Wirtschaft

„Meine Top-Ten-Thesen für 2019“

29. Dezember 2018

Dieser Kommentar von mir erschien bei der WirtschaftsWoche Online:

Zeit für einen Rück- und Ausblick: 2018 war ein enttäuschendes Jahr für Kapitalanleger, leider sind viele düstere Prognosen eingetreten. Für 2019 dürfte es erst recht heißen: fest anschnallen! Cash und Gold helfen.

2018 war es fast unmöglich eine Anlageform zu finden, die einen positiven Ertrag erbracht hat. Über 90 Prozent der möglichen Geldanlagen, die die Deutsche Bank in ihrer jährlichen Studie über den langfristigen Ertrag verschiedener Vermögensklassen analysiert, haben 2018 zu Verlusten geführt. Das schlechteste je gemessene Ergebnis seit dem Jahr 1901. Das bis dato schlechteste Jahr war 1920 mit 84 Prozent. Nicht mal während der Großen Depression, der Weltkriege und der Finanzkrise war es an den Finanzmärkten so schwer, Geld zu verdienen, wie in diesem Jahr.

Freitag, 16:30 Uhr dieser Nachtrag. Die Deutsche Bank hat die Analyse aktualisiert. Nun sind 93 Prozent der betrachteten Assets im Minus:

Geringe Gewinne erbrachten (in lokaler Währung) noch High Yield Bonds in Großbritannien und den USA, deutsche, französische und spanische Staatsanleihen, die Börsen von Brasilien und Russland und der Dollar-Index, der die Aufwertung des US-Dollar gegen die Währungen der Haupthandelspartner abbildet. Nasdaq, S&P und Öl, die bis Ende Oktober nach der Analyse der Deutschen Bank noch im Plus lagen, haben mittlerweile auch ins Minus gedreht.

Niemand hat ein solches Ergebnis für das Jahr vorausgesagt. Zu groß war die Euphorie über das weltweit synchrone Wirtschaftswachstum, das Vertrauen in die Allmacht der Notenbanken und der Wunsch, den Politikern in Europa das Märchen von der gelungenen Eurorettung zu glauben. Einmal mehr wurde das Sprichwort bestätigt, wonach eine Prognose nur dazu da ist, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen.

Ende des künstlichen Aufschwungs

Offensichtlich haben wir 2018 eine Trendwende erlebt. Der von den Notenbanken inszenierte und finanzierte künstliche Aufschwung an den Finanzmärkten und (deutlich schwächer!) in der Realwirtschaft nähert sich dem unvermeidlichen Ende. Ein Ende, welches schmerzhaft offenlegen wird, dass keine der Ursachen von Finanz- und Eurokrise bereinigt wurde. Im Gegenteil, die Probleme sind heute noch größer als vor zehn Jahren. 2019 dürfte uns diesem Ende einen großen Schritt näherbringen.

Bevor wir uns dem Ausblick widmen, lohnt sich ein Blick auf meine Thesen zum Jahr 2018, die ich an dieser Stelle aufgestellt hatte. Als ich meine Top-10-Thesen formulierte, habe ich mir eine Trefferquote von über 50 Prozent gewünscht und versprochen, nach einem Jahr zurückzuschauen:

