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Politik

‘Deutschland in drei Tagen und Frankreich in einer Stunde’ – Warum Aussenminister Maas zu Recht Angst vor den Türken hat

24. Oktober 2019
Zum Gaudium einer nicht geringen Zuschauerschar macht sich der Youtubende Ex-Polizist und Aktiv-Biker Tim Kellner immer wieder gern über die Merkelregierung lustig. In 99% der Fälle serviert Kellner seine  „Watschn“ mit Fug und Recht. Dieses eine Mal lag er ein wenig daneben…
(von Wolfgang Eggert)
Es ist ein unterhaltsames Video, das den „Aussenminister-Darsteller“ Heiko Maas auf die Hörner nimmt. Basis: ein Interview, in dem der trotz intellektueller Dürftigkeit stets nach öffentlicher Aufmerksamkeit strebende Sozialdemokrat scheinbar auf der Strecke bleibt. Die Betonung liegt auf „scheinbar“.​
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„Ein Großteil der deutschen Männer“ sei, so wird uns zu Beginn des Beitrags herzhaft und leider wahr aufgetischt, „zu Weicheiern verkommen. Ohne Ehre, ohne Charakter, ohne Mut“. Als „Paradebeispiel für Feigheit, Mutlosigkeit und Unterwürfigkeit“ macht Keller Heiko Maas aus.​

Schnitt auf einen Mainstreamigen Polit-Talk-Beitrag.
Moderator: „Sie nennt er (Erdogan) einen politischen Dilettanten. Bei aller diplomatischen Zurückhaltung, was sagt man einem solchen NATO-Partner?“
Antwort Maas: „Ehrlich gesagt, eigentlich garnix. Es ist mir persönlich auch hoch wie breit.“ ​
Eine Steilvorlage für Kellner, der nun mit gewinnendem Lächeln mehrere einäschernde Breitseiten abfeuert, um seinen leblosen​Kontrahenten schließlich noch einmal in die Manege zurück zu zerren; O-Ton: „Der kleine mutlose Heiko liefert natürlich auch eine abschließende Erklärung für sein Verhalten“.
Wieder Umschnitt auf O-Ton Maas: „Im Ergebnis ist es mir allerdings lieber, Herr Erdogan schießt mit Worten als mit Raketen.“
Zurück auf Kellner: „Hahaha, das heisst doch, übersetzt, lieber der beleidigt mich, als dass er mir noch ne Ohrfeige gibt, oder?“​
Soweit so gut. Eine durchaus treffende, darstellerisch gelungene Kritik. Fragt sich nur, ob diese nicht allzu simpel ausfiel. Oder, anders gesagt bzw. gefragt: Wie würde denn eine osmanische Ohrfeige ausfallen? Was wären die Folgen? Nur eine rote Backe? Darf der Attackierte schon über eine Zahnzusatzversicherung nachdenken? Oder mag es gar noch schlimmer kommen?​
George Friedman, Gründer des US-Amerikanischen Geopolitik-Beratungsinstituts STRATFOR befindet, die Türkei sei „die bei weitem mächtigste und effektivste Militärmacht in Europa“ und befinde sich „auf dem Weg zu einer führenden Mittelmeermacht“.​ https://www.smithsonianmag.com/history/george-friedman-on-world-war-iii-776748/
Erdogans Reich, so Friedman weiter, „könne die Deutschen an einem ​Nachmittag und die Franzosen innerhalb einer Stunde besiegen.“​ Kreise, die dem Sultan anhängen, haben bereits auf diese Erkenntnis rekurriert und einen entsprechenden Feldzug in Aussicht gestellt.
Schon das ist befremdlich und beängstigend. Mulmiger wird es noch, wenn man sich vor Augen führt – Maas dürfte das getan haben – , dass es eine Weltmacht gibt, die diesen Zusammenstoß  des  „Wilden Manns“ vom Bosporus mit dem europäischen Herzland wünscht und fördert. Die Rede ist von der amerikanischen Geopolitik, die sich gegen ein militärisches Erstarken des Europäischen Raums (EuroArmee) und eine von dort ausgehende Wirtschaftsoffensive Richtung Osten, die Neue Seidenstraße, wendet. Diese Entwicklung will das Pentagon durch den Export von Kriegen und Krisen stoppen.​
George Friedman gibt das völlig offen zu und sieht bereits Wirkungen. 2015/2016 stellte der STRATFOR-Kopf auf dem Chicago Council on Global Affairs zum Thema „Die globale Krise“ durchaus befriedigt fest: „Das gesamte Bild der Lage (in der Eurasischen Region) verkündet Unheil…. Eurasien befindet sich im Chaos bzw. ist nahe dran.“​
Der Grund dafür:​
„Die USA lernen heute von den Römern. Sie lernen von dem, was die Briten früher in ihrem Empire taten – die Balance zwischen den Mächten aufrechterhalten. Man schickt keine Truppen. Die Briten haben nie ihre Truppen in großer Zahl nach Indien geschickt, die Briten haben lokale Gruppen gegeneinander ausgespielt und lokale Kräfte benutzt. ​
Und das ist es, was man heute sieht.​
In diesem Punkt ist die Türkei ein Problem…, und das ist genau das, was die USA wollen. Die Aufgabe der USA dabei ist, sicherzustellen, dass die Türkei aggressiver wird.“​
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Friedman sah dieses angespitzte und zum Krieg treibende Szenario, mit der Türkei als Wasserträger, vor 3 Jahren insbesondere für den Iran voraus.​
Was sich nun nach dem scheinbar Grünes-Licht-gebenden-Truppenabzug der Amerikaner entwickelt, passiert in Syrien, dem engsten Verbündeten Teherans in Nah/Mittelost. Und gefährdet die vermeintlich „großen“ NATO-Verbündeten der Türkei auf dem europäischen Kontinent, die Steuermächte der EU: Deutschland und Frankreich.​
Warum das ganze „Spiel“?​
Noch einmal Friedman im Original: ​
„Das Hauptinteresse der US-Aussenpolitik während des letzten Jahrhunderts, im ersten und zweiten Weltkrieg und im Kalten Krieg waren die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland. Weil, vereint, sind sie die einzige Macht, die uns bedrohen kann. Unser Hauptinteresse bestand darin, sicherzustellen, dass dieser Fall nicht eintritt.​
Es ist die Aufrechterhaltung der Kontrolle über die Ozeane und im Weltall, die unsere Macht begründet. Der beste Weg, die feindliche Flotte zu besiegen, ist zu verhindern, dass diese überhaupt gebaut wird. Der Weg, den die Briten gegangen sind, um sicherzustellen, dass keine europäische Macht die Flotte bauen konnte, ist, dass die Europäer einander bekämpften. Die Politik, die ich (den USA) empfehle, ist die, die Ronald Reagan in Iran und Irak angewendet hat. Er unterstützte beide Seiten, sodass sie gegeneinander kämpften – und nicht gegen uns. Das war zynisch, es war sicher nicht moralisch vertretbar, aber es funktionierte.​
Das ist der springende Punkt: Die Vereinigten Staaten können Eurasien nicht besetzen… dafür sind wir zahlenseitig unterlegen… Aber wir sind in der Lage, die gegeneinander kämpfenden Mächte zu unterstützen, damit sie sich auf diesen Kampf konzentrieren.“​
Die Türkei ist hier aus amerikanischer Sicht ein wichtiger Player, neben Polen – das den deutsch-französischen Block von Russland trennen soll – vielleicht der zentralste. Europa bekommt das aktuell zu spüren. ​