Foto: prspics / Piqza.de
Wirtschaft

Wollen wir nur nicht wahrhaben: Das Geld ist weg!

19. Dezember 2018

Heute geht es über einen Beitrag von William White (ehemaliger Chefvolkswirt der BIZ), der in der F.A.Z. erschien. Es ist auch hierzulande wieder an der Zeit, Probleme anzusprechen, die kaum einer wahrnehmen will: „Hallo, ihr dummen deutschen Sparer, ihr seid die Gläubiger und werdet deshalb euer Geld verlieren!“ Das wäre auch zu schwere Kost. So darf uns White theoretisch trocken etwas erklären, dessen Konsequenz die meisten Leser für sich selbst nicht erahnen:

  • „Immer das Beste zu erhoffen, ist keine besonders erfolgreiche Überlebensstrategie. Es kann auch blind machen für die Möglichkeit, potenzielle Verluste zu begrenzen, indem man frühzeitig eingreift. (…) Anzuerkennen, dass es ein Problem gibt, ist der erste Schritt, um die Schäden zu mildern.“
    – Stelter: Bereits hier scheitern Medien, Politik und die meisten Bürger.
  • Heute ist der Schuldenüberhang in aller Welt ein solches Problem. Doch alle Zuständigen scheinen entschlossen, die Möglichkeit zu leugnen, dass ein erheblicher Teil dieser Schulden nicht mehr zurückgezahlt werden kann. Dieses Verschließen des Verstandes ist ignorant und gefährlich. Denn die ökonomischen und politischen Kosten werden noch größer, wenn das Problem verschleppt wird.“
    – Stelter: Es kann und wird verschleppt werden. Bin gespannt, wie sich unsere künftige Kanzlerin zu unseren Lasten über den Tisch ziehen lässt. Aber vielleicht macht es noch die mit Schuldenerlassen zulasten Deutschlands erfahrene amtierende Kanzlerin.
  • „Die globale Schuldenquote – die Verschuldung der Staaten, Unternehmen und Haushalte relativ zur Wirtschaftsleistung – steigt seit Dekaden, vor allem in den Industrieländern. Seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 hat sich dieser Trend verschlimmert. Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich zeigen einen Anstieg der globalen Schuldenquote von 192 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) Ende 2007 auf 232 Prozent im Jahr 2017. Auch die Schwellenländer, besonders China, sind zunehmend Teil des Problems.“
    Stelter: Die F.A.Z., die diesen Artikel brachte, trägt in der Unterüberschrift zu einer Illusion bei, steht da doch: „Übergroße Schulden der Staaten“, wobei es eben nicht ein Staats- sondern ein Schuldenproblem ist!
  • „Das Phänomen der immer mehr steigenden Schuldenquoten wurzelt darin, dass die Geld- und Fiskalpolitiken asymmetrisch betrieben werden. Einer expansiven Geld- und Finanzpolitik in Konjunkturschwächen folgt nie eine ebenso restriktive oder straffe Geld- und Finanzpolitik in konjunkturellen Aufschwüngen. Im Abschwung werden Schulden gemacht, im Aufschwung werden sie aber nicht wieder abgebaut. Die Zentralbanken haben im Abschwung die Leitzinsen gesenkt, im Aufschwung aber nicht ebenso erhöht. Das ist seit mehreren Jahrzehnten und über aufeinanderfolgende Konjunkturzyklen hinweg so. Im Ergebnis sind die realen Zinsen schrittweise nach unten gegangen und die Staatsverschuldung ist schrittweise nach oben geklettert. Die Lasten und die Risiken steigen.“
    – Stelter: Wie es so schön heißt, die tiefen Zinsen heute zwingen zu noch tieferen Zinsen morgen.
