Politik

Unbeachtet von den deutschen Medien: Im Kosovo drohen bewaffnete Unruhen

3. Juni 2019

Im Kosovo spitzt sich die Lage völlig unbeachtet von den deutschen Medien zu. Derzeit läuft auf von Serben bewohntem Gebiet im Kosovo eine Spezialoperation kosovarischer Einheiten, und Serbien hat seine Armee in höchste Alarmbereitschaft versetzt.

Spezialtruppen des Kosovo sind in den serbisch bewohnten Teil von Mitrovica eingedrungen und führen dort Razzien und Verhaftungen durch. Die Bevölkerung hat mit dem Bau von Barrikaden reagiert, und es sollen Schüsse zu hören sein. YouTube-Videos aus Mitrovica von heute zeigen bewaffnete Polizisten, Panzerwagen und es sind Sirenen zu hören. Als Reaktion hat Serbien am frühen Morgen seine Armee in volle Alarmbereitschaft versetzt.

Hier bestellen!

Heute morgen sagte der serbische Präsident Vucic im Radio, dass Serbien zwar ruhig reagieren werde, aber dass es sein Volk schützen werde. Nach seinen Angaben will die kosovarische Regierung 26 serbische Polizisten und 15 Zivilisten verhaften, der Vorwand seien Korruptionsvorwürfe, in Wirklichkeit gehe es aber darum, den Serben in diesem Teil des Kosovo ihre Polizei und damit ihren Schutz vor Willkür durch Kosovaren zu nehmen. Später am gleichen Tag meldete Vucic vor dem serbischen Parlament die Festnahme von 28 Serben durch kosovarische Einheiten, davon 19 Polizisten und 9 Zivilisten.

Auch ein russischer Mitarbeiter der UN-Mission im Kosovo wurde vorübergehend festgenommen, aber einige Stunden später wieder freigelassen.

Die Nato, die im Kosovo seit 20 Jahren Demokratie und Wohlstand bringt, hat dazu mitgeteilt, dass es sich um eine polizeiliche Operation der kosovarischen Behörden handle, und dass die Nato nicht eingreifen werde, solange sie nicht zur Hilfe gerufen werde.

Der serbische Präsident wurde später mit den Worten zitiert:

„Wir verteidigen den Frieden um fast jeden Preis.“

Bei diesen Worten habe ich mich sofort an die Worte des serbischen Verteidigungsministers erinnert, dessen Rede ich auf der Moskauer Sicherheitskonferenz gehört habe. Er benutzte ähnliche Worte:

„Für den Frieden geben wir viel, für unsere Freiheit aber geben wir alles!“

Man kann also davon ausgehen, dass dies die offizieller Linie Serbiens ist und dass Serbien tatsächlich eine Rote Linie hat. Vor diesem Hintergrund muss man abwarten, wie weit der Kosovo gehen wird, den Serbien ja immer noch als abtrünnige Provinz ansieht und nicht als selbständigen Staat. Wenn die Nato einen bewaffneten Konflikt verhindern will, wird sie wohl auf die kosovarische Regierung einwirken müssen, damit die Lage nicht eskaliert, denn es gab in diesen Tagen auch Erklärungen aus dem Kosovo, dass man sich Albanien anschließen und ein Großalbanien schaffen wolle.

Großalbanien ist ein Gebilde, dass die albanischen Nationalisten fordern. Es geht um alle mehr oder weniger stark von Albanern bewohnten Gebiete in der Region, also den Kosovo, Teile Griechenlands und Serbiens und die Hälfte von Mazedonien. Hier kann also „aus dem Nichts“ ein neuer Konflikt entstehen, in den nicht nur Serbien, sondern auch andere Länder der Region hineingezogen werden.

Die Serben in Mitrovica haben für morgen zu großen Protesten gegen das Vorgehen der kosovarischen Regierung aufgerufen.

Auch wenn die Nato sicherlich gerne Serbien wegen seiner noch immer pro-russischen Position disziplinieren will, kann ihr an einem neuen Flächenbrand auf dem Balkan nicht gelegen sein. Hoffe ich jedenfalls.


Thomas Röper – www.anti-spiegel.ru

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Thomas Röper ist Autor des Buches „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt?“


Ad
Ad
Ad

Jetzt eintragen und News kostenlos per E-Mail erhalten:

Ad
Ad
Ad
Ad
Ad
Ad
Ad