Roboter - Von: Jens Kuu - https://www.flickr.com/photos/sbl/25606415692 - CC BY 2.0

Nein: Roboter können uns nicht ersetzen!

Die Auto­ma­ti­sierung ist scheinbar eine uner­schöpf­liche Quelle für Angst­ma­cherei. Vielen Artikeln und Kom­men­taren zufolge werden Roboter „uns ersetzen“ und für enorme Arbeits­lo­sigkeit sorgen. Die Ent­wicklung von künst­licher Intel­ligenz (AI) und Robotern, die wie­derum Roboter her­stellen, lassen den Wert der mensch­lichen Arbeits­kraft gegen Null sinken. Men­schen werden dann wertlose Kon­su­menten sein – Mäuler, die gestopft werden müssen, während Maschinen produzieren.
Weiter wird berichtet, dass der, der als erster einen Roboter erschafft, der wie­derum andere Roboter baut, und Roboter, die sich selbst repa­rieren, einen so gewal­tigen Wett­be­werbs­vorteil haben wird, dass ihm bald alle Pro­duk­ti­ons­mittel gehören werden. Das Schicksal unserer inno­va­tiven Gattung wird also die Abhän­gigkeit von diesem einen Kapi­tal­ei­gen­tümer sein, der die gesamte Pro­duktion und so auch uns alle kon­trol­lieren wird.
Inge­nieurs­kunst, nicht Ökonomie
Diese dys­to­pische Zukunfts­vision hat jedoch ein paar grund­sätz­liche Fehler. Wie üblich, basiert sie auf man­gel­haftem, öko­no­mi­schem Wissen. Die Markt­wirt­schaft wird nicht als Wirt­schafts­or­ga­nismus, sondern durch die Brille eines Inge­nieurs betrachtet. Es handelt sich um eine wirt­schaft­liche Betrachtung von Leuten, die die Öko­nomie von Grund auf falsch ver­stehen: Sie glauben, es gehe dabei um Tech­no­logie und Inge­nieurs­kunst – um Maxi­mierung der Pro­duk­ti­ons­menge, und nicht um die Öko­no­mi­sierung der Mittel, mit denen man Ziele von hohem per­sön­lichem Wert erreichen will.
Wenn wir die Wirt­schaft als Kreislauf betrachten, können wir ihre Effek­ti­vität erhöhen, in dem wir Fehler, oder „Trans­ak­ti­ons­kosten“ ver­ringern, und so dafür sorgen, dass „sich die Räder immer schneller drehen“. Eine effi­ziente Wirt­schaft ist nur eine Frage der Technik, weshalb dem Staat auch eine offen­sicht­liche Rolle zukommt: Er schafft sorg­fältig geplante Insti­tu­tionen und Regu­lie­rungen, die viele (wenn nicht sogar alle) Pro­bleme beheben, die auf­treten, wenn nicht per­fekte Men­schen Ent­schei­dungen treffen.
Auch lässt sich der markt­wirt­schaft­liche Pro­duk­ti­ons­prozess der dezen­tra­li­sierten Ent­schei­dungs­findung ver­bessern, in dem eine rationale Zen­tral­planung ein­ge­führt wird, und so alle ver­füg­baren Infor­ma­tionen ver­nünftig genutzt werden. Die Aufgabe besteht nun darin, dafür zu sorgen, dass die rich­tigen Men­schen an der Macht sind, die sich dann die besten Methoden aus­denken, um schon vorher bekannte Ziele zu erreichen.
Mit anderen Worten: Wir müssen über­haupt nichts über Wirt­schaft an sich wissen, sondern wir stehen vor einem reinen Inge­nieurs­problem – Inef­fi­zienz zu besei­tigen und die bestehenden Pro­zesse zu ver­bessern. Also ist es nur kon­se­quent, Men­schen durch Roboter zu ersetzen, die keinen Urlaub brauchen, keinen freien Willen haben und Freizeit nicht als Wert ansehen. Wenn sich diese Roboter nun außerdem selbst repa­rieren und sogar neue Roboter her­stellen könnten, werden wir sicher keine Arbeiter mehr brauchen.
