70 Jahre Nato: Das rus­sische Außen­mi­nis­terium zieht eine ver­nich­tende Bilanz

Bei der wöchent­lichen Pres­se­kon­ferenz des rus­si­schen Außen­mi­nis­te­riums habe ich mich heute mehrmals heftig kneifen müssen. Nein, es war kein Traum: Die Spre­cherin Maria Sacharova hat heute wirklich kein Blatt vor den Mund genommen. 
(Von Thomas Röper)
Sie hat das Treffen der Nato-Außen­mi­nister in Washington zum 70. Jubiläum zum Anlass genommen, eine absolut scho­nungslose Bilanz der Nato-Geschichte zu ziehen und die heutige Nato-Politik in einer Deut­lichkeit zu kri­ti­sieren, die ich von ihr so mas­siert noch nicht gehört habe. Diese absolut bemer­kens­werte Erklärung zu den drei Themen „70 Jahre Nato“, „pro­vo­kante Rede von Gene­ral­se­kretär Stol­tenberg vor dem US-Kon­gress“ und „Budget des US-Außen­mi­nis­te­riums für 2020“ habe ich in einem Stück über­setzt, da sie in der Pres­se­kon­ferenz auch direkt nach­ein­ander folgten.
Beginn der Übersetzung:
Am 4. April 1949 wurde in Washington der Nord­at­lan­tik­vertrag unter­zeichnet, der den NATO-Block gegen die Sowjet­union schuf. Die Sowjet­union gibt es schon fast 30 Jahre nicht mehr, aber die NATO exis­tiert weiter und die Ziele und die Methodik haben sich nicht geändert.
Zudem tut die NATO alles, um selbst die wich­tigste geo­po­li­tische Gefahr dar­zu­stellen. Die Rhe­torik des Kalten Krieges ist zurück­ge­kehrt, modernste Waffen werden nach Ost­europa geliefert, die mili­tä­rische Infra­struktur wird in der Nähe der rus­si­schen Grenzen moder­ni­siert. Die Mili­tär­aus­gaben der Länder des Blocks wachsen von Jahr zu Jahr und über­steigen den rus­si­schen Ver­tei­di­gungs­haushalt um mehr als das 20-fache. In den Haupt­städten der Allianz spricht man vom „Wett­bewerb“ zwi­schen den füh­renden Mächten, und Russland, zusammen mit China, wird als wich­tigster Rivale des Westens genannt. Die jüngsten Äuße­rungen in Washington, wo sich die Nato-Außen­mi­nister derzeit treffen, zeigen, dass das Bündnis nicht auf­hören wird, die Lage in Europa weiter zu eskalieren.
Diese Eska­lation der mili­tä­risch-poli­ti­schen Span­nungen haben nicht wir gewollt. Unsere Bereit­schaft für eine kon­struktive Zusam­men­arbeit, auch mit der NATO, ist bekannt. Drei Jahre nach der Aggression gegen Jugo­slawien im Jahr 1999 wurde ein neuer Mecha­nismus geschaffen, der auf den Prin­zipien der Gleichheit und des Kon­senses beruhte, der NATO-Russland-Rat. In diesem Rahmen schob die rus­sische Seite nütz­liche, gemeinsame Pro­jekte an und ent­wi­ckelte den poli­ti­schen Dialog. Darüber hinaus haben Russland und die NATO 2010 auf dem Gipfel von Lis­sabon ihren Wunsch nach einer echten stra­te­gi­schen Part­ner­schaft geäußert.
Doch das Bündnis war nicht bereit zu gleich­be­rech­tigten Bezie­hungen. Der Wunsch nach Exzep­tio­na­lismus erwies sich als stärker. Ein halbes Jahr nach Lis­sabon begann die NATO das libysche Aben­teuer und zer­streute damit alle Illu­sionen über ihre Treue gegenüber dem Völ­ker­recht.
Das Hauptziel der NATO ist es nun, die ost­eu­ro­päi­schen Ver­bün­deten vor der soge­nannten „rus­si­schen Bedrohung“ zu schützen, indem man die Region mit Waffen flutet, aktiv Manöver durch­führt und offensive Sze­narien aus­ar­beitet. Eine seltsame Methode der „Ent­span­nungs­po­litik“, wenn man zuerst allen Angst einjagt und dann die Region in ein Pul­verfass verwandelt.
Es macht keinen Spaß, über die „Erfolge“ der NATO in der Mili­tär­ge­schichte zu sprechen. Jugo­slawien, Afgha­nistan, Libyen – die Ope­ra­tionen der Allianz brachten überall nur Chaos, Ver­wüstung und zivile Opfer. Und auch die füh­renden Länder, die dort den Ton angeben, allen voran die USA, haben nichts Gutes gebracht.

