Die fin­nische Bock-Saga – eine fan­tas­tische, mythische Geschichte aus der Urzeit bis heute (+Videos)

Die Saga ist schon alt, aber aus irgend­einem Grund wird sie gerade bekannt und ein Hype. Sie handelt von einer Fami­li­en­dy­nastie aus dem Norden Finn­lands, deren letzter Nach­fahre, Ior Bock oder Bror Holger Svedlin, am 23. Oktober 2010 ver­storben ist. Er wurde am 27. Januar 1942 geboren und diese Saga, so erzählte er, war ihm jahr­zehn­telang fast jeden Tag von seiner Mutter und seiner Schwester erzählt worden. Es sei die Geschichte seiner Ahnen. Aber nicht nur das, sondern auch die Geschichte der Menschheit seit Anbeginn.

Nor­dische Sagas und die Mythologie

Um die Bock-Saga etwas ver­stehen zu können, sollte man ein bisschen über die alte, nor­dische Erzähl­kunst, die Fami­li­en­sagas, die Hel­den­lieder und die Mytho­logie und Göt­ter­lieder – und die Ver­flech­tungen aller drei Erzähl­formen kennen. Ich habe Nordistik/Skandinavistik und Alt­nor­disch stu­diert und ver­suche, das so kurz wie möglich ver­ständlich zu machen. Eigentlich müsste man darüber ein Buch schreiben. Aber ich ver­suche, es kurz zu umreißen.

Es ist ein skan­di­na­vi­scher Brauch, die Geschichte seiner Ahnen bis in jede Ein­zelheit zu kennen. Ins­be­sondere auf Island sind diese Sagas noch genauso lebendig, wie vor mehr als 1000 Jahren. Man kennt die gesamten Ver­wandt­schafts­ver­hält­nisse, jeden Namen, alle Bege­ben­heiten, und es gibt sie alle in alter, schrift­licher Form, wenn auch nach vielen Jahren münd­licher Über­lie­ferung erst auf­ge­schrieben (ab ca. 1200). Die Saga der Leute aus dem Lachstal, die Schwur­brü­dersaga, die Saga vom Hühner-Thorir, die Saga vom Skalden Egill Skal­lagrimson (spricht sich: Egitl Skat­lagrimßon) und viel andere mehr. Dies sind Familien- oder Ver­wandt­schafts­sagas, die echte Familien, echte Men­schen beschreiben.

Sie sind so exakt, dass es auf Island ein Institut zur Erfor­schung von gene­tisch bedingten Krank­heiten gibt, das weltweit unter Medi­zinern berühmt ist. Es gibt nämlich kein anderes Land auf der Welt, in dem — wie seit der Land­nahme Islands durch einige Familien um 700 herum – jeder Ein­wohner namentlich bekannt, jede Ehe, jedes Kind daraus, das Aus­sehen jedes Fami­li­en­mit­gliedes, seine Per­sön­lichkeit – und eben auch seine Krank­heiten oder kör­per­lichen Eigen­arten beschrieben wurden. Hatte er eine Glatze? War er groß oder klein, hatte er dunkle oder helle Haare? Kam er von außerhalb? Woran starb er oder sie? Eine kel­tische Frau, die als Gefangene nach Island kam und dort blieb namens Hall­gerðr (spricht sich: Hatlgerðr) bei­spiels­weise, wurde als rot­haarig und grün­äugig beschrieben, von zor­nigem, streit­süch­tigen Cha­rakter und mit „Dieb­saugen“, denen man miss­trauen müsse. Man kann im Prinzip bis heute jeden Vor­fahren der islän­di­schen Familien in den Islän­der­sagas finden und eben alle Ver­wandt­schafts­ver­hält­nisse genau nach­voll­ziehen. Eine Fund­grube für Medi­ziner und Genetiker.

Die Erzähl­kunst, Detail­treue und Genau­igkeit der nor­di­schen Fami­li­en­sagas ist sehr bemer­kenswert, das ist das Wichtige an diesem Beispiel.

