Eva Herman: Es lebe der Unterschied

Auch wenn sich Frauen bemühen, im Berufs­leben so männlich wie möglich auf­zu­treten: Inzwi­schen sind Unter­schiede zwi­schen den Geschlechtern auch zu einem Thema betrieb­licher Führung geworden. Dass weib­liche Fähig­keiten wie Sen­si­bi­lität, Ein­füh­lungs­ver­mögen und Empathie durchaus för­derlich im täg­lichen Mit­ein­ander wirken, hat sich längst her­um­ge­sprochen. Doch pro­du­ziert die von den Femi­nis­tinnen gefor­derte Ein­heits­be­handlung von Frauen und Männern am Arbeits­platz zahl­reiche Miss­ver­ständ­nisse und Konflikte.
Männer nehmen, so hat sich gezeigt, weniger kör­per­sprach­liche Signale wahr als ihre weib­lichen Kol­legen. Erst wenn die Kol­legin einen Wein­krampf bekommt, merken männ­liche Mit­ar­beiter, dass etwas nicht in Ordnung ist. Sie zeigen sich dann meist völlig über­rascht, während die Kol­legin bekennt, sie hätte schon seit län­gerem ver­sucht, Signale aus­zu­senden, diese seien jedoch nicht wahr­ge­nommen worden. Wenn Männer davon aus­gehen würden, dass Frauen anders kom­mu­ni­zieren, könnten solche Miss­ver­ständ­nisse ver­mieden werden. Natürlich gilt dies auch im umge­kehrten Fall.
Wir sollten uns damit abfinden, dass wir als Mann oder eben als Frau zur Welt kommen und damit auch spe­zi­fische Eigen­schaften haben, die wir aus­leben sollten, statt sie zu ver­drängen. Und zwar ohne Vor­be­halte und ohne inneren Wider­stand. Nur, wenn wir uns im Ein­klang mit den Gesetzen der Natur befinden, wenn wir sie erkennen und akzep­tieren, kann das segens­reiche Schöp­fungs­prinzip der mensch­lichen Zwei­ge­schlecht­lichkeit för­derlich für uns und unsere Gesell­schaft wirken.
Wenn ich meine eigenen Fähig­keiten betrachte, wird mir schnell klar, dass meine Stärken weder das Lesen eines Stadt­plans noch eine bril­lante Ori­en­tie­rungs­fä­higkeit sind. Mich stört das nicht, denn es ist bekannt, dass Frauen ten­den­ziell eine geringere Befä­higung zum räum­lichen Denken besitzen, Aus­nahmen bestä­tigen die Regel. Es gibt einige solcher prak­ti­schen Bei­spiele aus meinem Alltag. So emp­finde ich es nicht gerade als das Höchste der Gefühle, Geträn­ke­kisten zu schleppen oder ein defektes Radio zu repa­rieren. Auf die meisten meiner Freun­dinnen trifft das eben­falls zu.
Und so ver­suche ich erst gar nicht mehr, mich in allen Bereichen an Männern zu messen – was das Leben, hat man dieses Gesetz erst einmal akzep­tiert, ent­schieden erleichtert. Es wird Zeit, dass wir so etwas nicht als Schwäche emp­finden, sondern als natur­ge­gebene Tat­sache. Bes­ten­falls nehmen wir es mit Humor.
Populäre Bücher, in denen Frauen augen­zwin­kernd attes­tiert wird, sie könnten nicht ein­parken, und Männern, sie seien wortkarg und von pri­mi­tiven Instinkten gesteuert, mögen auf den ersten Blick kli­scheehaft wirken, dennoch sind ihre Grund­an­nahmen kei­neswegs falsch. Die sati­rische Über­treibung ist lediglich eine unter­haltsame Variante der Erkenntnis, dass es Unter­schiede gibt, die kein noch so hart­näckig ver­folgtes päd­ago­gi­sches Konzept aus­ra­dieren kann.
Das betrifft Frauen wie Männer. »Wann ist der Mann ein Mann?«, fragte Herbert Grö­ne­meyer in einem seiner erfolg­reichsten Songs. Wissen Männer über­haupt noch, wer und was sie sind? Können sie sich ihrer Iden­tität noch sicher sein im Ver­wirr­spiel der Geschlechterrollen?
Grö­ne­meyer schrieb den Song in den acht­ziger Jahren, und auf einmal dis­ku­tierten alle auf­geregt, ob Männer über­haupt noch echte Männer sein können, ob sie es über­haupt noch dürfen. Viele erkannten sich in der Beschreibung Grö­ne­meyers wieder, in Sätzen wie: »Männer haben Muskeln, Männer sind furchtbar stark … Männer sind einsame Streiter; müssen durch jede Wand, müssen immer weiter.«
Dieser Text war auch iro­nisch gemeint, denn »starke Männer« waren gerade out, Kon­junktur hatten die selbst ernannten starken Frauen. Ver­gnüglich war für mich die Beob­achtung, dass die meisten Männer, die ich kannte, diesen Song damals für bare Münze nahmen und das Augen­zwinkern nicht erkennen wollten oder konnten.