  • „Es ist kein Zufall, dass in den globalen Krisen immer stärkere Rettungsmaßnahmen notwendig wurden. Und es gibt Grund zur Annahme, dass die bisherigen Reaktionen beim nächsten globalen Abschwung, in der nächsten Krise, nicht mehr ausreichend sein werden. Erstens kann es sein, dass der nächste Abschwung noch tiefer sein wird als der vorige. Und zweitens ist der Bewegungsspielraum der Geld- und Fiskalpolitik beinahe ganz aufgebraucht.“
    Stelter: Das ist ganz wichtig. Die nächste Krise muss tiefer sein, weil der Leverage höher ist!
  • „Länder, deren Leitzinsen nahe null oder gar negativ sind, haben fast gar keinen Raum für Reaktionen. Und bei einer noch größeren Ausweitung der Bilanzsummen der Notenbanken durch noch mehr Käufe von Wertpapieren wäre sehr zweifelhaft, ob die begrenzten Effekte einer solchen Politik die damit verbundenen Risiken aufwiegen können. Auch für eine kreditfinanzierte fiskalische Expansion wäre nicht mehr viel Spielraum, aus Angst vor heftig negativen Reaktionen der Finanzmärkte bei weiter steigender Verschuldung.“
    Stelter: Es sei denn, die Notenbanken finanzieren das, wovon ich ausgehe und auch White (s.u.).
  • „In so einer Situation würde sehr viel für eine explizite Schuldenrestrukturierung, einen Schuldenschnitt, sprechen. (…) Ein Schuldenschnitt wird von den Gläubigern als schmerzhaft empfunden, aber immerhin kann ein geregelter und schneller Schnitt noch wenigstens einen Teil ihrer Forderungen erhalten.“
    – Stelter: Das sehe ich ganz genauso und brachte dies schon vor fast zehn Jahren in die Diskussion.
  • „Es gibt immer noch keinen internationalen Vertrag, der für Staatsinsolvenzen Regeln festlegt. Es ist auch nicht sicher, dass die Too big to fail‘-Problematik gelöst worden ist. Und es wäre eine gefährliche Illusion zu glauben, dass die neue Regulierung der Finanzinstitute diese immun gemacht hätte. Bei vielen Anleihen fehlen Collective Action Clauses‘ , die eine geregelte Umschuldung erleichtern würden. Ohne solche Klauseln ist die Gefahr chaotischer Fälle groß, in denen einfach der Schuldendienst eingestellt wird. Ohne Klarheit über die Regeln und Schuldenverhältnisse würde sich bei einer neuen Finanzkrise der Abwärtstrend verstärken. Dann ist ein Schuldendeflationsprozess‘ denkbar, wie ihn Irving Fisher in den 1930er-Jahren beschrieben hat.“
    Stelter: Dann wären wir auf dem Weg in die deflationäre Depression, nicht auszumalen, was dann hier los sein würde…
  • „Eine andere Idee, um einer Krise zu begegnen, könnte Helikoptergeld‘ sein: Notenbankgeld, das direkt der Finanzierung von Staatsausgaben dient. Die Gefahr dabei ist aber, dass der Privatsektor das Vertrauen in die Schuldentitel des Staates verliert. Historische Erfahrungen lehren, dass solche Politik plötzlich in Hyperinflation und Kollaps enden kann.“
    Stelter: White erwähnt auch noch die finanzielle Repression, die aber nicht funktioniert.
  • „Ein bequemes Weiter so‘ kann es aber auch nicht geben, angesichts der rekordhohen Schuldenstände. Ein Teil des verliehenen Geldes ist für die Gläubiger wohl einfach verloren, die Forderungen müssen in geordneter Weise abgeschrieben werden. Die Staaten sollten die gesetzlichen Möglichkeiten dafür schaffen. Zugegebenermaßen werden Schuldenschnitte unangenehm, schmerzhaft sein. Aber das Problem zu ignorieren wird auf Dauer zu noch schmerzhafteren Folgen führen.“
    Stelter: Zielsicher beschreiten wir den Weg des maximalen Schadens.

Dr. Daniel Stelter – www.think-beyondtheobvious.com

→ faz.net: „Das Geld ist weg“, 10. Dezember 2018


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