Eva Herman: Der hohe Preis der Emanzipation

Wie stark diese Thesen der Femi­nis­tinnen in das Leben vieler Frauen ein­griffen, wurde mir bewusst, als ich vor einiger Zeit Birgit traf. Als ich sie ken­nen­lernte, war sie Anfang zwanzig gewesen und ich viel­leicht zwölf oder dreizehn. Es war auf der Geburts­tags­feier meiner Freundin Conny, gerade wurden die Kerzen auf der Geburts­tags­torte ange­zündet, als Birgit damals her­ein­ge­schneit kam, Connys Cousine aus Frankfurt. Birgit mit der lila Latzhose und den frechen Sprüchen. Feu­errot leuch­teten ihre Haare und statt artig »Guten Tag« zu sagen, warf sie sich breit­beinig auf einen leeren Stuhl und sagte: »Was’n das für eine müde Party hier?«
(Von Eva Herman)

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Wir waren sprachlos. Solche Frauen kannten wir zu dieser Zeit nicht, so etwas gab es einfach nicht in unserem kleinen Ort im Harz. Bücher wie Brave Mädchen kommen in den Himmel. Böse kommen überall hin waren noch nicht geschrieben. Wir sahen uns betreten an. So etwas machte man doch nicht, so etwas durfte man doch nicht, oder? Aber im Grunde unseres Herzens fanden wir Birgit unwi­der­stehlich – und hätten wohl alles darum gegeben, um unsere braven karierten Fal­ten­röcke und unsere weißen Knie­strümpfe gegen ihre aus­ge­beulte Latzhose ein­zu­tau­schen, gegen das ver­wa­schene Ringel-T-Shirt und die Gesund­heits­lat­schen, in denen sie trotz des kühlen Wetters barfuß lief. Pippi Lang­strumpf war erwachsen geworden! Eine Außer­ir­dische war das! Und zwar eine sehr ver­gnügte Außerirdische.
Statt Torte zu essen, zündete sich Birgit eine Ziga­rette an. Der nächste Schock. »Kennt ihr den neu­esten Spruch?«, fragte sie uns. »Als Gott den Mann erschuf, übte sie nur.« Es dauerte eine ganze Weile, bis der Gro­schen fiel. Dann erzählte sie, dass sie gerade auf einer Demo gewesen sei, dass sie ein bisschen stu­dierte und nebenbei in einer Kneipe jobbte! Sie wohne in einer WG, vor allem aber betonte sie, dass sie »eman­zi­piert« sei. Eman­zi­piert? Wir hatten nur eine höchst vage Vor­stellung, was es damit auf sich haben könnte. Aber Birgit erklärte es uns auch ohne weitere Auf­for­derung: Die Männer seien alle elende Machos; Frauen müssten ihr Leben selbst in die Hand nehmen, deshalb dürften sie niemals hei­raten. Und mit einem Blick auf die Geburts­tags­torte: »Oder denkt ihr im Ernst, dass ich stu­diere, damit ich mich später hin­stelle und so eine däm­liche Torte backe?«
Das alles ereignete sich Anfang der sieb­ziger Jahre. Was wir nicht ahnten. Weltweit hatte der »Femi­nismus seinen Kampf begonnen. Nicht dort, wo wir lebten, nicht in den Durch­schnitts­fa­milien, sondern an den Uni­ver­si­täten und in der Medi­en­öf­fent­lichkeit. Die Gesell­schaft war im Auf­bruch. Spe­ziell in Deutschland trat eine neue Generation an, die sich vom Schatten des Dritten Reichs befreien wollte, die nach neuen Lebens­formen und neuen Werten suchte.
Schließlich war die Vater­ge­neration gescheitert, so sah man es jeden­falls. Hatten die wenigen Väter der Acht­und­sech­ziger-Generation, die heil aus dem Krieg heim­ge­kehrt waren, nicht »Hurra« geschrien, als Hitler sein Pro­gramm ver­kündete? Oder, geschwiegen? Auch die Mütter taugten scheinbar nicht mehr als Vorbild. Waren sie nicht allesamt sturz­spießige Haus­frauen und ergebene Die­ne­rinnen ihres Mannes und ihrer Familien? Hatten sie nicht »dem Führer Kinder geschenkt«, anstatt eigene Bedürf­nisse zu ent­wi­ckeln? War es nicht an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren?
Birgit war völlig erfüllt von diesen Ideen. Wer weiß, ob sie die Bücher von Simone de Beauvoir über­haupt gelesen hatte, doch das war gar nicht nötig, denn deren Thesen waren schon All­ge­meingut geworden in den Frau­en­gruppen, an denen sie teilnahm. Von nun an war Birgit das Gesprächs­thema Nummer eins für uns. Wir waren alle mit der Vor­stellung auf­ge­wachsen, dass wir einen guten Schul­ab­schluss machen sollten, viel­leicht auch arbeiten, aber dann hei­raten und Kinder bekommen würden. Gerade begannen wir, uns für Jungen zu inter­es­sieren, wir lasen heimlich Bravo und erfuhren, wie man flirtet und was ein »Schmet­ter­lingskuss« ist. Aber offenbar gab es noch andere Mög­lich­keiten, etwas aus seinem Leben zu machen. Und die klangen höchst verlockend.
