Grüne "Frauen"
Politik

Eva Herman: Frauen gegen Frauen – Emanzen vs. Nicht-Feministinnen

24. Februar 2019

Das erregte Unterscheiden zwischen einem »Ihr« und einem »Wir« in der Emanzipations-Debatte ließ mich nicht los. Mittlerweile scheint mir dieses »Wir« der frauenbewegten Kämpferinnen recht anmaßend. Denn es bezieht sich letztlich auf eine kleine Gruppe, die beansprucht, für alle anderen Frauen Entscheidungen treffen und zwischen richtig und falsch unterscheiden zu können. Und es beschleicht mich das Gefühl, dass die Aggressivität, mit der diese kleine Gruppe den Nicht-Feministinnen oder »ganz normalen Frauen« begegnet, aus einer tiefen Lebensenttäuschung gespeist wird.

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Das aber würden die selbst ernannten »Emanzen« niemals zugeben. Frauen wie Birgit müssen darauf beharren, alles richtig gemacht zu haben, weil sonst ihre Daseinsberechtigung in sich zusammenbrechen würde. Sie können aus diesem Grund nicht eingestehen, dass die Frauenbewegung Leitbilder geschaffen hat, die weder Frauen noch Männern ein besseres Leben verschaffte, Leitbilder, die die Ehe zerstörten, den Kinderwunsch als falsches Bewusstsein entwerteten und die Familie an den Pranger stellten.

Hier soll kein falsches Bild entstehen. Natürlich gibt es entscheidende Verbesserungen, die uns die sogenannte Emanzipation gebracht hat. Befreiung von sexueller Gewalt, von politischer Ungleichbehandlung, von der Missachtung von Frauen, hinzu kommt die Selbstverständlichkeit des Wahlrechts und die einer besseren Ausbildung. Doch sind diese Errungenschaften nicht alle das Ergebnis militanter Feministinnen, sondern zum Teil bereits im Grundgesetz als Menschenrechte verankert. Die Vermischung dieser wichtigen Entwicklungsschritte, inklusive einer Vermännlichung der Frau, einem Konkurrenzverhalten gegenüber den Männern und der Abschaffung von Weiblichkeit und Mütterlichkeit führte uns zu den Missständen, die der Anlass zu diesem Buch waren.

Es gab wütende Proteste von Seiten der Feministinnen, als einige Frauen aus dem Umfeld von Bündnis 90/Die Grünen 1987 das »Müttermanifest« veröffentlichten. Vorausgegangen war ein Kongress, an dem rund 500 Mütter und 200 Kin­der teilgenommen hatten, unterzeichnet hatten das Manifest unter anderem Antje Vollmer und Christa Nickels. Das »Müttermanifest« sprach aus, was damals noch wenige zu sagen wagten: dass die Frauenbewegung aus dem »Ghetto der Nicht-Mütter« und dem »Aquarium der Karrierefrauen« komme und dass sie letztlich kinderlose Frauen zum Vorbild erhebe. Das sei nicht nur eine beispiellose Ignoranz gegenüber den Müttern, es sei auch verhängnisvoll für die ganze Gesellschaft. »Das Wissen von Müttern, von den Werten, die sie im Zusammenleben mit ihren Kindern erleben und Iernen, fehlt überall im öffentlichen Bewusstsein«, hieß es weiter in dem Manifest. »Die Erfahrung von Schwangerschaft und Geburt, das Erleben des Heranwachsens und Heranreifens junger Menschen unter unserer Obhut gibt Müttern die Chance, den inneren Zusammenhang zwischen Mensch und Natur täglich neu zu spüren.«

Man kann sich vorstellen, was Birgit zu diesem Manifest gesagt hätte, um zu ermessen, wie heftig die Reaktionen der emanzipierten Schwestern waren. Die wetterten denn auch prompt, hier gehe es um die Reaktivierung eines altmodischen Frauenbildes. Dabei trafen viele Äußerungen des Manifests sie sicherlich mitten ins Herz. Denn es wurde auch die Aufwertung der »bunten und lebensfrohen Welt« von Müttern und ihren Kindern gefordert und eine Abwertung der Erwerbsarbeit. Bunt und lebensfroh? Ohne Berufstätigkeit? Das ist sicherlich das Letzte, was Feministinnen mit der Mutterschaft verbinden, in der sie, dank Simone de Beauvoir, die Versklavung der Frau wittern.