Hier liegt aller­dings ein totales Miss­ver­ständnis darüber vor, was Öko­nomie über­haupt ist.
Wir haben kein Produktions‑, sondern ein Ökonomisierungsproblem
Die gerade beschriebene Sicht­weise betrachtet Wirt­schaft haupt­sächlich als Pro­duktion von Gütern. Empi­risch gesehen ist das nicht falsch: Unsere all­täg­lichen Wirt­schafts­ak­ti­vi­täten bestehen wirklich darin, die rich­tigen Dinge auf die richtige Art und Weise herzustellen.
Darum geht es in der Wirt­schaft im Grunde jedoch nicht; und das ver­stehen die meisten nicht, die sich zur „Auto­ma­ti­sie­rungs­gefahr“ äußern. Roboter und künst­liche Intel­ligenz können sicher bei der Lösung zahl­reicher Pro­duk­ti­ons­pro­bleme helfen, die uns heute noch beschäf­tigen. Und Roboter arbeiten tat­sächlich meist effi­zi­enter als Men­schen, was spä­testens seit Adam Smiths magnum opus auch bekannt ist. Des­wegen ent­wi­ckeln und benutzen wir schließlich seit geraumer Zeit Maschinen. Das­selbe gilt für Roboter, Auto­ma­ti­sierung und AI.
Aber wir haben es hier nicht mit einer Bedrohung zu tun – ganz einfach, weil es in der Wirt­schaft nicht darum geht, das Problem der Pro­duk­ti­ons­ef­fi­zienz zu lösen. Tat­sächlich geht es darum, knappe Mittel dazu zu ver­wenden, Bedürf­nisse zu befrie­digen. Sowohl Mittel als auch Ziele unter­liegen dabei der sub­jek­tiven Bewertung. Roboter bewerten nicht.
So können Roboter effi­zi­entere Arbeiter und mög­li­cher­weise auch bessere Inge­nieure sein – sie können jedoch nicht her­aus­finden, was gerade hoch bewertet wird. Das ist die Aufgabe von Unter­nehmern, die darauf wetten, was Kon­su­menten in Zukunft möchten. Selbst wenn die gesamte Pro­duktion von Robotern erledigt wird, können diese Roboter nicht her­aus­finden, was auf Grundlage der Wert­ur­teile her­ge­stellt werden soll.
Es ist gut möglich, dass Roboter und AI einst her­aus­finden können, wie Kalorien, Sauer­stoff und andere objektive Not­wen­dig­keiten für mensch­liches Leben am besten zur Ver­fügung gestellt werden können. Aber den Schritt von „2000 Kalorien am Tag“ zu „Essen, dass die Men­schen gerne kaufen werden“ geht man nicht durch Opti­mieren eines Algo­rithmus, sondern durch das Ver­stehen von Men­schen und ihren Wert­ur­teilen. Genauer geht es sogar um das Spe­ku­lieren darauf, was Men­schen in Zukunft hoch bewerten werden. Kein Roboter oder Nicht-Mensch ist dazu in der Lage. Genau so braucht es eine große Zahl von phan­ta­sie­vollen, mensch­lichen Unter­nehmern – intel­lek­tuelle Arbeits­teilung -, um gemeinsam im Markt her­aus­zu­finden, wie man Werte schafft.
In der Wirt­schaft geht es um Öko­no­mi­sierung, und bei Öko­no­mi­sierung geht es nicht um phy­sische Res­sourcen oder Pro­duk­ti­ons­mittel. Werk­zeuge und Roh­stoffe sind zwei­felsohne not­wendig für die Pro­duktion, ihre Ver­wendung in der Wirt­schaft kann jedoch nur in Wert­be­griffen aus­ge­drückt werden – und diese Mittel werden (und müssen auch) in diesem Sinn öko­no­mi­siert werden. Diese grund­sätz­liche wirt­schaft­liche Tat­sache wird bei Betrach­tungen zum Thema Auto­ma­ti­sierung oder AI regel­mäßig ignoriert.

