Wollen wir nur nicht wahr­haben: Das Geld ist weg!

Heute geht es über einen Beitrag von William White (ehe­ma­liger Chef­volkswirt der BIZ), der in der F.A.Z. erschien. Es ist auch hier­zu­lande wieder an der Zeit, Pro­bleme anzu­sprechen, die kaum einer wahr­nehmen will: „Hallo, ihr dummen deut­schen Sparer, ihr seid die Gläu­biger und werdet deshalb euer Geld ver­lieren!“ Das wäre auch zu schwere Kost. So darf uns White theo­re­tisch trocken etwas erklären, dessen Kon­se­quenz die meisten Leser für sich selbst nicht erahnen:

  • „Immer das Beste zu erhoffen, ist keine besonders erfolg­reiche Über­le­bens­stra­tegie. Es kann auch blind machen für die Mög­lichkeit, poten­zielle Ver­luste zu begrenzen, indem man früh­zeitig ein­greift. (…) Anzu­er­kennen, dass es ein Problem gibt, ist der erste Schritt, um die Schäden zu mildern.“
    – Stelter: Bereits hier scheitern Medien, Politik und die meisten Bürger.
  • Heute ist der Schul­den­überhang in aller Welt ein solches Problem. Doch alle Zustän­digen scheinen ent­schlossen, die Mög­lichkeit zu leugnen, dass ein erheb­licher Teil dieser Schulden nicht mehr zurück­ge­zahlt werden kann. Dieses Ver­schließen des Ver­standes ist ignorant und gefährlich. Denn die öko­no­mi­schen und poli­ti­schen Kosten werden noch größer, wenn das Problem ver­schleppt wird.“
    – Stelter: Es kann und wird ver­schleppt werden. Bin gespannt, wie sich unsere künftige Kanz­lerin zu unseren Lasten über den Tisch ziehen lässt. Aber viel­leicht macht es noch die mit Schul­den­er­lassen zulasten Deutsch­lands erfahrene amtie­rende Kanzlerin.
  • „Die globale Schul­den­quote – die Ver­schuldung der Staaten, Unter­nehmen und Haus­halte relativ zur Wirt­schafts­leistung – steigt seit Dekaden, vor allem in den Indus­trie­ländern. Seit Aus­bruch der Finanz­krise 2008 hat sich dieser Trend ver­schlimmert. Sta­tis­tiken der Bank für Inter­na­tio­nalen Zah­lungs­aus­gleich zeigen einen Anstieg der glo­balen Schul­den­quote von 192 Prozent des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) Ende 2007 auf 232 Prozent im Jahr 2017. Auch die Schwel­len­länder, besonders China, sind zunehmend Teil des Pro­blems.“
    Stelter: Die F.A.Z., die diesen Artikel brachte, trägt in der Unter­über­schrift zu einer Illusion bei, steht da doch: „Über­große Schulden der Staaten“, wobei es eben nicht ein Staats- sondern ein Schul­den­problem ist!
  • „Das Phä­nomen der immer mehr stei­genden Schul­den­quoten wurzelt darin, dass die Geld- und Fis­kal­po­li­tiken asym­me­trisch betrieben werden. Einer expan­siven Geld- und Finanz­po­litik in Kon­junk­tur­schwächen folgt nie eine ebenso restriktive oder straffe Geld- und Finanz­po­litik in kon­junk­tu­rellen Auf­schwüngen. Im Abschwung werden Schulden gemacht, im Auf­schwung werden sie aber nicht wieder abgebaut. Die Zen­tral­banken haben im Abschwung die Leit­zinsen gesenkt, im Auf­schwung aber nicht ebenso erhöht. Das ist seit meh­reren Jahr­zehnten und über auf­ein­an­der­fol­gende Kon­junk­tur­zyklen hinweg so. Im Ergebnis sind die realen Zinsen schritt­weise nach unten gegangen und die Staats­ver­schuldung ist schritt­weise nach oben geklettert. Die Lasten und die Risiken steigen.“
    – Stelter: Wie es so schön heißt, die tiefen Zinsen heute zwingen zu noch tie­feren Zinsen morgen.