So hat denn auch das »Müttermanifest« politisch wenig bewirkt, viel zu wenig. Quer durch die Parteien waren längst Frauen und Männer an der Macht, die das gesamte Repertoire der Frauenbewegung verinnerlicht hatten. Was nützte es da, dass im Manifest beklagt wurde, eine kinderlose Gesellschaft sei dazu verurteilt, »anonym« und »institutionalisiert« zu werden? Selbst als der Verfassungsrechtler Paul Kirchhof in einem Spiegel-Interview vom August 2005 sagte, dass »Mütter und nicht Manager und nicht Minister« die Welt humaner machen könnten, verhallte diese Mahnung.

Und noch etwas musste die Feministinnen am »Müttermanifest« stören: der Hinweis auf den Zusammenhang von Mensch und Natur. Genau das war seit Anbeginn der Frauenbewegung abgelehnt worden. Im Windschatten des Feminismus hatte sich Anfang der siebziger Jahre an den amerikanischen Universitäten ein neuer Forschungszweig etabliert, die Gender Studies. Ihre Ausgangsposition war wiederum eine Variation des sattsam bekannten Satzes von Simone de Beauvoir, dass man nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht werde. Im Sprachgebrauch der Gender Studies hörte sich das jetzt so an: Es gebe zwar biologisch gesehen männlich und weiblich, doch das Geschlecht mit allen seinen Neigungen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen sei ausschließlich kulturell erlernt, es sei ein »soziales Geschlecht«. Unter diesem Aspekt wurde nicht nur der gesamte Wissenschaftsbetrieb als männerfixiert abgelehnt, fortan galt die Natur mehr als Schimpfworf denn als Grundlage des Seins.

Wie gesagt: Alle diese Theorien wurden von wenigen Frauen entwickelt, die sich mehr oder weniger in einer Nische der Gesellschaft aufhielten, von dieser aus aber alle Frauen beeinflussen wollten. Teilweise ist ihnen das auch gelungen. Dafür könnte die Tatsache sprechen, dass Akademikerinnen weniger Kinder bekommen als andere Frauen: Dazu gehört auch die Beobachtung, dass die Berufsfeministinnen gemessen an ihrer geringen Zahl immensen politischen Einfluss hatten. Sie handelten nach der Strategie: Erst fordern wir Frauenbeauftragte, dann machen wir den Job. Dies war ein geschlossenes System: Heute gibt es auch an deutschen Universitäten eine große Anzahl von Forschungsstellen und Studienschwerpunkten zum Thema »Gender Studies«. Was geben sie uns? Welche Erkenntnisse werden gewonnen, die den Frauen wirklich zugutekommen? Das sind Tabufragen.

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»Ich glaube, die Frauenbewegung als solche existiert überhaupt nicht«, hatte Katharina Rutschky in jenem anfangs zitierten Interview gesagt. »Es gibt nur den Staatsfeminismus auf der einen Seite, also Gleichstellungsbeauftragte, Frauenministerien und Frauenquoten. Und auf der anderen Seite gibt es die autonome Frauenszene.« Mit anderen Worten: Es habe nie eine Frauenbewegung gegeben, die diesen Namen verdiene, sondern nur einige wenige Frauen, die es schafften, sich clever in Szene zu setzen, mit Büchern, Zeitschriften und Talkshow-Auftritten, mit politischen Ämtern und Posten – und die von dieser Sonderstellung kräftig profitierten. Aber daneben gibt es die namenlosen Opfer wie Birgit, die nahezu gläubig und mit besten Absichten diesen Damen folgten, ohne zu bedenken, dass sie laut und fröhlich auf einen Abgrund zuliefen.

Und schlimmer noch: Mehr und mehr Frauen sind anzutreffen, die zwar nicht der autonomen Frauenszene angehören, für die der Feminismus aber gesellschaftsfähig geworden ist, ohne dass sie sich als Feministinnen bezeichnen würden. Sie sind die Enkelinnen Simone de Beauvoirs, sie praktizieren einen »Feminismus light«. Tief verinnerlicht haben sie die Kriegserklärungen an die traditionelle Frauenrolle, sind getragen von einem grundsätzlichen Misstrauen gegen die Männer, glauben, sich einzig durch Berufstätigkeit einen Selbstwert geben zu können und ertragen den Gedanken an Mutterschaft nur, wenn sie sicher sein können, neben dem Kind auch eine Arbeit zu haben. Empfindung und Gespür für die menschlichen Prioritäten sind ihnen abhandengekommen.