Durch einen Zufall traf ich Birgit vor ein paar Jahren wieder. Sie war Jour­na­listin geworden und hatte einen Inter­view­termin mit mir ver­einbart. Erst als wir uns gegenüber saßen, erkannte ich sie und sprach sie darauf an. Doch, sie erinnere sich dunkel an den Geburtstag ihrer Cousine Conny, war ihre Antwort. Fast dreißig Jahre waren seitdem ver­gangen. Birgit war jetzt Mitte fünfzig, ihr Haar war immer noch feu­errot, doch stop­pelkurz, sie trug einen grauen Nadel­strei­fen­anzug und Her­ren­schuhe, von ihrer eins­tigen Mun­terkeit und von ihrem Opti­mismus aller­dings war nicht viel übrig­ge­blieben. Sie wirkte müde. Nachdem wir ihre vor­be­rei­teten Fragen abge­ar­beitet hatten, befragte ich sie. Es inter­es­sierte mich, wie es ihr ergangen war.
Zunächst klang alles nach einer Erfolgs­ge­schichte. Sie hatte ihr Studium mit dem Staats­examen beendet, eine Weile als Leh­rerin gear­beitet, und als ihr das zu lang­weilig gewor­den war, hatte sie bei einer Zeitung ange­fangen. Jetzt war sie als freie Jour­na­listin tätig und hielt sich ganz gut über Wasser, wie sie sagte, auch wenn immer mehr junge Kol­legen auf den Markt drängten. »Und sonst?«, fragte ich. Mit großen Augen sah sie mich an. »Was sonst?« Ihr Ton war gereizt. »Na ja, privat. Hast du einen Mann? Eine Familie?« Sie sah mich mit­leidig an. »Nee, das wollte ich doch nie. In den Ehe­knast hat mich keiner gekriegt.« Sie lächelte stolz.
Auf mein hart­nä­ckiges Nach­fragen hin ver­än­derte sich das Bild. Feste Bezie­hungen hatte sie nie gehabt, nur einmal war sie für ein paar Monate zu einem Mann gezogen, hatte je­doch schnell wieder die Flucht ergriffen. »Es wurde mir zu eng«, erklärte sie. »Schon bald nahm er Pascha-Allüren an. Ich wollte frei sein.« Und plötzlich sagte sie: »Das ist eben der Preis. Ich bin immer wäh­le­ri­scher geworden, und jeder Mann hat doch irgendeine Macke. Ich bin lieber einsam, als dass ich Kom­pro­misse mache. Und wenn mir die Decke auf den Kopf fällt, ver­reise ich. Nächste Woche fahre ich zu einem Yogakurs auf Kreta.«
Ein­samkeit. Das war es. Birgit wirkte einsam. Und ich spürte, dass kein Yogakurs und kein noch so span­nendes Berufs­leben diese Ver­las­senheit ver­treiben konnte. Bevor wir uns ver­ab­schie­deten, fragte sie mich noch nach meinem Pri­vat­leben. »Ganz kon­ven­tionell«, sagte ich. »Mann und Kind, steht ja in jeder Zeitung.« Sie seufzte. »Dich hat es immer in die Ehe­falle gezogen, du Ärmste.«
Sie erhielt keine Antwort von mir. Am liebsten hätte ich ihr gesagt, welch ein Irrtum der ewige Kampf gegen die Männer sei, wie schön es sei, sich als Frau zu fühlen, und dass ich über­glücklich sei, Mutter zu sein. Doch das wäre eine Pro­vo­kation gewesen, viel­leicht hätte es Birgit sogar traurig gemacht. Sie wirkte ver­loren, beinahe ver­stört, einen Lebens­mit­tel­punkt schien sie nicht zu haben. Statt­dessen sagte ich nur: »Ich habe das so gewollt.«
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»Frauen wie du sind ein Schlag gegen das, was wir erreicht haben!«, brauste Birgit mit einem Mal auf. »Wir sind dafür auf die Straße gegangen, dass ihr jün­geren Frauen es besser habt. Und was macht ihr? Kinder, Küche, Kirche! Ihr ver­ratet die Frauenbewegung!«
Unser Abschied war kühl. Leider. Aber ich wusste, dass keine Dis­kussion und kein Argument Birgits Lebens­si­tuation mehr ändern konnte. Sie hatte sich längst ent­schieden, und es war eine Straße ohne Wiederkehr.
Ihre Angriffslust machte mich aller­dings nach­denklich. »Ihr« und »wir« – was heißt das eigentlich? Warum tat Birgit so, als hätte sie per­sönlich etwas für mich getan? Warum ließ sie nicht andere Vor­stel­lungen zu? Und was hatte sie in die Waag­schale zu werfen? Ihr eigenes Leben? Nicht eine Sekunde hätte ich mit ihr tau­schen mögen. Die Bilanz ihres Daseins war eine Wirk­lichkeit als einsame Frau, die in der End­los­schleife aus Arbeit und Zeit­ver­treib steckte. Sie hatte ihr Ziel erreicht, sie hatte alles getan, was Frauen wie Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer ver­kündet hatten. Doch war sie damit glücklich geworden?
Wofür das alles? Was hatte sie sich dau­erhaft auf­gebaut? Selbst von einer gelun­genen Kar­riere konnte man nicht sprechen, denn sie hatte ja erwähnt, dass mitt­ler­weile jüngere Kol­legen die Redak­tionen eroberten. Was würde übrig bleiben, wenn sie nicht mehr arbeitete? Wie würde ihr Alter aus­sehen? Wo waren ihre Mit­strei­te­rinnen von einst, wo war dieses »Wir«… ?

Auszug aus dem Best­seller Das Eva-Prinzip von Eva Herman, erschienen 2006
Eva Herman — https://www.eva-herman.net

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