Ein glei­cher­maßen amü­santes wie auf­schluss­reiches Bei­spiel kann uns vor Augen führen, wie stark unsere Prä­gungen trotz aller Debatten sind, trotz aller Rol­len­tausch­ex­pe­ri­mente. Stellen Sie sich vor, ein gleich­be­rechtigt mit­ein­ander lebendes Ehepaar liegt nachts im Bett. Beide haben den ganzen Tag gear­beitet, beide sind hun­demüde. Plötzlich hören sie das Geräusch von split­terndem Glas: Ein­brecher! Der Ehemann seufzt: »Schatz, ich hatte einen anstren­genden Tag, schau doch mal nach, was los ist, und treib die Kerle in die Flucht.« Selbst die eman­zi­pier­teste Ehefrau würde wohl nicht mehr lange bei diesem Mann bleiben.
Anthro­po­logen und Bio­logen sind heute in der Lage, uns zu erklären, warum wir gerade in Situa­tionen, wo es »darauf ankommt«, auf geschlechts­spe­zi­fische Muster zurück­greifen – und warum wir Frauen uns bei Gefahr eben einen starken Mann wün­schen. In ver­schie­denen Studien wurden eine Fülle von Situa­tionen ana­ly­siert, in denen sich männ­liche und weib­liche Reak­tionen deutlich von­ein­ander unter­scheiden. Man ver­mutet, dass im Laufe der Evo­lution viel­fältige »Selek­ti­ons­ein­drücke« das geschlechts­be­dingte unter­schied­liche Ver­halten ver­stärkten. Damit soll zum Aus­druck gebracht werden, dass cha­rak­te­ris­tische Eigen­schaften der Geschlechter über längere Zeit­räume hinweg ent­standen sind – und zwar durch ein indi­vi­du­elles Aus­wahl­ver­fahren. Gewisse Merkmale bei Männern und Frauen haben sich dadurch her­aus­ge­bildet, weil sie von dem jeweils anderen Geschlecht bevorzugt wurden.
Das Zusam­men­spiel von jahr­tau­sen­delang erprobten Tätig­keiten, die grund­sätzlich jeweils eher von Männern oder von Frauen bevorzugt wurden, haben deutlich erkennbare Vor­lieben ent­stehen lassen. Das erklärt, warum für Jungen vor­wiegend Spiel­sachen begeh­renswert sind, die ihre Fähig­keiten zur Ver­tei­digung schulen, Mädchen wie­derum üben sich unbe­wusst in der Betreuung und dem Auf­ziehen von Nach­wuchs, wenn sie ihre Puppen in den Arm nehmen. Und es erklärt, warum Frauen Stunden in Schuh­ge­schäften ver­bringen können – der Horror schlichtweg für jeden noch so gedul­digen Partner. Der nämlich stürzt am liebsten in einen Laden, mustert kurz und genau das Angebot und ver­lässt das Geschäft wenige Minuten später wieder mit seiner »Beute«.
Warum exis­tiert dieser fun­da­mentale Unter­schied? Weil Frauen über Jahr­tau­sende hinweg Früchte gesammelt haben, weil sie ver­gleichen und sorg­fältig aus­wählen. Das kostet Zeit. Ihre Neigung, auf das Detail zu achten, tut ein Übriges. Männer dagegen gehen selbst beim Einkauf »auf die Jagd«: Augen­blicklich erobern sie das, was sie brauchen, anschließend ver­lassen sie den Schau­platz des Geschehens genauso schnell, wie sie ihn betreten haben.
Haben Sie sich auch mal gefragt, warum wir Frauen so gern Hand­ta­schen mit uns her­um­schleppen? Und zwar keine win­zigen Etuis, sondern am liebsten geräumige Beutel? Schlendern Sie einmal durch eine Fuß­gän­gerzone und stu­dieren Sie dies­be­züglich Frauen und Männer: Ganz gleich wie alt oder jung, wie leger oder sorg­fältig ange­zogen, aller­orten begegnen uns Frauen mit Taschen, während die Männer mit freien Händen her­um­laufen. Auch dies ist ein Erbe der geschlechts­be­dingten Evo­lution: Da Eva gern sammelt, muss sie immer die Mög­lichkeit haben, ihre Ernte zu ver­stauen, um sie sicher nach Hause zu tragen. Männer dagegen horten nicht, sie beschweren sich ungern mit Ein­kaufs­netzen oder Taschen, weil sie unbe­wusst ver­tei­di­gungs­bereit sein wollen, und das, obwohl die Geld­börse in der Hosen­tasche für Diebe weit bequemer erreichbar ist, als wenn sie in einer Hand­tasche ver­staut wäre.
Ange­sichts solcher Beob­ach­tungen muss es ein ver­geb­liches Unter­fangen bleiben, im Namen moderner Lebens­formen die Geschlech­ter­rollen ändern zu wollen. Erst seit wenigen Jahr­zehnten spielen wir im Selbst­versuch den Rol­len­tausch durch und emp­fehlen Frauen männ­liche Ver­hal­tens­weisen – ein win­ziger Augen­blick in der Geschichte der Menschheit.


Auszug aus dem Best­seller Das Eva-Prinzip von Eva Herman, erschienen 2006

Quelle: Eva Herman