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Die Aus­weitung der NATO auf ost­eu­ro­päische Länder hat denen keine Sicherheit gebracht, sondern im Gegenteil neue Risiken geschaffen. Zudem hat sich das Bündnis, das sich als „Wer­te­ge­mein­schaft“ posi­tio­niert, im Bereich der Freiheit und Demo­kratie nicht mit Ruhm bekle­ckert. Ein Bei­spiel dafür ist, dass sich die Situation der Men­schen­rechte im Bal­tikum nicht ver­bessert, sondern nur noch mehr ver­schlechtert hat, als die Regie­rungen dieser Länder dem Block bei­traten. Seitdem scheinen sie jedes Maß ver­loren zu haben und kei­nerlei Kon­se­quenzen mehr zu fürchten.
Was können wir also der NATO zum 70-jäh­rigen Jubiläum wün­schen? Innere Ruhe, weniger Ner­vo­sität und dass sie nicht mehr anderen ihre obses­siven Ideen und Phobien auf­drängen. Man möchte ihr Weisheit wünschen.
In seiner Rede vor dem US-Kon­gress stellte NATO-Gene­ral­se­kretär Stol­tenberg Stalin, Hitler und den IS in eine Reihe: Er sagte, dass man „Stalin nicht mit Worten auf­halten konnte.“ Er hat ver­sucht, eine absurde his­to­risch-logische Kette aufzubauen.
Hohe Ver­treter des rus­si­schen Außen­mi­nis­te­riums haben diese dummen Aus­sagen bereits kom­men­tiert. Ins­be­sondere der stell­ver­tre­tender Minister für aus­wärtige Ange­le­gen­heiten der Rus­si­schen Föde­ration Gruschko hat darauf hin­ge­wiesen, dass nach der Erklärung ihres Lands­manns „in Nor­wegen, das die Rote Armee von der Nazi-Besatzung befreit hat, gestern viele aus Scham im Boden ver­sunken sind“.
Ich möchte diese elo­quente Bewertung um zwei Punkte ergänzen.
Erstens lobte das nor­we­gische Volk den Beitrag der Roten Armee zur Befreiung seines Landes. Ich denke, das Problem ist, dass sie heute alle nur schlecht gebildet sind. Die Qua­lität der west­lichen Bildung ist ein großer Mythos, wie wir am Bei­spiel von Groß­bri­tannien sehen. Viele west­liche Poli­tiker geben absurde und dumme Aus­sagen von sich, die nichts mit der Rea­lität zu tun haben. Ich möchte daran erinnern, dass der nor­we­gische König Haakon VII. am 26. Oktober 1944 im Radio sagte: „Wir haben mit Bewun­derung und Begeis­terung den hel­den­haften und sieg­reichen Kampf der Sowjet­union gegen unseren gemein­samen Feind ver­folgt. Die Pflicht und Schuld eines jeden Nor­wegers ist es, unseren sowje­ti­schen Ver­bün­deten maximal zu unter­stützen.
Der Gene­ral­se­kretär der Allianz ist Nor­weger. Außerdem hoffe ich, dass er weiß, dass die Rote Armee die nörd­liche Region seines Landes, die Ost-Finnmark, von den faschis­ti­schen Inva­soren befreit hat. Im Zuge dieser Ope­ration starben 2.122 sowje­tische Sol­daten auf dem Ter­ri­torium Nor­wegens. Wie soll man diese Aussage dieses Mannes ein­schätzen, der einer­seits eine große, welt­weite mili­tä­risch-poli­tische Struktur leitet und ande­rer­seits ein Poli­tiker ist?
Zweitens, wenn Stol­tenberg sich um das Schicksal der Welt, um die Zivil­be­völ­kerung, um das Leid der Völker sorgen würde, wäre es wahr­scheinlich ange­bracht, da er im US-Kon­gress sprach, an Prä­sident Clinton und an NATO-Gene­ral­se­kretär Solana zu erinnern, die für die Bom­bar­dierung Jugo­sla­wiens ver­ant­wortlich sind. Wie sind ihm die beiden aus seiner logi­schen Kette gefallen? Gerade über sie hätte er sprechen müssen. Wie sie Bomben auf Zivi­listen geworfen haben. Auch wurde kein Wort über die Rolle der NATO, ins­be­sondere der USA und anderer west­licher Länder, in Libyen ver­loren. Oder über Bush, den Irak und über Hun­dert­tau­sende Tote. Über Herrn Bush hat Stol­tenberg kein Wort gesagt, das wäre aber nötig gewesen. Ich sehe das als Resultat seiner schlechten Bildung. 
