen aus Super­billig-Ram­sch­körben mit abge­lau­fenen Waren­resten in den Super­märkten oder kos­tenlos an den Tafeln. Es gibt das, was man mög­lichst billig bekommen kann, nicht das, was man möchte oder was gesund wäre. Alles, was nicht absolut lebens­not­wendig ist, wird gekündigt und abge­schafft. Sie heizen nur noch ein Zimmer in der Wohnung, gehen auch lange Strecken zu Fuß, weil sie sich die öffent­lichen Ver­kehrs­mittel nicht leisten können. Sie sammeln die weg­ge­knickten, halb welken Kohl­ra­bi­blätter aus der Müll­kiste am Gemü­se­stand ein, um daraus eine Brühe zu kochen, die nicht nur heißes Salz­wasser ist. Sie suchen die Müll­eimer nach Pfand­fla­schen oder anderem, Ver­wert­baren ab.
Die Gesundheit ist ein Gro­schengrab. Die Zuzah­lungen zu den Kas­sen­re­zepten sind nicht zu leisten. Eine neue Brille ausgeschlossen.
Die Pläne der zukünf­tigen Groko, die Grund­rente oder Auf­sto­ckung erst nach einer Bedürf­tig­keits­prüfung aus­zahlen zu wollen, wird genau wieder die ärmsten der Armen im Regen stehen lassen. Die Herr­schaften Poli­tiker sind pekuniär bestens aus­ge­stattet und haben einfach keine Ahnung, wie ihr Wahlvolk leben muss. Die meisten armen Rentner werden sich schämen, auf‘s Sozi­alamt zu gehen und betteln und sich recht­fer­tigen zu müssen. Sie müssten alles bis ins Kleinste offen­legen und damit das letzte bisschen Stolz und Pri­vatheit opfern – und bekämen am Ende viel­leicht nicht einmal etwas.