170 Jahre nach Karl Marx: So sieht Gregor Gysis arm­se­liges Bei­spiel für ein sozia­lis­ti­sches Traumland aus

Endlich verrät uns ein Marxist, wie der wahre Mar­xismus in der Praxis aus­ge­sehen hat. Gregor Gysi hat das Geheimnis gelüftet.
(Von Dr. Rainer Zitelmann)
Ange­sichts von 100 Mil­lionen Toten durch den Kom­mu­nismus sind die Mar­xisten in Erklä­rungs­zwang. Damit sie den 200. Geburtstag ihres Helden dennoch feiern können, behaupten sie, alle Systeme, die sich auf Marx beriefen, hätten ihn miss­braucht, miss­ver­standen usw. Das wirkt nun freilich ziemlich lächerlich, denn wenn jemand sagt, die „richtige“ Idee sei in 170 Jahren niemals umge­setzt worden, dann muss man sich ja fragen, ob das nicht doch an der Idee selbst liegt.
Gregor Gysi hat dieses Dilemma erkannt und hat jetzt ganz will­kürlich wenigstens drei sozia­lis­tische Ver­suche her­aus­ge­kramt, die den „wahren Marx“ richtig ver­standen hätten. Und diese drei seien alle nur deshalb gescheitert, weil man sie mili­tä­risch kaputt gemacht habe. Gysi im DEUTSCH­LANDFUNK: „Die Linke ist natürlich geschwächt, weil der Staats­so­zia­lismus gescheitert ist, und so, wie er war, ist er ja auch zurecht gescheitert. Aber es gab ja nur drei Ver­suche eines demo­kra­ti­schen Sozia­lismus, wie es sich viel­leicht auch Karl Marx vor­ge­stellt hat. Das eine war die Pariser Kommune, die ist mili­tä­risch zer­schlagen worden. Das zweite war der Prager Frühling, 1968 unter Dubcek in der CSR, auch mili­tä­risch kaputt gemacht worden. Und der dritte Versuch war von Allende in Chile, auch mili­tä­risch kaputt gemacht worden. Das ist inter­essant. Der demo­kra­tische Sozia­lismus hatte noch nie eine Chance.“
Nun, der „demo­kra­tische Sozia­lismus“ in der CSR war vor allem eine Revolte gegen den sowje­ti­schen Kom­mu­nismus. Er fing so an, wie alle Revolten dieser Art, nämlich als Versuch, einen „bes­seren Sozia­lismus“ umzu­setzen. So begannen bekanntlich auch die Demons­tra­tionen gegen das DDR-Regime. Die Sowjets fürch­teten damals der „Prager Frühling“ werde eine Eigen­dy­namik ent­wi­ckeln und im Kapi­ta­lismus enden. Und hätten sie ihn nicht mit Panzern nie­der­ge­schlagen, dann spricht viel dafür, dass es genau so gekommen wäre – wie bei allen anti­kom­mu­nis­ti­schen Auf­standen später (Polen, DDR usw.), die logi­scher­weise „sys­tem­im­manent“ begannen und schließlich das sozia­lis­tische System kom­plett besei­tigten. Den „Prager Frühling“ als eigen­stän­diges, funk­tio­nie­rendes Mus­ter­bei­spiel für den wahren „demo­kra­ti­schen Sozia­lismus“ anzu­führen, ist jeden­falls sehr abenteuerlich.
Und Chile, das andere Bei­spiel von Gysi? In der Tat ist in Chile Allendes Sozia­lismus durch einen Mili­tär­putsch beendet worden, dem eine Dik­tatur folgte. Was Gysi ver­schweigt: Gescheitert war der Sozia­lismus in Chile schon davor.
So sieht Gysis Traumland aus
Im Sep­tember 1970 wurde in Chile der Kan­didat der Unidad Popular, Sal­vador Allende, mit knappen 36,5 Prozent der Stimmen zum Prä­si­denten gewählt. Fas­zi­nierend war dies für viele Linke deshalb, weil erstmals ein strammer Marxist durch demo­kra­tische Wahlen an die Macht gekommen war. Mar­xisten kamen bis dahin übli­cher­weise durch gewaltsame Revo­lu­tionen an die Macht oder wurden von der Sowjet­union nach dem Zweiten Welt­krieg ein­ge­setzt – so wie in der DDR oder Nordkorea.
Die erste Maß­nahme des neuen Prä­si­denten war die Ver­staat­li­chung der Kup­fer­minen, der wich­tigsten Ein­nah­me­quelle Chiles. Da die Sozia­listen der Meinung waren, die von ame­ri­ka­ni­schen Firmen betrie­benen Kup­fer­un­ter­nehmen in Chile hätten in der Ver­gan­genheit zu hohe Profite erzielt, bekamen diese nicht nur keine Ent­schä­digung, sondern statt­dessen noch nach ihrer Ent­eignung eine Rechnung prä­sen­tiert. Zügig wurden Banken und weitere Unter­nehmen ver­staat­licht. Als Allende 1973 gestürzt wurde, lag der staat­liche Anteil an der Indus­trie­pro­duktion bei 80 Prozent. Die Mieten und die Preise für Grund­nah­rungs­mittel wurden durch den Staat fest­ge­setzt, die Gesund­heits­ver­sorgung kos­tenfrei angeboten.