  1. Bitcoin-Blase platzt: Die Einschätzung, dass sich Kryptowährungen trotz der unzweifelhaften Attraktivität der Technologie in einer Blase befanden, traf offensichtlich zu. Eine richtige Prognose: ein Punkt.
  2. Börsenboom und Crash: Meine These für 2018 war, dass es anfangs ein paar Monate bergan geht, bevor es zu einer deutlichen Korrektur kommt. Die Märkte würden unter dem Stand vom Jahresanfang schließen. Auch diese Prognose traf zu, wobei es in Deutschland deutlich früher bergab ging als in den USA. Letztere wurden noch länger von nur noch wenigen Einzelwerten gezogen. Obwohl es nicht zu einem ausgeprägten Crash gekommen ist, ist die Korrektur von den Höchstständen in den meisten Märkten mit über 20 Prozent sehr ausgeprägt. Ein Punkt.
  3. Hingegen wurde meine Erwartung, dass die Schwellenländer, Russland, Japan und Europa relativ besser abschneiden, klar verfehlt. Die USA waren relativ die bessere Börse und Europa ist relativ zu den USA so billig wie lange nicht – die Ursachen werde ich in einer der ersten Kolumnen 2019 an dieser Stelle vertieft betrachten –, und Japan bleibt eine der fundamental besten Märkte der Welt. Dennoch eindeutig null Punkte.
  4. Das ebenfalls erwartete Blutbad bei Unternehmensanleihen blieb aus. Bis jetzt. Es zeichnen sich immer deutlichere Probleme ab und es droht eine Rekordflut an Herabstufungen von Unternehmensanleihen in den USA und Europa, wie an dieser Stelle vor vier Wochen diskutiert. Der Zinsaufschlag für Hochrisikoanleihen beginnt zwar zu steigen, dennoch lag ich mit dem Timing falsch. Null Punkte.
  5. Hingegen war die Erwartung einer Erholung des US-Dollars vollkommen richtig. Der Konsens im Markt war der einer Dollarabschwächung und einer neuen Stärke des Euro. Im ersten Quartal sah es noch danach aus, seither hat der Dollar jedoch zu allen maßgeblichen Währungen aufgewertet und gerade in dieser Stärke des Dollars liegen einige Probleme der Schwellenländer begründet, vor allem von Ländern wie der Türkei, die sich in großem Stil in US-Dollar verschuldet haben. Ein Punkt.
  6. Die Erwartung sinkender Ölpreise traf zunächst nicht zu. Im ersten Halbjahr stieg der Preis von Öl auch in Erwartung neuer Iran-Sanktionen deutlich. Mittlerweile mehren sich die Anzeichen für eine anhaltende Ölschwemme, aufgrund des Finanzbedarfs der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) und einer tendenziell schwächeren Nachfrage im Zuge der sich abschwächenden Weltkonjunktur. Wie erwartet sank der Ölpreis auf Jahressicht. Ein Punkt.
  7. Obwohl ich ein Fan von Gold bin und jedem rate, einen gewissen Anteil physischen Goldes im Portfolio zu halten, war ich für die Preisentwicklung von Gold skeptisch. Es dürfte zwar besser abschneiden als die Aktienmärkte, absolut gesehen aber enttäuschen, war meine Erwartung. Auch dies traf zu. Ein Punkt.
  8. In Italien erwartete ich einen Sieg der eurokritischen Parteien und eine erfolgreiche Erpressung der anderen Euroländer – allen voran Deutschlands. Bis jetzt kam es noch nicht zu umfassenden Zugeständnissen der Europartner mit Blick auf Defizit und Schulden. Die ersten Schritte in die Richtung sind jedoch unübersehbar – vor allem auch deshalb, weil Frankreich erneut alle Regeln brechen wird. 0,5 Punkte.
  9. Zutreffend war die Erwartung, dass sich die neue deutsche Regierung als völlig kraftlos erweisen würde. Statt das Wohl des Landes im Blick zu haben, wird Energie und Fokus auf Nebenkriegsschauplätze verschwendet und im Irrglauben, wir seien ein „reiches Land“ der Wohlstand verschleudert. Einen Punkt.
  10. Ebenfalls zutreffend war die Erwartung, dass es nicht gelingt, eine Antwort auf die Migrationskrise zu finden. Obwohl immer deutlicher wird, dass die langfristigen Kosten der Zuwanderung überwiegend unqualifizierter Menschen die finanzielle Leistungsfähigkeit bei Weitem übersteigt und den sozialen Frieden gefährdet, wurde nicht gehandelt. Die Antwort der Regierungen bleibt vor allem eine Verharmlosung und Leugnung der Probleme, was die radikalen Kräfte in ganz Europa weiter stärkt. Einen Punkt.

Womit wir beim Fazit wären: Im Unterschied zum Vorjahr, wo ich lediglich 5,5 von zehn möglichen Punkten erzielt habe, fällt das Resultat mit 7,5 Punkten für 2018 deutlich besser aus. Nimmt man die relativ sicheren Aussagen – Italien, Regierung in Deutschland und Migrationsfrage – aus, liegt die Quote bei 5 von 7.

Doch auch dieses Ergebnis sollte nicht darüber hinwegtäuschen: Alle Arten von Prognosen für die Entwicklung von Wirtschaft und Kapitalmärkten auf die Sicht von zwölf Monaten sind pures Glückspiel. Wie schon der viel zitierte John Maynard Keynes wusste: Die Börsen können länger falsch liegen, als man Geld hat gegen sie zu wetten.