Es gibt dann auch noch die viel älteren Stoffe, die alten Hel­den­lieder, die wir teil­weise auch noch kennen. Zum Bei­spiel das Nibe­lun­genlied, eine spätere, deutsche, adap­tierte Form des alten Sigurdliedes, in dem Sieg­fried Sigurðr heißt und von dem es mehrere Vari­anten gibt. Das ältere Sigurdlied (Sigurðarkviða in forna) enthält viele Ver­bin­dungen in die nor­dische Mytho­logie und die Göt­ter­lieder, von denen auch etwas in der deut­schen Sieg­friedsage erhalten blieb: Die Figur der islän­di­schen Königin Brunhild, die über eine enorme Kampf­kraft ver­fügte, weil sie ursprünglich eine Walküre (Val­kyrja) gewesen war. Der „Drache Fafner“, der in der nor­di­schen Über­lie­ferung einmal der Sohn des Zwer­gen­königs Hreiðmarr war, den er im Schlaf erstochen hat. Fáfnir zog sich nach dem Vatermord in die Ein­samkeit der Gni­ta­heide (Gni­ta­heidr) zurück und mutierte nach und nach zum Lindwurm – bis er von Sigurðr getötet wurde.

Die nor­dische Mytho­logie und die Fami­li­en­sagas sind eng ver­bunden und diese Ver­bin­dungen sind, wie man an der Sieg­fried­figur sehen kann, nicht unkompliziert.

Die Bock Saga oder der Väinämöinen-Mythos

Die Bock Saga ist sehr alt und ist auch unter dem fin­ni­schen Namen Väin­ämöinen-Mythos bekannt.  Sie ist bis auf den heu­tigen Tag nie voll­ständig schriftlich nie­der­gelegt worden, wie auch die Fami­li­en­sagas Islands (Íslen­din­gasögur) erst zwi­schen 1150 und 1350 nie­der­ge­schrieben wurden – und die dennoch absolut exakt waren. Die Ori­gi­nal­treue der mündlich über die Genera­tionen in Jahr­hun­derten über­lie­ferten Texte ist sehr erstaunlich.

Es ist nicht aus­zu­schließen, dass die Bock Saga tat­sächlich über viele Genera­tionen genauso wei­ter­ge­geben wurde, wie Ior Bock sie als letzter Nach­komme der Familie 1984 in die Öffent­lichkeit gebracht hat. (Womit ich kei­neswegs behaupten will, dass diese Saga tat­säch­liche Gescheh­nisse berichtet. Lediglich, dass vieles dafür spricht, dass die Bock Saga oder der  Väin­ämöinen-Mythos sehr wahr­scheinlich weit­gehend detail­getreu erhalten geblieben ist.)

Den Inhalt dieser mythi­schen Saga hat die Seite “Ter­raner” zusam­men­ge­fasst.

Es gibt auch eine zwei­teilige Doku­men­tation dazu, in der der Sprecher aller­dings sehr viel eigene Fan­tasie mit ein­bringt. Nicht alles, was er erzählt ist aus der Saga, vieles reimt er sich einfach selbst zusammen. Aber es ist gut gemacht und spannend zu gucken:

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Gibt es tat­sächlich Anhaltspunkte?

Es soll tat­sächlich archäo­lo­gische Aus­gra­bungen an dem in der Saga bezeich­neten Ort etwa 30 Kilo­meter von Hel­sinki ent­fernten Berg geben. Die Erzählung weist auch durchaus lin­gu­is­tische und mytho­lo­gische, aber auch his­to­rische Aspekte auf, die Sinn ergeben und die durch Studien belegt werden können.

30km östlich von Hel­sinki, in einer kleinen Siedlung namens Akanpesä im Kreis Sibbo, befindet sich der Eingang zum Lem­min­käinen Tempel. Finnland ist eine der wenigen Regionen auf der Erde, deren geo­phy­si­ka­lische Beschaf­fenheit die Errichtung eines solchen Bau­werks über­haupt zulässt. Die bal­tische Platte um den fin­ni­schen Golf besteht aus mas­sivem Granit; es gibt hier weder Vul­kan­aus­brüche noch Erd­beben. Seit 1987 finden auch ent­spre­chende Gra­bungen an dem von Ior Bock ange­ge­benen Ort statt. Tat­sächlich wurde dort ein großer Raum gefunden, der aller­dings mit einer zement­ar­tigen Masse gefüllt ist. 

