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Sterben im Korridor: Das russische Fernsehen zeigt drastische Bilder aus italienischen Krankenhäusern

24. März 2020

Ein Korrespondentenbericht des russischen Fernsehens aus italienischen Krankenhäusern hat bestürzende Bilder von auf den Krankenhausfluren sterbenden Menschen gezeigt.

Da viele immer noch glauben, dass das Coronavirus kaum schlimmer, als eine Erkältung sei, haben italienische Ärzte Kamerateams in ihre Krankenhäuser gelassen, damit die schockierenden Bilder den Menschen den Ernst der Lage zeigen. Sicher, die meisten werden das Virus wie eine Erkältung überstehen, aber die große Zahl derer, die Beatmungsgeräte benötigen, sprengt die Möglichkeiten eines jeden Gesundheitssystems. Bei einer ungebremsten Ausbreitung der Krankheit hat kein Gesundheitssystem der Welt genug Plätze auf den Intensivstationen. Worin die Gefahr besteht, habe ich hier erklärt.

Der Bericht des russischen Fernsehens ist mit meiner Übersetzung sicher auch ohne Russischkenntnisse verständlich. Aber er ist nichts für schwache Nerven und ich bitte Sie, sich zweimal zu überlegen, ob Sie sich die verstörenden Bilder wirklich anschauen wollen.

Beginn der Übersetzung:

Vom Schiff geht´s nach der Landung in Moskau in die Quarantäne. Sie verstehen das, aber wenn die russische Botschaft in Italien nicht gewesen wäre, hätten sie das Schiff, den Liner Costa Pacific, nicht verlassen können. Marseille, wo die 33 russischen Touristen ihren Urlaub beenden sollten, ließ das Schiff nicht in den Hafen.

Es ist fast eine Evakuierung, Italien lässt niemanden herein oder heraus, und dass es das Anlegen im Hafen genehmigt, den Bus zur Verfügung gestellt hat und unsere, wahrscheinlich letzten, Touristen ausfliegen durften, ist fast ein Wunder. Am Morgen des 21. März trafen russische Diplomaten bei dem Kreuzfahrtschiff in Genua ein, am Abend waren sie am Flughafen Fumically, in der Nacht zum 22. bestiegen die Russen das Flugzeug nach Moskau.

Es ist wirklich besser, Italien möglichst schnell zu verlassen. Italien geht es schlecht. Italien kommt nicht zurecht.

Das hier ist nicht einmal eine Intensivstation. Das sind die Gänge der Notaufnahme. Die Patienten bekommen schwer Luft, die Ärzte sind am Limit. „Filmen Sie das, zeigen Sie es und behaupten Sie im Fernsehen nicht, dass das Coronavirus nicht schlimmer ist, als eine Erkältung!“, bittet der Oberarzt.

Man kann sich nicht auf alles vorbereiten. In den Fiera-Pavillons konnte man in einer Woche ein Krankenhaus mit 300 Plätzen bauen. Für 5 Tage wurden Zelte vor dem Krankenhaus San Rafael aufgestellt, das Geld wurde von Stars und Unternehmern gesammelt. Man konnte ein Lager in Cremona errichten. Aber man kann nicht darauf vorbereitet sein, dass Menschen in den Gängen der Krankenhäuser sterben. Sie können ihnen nichts versprechen. Der Arzt aus Trevillo weint, weil er einem Patienten nicht helfen konnte, der zu ihm sagte: „Mein Schwiegervater gestorben, ich bin der nächste.“

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Sie können nicht begraben werden, wer soll es auch tun? Alle sind in Quarantäne, die Menschen können nicht einmal Abschied nehmen, Patienten bekommen den letzten Segen von Krankenschwestern der Intensivstation.

In allen Krankenhäusern im Land herrscht Ausnahmezustand: sowohl in privaten, als auch in staatlichen. Das Virus hat das ganze Land gestoppt, aber man kann zum Beispiel die Dialyse nicht einfach einstellen. Indem es Patienten aus Krankenhäusern holt, damit die sich nur noch um COVID-Patienten kümmern können, überlastet das Gesundheitsministerium die anderen Krankenhäuser.

