Roboter - Von: Jens Kuu - https://www.flickr.com/photos/sbl/25606415692 - CC BY 2.0

Hilfe, die Roboter kommen

von Jim Kelly
Sie haben sicher schon von der Auto­ma­ti­sie­rungs­welle gehört, die Ihren Job ver­nichten wird. Die War­nungen lauten, dass Fabriken nur noch aus Robotern bestehen werden, die alles her­stellen, ohne dass noch Men­schen gebraucht werden. Fah­rerlose Teslas werden die Wohl­ha­benden durch die Gegend fahren.
Aber was wird dann aus uns arbeits­losen Massen? Werden wir ver­hungern? Werden die Reichen riesige fleisch­fres­sende Staub­sauger-Roboter auf die Straßen los­lassen, um sie vom Abschaum zu säubern, und uns in die Wälder treiben?
Eine Klar­stellung scheint nötig.
Die große Befreiung
Wenn Sie vor ein paar hundert Jahren ein Ame­ri­kaner gewesen wären, hätten sie ungefähr 70 Stunden in der Woche gear­beitet. Die USA waren ein Land von Sub­sis­tenz­farmern, in dem prak­tisch jeder arbeiten musste. Von der Kindheit bis zum Tod mussten die Felder bestellt und die Kühe gemolken werden, wollte man essen. Müßiggang während er Schulzeit? Keine Chance. Ruhe­stand? Ein Luxus, den sich die Men­schen gar nicht vor­stellen konnten.
Aber unsere Ur-urgroß­väter über­legten sich, wie sie ihre Res­sourcen besser nutzen könnten, ins­be­sondere ihre Zeit. Sie erfanden und ver­kauften die Roboter ihrer Zeit – eiserne Ungetüme, die nichts konnten außer eine Welle zu drehen, die eine Spinn­ma­schine antrieb. So begann die Produktivitätsrevolution.
Seitdem haben Maschinen sowohl das Arbei­terheer als auch die Arbeitszeit hal­biert. Heute arbeiten von 329 Mil­lionen Ame­ri­kanern nur 165 Mil­lionen über­haupt. Und der Durch­schnitts­ar­beiter ver­bringt nur 34 Stunden in der Woche mit Arbeiten.
Anders aus­ge­drückt haben moderne Gesell­schaften es geschafft, einen dra­ma­tisch höheren Lebens­standard zu schaffen, während die eine Hälfte über­haupt nicht mehr arbeiten muss, und die andere nur noch halb so lange.
Und gibt es ein Heer von Arbeits­losen? Nicht wirklich, denn Ame­ri­kaner wollen nicht unbe­dingt arbeiten.
Die Hälfte der Arbeiter (49%) mögen ihre Jobs nicht. Von denen, die nicht arbeiten, suchen nur 7 Mil­lionen nach Arbeit (und finden sie im Durch­schnitt innerhalb weniger Monate), und 3 Mil­lionen möchten einen Job, haben aber auf­ge­geben zu suchen. Also arbeiten 161 Mil­lionen Men­schen nicht und scheinen zufrieden damit.
Die nächste Welle der Erleichterungen
Heute ver­spricht künst­liche Intel­ligenz einen neuen Pro­duk­ti­vi­täts­schub, der unseren Lebens­standard auf neue Höhen treibt, und die Anfor­de­rungen weiter senkt. Eines Tages wird nur einer von fünf Men­schen arbeiten müssen, schließlich nur einer von zehn. Gleich­zeitig werden wir einen Lebens­standard genießen, wie er uns heute noch unvor­stellbar erscheint.
Wir Men­schen sind nur schwer zufrie­den­zu­stellen. Einer­seits gefallen uns Ver­än­de­rungen, die unser Leben ver­bessern. Ande­rer­seits mögen wir Sicherheit – den Komfort des Status Quo, oder zumindest eine klare Vor­stellung der Richtung, in die sich die Dinge bewegen.
Deshalb ist die Zahl der sor­gen­vollen Medi­en­be­richte über die kom­mende Auto­ma­ti­sierung ver­ständlich. Welche Jobs aber werden ver­schwinden? Wann? Was werden diese Men­schen dann machen?
Diese Fragen stellen sich zu allen Zeiten immer wieder neu. Die Experten geben ihre Mut­ma­ßungen zum Besten, aber die Tech­no­logie besitzt eine geradezu atem­be­rau­bende Fähigkeit, uns immer wieder zu über­ra­schen, und wir die Fähigkeit, uns anzupassen.
„Wenn wir die Skla­verei abschaffen, wie soll dann die Baum­wolle gepflückt werden?“ Vor ein paar hundert Jahren war das eine wichtige Frage. Die Antwort waren gewaltige Maschinen, die mit einer schwarzen, zähen Flüs­sigkeit aus den Tiefen ferner Wüsten betrieben werden. Aller­dings ließ sich die Frage damals nicht beant­worten. Jeder, der das damals vor­aus­gesagt hätte, wäre für geis­tes­krank erklärt worden.
