Politik & Aktuelles

Russland will eigenes Online-Lexikon als Ersatz für Wikipedia schaffen

11. November 2019

Die Funktion von Wikipedia als Propaganda-Instrument ist ein weithin unterschätztes Thema in Deutschland. In Russland offenbar nicht, denn Russland will nun den Aufbau eines eigenen Online-Lexikons fördern, um die der US-Propaganda von Wikipedia ein echtes Lexikon gegenüber zustellen.

Wenn wir in Deutschland etwas über Wikipedia hören, dann ist es meistens positiv. Ein gutes Projekt sei das, demokratisch und offen. Dass das nicht so ist, stellt jeder schnell fest, der Artikel über aktuelle politische Vorgänge oder bestimmte Personen ändern will. Versuchen Sie mal, aus dem Artikel über Dr. Daniele Ganser das Wort „Verschwörungstheorie“ zu löschen. Sie werden dann die wahre „Demokratie“ von Wikipedia kennen lernen, Sie werden nämlich kommentarlos auf Lebenszeit gesperrt. Das ist nur eines von vielen Beispielen.

Möglich wird das, weil Wikipedia einen (gewollten?) Fehler im System hat. Es gibt dort nämlich keine Diskussion unter gleichberechtigten Usern, die demokratisch Entscheidungen treffen, sondern dort gibt es eine Hierarchie, in der einige wenige „Auserwählte“ bestimmen, was bei Wikipedia die Wahrheit ist. Und es gibt Artikel, die man als Normalsterblicher nicht anfassen darf, wenn man nicht augenblicklich gesperrt werden will. (Details finden Sie am Ende des Artikels)

Das ist keinesfalls ein rein deutsches Problem. Das gibt es auch in anderen Sprachen. Auf Englisch zum Beispiel beschäftigt sich eine Autorin damit, die in einem sehr langen Artikel unter dem Titel „Wikipedia – Verrottet bis zur Wurzel“ im Detail aufzeigt, wie bei Wikipedia gearbeitet wird. In Deutschland beschäftigen sich Markus Fiedler und Dirk Pohlmann in dem Projekt „Neues aus Wikihausen“ mit Wikipedia. (Details am Ende des Artikels).

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Das System dahinter ist einfach: In Wikipedia werden bestimmte politische Meinungen propagiert und keine Gegenstimmen zugelassen. Dabei werden die entsprechenden Wikipedia-Artikel in die gewünschte Richtung manipuliert, anders lautende Informationen gestrichen und die Menschen, die eine gegenläufige Meinung vertreten, werden gezielt mit verleumderischen Artikeln schlecht geschrieben.

Das ist besonders inakzeptabel, weil man sich gegen einen solchen Rufmord nicht wehren kann, denn die Autoren bei der Wikipedia sind anonym, sozusagen als Heckenschützen, tätig und können auch Karrieren und Lebenswege zerstören, wenn sie jemanden einseitig schlecht schreiben. Das ist schon öfters geschehen.

Die Meinungen, die bei Wikipedia propagiert werden sind – grob zusammengefasst – folgende: Die USA und die Nato sind gut; Israel ist ganz human und wer die israelische Politik kritisiert, ist ein Antisemit; alle Gegner des Westens sind böse; die Pharmaindustrie ist super; Alternativmedizin ist Humbug. Das war eine grobe Zusammenstellung ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Unabhängig davon, wo Sie und ich bei diesen Themen im einzelnen stehen, sind das die wichtigsten Thesen, die bei Wikipedia aktiv gefördert werden. Und wer bei Wikipedia dazu eine andere Meinung hat, der bekommt dort intern Probleme bis hin zur Sperrung. Das ist auch der Grund, warum der Anteil der aktiven Schreiber bei Wikipedia massiv eingebrochen ist: Viele haben sich frustriert abgewendet.

Da sich Wikipedia-Artikel in verschiedenen Sprachen stark unterscheiden, habe ich schon öfters zu verschiedenen Themen die Artikel auf Deutsch, Englisch und Russisch verglichen. Oft ist das russische Wikipedia nicht so tendenziös, wie im Westen, aber die Tendenz ist da. Und da sich auch in Russland Menschen über Wikipedia informieren, hat die russische Regierung nun beschlossen, dagegen zu steuern.

Im russischen Staatshaushalt für 2020 werden dafür fast 10 Millionen Euro bereit gestellt. Insgesamt ist das Projekt in den nächsten Jahren auf ca. 24 Millionen Euro veranschlagt.

Am Dienstag wurde das noch einmal bekräftigt. Im Kreml fand eine große Sitzung des Rates für die Russische Sprache statt. Fast drei Stunden hat Putin dort mit Experten über die verschiedensten Probleme diskutiert. Und auch das Problem einer neutralen Enzyklopädie wurde aufgeworfen. Putin sagte dazu:

„Zum Thema Wikipedia: Wir sollten es durch eine elektronische Große Russische Enzyklopädie ersetzen. Da gäbe es dann wenigstens wahre Informationen in moderner Form.“

In dem Bericht des russischen Fernsehens, das Putin hier zitiert hat, kann man auch lesen, dass der britische Wissenschaftsverlag Emerald schon 2008 eine Untersuchung gemacht hat, die die Schwächen von Wikipedia aufgezeigt hat. Nachdem die Konkurrenten der Encyclopaedia Britannica oder des Brockhaus oder andere Enzyklopädien verschwunden sind, dürfte die Situation weit schlimmer geworden sein, denn es gibt kein anerkanntes Korrektiv mehr für Wikipedia. Es wird zum Beispiel bemängelt, dass man in oft Wikipedia tendenziöse Behauptungen finden kann, die als Fakten dargestellt werden.

Wie gesagt, geht es bei diesen Themen um alles, was im weitesten Sinne mit aktuellen oder zeitgeschichtlichen politischen oder wirtschaftlichen Fragen zu tun hat. Wer sich für das Paarungsverhalten der Maikäfer interessiert, wird wahrscheinlich einen fundierten Artikel finden.

Wer sich für weitere Informationen zu dem Thema interessiert, der findet hier die Seite des Projektes Wikihausen, außerdem gibt es viele Videos.

Und auf dem Kanal „Neues aus Wikihausen“ gibt es in unregelmäßigen Abständen Sendungen über aktuelle Hintergründe. Ich schätze die Arbeit der Kollegen sehr und habe Markus Fiedler und Dirk Pohlmann schon bei einigen Themen mit Informationen weitergeholfen.


Thomas Röper – www.anti-spiegel.ru

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Thomas Röper ist Autor des Buches „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt?“