2019 drohen Rezession, Deflation, fallende Börsen und steigende Goldpreise

In anderer Hinsicht macht es durchaus Sinn, sich über die Entwicklung des kommenden Jahres Gedanken zu machen. Nimmt man die Übung ernst und sieht sie nicht nur als ein Marketinginstrument, schärft es den Blick auf die Märkte. Wenn man dann noch akzeptiert, dass es meist nur eine Verschiebung einer Entwicklung auf der Zeitschiene ist, und nicht unbedingt eine falsche Sicht, können Anleger daraus durchaus Nutzen für die eigene Portfolioallokation ziehen.

Deshalb auf vielfältigen Wunsch der Leser von  STELTER STRATEGISCH meine Thesen für 2019. Persönlich hoffe ich auf eine Quote von weniger als 50 Prozent, wenn ich in einem Jahr zurückblicke, sind doch meine Erwartungen für 2019 sehr gedämpft:

  1. Der Handelskrieg verlagert sich auf Europa: Obwohl es bei dem Konflikt zwischen den USA und China um weit mehr geht als den Handel, nämlich um den Konflikt zwischen einer Hegemonialmacht und einem aufstrebenden Konkurrenten, könnte es gut sein, dass China und die USA einen (Formel-)Kompromiss finden, den der amerikanische Präsident als Sieg verkaufen kann. Danach dürfte es gegen Europa und vor allem die Automobilindustrie weitergehen. Dieser Konflikt dürfte Deutschland am härtesten treffen und nochmals verdeutlichen, wie falsch die einseitige Ausrichtung auf den Export ist. Am Ende steht ein verstärkter Druck auf Arbeitsplätze hierzulande, weil den Unternehmen nichts anderes bleibt, als mehr Wertschöpfung ins Ausland zu verlagern.
  2. Chinas Wirtschaftswachstum fällt weiter: Trotz der möglichen Entspannung im Handelskonflikt dürfte das Wirtschaftswachstum in China im kommenden Jahr weiter zurückgehen. Zu hoch ist die Schuldenlast, die das Land in den letzten Jahren angehäuft hat, zu hoch die Überkapazitäten in wichtigen Industrien und am Immobilienmarkt. Der Umbau der Wirtschaft weg von Investitionen und Export zu mehr Binnennachfrage bleibt schwierig, und obwohl das Land nicht zwingend in eine Krise stürzen muss, dürfte es als Zugmaschine für die Weltwirtschaft ausfallen.
  3. USA und Europa fallen in die Rezession: Bekanntlich hat die Börse zehn der letzten fünf Rezessionen vorhergesagt und es ist durchaus möglich, dass die jüngsten Turbulenzen an den Börsen kein klarer Indikator für eine Rezession in den USA und Europa sind. Andererseits sind die maßgeblichen Notenbanken (USA, Eurozone, Japan) vom Gas gegangen und die weltweite Liquidität wächst nicht mehr wie in den Jahren zuvor. Angesichts der hohen Verschuldung in der Welt schlägt sich bereits eine Verlangsamung des Geldmengenwachstums negativ an Kapitalmärkten und in der Realwirtschaft nieder. Der (künstliche) Aufschwung seit 2009, im historischen Vergleich ohnehin sehr schwach, dürfte 2019 offiziell enden. Wie immer wird es von den Statistikämtern erst im Nachhinein bestätigt werden.
  4. Die Deflation kehrt zurück: Obwohl zunächst die Inflationsangst die Märkte bewegen wird, ausgehend von der berechtigten Erwartung, dass sich steigende Löhne (vor allem in den USA) in entsprechenden Preissteigerungen niederschlagen, dürfte 2019 das Jahr werden, in dem die Angst vor einer deflationären Entwicklung zurückkehrt. Nachlassende Nachfrage, anhaltende Überkapazitäten und untragbare Schuldenlast vergrößern den weltweiten Deflationsdruck. In der Folge werden die Notenbanken umschalten und statt Zinserhöhungen werden weitere geldpolitische Maßnahmen zur Rettung von Weltwirtschaft und Finanzmärkten diskutiert werden.
