Gesundheit, Natur & Spiritualität

Der Schwimmring meines Vaters – Warum die Fressbremse bei Chips & Flips versagt

27. Oktober 2020

Es ist eine meiner schönsten Kindheitserinnerungen: Samstagnachmittag mit meinem Vater vor dem Fernseher. Zuerst „Die kleinen Strolche“, gleich im Anschluss „Dick & Doof“. Wir amüsierten uns königlich, und unser Lachen war so ansteckend, dass meine Mutter mitlachte, obwohl sie weder Laurel und Hardy, noch die Kindergang lustig fand. Mein Vater und ich waren so gebannt, dass es uns nicht in den Sinn gekommen wäre, nebenbei zu knabbern, die Chips wären uns vor lauter Lachen eh im Halse steckengeblieben. Ganz anders ging es zu bei Fernseh-Krimi-Abenden. Gedankenverloren griffen wir in die Chipstüte – bevorzugte Geschmacksrichtung Paprika – bis der Film zu Ende und die Tüte leer war. Und so legte mein Vater, der zwar sportlich und kein großer Esser war, dafür aber tagtäglich in die Snack- und Cola-Falle tappte, sich langsam, aber sicher einen kleinen Schwimmring zu. Heute weiß man, dass das Fettgewebe am und vor allem im Bauch, viszerales Fett genannt, krank macht.  

Jetzt, da die Tage dunkler und kälter werden, Dauergrau und Nieselregen aufs Gemüt drücken, steigt wieder das Risiko, das gefährliche Fettpolster mit der Kombination aus spannenden Filmen und unwiderstehlichem Knabberkram zu füttern. Die Alchemisten der Nahrungsmittelindustrie tricksen geschickt unsere Instinkte aus und sorgen dafür, dass Chips & Flips grundsätzlich nach mehr schmecken: Jede Menge Kohlenhydrate und Fett, garniert mit Duft und Geschmack aus der Retorte. Besonders gefährlich sind BBQ-Chips, die riechen und schmecken, als kämen sie direkt vom Grill. Wir können nicht mehr aufhören zu essen, weil der Körper mit jedem Bissen nach dem Stoff giert, den der Geschmack vorgaukelt: Eiweiß. Tatsächlich stopfen wir fast ausschließlich Kohlenhydrate und Fett in uns hinein. Verhängnisvoll! Bei Chicken Nuggets schnappt auch die Fastfood-Falle zu, die Hähnchen- und Hähnchenformfleisch-Stücke werden mit viel Fett und Zucker paniert und dann frittiert, sie enthalten wenig Eiweiß, dafür jede Menge Fett und relativ viele Kohlenhydrate. Da kann es dauern, bis sich ein Sättigungsgefühl einstellt. Das liegt am sogenannten „Eiweiß-Effekt“: Der Hunger ist erst gestillt, wenn genügend Eiweiß aufgenommen worden ist. Enthält das Essen zu wenig Proteine, dauert es länger, bis wir uns gesättigt fühlen – ein für das Gewicht entscheidender Faktor!

Zwei Wissenschaftler von der Universität Sydney waren die ersten, die den Eiweiß-Effekt bei Insekten beobachteten. Eine ihrer Studentinnen machte daraufhin einen Test. Sie lud zehn Freunde ins Chalet ihrer Eltern in der Schweiz ein. Alle durften essen, soviel und was sie wollten. Die eine Hälfte bekam proteinreiche Kost, die andere Hälfte proteinarme. Die erste Gruppe nahm spontan 38 Prozent weniger Kalorien zu sich als vorher, die andere Gruppe 35 Prozent mehr. Alle hatten unbewusst ihre Proteinzufuhr konstant gehalten, allerdings musste die „proteinarme“ Gruppe viel mehr Kohlehydrate vertilgen, um das Proteinlevel zu erreichen, die andere „proteinreiche“ Gruppe weniger. Inzwischen gibt es mehrere Studien, die dieses Testergebnis bestätigen.

Doch nicht nur der Eiweißmangel sorgt für den „Schmeckt-nach-mehr-Effekt“. Forscher der Universität Würzburg haben herausgefunden: Auch der Inhalt dessen, was wir zum Snack anschauen, wirkt sich auf das Essverhalten aus. Sind wir gefesselt von Drama, Liebe und Tod, greifen wir automatisch öfter in die Chipstüte, als wenn wir etwa eine Dokumentation über das Leben der Erdmännchen anschauen. Bei aufwühlenden Inhalten ist das Hirn offenbar zu sehr damit beschäftigt, die Emotionen zu verarbeiten. Die Wissenschaftler setzten 80 Testpersonen vor lustige, traurige oder neutrale Videoclips und testeten, wie gut sie Grundgeschmäcker oder den Fettgehalt von Milch wahrnehmen konnten. Diejenigen, die schon in getrübter Stimmung gekommen waren, konnten zwar vorher zuordnen, ob sie Voll- oder Magermilch gekostet hatten, nachdem sie etwas sehr Lustiges oder Trauriges gesehen hatten, waren sie dazu nicht mehr in der Lage. Videos mit neutralem Inhalt hatten keine Auswirkungen. Bei den Testpersonen, die in normaler Gemütslage angetreten waren, blieb die Fähigkeit, Fett zu schmecken, erhalten, unabhängig vom Inhalt der Filme. Süßer und bitterer Geschmack wurde dagegen von den deprimierten Testpersonen nach aufwühlenden Videos stärker empfunden.

Was lernen wir aus der Geschichte? Vielleicht ist es einen Versuch wert, sich statt mit Chips mit Schokolade vor den Fernseher zu setzen; denn je intensiver man einen Geschmack empfindet, desto schneller fühlt man sich gesättigt. Von Vollmilch-Schokolade ist allerdings dringend abzuraten, mit der können Sie zwar schlechte Gefühle ziemlich schnell wegessen, doch auch davon kriegt Ihr Körper nicht genug – wegen des vielen Zuckers. Am besten greifen Sie zu ein bis zwei Stück Zartbitter mit einem Kakaoanteil von mindestens 70 % – im Idealfall mit Rohrzucker statt mit Haushaltszucker gesüßt. Das erhöht die Chance, dass Ihre Fressbremse rechtzeitig funktioniert, und mit dieser Krimi-Beilage futtern Sie sich sogar gesund. In Maßen genossen macht dunkle Schokolade nämlich glücklich, stärkt Hirn und Immunsystem, während Sie mit Chips & Flips jede Menge (Trans-)Fette, Kohlenhydrate, Geschmacksverstärker und Aromen zu sich nehmen. Mehr über dunkle Schokolade als Gesundheits-Elixier in meinem Buch „Iss richtig oder stirb“. 

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/gesunde-ernaehrung-esst-mehr-eiweiss/22607312.html

https://journals.plos.org/plosone/article/file?id=10.1371/journal.pone.0065006&type=printable

 

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