Bringen wir es auf den Punkt: Diesen Frauen hat der Feminismus sehr viel genommen, gegeben aber hat er ihnen nur die Nachahmung der männlichen Rolle. Und wie sieht der Alltag dieser Frauen aus? Sie leben in einer gefährlichen Schizophrenie: Im Beruf müssen sie forsch und fordernd sein, dem Kind gegenüber sollen sie weibliche Muster reaktivieren, und was das Verhältnis zum Mann betrifft, finden sie sich zwischen allen Stühlen wieder. Nichts passt mehr zusammen: Sie erziehen Männer und Söhne zu »Sitzpinklern«, mögen aber andererseits keine Softies. Sie fordern von Männern Hausarbeit, wollen aber trotzdem einen Strauß Rosen zum Hochzeitstag. Sie wissen, dass das Weibliche sie begeh­renswert macht, dürfen das aber nicht vorbehaltlos ausleben, weil sie sich sonst zum Püppchen herabgewürdigt fühlen. Fast scheint es so, als sei es nie so schwierig gewesen wie heute, eine Frau zu sein.

Die Konflikte sind vorprogrammiert, seit Alice Schwarzer in ihrem Buch Der »kleine Unterschied« und seine großen Folgen die These von der immer und überall unterdrückten und unfreien Frau präsentierte. Sie behauptete, dass Frauen grundsätzlich eine Lebensproblematik hätten. Es sei ein »Stigma«, von der Gesellschaft zur Frau gemacht zu werden; also müsse man sich aller Verhaltensweisen und Eigenschaften entledigen, die eine Frau zur Frau macht.

Niemand störte sich daran, dass Schwarzer für ihr Buch siebzehn Frauen aus ihrem Umfeld interviewt hatte. Siebzehn Frauen, war das repräsentativ? Und wenn diese aus Schwarzers Bekanntenkreis stammten, standen sie dann wirklich stellvertretend für die Mehrheit der Frauen? Selbstverständlich wirkte Der »kleine Unterschied« und seine großen Folgen erst einmal authentisch: Lebendige Einzelschicksale, dagegen ist wenig zu sagen. Doch die Authentizität wirkt aus heutiger Sicht inszeniert, und die Schlüsse, die Schwarzer aus den Gesprächen zieht, zeigen, dass die Interviews nicht ohne Kalkül geführt wurden. Vielmehr waren sie Beweise für das, was sie eigentlich sagen wollte.

Im zweiten Teil des Buches stellte Schwarzer die weitere These auf, dass nicht allein die Herrschaft der Männer, sondern auch die Sexualität ein Instrument der Unterdrückung sei. In diesem Zusammenhang verwendete Alice Schwarzer das Wort »Zwangsheterosexualität«. Allen Ernstes versuchte sie zu behaupten, Liebe und Sexualität zwischen Mann und Frau seien nichts weiter als ein kulturell erlernter Zwang. Nur so lasse sich die Männerfixierung und die bereitwillige Unterwerfung der Frau unter den Mann erklären. Und im dritten Teil wurden Berufstätigkeit und Emanzipation nahtlos miteinander verschweißt. Damit hatte sie getreulich die wichtigsten Gedanken von Simone de Beauvoir übernommen und sie mit dem Kolorit ihrer eigenen Erfahrungen lebensecht eingefärbt.

Es gibt durchaus Verdienste, die dem Feminismus unmittelbar zugeschrieben werden können. Dazu gehört die Einrichtung von Frauenhäusern, in die sich misshandelte Ehefrauen mit ihren Kindern flüchten können. Dazu gehört auch die Aufklärung über sexuellen Missbrauch von Mädchen, die sich bei Initiativen wie »Wildwasser e.V.« beraten lassen kön­nen. Und ganz bestimmt ist es anerkennenswert, gegen die Klitorisbeschneidung von jungen Frauen in Afrika zu protestieren, eine grausame Verstümmelung, die körperliche und seelische Verletzungen unvorstellbarer Art nach sich ziehen.

Doch alle diese Aktivitäten beziehen sich auf eklatante Missstände. Die zulässige Grenze feministischen Denkens wurde dort überschritten, wo die Normalität als krimineller Zustand behandelt wurde, wo Paarbeziehungen von vornherein als Formen der Unterdrückung betrachtet wurden und Kinder als Fußangel, in der Frauen hängen bleiben. Frausein ist eine Last, eine Knechtschaft, Frauen sind Verlierer, das war die Botschaft. Also sollte man sich vorbehaltlos am Mann orientieren. Ist das die gerühmte Befreiung? Den in Grund und Boden kritisierten Mann zu imitieren? Das Weibliche in sich zu verdrängen und das Männliche herauszukehren? Mit welchem Recht und mit welchen Argumenten eigentlich wurde den Frauen ihre Weiblichkeit ausgeredet?