  5. Krise bei Unternehmensanleihen: An meiner Erwartung einer Krise im Bereich der Unternehmensanleihen in den USA und auch Europa halte ich fest. Seit 2009 ist das Volumen an BBB Bonds in den USA um fast 230 Prozent auf nunmehr 2500 Milliarden US-Dollar angewachsen. Gut 1000 der 2500 Milliarden Dollar in Anleihen, die noch mit BBB geratet sind, haben einen Verschuldungsgrad auf Junkbond-Niveau. Diese müssten also eigentlich ihr Rating vebörserlieren. Noch können Unternehmen und Ratingagenturen die Illusion aufrechterhalten, alles sei bestens. Kommt es zu einer Welle an Herabstufungen, drohen massive Kursverluste im Anleihebereich. Zwangsverkäufe treffen auf keine oder unzureichende Nachfrage. Ein Margin Call nimmt sich im Vergleich dazu als Spaziergang aus. Schlimmer noch sieht es bei Leveraged Loans aus, also Krediten, die an Unternehmen mit hoher Verschuldung gegen unzureichende oder gar ohne Sicherheiten gegeben wurden. Hier fehlt im Markt jegliche Liquidität und die Investoren stehen vor erheblichen Verlusten, die auf das gesamte Finanzsystem ausstrahlen.
  6. Die US-Börse fällt weiter: Deshalb steht uns ein veritabler Bärenmarkt ins Haus. Schon heute ist offensichtlich, dass die Börsen angeschlagen sind und viele Werte sich in einer Baisse (definiert als ein Verlust von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Höchststand der vergangenen zwölf Monate) befinden. Eine Konjunkturabschwächung, knappere Liquiditätsversorgung und die Krise an den Anleihenmärkten werden die Börsen nachhaltig belasten. Obwohl Europa, Japan und die Schwellenmärkte deutlich günstiger als die US-Börse sind, werden sie sich diesem Trend nicht entziehen können. 2019 wird an den Börsen keinen Spaß machen.
  7. Der Dollar fällt: Ungeachtet der sich weiter zuspitzenden Probleme in der Eurozone dürfte der US-Dollar gegenüber dem Euro und den anderen maßgeblichen Währungen der Welt deutlich verlieren. Angesichts tendenziell fallender Zinsen, einer Rezession in den USA und den Problemen am Markt für Unternehmensanleihen, dürfte der Dollar zu relativer Schwäche neigen.
  8. Gold hingegen steht vor einem (relativ) guten Jahr: Von einigen Ausnahmen abgesehen, wie der aktuellen Titelgeschichte der WirtschaftsWoche, ist die Haltung in den Märkten mit Blick auf Gold eher negativ. Angesichts der sich abzeichnenden Probleme in den Finanzmärkten und den sich daraus zwangsläufig ergebenden Rettungsmaßnahmen der Notenbanken (Stichwort: Helikoptergeld) dürfte Gold an relativer Attraktivität gewinnen und sollte 2019 zu den Gewinnern gehören.
  9. Cash als bestes Investment: 2019 dürfte man am besten mit einer hohen Liquiditätsquote, geparkt in kurz laufenden Anleihen sicherer Schuldner überstehen. Zwar spricht die schlechte Performance fast aller Assetklassen in diesem Jahr für ein besseres 2019, doch fällt die Vorstellung schwer, angesichts der erheblichen realwirtschaftlichen und monetären Gegenwinde auf eine Umkehr an den Märkten zu wetten. So schnell und leicht dürften sich die Folgen von zehn Jahren außergewöhnlicher geldpolitischer Maßnahmen zur Stabilisierung des weltweiten Schuldenturms nicht bewältigen lassen.
  10. Die CDU verliert weiter: Die Europawahl wird in einem Umfeld nachlassenden Wachstums und zunehmender politischer und sozialer Spannungen stattfinden. Überall gewinnen die EU- und Euro-kritischen Parteien deutlich hinzu. Der CSU-Politiker Manfred Weber wird nicht der nächste Kommissionspräsident.

Der eine oder andere Leser mag sich fragen, weshalb ich nicht den Brexit, eines der größten Risiken für die weitere Entwicklung, auf der Liste habe. Der Grund dafür ist einfach. Ich denke, es ist unmöglich, eine Aussage zu treffen, wie es in Großbritannien weitergeht. Mittel- und langfristig muss ein EU-Austritt für das Land keine negativen Wirkungen haben, wie ich an dieser Stelle schon mehrfach ausgeführt habe. Kurzfristig ist unstrittig, dass ein sogenannter Hard-Brexit nicht nur Großbritannien, sondern auch die EU in eine wirtschaftliche und politische Krise stürzen würde. Bleibt nur zu hoffen, dass es den Akteuren gelingt, dieses Szenario zu verhindern.

Bleibt mir, mich bei Ihnen, meinen regelmäßigen Lesern zu bedanken. Ich wünsche Ihnen erholsame Weihnachtstage und ein 2019, das sich deutlich besser darstellt, als hier prognostiziert. Die nächste Folge STELTER STRATEGISCH lesen Sie dann am 17. Januar 2019.


Quelle: tbo


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