Die sozia­lis­tische Regierung setzte vor allem auf den staat­lichen Sektor. Die Beschäf­tigung beim Staat und in staat­lichen Firmen weitete sich zwi­schen 1970 und 1973 um 50 bzw. 35 Prozent aus. Die Sozi­al­aus­gaben stiegen in nur zwei Jahren real um fast 60 Prozent, was zur großen Popu­la­rität der Regierung beitrug. Finan­ziert wurde das alles durch Staats­schulden und eine Aus­weitung der Geld­menge, nicht durch gestiegene Steu­er­ein­nahmen. Das Haus­halts­de­fizit wuchs allein 1971 im Ver­gleich zum Vorjahr von 3,5 Prozent des Brut­to­in­lands­pro­duktes auf 9,8 Prozent. Während die öffent­lichen Inves­ti­tionen um über zehn Prozent stiegen, fielen die Inves­ti­tionen in der Pri­vat­wirt­schaft 1971 um fast 17 Prozent. Das ist kein Wunder. Private Unter­nehmer, die befürchten müssen, dass ihr Unter­nehmen ent­eignet wird, inves­tieren natürlich nicht mehr. In den Jahren 1970 bis 1973 wurden ins­gesamt 377 Unter­nehmen in Chile verstaatlicht.
Die Ver­staat­li­chungen waren wirt­schaftlich ein Miss­erfolg. Fach­kräfte und Manager wan­derten ab, statt­dessen wurden zahl­reiche Polit­ak­ti­visten ein­ge­stellt. In Unter­nehmen, die noch nicht sozia­li­siert wurden, ergriffen Arbeiter selbst die Initiative und besetzten die Produktionsanlagen.
Zudem wurden 6,4 Mil­lionen Hektar Land ent­eignet. Teil­weise wurden Kol­lektive gebildet, wie man sie aus anderen sozia­lis­ti­schen Ländern kennt. Bauern, die in den 60er-Jahren von der Agrar­reform pro­fi­tiert hatten und Eigen­tümer geworden waren, mussten jetzt als Ange­stellte des Staates in land­wirt­schaft­lichen Kol­lek­tiven arbeiten. In der Zeit von Allendes Herr­schaft wurden täglich 5,5 Grund­stücke ent­eignet oder besetzt und jeden zweiten Tag wurde ein Betrieb ver­staat­licht oder besetzt. Die Pro­duk­ti­ons­leistung ging dras­tisch zurück, bereits 1972 musste Chile den Großteil seiner Export­erlöse für den Import von Lebens­mitteln aufwenden.
Ins­gesamt war die Wirt­schafts­po­litik der Unidad Popular ein Miss­erfolg. Das galt nicht nur für den Agrar- und Indus­trie­sektor, sondern ins­be­sondere auch für die Finanz­po­litik. Wie ihre Vor­gänger wurde die Regierung der Inflation niemals Herr, ja ver­schärfte sie durch die groß­zü­gigen Staats­aus­gaben zunehmend. Es kam zu einer ähn­lichen Ent­wicklung, wie drei Jahr­zehnte später in Vene­zuela (das Gysi und Wagen­knecht noch vor wenigen Jahren als sozia­lis­ti­sches Wun­derland lobten, doch ange­sichts der welt­weiten höchsten Inflation von über 2000 Prozent hat Gysi dieses Bei­spiel nicht mehr erwähnt). Schon beim Amts­an­tritt von Allende hatte die Inflation 36 Prozent betragen, und sie stieg bis 1972 auf 605 Prozent.
Wie später im sozia­lis­ti­schen Vene­zuela kam es in Chile zu zahl­reichen Pro­test­ak­tionen. Während des fast ein­mo­na­tigen Besuches des kuba­ni­schen Revo­lu­ti­ons­idols und Staats­führers Fidel Castro in Chile orga­ni­sierten Chi­le­ninnen einen „Marsch der Koch­töpfe“, um gegen die schlechte Ver­sor­gungslage zu pro­tes­tieren. Linke Akti­visten griffen die Demons­tranten an. Im Oktober 1972 betei­ligte sich eine halbe Million Klein­un­ter­nehmer, Bauern und Frei­be­rufler an Pro­test­ak­tionen gegen die Regierung.
Im Sep­tember 1973 putschte das Militär gegen die sozia­lis­tische Regierung. Kurz bevor die Put­schisten den Prä­si­den­ten­palast stürmten, beging Sal­vador Allende Selbstmord. General Augusto Pinochet errichtete eine schlimme Mili­tär­dik­tatur. Die Pres­se­freiheit und andere demo­kra­tische Rechte wurden beseitigt, Oppo­si­tio­nelle ver­haftet und gefoltert.
Wenn Gysi 170 Jahre nach Ver­öf­fent­li­chung des kom­mu­nis­ti­schen Mani­fests von Karl Marx keine bes­seren Bei­spiele für sein mar­xis­ti­sches Wun­derland ein­fallen, dann sagt das viel.
 


Dr. Rainer Zitelmann für TheEuropean.de