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Die Traum­tänzer: Deutsche haben kaum Angst vor Jobverlust

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Das Märchen vom reichen Land hat gewirkt: Die Bürger glauben fest daran, genauso wie sie trotz eines Schadens von rund 4.500 Mil­li­arden Euro in den letzten 15 Jahren immer noch denken, sie wären gut regiert worden. Nur so kann man erklären, dass SPIEGEL ONLINE letzte Woche ver­melden konnte: „Deutsche haben kaum Angst vor Job­verlust.“ Ja, das passt.
  • „Bis Mitte der Nuller­jahre (war die) Sorge um die Kon­junktur eng gekoppelt an die Angst vor Job­verlust. Von dieser Angst ist im Herbst 2019 kaum etwas zu spüren – obwohl die deutsche Wirt­schaft deutlich schwä­chelt. (…) Mehr als 80 Prozent der Bun­des­bürger hat dennoch kaum Furcht, den Arbeits­platz zu ver­lieren, 56,3 Prozent ant­worten sogar mit einem ent­schie­denen „Nein, auf keinen Fall“. Lediglich 11,6 Prozent der Befragten äußerten Sorge um den Job.“ – Stelter: Wen wundert es ange­sichts von zehn Jahren Auf­schwung (dessen Fak­toren bil­liges Geld und schwacher Euro waren und nicht die besondere Leistung unserer Regie­renden) und der poli­tisch-medialen Dau­er­kam­pagne mit Tenor „reiches Land“?


Quelle: SPIEGEL ONLINE

  • „Dabei ist den Bürgern die Kon­junk­tur­misere deutlich bewusst: Drei von fünf erwarten, dass sich die wirt­schaft­liche Lage in den kom­menden zwölf Monaten ver­schlechtern wird, weniger als jeder Zwan­zigste geht hin­gegen von einer Ver­bes­serung aus – an dieser trüben Stim­mungslage hat sich auch im Oktober nichts geändert. Nur hat sich die Sorge um die Kon­junktur inzwi­schen völlig ent­koppelt von der um den eigenen Arbeits­platz.“ – Stelter: Das ist doch erstaunlich. Da steht unsere wich­tigste Industrie vor der Exis­tenz­krise, immerhin über 800.000 Arbeits­plätze hängen davon ab und weitere indirekt in min­destens gleicher Höhe. Und die Deut­schen haben keine Sorge. Gut möglich, weil die Masse wie ich schon Mitte 50 ist und im Zweifel auf eine groß­zügige Abfindung hofft. Das dürfte eine bittere Ent­täu­schung geben.
  • „Deutlich mehr Sorgen als die Kon­junk­tur­schwäche bereitet den Bun­des­bürgern hin­gegen der tech­no­lo­gische Struk­tur­wandel in der Wirt­schaft: Die Digi­ta­li­sierung (und) die wach­sende E‑Mobilität wird vor allem für die Hun­dert­tau­senden Arbeit­nehmer in der deut­schen Auto­mo­bil­in­dustrie große Ver­än­de­rungen bedeuten. Einer­seits bietet sie Wachs­tums­chancen. Ande­rer­seits benötigt etwa die Pro­duktion von Elek­tro­mo­toren deutlich weniger Beschäf­tigte als die von Ver­bren­nungs­mo­toren, von der zahl­reiche Unter­nehmen in Deutschland mitsamt ihren spe­zia­li­sierten Fach­kräften derzeit noch leben.“ – Stelter: Und trotzdem machen sich die Men­schen keine Sorge um ihren per­sön­lichen Arbeits­platz? Weil der ohnehin vom Staat finan­ziert wird?
  • „Die Bun­des­bürger erwarten ins­gesamt, dass sich die Chancen und die Risiken dieses tech­no­lo­gi­schen Wandels für Arbeit­nehmer in etwa die Waage halten. 36 Prozent der Befragten sehen das explizit so – und etwa gleich große Teile glauben, dass die Risiken (33,2 Prozent) bezie­hungs­weise die Chancen (29,5 Prozent) über­wiegen.“ – Stelter: Das wie­derum finde ich ein posi­tives Ergebnis. Da waren die Angst­macher nicht erfolgreich.
  • „Bereits im ver­gan­genen Jahr hatte der Bun­destag beschlossen, die Zuschüsse für die Qua­li­fi­zierung von Arbeit­nehmern deutlich zu erhöhen – je nach Betriebs­größe werden nun bis zu 75 Prozent des Lohns und bis zu 100 Prozent der Kurs­ge­bühren über­nommen. Gezahlt werden diese Zuschüsse aus der Arbeits­lo­sen­ver­si­cherung – quasi als prä­ventive Maß­nahme auch als Reaktion auf den durch die Digi­ta­li­sierung abseh­baren Wei­ter­bil­dungs­bedarf. (…) Eine deut­liche Mehrheit der Befragten unter­stützt diese Idee: Exakt zwei Drittel finden es sinnvoll, mehr Geld aus der Arbeits­lo­sen­kasse dafür aus­zu­geben, nur 16,7 Prozent sind dagegen.“ – Stelter: Ich bin dagegen, weil nur die Insti­tu­tionen sich berei­chern, die diese Trai­nings durch­führen. Für diesen Wandel kann man nicht umschulen, schon gar nicht zentral orga­ni­siert. Ich wäre dafür, allen Bürgern Wei­ter­bil­dungs­gut­scheine zu geben und dann ein breites Angebot zuzu­lassen, so wie in Singapur.

Fazit: Die Bürger ahnen noch nicht, was da auf uns zukommt.


Dr. Daniel Stelter – www. think-beyondtheobvious.com