Rich and Poor - Ian Wood - flickr.com CC BY-NC-ND 2.0
Wirtschaft

Glückliches Deutschland? Oder eingebildeter Reichtum?

25. November 2018

Oswald Metzger nimmt mein Märchen vom reichen Land als Grundlage für eine Abrechnung mit eben dieser Illusion bei Tichy`s Einblick. Lesern meines Buches und meiner Beiträge bei Stelter und anderswo sind die Thesen bekannt. Dennoch tut eine Auffrischung gut, vor allem, wenn sie von einem anderen Autor erfolgt, mit anderem Stil und etwas anderer Schwerpunktsetzung:

  • „Die Geschichte vom reichen Deutschland wird gern erzählt: von Politikern, vielen Ökonomen und den meisten Medien, aber auch von unseren Partnern in der EU. Schaut man sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf im Weltvergleich an, dann zeigen Schätzdaten des Internationalen Währungsfonds (IWF) vom April dieses Jahres, dass Deutschland 2018 mit einem Pro-Kopf-BIP von 44 550 US-Dollar auf Platz 19 von 192 gelisteten Ländern liegt. (…) Aussagekräftiger als die reine Pro-Kopf-Umrechnung der volkswirtschaftlichen Leistung eines Landes ist die vergleichende Betrachtung des (…) Medianeinkommens. (…) (Hier) kommt es als Folge der hohen deutschen Abgabenlast im Eurozonen-Vergleich zu deutlichen Verschiebungen. Besonders auffällig ist ein direkter Vergleich mit Frankreich. Unsere westlichen Nachbarn liegen im BIP pro Kopf rund zwölf Prozent hinter uns, überholen uns aber beim Medianeinkommen.
    Stelter: Wobei es bei den Einkommen bekanntlich nicht so schlecht aussieht, nur halt nicht so gut, wie gerne behauptet.
  • Erschreckend ist „ (…) die deutlich unterdurchschnittliche Vermögenslage deutscher Haushalte im Vergleich zu einer Reihe anderer westeuropäischer EU-Staaten (…): In Italien, Spanien und Frankreich verfügen die Bürger über deutlich höhere durchschnittliche Nettovermögen als im vermeintlich reichen Deutschland. Der Grund liegt im deutlich unterdurchschnittlichen Immobilienbesitz, aber auch in der konservativen Geldanlagestrategie der deutschen Sparer“.
  • „Als dieser niederschmetternde Vermögensbefund vor fünf Jahren erstmals publik wurde, beeilte sich die Bundeskanzlerin, die Zahlen mit dem Hinweis zu relativieren, dass die Rentenansprüche der Deutschen überhaupt nicht als Vermögensposition einbezogen worden seien. Dieses scheinbare Entlastungsargument implodiert aber, wenn man sich die Fakten anschaut. (…) die Rentenansprüche (bestehen) nicht aus einem angesparten Kapitalstock, sondern müssen von künftigen Beitrags- und Steuerzahlern erst einmal erwirtschaftet werden. Von ‘Bestandsvermögen’ können bei den Rentenansprüchen also nur Politiker fabulieren.“
    Stelter: Ich spreche immer vom nicht vorhandenen Entenhausener Geldspeicher.
  • „Anhand dreier Themenkomplexe sollen nun relevante Risikobefunde für die deutsche Volkswirtschaft aufgelistet werden. Diese sind keineswegs abschließend, veranschaulichen aber, wie fragil der Wohlfahrtsstaat Deutschland in Wirklichkeit ist.“
    Stelter: Wobei er nur drei nimmt, die Liste ist viel länger.
  • „Der Exportanteil der deutschen Wirtschaft liegt bei rund 46 Prozent am Bruttoinlandsprodukt, weit vor Ländern wie Frankreich und Italien mit jeweils rund 30 Prozent. Immer stärker nimmt der internationale Druck zu, dass Deutschland seine enormen Überschüsse reduziert.“
    Stelter: Und der Druck wird zunehmen, spätestens in der nächsten Rezession!
  • „Während im politischen Narrativ der Euro für Deutschland ein Segen gewesen sein soll, hat er sich tatsächlich längst zu einer strukturellen Belastung der deutschen Volkswirtschaft entwickelt. Denn der schwache Euro und die EZB-Rettungspolitik mit ihrem historischen Zinstief haben den Wettbewerbsdruck für die deutsche Volkswirtschaft massiv gesenkt.“