  • „Es ist kein Zufall, dass in den glo­balen Krisen immer stärkere Ret­tungs­maß­nahmen not­wendig wurden. Und es gibt Grund zur Annahme, dass die bis­he­rigen Reak­tionen beim nächsten glo­balen Abschwung, in der nächsten Krise, nicht mehr aus­rei­chend sein werden. Erstens kann es sein, dass der nächste Abschwung noch tiefer sein wird als der vorige. Und zweitens ist der Bewe­gungs­spielraum der Geld- und Fis­kal­po­litik beinahe ganz auf­ge­braucht.“
    Stelter: Das ist ganz wichtig. Die nächste Krise muss tiefer sein, weil der Leverage höher ist!
  • „Länder, deren Leit­zinsen nahe null oder gar negativ sind, haben fast gar keinen Raum für Reak­tionen. Und bei einer noch grö­ßeren Aus­weitung der Bilanz­summen der Noten­banken durch noch mehr Käufe von Wert­pa­pieren wäre sehr zwei­felhaft, ob die begrenzten Effekte einer solchen Politik die damit ver­bun­denen Risiken auf­wiegen können. Auch für eine kre­dit­fi­nan­zierte fis­ka­lische Expansion wäre nicht mehr viel Spielraum, aus Angst vor heftig nega­tiven Reak­tionen der Finanz­märkte bei weiter stei­gender Verschuldung.“
    Stelter: Es sei denn, die Noten­banken finan­zieren das, wovon ich ausgehe und auch White (s.u.).
  • „In so einer Situation würde sehr viel für eine explizite Schul­den­re­struk­tu­rierung, einen Schul­den­schnitt, sprechen. (…) Ein Schul­den­schnitt wird von den Gläu­bigern als schmerzhaft emp­funden, aber immerhin kann ein gere­gelter und schneller Schnitt noch wenigstens einen Teil ihrer For­de­rungen erhalten.“
    – Stelter: Das sehe ich ganz genauso und brachte dies schon vor fast zehn Jahren in die Diskussion.
  • „Es gibt immer noch keinen inter­na­tio­nalen Vertrag, der für Staats­in­sol­venzen Regeln festlegt. Es ist auch nicht sicher, dass die Too big to fail‘-Problematik gelöst worden ist. Und es wäre eine gefähr­liche Illusion zu glauben, dass die neue Regu­lierung der Finanz­in­stitute diese immun gemacht hätte. Bei vielen Anleihen fehlen Collective Action Clauses‘ , die eine gere­gelte Umschuldung erleichtern würden. Ohne solche Klauseln ist die Gefahr chao­ti­scher Fälle groß, in denen einfach der Schul­den­dienst ein­ge­stellt wird. Ohne Klarheit über die Regeln und Schul­den­ver­hält­nisse würde sich bei einer neuen Finanz­krise der Abwärts­trend ver­stärken. Dann ist ein Schul­den­de­fla­ti­ons­prozess‘ denkbar, wie ihn Irving Fisher in den 1930er-Jahren beschrieben hat.“
    Stelter: Dann wären wir auf dem Weg in die defla­tionäre Depression, nicht aus­zu­malen, was dann hier los sein würde…
  • „Eine andere Idee, um einer Krise zu begegnen, könnte Heli­ko­ptergeld‘ sein: Noten­bankgeld, das direkt der Finan­zierung von Staats­aus­gaben dient. Die Gefahr dabei ist aber, dass der Pri­vat­sektor das Ver­trauen in die Schul­den­titel des Staates ver­liert. His­to­rische Erfah­rungen lehren, dass solche Politik plötzlich in Hyper­in­flation und Kollaps enden kann.“
    Stelter: White erwähnt auch noch die finan­zielle Repression, die aber nicht funktioniert.
  • „Ein bequemes Weiter so‘ kann es aber auch nicht geben, ange­sichts der rekord­hohen Schul­den­stände. Ein Teil des ver­lie­henen Geldes ist für die Gläu­biger wohl einfach ver­loren, die For­de­rungen müssen in geord­neter Weise abge­schrieben werden. Die Staaten sollten die gesetz­lichen Mög­lich­keiten dafür schaffen. Zuge­ge­be­ner­maßen werden Schul­den­schnitte unan­genehm, schmerzhaft sein. Aber das Problem zu igno­rieren wird auf Dauer zu noch schmerz­haf­teren Folgen führen.“
    Stelter: Ziel­sicher beschreiten wir den Weg des maxi­malen Schadens.

Dr. Daniel Stelter — www.think-beyondtheobvious.com
→ faz.net: „Das Geld ist weg“, 10. Dezember 2018