Macht­beben von Dirk Mueller

In der Wirt­schaft geht es um Werte
Ein bedeu­tender Vorteil der Öster­rei­chi­schen Schule gegenüber dem Haupt­strom besteht darin, dass sie den Wert­be­griff an erste Stelle setzt – dass sie die Wirt­schaft in Wer­be­griffen ver­steht und erklärt. Die Haupt­stro­m­öko­nomie hat den Wert­be­griff unglück­li­cher­weise zugunsten der Erklärung und Vor­hersage der Pro­duktion in Inge­nieurs­be­griffen auf­ge­geben. Des­wegen kon­zen­triert sich die Debatte über Auto­ma­ti­sierung, Roboter und die Ver­wendung von AI auf den Inge­nieursaspekt der Wirt­schaft: Zu pro­du­zieren. Dieser ist jedoch für das eigent­liche Funk­tio­nieren jeder realen oder theo­re­ti­schen Öko­nomie irrelevant – es geht stets darum, das Problem zu lösen, wie knappe Mittel für eine nicht enden wol­lende Menge an Zielen zu ver­wenden sind.
Also stellen wir fest: Bei der Öko­no­mi­sierung geht es nicht um Technik oder die phy­sische Welt. Es handelt sich um einen ver­brei­teten Trug­schluss, zu meinen, man könne Mittel und Ziele in anderen als Wert­be­griffen aus­drücken. Dies ist nicht möglich.
Bei den Mitteln, die öko­no­mi­siert werden müssen, handelt es sich nicht einfach um natür­liche Res­sourcen, sondern um wirt­schaft­liche Res­sourcen. So war zum Bei­spiel Erdöl eine natür­liche Res­source, die zu einer wirt­schaft­lichen Res­source wurde. Vor der Erfindung von Petroleum und dem Ver­bren­nungs­motor konnte ein Ölfund den finan­zi­ellen Ruin, wenn nicht sogar den Tod für einen Vieh­züchter bedeuten. Heute jedoch, nach der Erfindung und Ver­breitung dieser Erfin­dungen, bedeutet ein Ölfund, reich zu werden. Die natür­liche Res­source hat sich nicht ver­ändert, aber die wirt­schaft­liche Res­source – ihr Wert – wurde erst durch die Erfin­dungen erschaffen. Öl hat einen Wert in der Ver­wendung in Motoren, weil diese Motoren die Bedürf­nisse von Kon­su­menten erfüllen. Der Wert des Öls besteht nicht in seiner Mole­ku­lar­struktur, sondern in seiner Ver­wendung zur Befrie­digung von Bedürfnissen.
Wer die Wirt­schaft für ein tech­ni­sches Problem und Öko­nomie für eine Natur­wis­sen­schaft hält, der erliegt einem fun­da­men­talen Irrtum. Ein Gut, welches auf dem Markt ver­kauft wird, besteht nicht aus seinen phy­si­schen Eigen­schaften, sondern aus dem Nutzen, den es für die Kon­su­menten bei der Befrie­digung ihrer Bedürf­nisse dar­stellt. Mit anderen Worten: Ein Gut stellt einen Gebrauchswert dar. Und ein Wert liegt stets im Auge des Betrachters. Der Wert jedes Mittels wird durch seinen Anteil an einem wert­vollen, wirt­schaft­lichen Ziel bestimmt.
Bis jetzt hat die Debatte über Auto­ma­ti­sierung den Wert­be­griff voll­ständig igno­riert. So lässt sich das Problem zwar ein­facher lösen, sei es durch die Erfindung von Maschinen oder von Algo­rithmen zur Lösung von Glei­chungen – alleine die Lösung geht am Kern des Pro­blems vorbei. Das Ziel der Wirt­schaft, ihre phy­sische Pro­duktion ein­ge­schlossen, ist die Befrie­digung mensch­licher Bedürf­nisse, im Sinne von Men­schen als Konsumenten.
Wenn Roboter uns Arbeits­mühen ersparen, ist das eine Sache. So haben wir mehr Freizeit, was natürlich eine gute Sache ist. Aber Roboter können niemals unsere Wert­ur­teile fällen und für uns kon­su­mieren; kein Auto­ma­ti­sie­rungs­prozess kann her­aus­finden, was wir zukünftig begehren werden. Sie können nur die Arbeit erle­digen, nachdem die Ziele erkannt worden sind. Und der Menschheit die Arbeit abzu­nehmen, kann man schwerlich als Bedrohung wahrnehmen.

Aus dem Eng­li­schen über­setzt von Florian Senne. Der Ori­gi­nal­beitrag mit dem Titel No, Robots Cannot Replace Us ist am 18.9.2018 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.

Per Bylund ist Assis­tenz­pro­fessor für Entre­pre­neurship und Records-Johnston Pro­fessor of Free Enter­prise an der School of Entre­pre­neurship der Oklahoma State Uni­versity. Zuvor war er an der Baylor Uni­versity und der Uni­versity of Mis­souri tätig. Er ist Autor zahl­reicher wis­sen­schaft­licher Artikel und zweier Bücher: The Seen, the Unseen, and the Unrea­lized: How Regu­la­tions Affect our Everyday Lives und The Problem of Pro­duction: A New Theory of the Firm. Er ist Her­aus­geber der Buch­reihe Aus­trian Eco­nomics bei Agenda Publi­shing und Her­aus­geber des Bandes The Next Generation of Aus­trian Eco­nomics: Essays zu Ehren von Joseph T. Salerno, ver­öf­fent­licht vom Mises Institute. Weitere Infor­ma­tionen finden Sie unter PerBylund.com.