„Da wir nicht wissen, wie groß dieser Raum ist, folgen wir dem Verlauf der Decke und haben bis jetzt einen ca. 40m tiefen, 6m breiten und 3 m hohen Stollen frei­ge­graben, der in einem Gefälle von etwa 15 Grad schräg nach unten führt. Diese Halle soll nach Ior Bocks Beschrei­bungen in einen Raum münden, der mit Wasser gefüllt ist (water-lock). Dort wie­derum sollen sich drei Kor­ridore befinden, wobei der mittlere zu dem oberen Dom des Tempels führt.“ 

Eine geo­phy­si­ka­lische Unter­suchen soll mit einem Interface-Radar­system ergeben haben, dass es nur noch wenige Meter sind, die weg­ge­meißelt werden müssen, um zu dem von Ior Bock beschrie­benen Kor­ridor zu kommen, der zum Tempel führt. In 24 Metern Tiefe hat das Radar­system einen großen Hohlraum mit metal­lener Kuppel geortet heißt es.

Überdies berichtet die Saga, dass am Anfang der Zeit die Erd­achse senk­recht, also auf­recht zur Sonne stand, sodass im hohen Norden die Sonne einen „gol­denen Ring am Horizont“ beschrieb. Dieses Land  hieß daher „Ringland“ oder „Uuudenmaa“, und so heißt heute eine Provinz im Süden Finn­lands. Der Begriff des „Son­nen­ringes“ innerhalb von 24 Stunden ist auch noch in Gebrauch. So steht heut­zutage noch in den Bei­pack­zetteln der Medi­ka­mente auf Island zu lesen, wie viele Tropfen oder Pillen man innerhalb eines „Son­nen­ringes“ (sunnuhringur), also innerhalb von 24 Stunden nehmen soll.

Die Wis­sen­schaft geht übrigens durchaus davon aus, dass die Erde ursprünglich, wie alle anderen Pla­neten des Son­nen­systems auch, tat­sächlich ein zur Sonne stabil senk­recht rotie­render Planet war, was phy­si­ka­lisch auch logisch ist. Über den Grund, warum sie nun vor- und zurück­schau­kelnd im Son­nen­system eiert und daher „Jah­res­zeiten“ ent­stehen, gibt es mehrere Theorien. Die gän­gigste ist, dass ein Zusam­menstoß in sehr früher Zeit mit einem anderen Him­mels­körper der Erde diesen Schlag ver­setzt habe, die Rota­ti­ons­achse zum Kippen brachte und einen Teil der Erd­masse her­aus­ge­schlagen habe, der heute der Mond ist. Das sei mög­li­cher­weise auch der Grund, warum der Erd­mantel unter dem Pazifik dünner ist, als anderswo. Auch das Schaukeln und das Zer­brechen des Erd­mantels in Kon­ti­nen­tal­platten und ihr Driften könnte eine Nach­wirkung dieses kos­mi­schen Zusam­men­stoßes sein.

Mythische, sprach­liche und reli­giöse Verbindungen

Die beiden Urvölker, die Aser und Vaner, die in der Bock Saga genannt werden, tragen im Prinzip die Namen der beiden alt­nor­di­schen Göt­ter­ge­schlechter, der Asen und Wanen. Odin zum Bei­spiel, ist ein Asengott, während Thor ein Wane ist. Wenn­gleich sich das auch ein wenig ver­wischt wurde und Thor später öfter als Sohn Odins bezeichnet wird – was aber ursprünglich nicht ist. Odins Sohn hieß Baldr oder Forsyth und war der Gott des Lichts, des Früh­lings und Werdens (deshalb heißt der Strauch, der als erster im Vor­frühling blüht Forsythie).

Die Geschichte um Baldur ist übrigens hoch­in­ter­essant im Ver­gleich zum Chris­tentum und anderen Göttern. Baldur, als Gott des Lichts, Lebens und Werdens musste geschützt werden. Und so berichtet die nor­dische Mytho­logie, dass Odin/Wotan/Uuodan allem, was in der Luft fliegt, auf dem Boden läuft oder in der Erde wurzelt oder im Wasser schwimmt, schwören musste, Baldur kein Leides zu tun. Doch die Mistel, die oben im Baum wächst, wurde über­sehen. Und so benutzte Loki, der listige Gott der Unterwelt, die Mistel, um Baldur damit zu erstechen. Und daher musste Baldur in die Unterwelt und Kälte. So kam der dunkle Winter in die Welt. Da ging Odin zur Göttin der Unterwelt, Hel und bat sie um die Frei­lassung Baldurs, denn sonst müsse die Welt sterben. Hel wil­ligte ein, wenn alles, was lebt, Baldur betrauern und um sein Leben bitten würde. So geschah es und Baldur erstand als neues Licht in der Mitt­win­ter­nacht im Moment der Wintersonnenwende.

