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Raketentests: Für die Medien gibt es gute und schlechte Tests und manche verschweigen sie einfach

31. Dezember 2019

Bei kaum einen Thema kann man so deutlich sehen, wie wenig objektiv die deutschen Medien berichten: Bei Raketentests.

Wenn Nordkorea eine Rakete testet, dann ist die Aufregung in den deutschen Medien groß. Und das sogar zu Recht, denn Nordkorea ist das Testen von Raketen per UNO-Resolution verboten. Allerdings ist die Aufregung darüber in Deutschland für mich trotzdem etwas unverständlich, denn Nordkorea wird sicherlich nicht Deutschland oder Europa angreifen. Vor einigen Tagen hat Nordkorea wieder eine Rakete getestet und die mediale Reaktion war wenig überraschend.

Gleiches gilt für den Iran. Allerdings gibt es in seinem Fall keine UNO-Resolution, er darf also Raketen testen. Trotzdem sind die Reaktionen der Medien bei iranischen Raketentests nicht anders, als bei Nordkorea. Der deutsche Leser soll nie vergessen, dass der Iran der Bösewicht ist. Bei der Tagesschau begann der Artikel über den letzten Test des Iran mit dem Satz:

„Trotz internationaler Sanktionen und Spannungen gibt es aus dem Iran neue Berichte über einen Raketentest.“

Dass die „internationalen Sanktionen“ in Wirklichkeit illegale Sanktionen der USA sind, die sie einseitig nach dem Bruch des Atomabkommens durch die USA eingeführt haben, davon steht bei der Tagesschau nichts. Das Narrativ wird beim ersten deutschen Staatssender ganz im Interesse der USA gesetzt.

Auch über russische Raketentests wird immer so berichtet, dass sie furchtbar bedrohlich wirken. Kurz gesagt, wenn die Staaten, die die USA zu ihren Feinden erkoren haben, Raketen testen, dann finden die deutschen Mainstream-Medien das ganz schlimm.

Wenn es sich aber um Tests der USA handelt, wird kaum berichtet. Die USA haben am 12. Dezember eine Mittelstreckenrakete getestet, die Atomwaffen tragen kann. Solche Waffen waren nach dem INF-Vertrag verboten. Die USA haben den Vertrag im Februar gekündigt und im August ist er ausgelaufen. Und schon drei Wochen später haben die USA die erste Rakete erfolgreich getestet, die nach dem Vertrag verboten gewesen wäre. Das beweist, dass die USA diese Kündigung des INF-Vertrages lange im Voraus geplant haben. Als sie dann im Oktober 2018 angefangen haben, Russland vorzuwerfen, dass es gegen den Vertrag verstößt, dürfte ihre Rakete bereits fast fertig entwickelt gewesen sein, damit sie im August 2019 zum ersten Mal getestet werden konnte.

In Deutschland wurde über den amerikanischen Test kaum berichtet. Ich fand einen Artikel bei der Tagesschau darüber. Allerdings ging es darin weniger um den Raketentest, sondern um die russische Reaktion darauf, wie schon die Überschrift gezeigt hat: „Ende des INF-Vertrags – Russland kritisiert US-Raketentest„. Es gab in dem Artikel denn auch kein kritisches Wort über den Raketentest und auch die Frage, wie die USA so schnell nach dem Ende des INF-Vertrages eine solche Rakete entwickeln konnten, die eben noch vertraglich verboten war, stellt die Tagesschau natürlich nicht.

Ganz besonders deutlich wird die Manipulation der deutschen Öffentlichkeit, wenn es um Israel geht. Wenn Israel eine Atomrakete testet, wird in Deutschland einfach gar nicht darüber berichtet. Da der deutsche Leser immer wieder lernt, wie böse der Iran ist, der „trotz der Spannungen“ Raketen testet, könnte der Leser ja fragen, ob nicht das gleiche auch für Israel gilt. Diese Frage stellt sich der deutsche Leser aber nicht, weil er von israelischen Raketentests gar nichts hört. Lückenpresse ist noch effektiver als Lügenpresse, denn wenn eine Information weggelassen wird, provoziert sie keine kritischen Fragen. Eine Lüge kann immerhin aufgedeckt werden.

Am 6. Dezember hat Israel eine Rakete getestet, die Atomwaffen tragen kann. Da macht Israel auch kein Geheimnis draus, das Verteidigungsministerium hat es selbst per Twitter verkündet.

Aber wenn Sie nicht zufällig RT-Deutsch lesen, werden Sie davon nichts gehört haben, denn die Mainstream-Medien haben darüber nicht berichtet. Die Leser könnten ja Verständnis dafür aufbringen, dass der Iran sich vielleicht durch Israel bedroht fühlt, das über Atomwaffen und die nötigen Trägersysteme verfügt, um den Iran anzugreifen. Der Iran hat keine Atomwaffen und ob er Raketen hat, die Israel erreichen können, ist nicht sicher.

Die Medien in Deutschland sind stets bemüht, ihren Lesern das gewünschte Narrativ näher zu bringen, auch wenn sie dabei das eine oder andere weglassen müssen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde es für Deutschland und Europa wesentlich interessanter und wichtiger, was vor unserer Haustür, also auch in Israel, passiert, als was in am anderen Ende der Welt in Nordkorea passiert. Die deutschen Medien sehen das offensichtlich anders.

 


Thomas Röper – www.anti-spiegel.ru

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Thomas Röper ist Autor des Buches „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt?“