In der chirurgischen Abteilung einer der Kliniken sind fast alle Betten belegt. „Leider sind viele chirurgischen Abteilungen zum Stillstand gekommen. Es gibt nicht genügend Ärzte, viele sind in Quarantäne. Deshalb haben wir eine Flut von Krebspatienten und Notoperationen aufgenommen“, sagte eine der Ärztinnen.

Wie überall gibt es hier auch einen Plan B, bei ihren Patienten können jederzeit Symptome auftreten. Auf der Intensivstation gibt es nur 4 kostbare Beatmungsgeräte. Auch Reagenzgläser für Tests auf das Coronavirus stehen bereit.

Selbst in Italien hat nicht jeder verstanden, wie ernst alles ist. Parks und Promenaden sind versiegelt, aber alle fünf Minuten steigt jemand über das gelbe Polizeiband. Wenn man Mailand von oben betrachtet, scheint es ausgestorben zu sein. Aber hier sind Aufnahmen von unter der Erde: Mailands U-Bahn ist um 6 Uhr morgens fast so voll, wie die in Moskau. Deshalb ist schon den dritten Tag die Armee auf der Straße. 20.000 Soldaten. Und Straßensperren.

Das sind keine stichprobenartigen Kontrollen mehr, alle werden angehalten. Am Ausgang der Stadt und am Eingang. Die Römer versuchen, in ihre Häuser am Meer oder in den Bergen zu entkommen, aber es ist unmöglich, Quarantäne ist nur am Wohnort erlaubt. Die Menschen werden mit Geldstrafen und Lautsprechern auseinander getrieben.

Es gelingt mir nicht, mich an diese neue Realität zu gewöhnen. Ich möchte in meinem Lieblingscafé sitzen, die Maske ausziehen, einen Espresso bestellen, wie immer, bitter und ohne Zucker. Aber die Ketten, mit denen die Möbel auf der Straße gesichert sind, werden frühestens in zwei Monaten entfernt.

Bei einer Ansteckungsrate von 2.000 Fällen pro Tag holt Spanien Italien ein, aber die Sterblichkeit ist hier nicht so hoch, auch wenn in Krankenhäusern alle 16 Minuten jemand am Coronavirus stirbt. Das Land befindet sich in Quarantäne. Die Strafe für Verstöße beträgt 600 Euro.

Auch Frankreich bereitet sich, wie Spanien, auf das Schlimmste vor: Cafés und Restaurants sind geschlossen. Die zweite Runde der Kommunalwahlen wurde verschoben. „Wir befinden uns im Krieg“, sagte der französische Präsident an und kündigte Sofortmaßnahmen an.

Auch Deutschland ist der Ansicht, dass das Virus die größte Bedrohung seit dem Zweiten Weltkrieg darstellt. Sie fürchten, dass sie zum Ende des Frühjahrs 10 Millionen infiziert haben werden.

Das benachbarte Belgien hat seine Grenzen geschlossen. Brüssel sieht aus wie eine Geisterstadt. Es gab keine Strafen, die Belgier sind nicht wie die Italiener, um die Disziplin steht es hier besser.

Auch Großbritannien gab schließlich auf. Boris Johnson, der zunächst dachte, es sei besser für das ganze Land, krank zu werden, um Antikörper zu entwickeln, hat dann doch geraten, sich zu schützen und beschlossen, Kinos, Restaurants, Fitnessstudios und sogar die Pubs zu schließen.

Das Coronavirus ist keine Erkältung. Die Warnung der Ärzte aus Bergamo scheint angekommen zu sein.

Ende der Übersetzung


Thomas Röper – www.anti-spiegel.ru

Thomas Röper, Jahrgang 1971, hat als Experte für Osteuropa in verschiedenen Versicherungs- und Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet, bevor er sich entschloss, sich als unabhängiger Unternehmensberater in seiner Wahlheimat St. Petersburg niederzulassen. Er lebt insgesamt über 15 Jahre in Russland und betreibt die Seite  www.anti-spiegel.ru. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

Thomas Röper ist Autor des Buches „Vladimir Putin: Seht Ihr, was Ihr angerichtet habt?“