„Was werden die Sklaven dann machen?“ Das war damals eine weitere berech­tigte Frage, genau wie wir heute fragen: „Was wird aus den Lkw-Fahrern, wenn die Lkws autonom fahren werden?“ Diese Fragen lassen sich eben­falls nicht beant­worten. Die betref­fenden Men­schen sind alle Indi­viduen mit ein­zig­ar­tigen Res­sourcen, Umständen und Wün­schen. Die Auto­ma­ti­sierung wird Ame­rikas 3,5 Mil­lionen Lkw-Fahrer auf 3,5 Mil­lionen unter­schied­liche Arten treffen – sie werde deshalb zwangs­läufig 3,5 Mil­lionen unter­schied­liche Dinge tun. Jede Über­legung, was mit ihnen geschehen wird, ist zunächst einmal stark ver­ein­fa­chende Fiktion.
„Die Roboter kommen, die Arbeits­plätze werden zer­stört.“ Das ist schon an und für sich eine extreme Ver­ein­fa­chung, da Tech­no­logie nor­ma­ler­weise min­destens so viele Türen öffnet, wie sie schließt. Wer hätte vor einem Jahr­zehnt vor­aus­gesagt, dass das Taxi­ge­werbe ver­nichtet werden würde? Und dass das nicht nur für mehr Arbeits­plätze im Beför­de­rungs­ge­werbe (der Mit­fahr­va­riante davon), sondern auch in vie­lerlei Hin­sicht für bessere Jobs sorgen würde? Auf einmal können Men­schen Taxi fahren, die keine Unsummen für eine Taxi­lizenz auf­bringen können, keine 60 Stunden in der Woche fahren wollen, und sich nicht mal in der Stadt aus­kennen müssen.
Wenn die Gesell­schaft einmal dort ange­langt sein wird, dass nur einer von fünf arbeiten muss, wie werden die anderen vier dann essen? Viele sicherlich genauso, wie es die nicht-arbei­tende Hälfte heute schon tut – Eltern unter­stützen ihre Kinder, Erwachsene ihre Eltern, Kapi­tal­an­lagen ernähren Pen­sionäre, Sti­pendien und Kredite Stu­denten, und so weiter. Aber wissen können wir das nicht. Wenn es so weit sein wird, wird es Mil­lionen unter­schied­licher Ant­worten geben und nicht nur wenige einfache.
Die üblichen sozia­lis­ti­schen Programme
Man sollte meinen, dass in einer Zeit, in der selbst die Armen besser leben als damals Rocke­feller, bezahlte Schwarz­maler das­selbe Schicksal ereilt hätte wie Auf­zugs­per­sonal. Aber die Welt­un­ter­gangs­in­dustrie wider­steht der Zeit, genau wie die Schall­platte.
400 Mil­lionen Arbeits­plätze werden bis 2030 ver­schwunden sein, so wird uns erzählt. Hilfe! Alle Mann an Deck! Die Roboter gewinnen! Ver­hee­rende Folgen!
Aber glück­li­cher­weise haben sie ja „Lösungen“ für uns. Und zwar die­selben, die sie für jedes Problem bereit­halten: Mehr Wohl­fahrts­pro­gramme. Mehr öffent­liche Bildung. Staat­liche Arbeits­pro­gramme. Massive Steu­er­erhö­hungen.
Wie üblich ver­wechseln die Gesell­schafts­klempner Sta­tis­tiken mit dem Leben der Men­schen, und das Leben der Men­schen mit einem Labor. Staat­liche Ein­heits­pro­gramme mögen in der Lage sein, die Sta­tis­tiken in die gewünschte Richtung zu bewegen, aber Sta­tis­tiken ermög­lichen keinen Blick auf die ein­zelnen Gewinner und Ver­lierer, die solche Pro­gramme zwangs­läufig schaffen. Unser Leben ist keine Ziffer; man kann es nicht zusammenfassen.
Kann man über­haupt ver­nünf­ti­ger­weise nach dem „Problem“ der Auto­ma­ti­sierung fragen? Die Menschheit strebt seit Jahr­tau­senden nach höheren Lebens­stan­dards und weniger Arbeit. Selbst heute mögen Mil­lionen ihre Jobs nicht, und nun werden Roboter ihnen etwas davon abnehmen. Dabei ver­bessern oder ver­schlechtern sie die Jobs anderer Leute in viel­facher Hin­sicht, die wir vorher weder vor­aus­sagen noch zusam­men­fassen können.
Wir können jedoch sicher sein, dass wir unter dem Strich froh darüber sein werden, dass die Roboter auf­ge­taucht sind. In ein paar Jahr­zehnten werden wir schau­dernd zurück­blicken, wie die Men­schen 2018 gelebt haben. Schaut euch nur all die Leute an, die Arbeiten ver­richtet haben, die sie gehasst haben!
Wer von Ihnen möchte ins Jahr 1975 zurück, als wir in gefähr­lichen Schrott­kisten ohne Kli­ma­anlage her­um­ge­fahren sind und dabei Kas­setten gehört haben? Dachte ich mir. Begrüßen Sie mit mir die nächste tech­no­lo­gische Revolution.


Aus dem Eng­li­schen über­setzt von Florian Senne. Der Ori­gi­nal­beitrag mit dem Titel The Robots are Coming. Don’t Panic ist am 3.1.2019 auf der website der Foun­dation of Eco­nomic Edu­cation erschienen.

Quelle: misesde.org