Wir gehen jetzt auf den Haus­halts­entwurf des ame­ri­ka­ni­schen Außen­mi­nis­te­riums für 2020 ein, der letzte Woche von Außen­mi­nister Pompeo dem Kon­gress vor­gelegt wurde. Mehr als die Hälfte davon soll für „Aus­lands­ope­ra­tionen“, soge­nannte Militär-und Wirt­schafts­hilfe für aus­län­dische Staaten, aus­ge­geben werden. „Helfen“ wollen sie vor allem im Kampf gegen den „ver­derb­lichen Ein­fluss“ Russ­lands. Laut Pompeo ist das die oberste Prio­rität des Budgets des US-Außen­mi­nis­te­riums. Ehrenvoll „helfen“ wollen sie auch bei der Bekämpfung Chinas, das – nach uns natürlich – die Spitze der schreck­lichsten Her­aus­for­de­rungen und Bedro­hungen von heute dar­stellt. Weiter findet sich auf der Liste die „fried­liche Wie­der­her­stellung der Demo­kratie“ in Venezuela.
Ihre Frie­dens­liebe ist ein beson­deres Merkmal unserer ame­ri­ka­ni­schen Partner. Pompeo merkte „fried­liebend“ an, dass alle, die eine „Nie­derlage der Mafia von Maduro“ ver­hindern, „ent­schlossene“ Reak­tionen erwartet. Nicht weniger „fried­liebend“ wollen die USA den Kurs des „maxi­malen Drucks“ auf den Iran fort­setzen, der „eine unver­mindert wach­sende Gefahr“ dar­stelle. Aber für den Wie­der­aufbau von Syrien werden die Mittel selektiv bereit­ge­stellt, das Land wird in „hilfs­würdige“ Teile und solche, die keine Hilfe ver­dienen, auf­ge­teilt. Das ist Selek­ti­vität. Es gibt gute und schlechte Ter­ro­risten, gemä­ßigte und nicht-gemä­ßigte Kämpfer. So wird es auch mit der Zivil­be­völ­kerung gemacht, die einen ver­dienen finan­zielle Unter­stützung und andere sollen weiter leiden.
Offenbar wird der Rest des Geldes für das Militär aus­ge­geben, das wir noch gar nicht dis­ku­tiert haben. Aus der Sicht Washingtons kann man in Frieden leben oder in den Frieden gebombt werden.
So ist der Haus­halts­entwurf des US-Außen­mi­nis­te­riums ein wei­terer völlig offener und scham­loser Plan, um sich in die inneren Ange­le­gen­heiten einer Reihe von Ländern ein­zu­mi­schen. Die USA haben ihre unver­zeih­lichen welt­weiten Aktionen seit langem mit schönen Begriffen wie „natio­nalen Sicher­heits­in­ter­essen“ kaschiert. Auch dieses Mal ist es wieder das Gleiche.
Lassen Sie mich daran erinnern, dass die USA einst den afgha­ni­schen Kämpfern geholfen haben, um dann selbst unter ihrem Angriff zu leiden. Washington ver­achtet das Völ­ker­recht wie niemand sonst und erschüttert die Sta­bi­lität der Welt, wofür enorme Summen aus­ge­geben werden.
Ende der Übersetzung
Wenn Sie sich dafür inter­es­sieren, wie Russland auf die Fragen der inter­na­tio­nalen Politik blickt, dann sollten Sie sich die Beschreibung meines Buches ansehen, in dem ich Putin direkt und unge­kürzt in langen Zitaten zu Wort kommen lasse. Über die Politik des Westens und der Nato hat er sich immer wieder ähnlich deutlich geäußert, was sehr lesenswert ist, da Putin dies oft mit Humor sagt.
 

Thomas Röper — www.anti-spiegel.ru
Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Ost­europa in ver­schie­denen Ver­si­che­rungs- und Finanz­dienst­leis­tungs­un­ter­nehmen in Ost­europa und Russland Vor­stands- und Auf­sichts­rats­po­si­tionen bekleidet, bevor er sich ent­schloss, sich als unab­hän­giger Unter­neh­mens­be­rater in seiner Wahl­heimat St. Petersburg nie­der­zu­lassen. Er lebt ins­gesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwer­punkte seiner medi­en­kri­ti­schen Arbeit sind das (mediale) Russ­landbild in Deutschland, Kritik an der Bericht­erstattung west­licher Medien im All­ge­meinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.
Thomas Röper ist Autor des Buches „Vla­dimir Putin: Seht Ihr, was Ihr ange­richtet habt?“