Wenn wir uns das berühmte Bild des Renais­sance-Künstlers Mat­thias Grü­newald, „die Auf­er­stehung Christi“ anschauen, das er um 1500 malte, dann sehen wir darin, ohne große, geistige Ver­ren­kungen zu machen, ein Ebenbild des strah­lenden Licht­gottes Baldur in der — in dunkler Nacht wieder auf­ge­henden — Sonne aus der fins­teren Unterwelt:

Inter­es­san­ter­weise findet man in alten Volks­liedern oft den Widerhall dieser Göt­ter­sagen, die sich nur ein wenig ver­kleidet haben, um der christ­lichen Rei­nigung zu ent­gehen. Baldurs Sterben und Wie­der­auf­er­stehung durch die Toten­klage und das Flehen aller Lebenden finden wir in dem Kin­derlied „Auf einem Baum ein Kuckuck“:
Der Früh­lings­vogel Kuckuck, dessen Ruf nur im Frühjahr zu hören ist, ist hier Baldur. Den schießt ein „böser Jäger“ tot, der natürlich Loki ist. Normale Jäger schießen keine Kuckucks vom Baum. Dann kommt die Strophe „da weinten alle Leute“, was auch nor­ma­ler­weise keinen Sinn ergeben würde. Und die letzte Strophe besagt „und als ein Jahr ver­gangen war, da war der liebe Kuckuck wieder da“, also das Wie­der­auf­er­stehen des Lebens, des Lichtes, der Sonne. Dazwi­schen kommt auf­fallend oft und immer wieder ein merk­wür­diger Refrain, der lautet „sim­sa­la­bim­bam­ba­sa­la­du­sa­ladim“. Schwachsinn? Nein, eine „Ver­ball­hornung“ der ritua­li­sierten Toten­klage und Formeln, die den jungen Baldur in der Unterwelt wieder zum Leben erwecken sollen.

Die­selbe Sym­bolik finden wir bei der Kreu­zigung Jesu, bei der ein römi­scher (böser) Soldat ihm den Speer in die Seite sticht und der Auf­er­stehung Jesu, wie auch der Geburt Jesu nur ein paar Tage nach Win­ter­sonnwend: Statt den 21. Dezember feiern wir am 24. Dezember die Geburt Jesu, des Lichtes der Welt, weil die Kirche natürlich nicht die Win­ter­sonn­wende feiern will. Dazu muss man erwähnen, dass in alter Zeit in der Mitt­win­ter­nacht alle Herd­feuer gelöscht wurden und ein neues Feuer frisch aus dem Stein geschlagen wurde, was in alle Häuser und Herde getragen wurde. Dieser Funke auf dem Stroh, der das neue Feuer, das neue Licht ent­zündete, wird durch das Jesuskind, wie es auf dem Stroh liegt mit den gol­denen Strah­len­bündeln um sein Köpfchen, symbolisiert.

Alle alten Licht­götter, wie auch „Sol invictus“ (die unbe­siegte Sonne) durch­laufen diese Zyklen ent­spre­chend dem Ver­schwinden und Wie­der­erscheinen der Sonne in den Sonn­wend­zyklen und den Jahreszeiten.

All das erklärt auch, warum die Bock-Saga heute, im ach-so-auf­ge­klärten, digi­talen Zeit­alter so eine Auf­merk­samkeit erfährt. Es sind die archai­schen und uralten (Unter-)Bewusstseinsströme, die eine Saite in uns zum Schwingen bringen, die an die Geheim­nisse des Uni­versums, der Erde, des Lebens und der mys­tisch-spi­ri­tu­ellen Geschichte der Menschheit direkt ange­schlossen ist. All diese uralten Dinge sind in unserem Gesamt­be­wusstsein tief ver­ankert und das fühlen und wissen wir.

Eine schöne Saga, gerade jetzt im Frühling …und wo wir alle in der dunklen, engen Corona-Hölle sitzen und auf das Licht und die Freiheit warten, nicht wahr?