Nicht nur Kritikern, auch ein paar aufgeweckten Feministinnen selber fiel auf, dass sowohl die Gender Studies als auch die Thesen der Frauenbewegung einen logischen Schönheitsfehler hatten. Einerseits beharrte der »Gleichheitsfeminismus« darauf, Frauen seien wie Männer oder sollten sich an Männern orientieren, andererseits wurde eine »Frauenkultur« gepriesen, die darauf hinauslief, dass Frauen anders denken, anders empfinden, anders handeln und im Grunde die besseren Menschen seien. So titelte der Stern 2006: »Frauen – die besseren Chefs. Was Männer von ihnen lernen können.« Geschrieben war der Artikel von einer Frau.

Was will der Feminismus wirklich? Sollen Frauen nun männlicher werden oder sollen sie sich auf ihre weiblichen Stärken besinnen? Auf der einen Seite wurde propagiert, Frauen sollten »Frauennetzwerke« gründen, sich mit weiblicher Intelligenz gegen die Männerwelt verbünden, auf der anderen Seite legte der Feminismus nahe, wie Männer zu handeln.

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Eine Lektion haben viele Frauen jedenfalls prompt umgesetzt: Sie haben von den Männern gelernt, wie man angriffslustig mit seiner Umwelt umgeht, wie man kämpft, wie man Ansprüche anmeldet. Alle traditionellen Umgangsweisen waren nun als Ausdruck von Machtverhältnissen definiert, nichts durfte mehr so sein wie zuvor. Ein bisschen wirkte das wie der Protest von Pubertierenden, die gegen die Eltern rebellieren. Statt zu prüfen und abzuwägen, welche Dinge denn möglicherweise erhaltenswert sind, wurde in Bausch und Bogen alles abgewertet, was konventionell wirkte. Das erinnert auch an die Trotzreaktion Simone de Beauvoirs, die aus der Erfahrung des Abgelehntwerdens die Welt ihrer Eltern fortan bekämpfte.

Vollends problematisch wird die Sache, wenn man erfährt, dass Simone de Beauvoir 1971 in Frankreich die öffentliche Erklärung »J’ai avorte« (»Ich habe abgetrieben«) unterschrieb, eine Aktion, die Alice Schwarzer begeistert beklatschte und im selben Jahr in Deutschland kopierte, mit dem schon erwähnten Stern-Titel: »Wir haben abgetrieben!« Man kann die fatale Bedeutung des Kampfes für die Legalisierung der Abtreibung gar nicht hoch genug einschätzen, wenn man sich mit dem Feminismus beschäftigt. Denn es ging dabei ja nicht nur um die Straffreiheit des Schwangerschaftsabbruchs, es ging auch darum, ihn als harmlos herunterzuspielen, als sei das nur wie ein Zahnarztbesuch.

Warum gingen die Feministinnen nicht für kostenlose Kondome auf die Straße, wenn sie denn schon kinderlos bleiben wollten? Warum demonstrierten sie nicht für mehr Aufklärung über Schwangerschaftsverhütung? Gerade die Proteste gegen den Paragraphen 218 enthüllen ein zutiefst bedrohliches Moment der Frauenbewegung. Es war nicht nur der überaus feindselige und ablehnende Umgang mit einem ungeborenen Kind, es war auch die wenig einfühlsame Auseinandersetzung mit uns Frauen. Ist das ungeborene Leben nicht ein Teil von uns? Wird bei einer Abtreibung nicht ein Stück von uns zerstört?

Die Diskussion um den Paragraphen 218 schien beendet, als die Abtreibung prinzipiell straffrei zugelassen wurde! Doch so ist es nicht. Heute weiß man aus der »Post-Abortion«-Forschung, die sich mit den Folgen von Abtreibungen beschäftigt, dass ein Schwangerschaftsabbruch in den Biografien der meisten Frauen eine seelische Schädigung hinterlässt: Oft trauern Frauen ein Leben lang um das verlorene Kind, und es ist belegt, dass die meisten Beziehungen danach scheitern.


Auszug aus dem Bestseller Das Eva-Prinzip von Eva Herman, erschienen 2006

Eva Herman – https://www.eva-herman.net

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