    Stelter: Was sich rächen wird, kommt es zur unweigerlichen Anpassung.
  • „Eine weitere Kehrseite des Exportbooms, der zu rund 60 Prozent in den Euroländern generiert wird, sind die bekannten hohen Target-2-Forderungen, die in der Bilanz der Bundesbank stehen. (…) Allein Italien steht mit rund 400 Milliarden Euro zu Buche. Sollte der Euro scheitern oder Italien aus der Währungsunion ausscheiden, dann kann Deutschland diese Art von Exportförderung als Totalverlust abschreiben.“
    Stelter: Und der weitere Schaden wäre auch enorm.
  • „Hohe Außenhandelsüberschüsse bedeuten immer auch Kapitalexport. (…) Dass Handelsüberschüsse aber nicht gleichbedeutend sind mit einer Mehrung des Auslandsvermögens Deutschlands, belegen die nackten Zahlen. (…) Allein in der Finanzkrise, so eine Schätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), hat Deutschland zwischen 400 Milliarden und 600 Milliarden Euro verloren – also fast den Überschuss zweier Jahre.“
  • „‘Eine Wiederholung der Gastarbeitereinwanderung ist weder hinsichtlich der erwähnten Tragfähigkeitslücke noch mit Blick auf den Arbeitsmarkt im 21. Jahrhundert ökonomisch sinnvoll. Wissend um die schon erwähnten demografischen Entwicklungen, ist es mit Blick auf die Wohlstandssicherung in Deutschland hingegen sinnvoll, ja geradezu geboten, qualifizierte Einwanderer ins Land zu holen.’ Doch genau diesen kapitalen Fehler hat die deutsche Politik im Zuge der sogenannten ‘Flüchtlingskrise’ erneut begangen.“
    Stelter: Meine entsprechende Kritik ist bekannt.
  • „Was Deutschland dringend braucht, ist qualifizierte Zuwanderung. Wir müssen uns die Neubürger aussuchen (können), die mit ihrer Einsatzbereitschaft, Leistungsfähigkeit und Innovationsfreude dafür sorgen, dass sich die Produktivität auch in der digitalen Welt steigert. Denn ohne deutlichen Produktivitätszuwachs werden unsere Renten und Pensionen langfristig nicht bezahlt werden können. Mit der massenhaften Einwanderung in die Sozialsysteme überfordern wir unseren Staat, sorgen künftig für brutale Verteilungskämpfe und destabilisieren unsere demokratische Ordnung.“
    Stelter: Das unterstreicht, was für ein Wahnsinn es ist!
  • „Union und Sozialdemokraten – aber auch die FDP während der schwarz-gelben Koalition von 2009 bis 2013 – (haben) systematisch die ‘implizite Verschuldung’ des Staates wieder erhöht. (…) keine wirkungsgleiche Übertragung der Rentenreformen auf die Beamtenversorgung; Rente mit 63; Mütterrente I und II; Festschreibung des Nettorentenniveaus bis 2025, wenn nicht gar bis 2040; Einführung der Pflegegrade, statt der bisherigen Pflegestufen, die eine gewaltige Ausgabensteigerung bewirkt; Abschaffung der Praxisgebühr. Die Liste der Verstöße gegen eine solide langfristige Finanzierung unseres Sozialstaats wird immer länger.“
    Stelter: So wird das Land abgewirtschaftet.
  • „Wenn Politik, Medien, aber auch die Bürger sich endlich bewusst machten, dass unser ‘reiches’ Land seit mehreren Jahrzehnten von der Substanz lebt, dann könnten wir die Zeit noch nutzen, um umzusteuern. Eine ‘Agenda 2030’ gehört auf die Tagesordnung, ehe es zu spät ist.“
    Stelter: Anregungen gebe ich im Kapitel: „So sanieren wir Deutschland“.

Dr. Daniel Stelter – www.think-beyondtheobvious.com

→ tichyseinblick.de: „Glückliches Deutschland? Oder eingebildeter Reichtum?“, 11.November 2018


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