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Neues von der Tesla Gigafactory: Fabrik noch nicht fertig, aber „Krachergehälter“

18. November 2020

Elon Musk mit seiner riesigen Fabrik in der Brandenburgischen Heide bietet immer wieder Stoff für Berichte, bevor überhaupt die „Gigafactory“ steht. Der Finanzausschuss des Brandenburger Landtags hatte den Kaufvertrag für das Gelände der geplanten Fabrik des US-Elektroautoherstellers Tesla schon im Januar 2020 abgenickt, gegen den Protest der Bewohner der Region. Der geplante Produktionsstart für den fast schon legendären Stromer mit einigen Schönheitsfehlern soll Juli 2021 sein. Das ist „mehr als ambitioniert“, beurteilen Ökonomen den forschen Plan.

Die Ausmaße der Fabrik sind beachtlich: Die große Produktionshalle wird fast 750 Meter lang und über 300 Meter breit sein. Sie wird eine Grundfläche von 380.000 Quadratmetern einnehmen. Dafür mussten schon gleich, als erster Schritt, 90 Hektar Wald gerodet werden. Letztendlich sollen es aber 300 Hektar Wald werden, die den Kettensägen und Holz-Harvestern zum Opfer fallen. Dieselben Umweltkrieger, die sich im Hambacher Forst an die Bäume ketteten und Schlachten mit der Polizei lieferten, ließen sich aber im Brandenburger Wald nicht sehen. Auch, dass bei Vollbetrieb der Fabrik täglich 500 LKWs dort ein und aus fahren und sechs Güterzüge durch das einst so naturbelassene Waldgebiet rattern, stört nicht weiter. Was überdies eine Zubetonierung von fast 300 Hektar mit dem Grundwasserspiegel und dem Trinkwasser machen wird, ist vollkommen offen. Welche Emissionen das Werk in die Luft oder auch den Boden entlässt, ebenfalls, genau wie die Auswirkungen auf das Ökosystem Wald. Von den Grünen kommt kein Wort gegen diese Natur- und Waldvernichtung. Für das Heiligtum Elektroauto ist alles gerechtfertigt.

Wie großartig sich dieses Riesenprojekt für die Wirtschaft und Infrastruktur des eher schwachbrüstigen Bundeslandes Brandenburg auswirken wird, werden die Politiker nicht müde zu betonen. Die Nachteile für Natur und Mensch werden unter den Teppich gekehrt: Nicht nur die Trinkwasserqualität wird leiden, auch die Tatsache, dass das Tesla-Werk seinen Wasserbedarf ebenfalls anfangs aus dem öffentlichen Trinkwassernetz entnehmen will. Tesla braucht den Unterlagen zufolge 372 Kubikmeter pro Stunde und entsorgt 252 Kubikmeter Abwasser pro Stunde in die Kläranlage des Wasserverbandes Strausberg-Erkner. Später soll die Versorgung über einen eigenen Brunnen auf dem Gelände geleistet werden, was erhebliche Mengen aus dem Grundwasser entnimmt. Teile des Tesla-Standortes befinden sich überdies in einem Wasserschutzgebiet. Die Wasserversorgung der in der Nähe liegenden Naturschutzgebiete wäre bedroht. Jetzt schon, bei bisher moderatem Zuzug von neuen Einwohnern in dieser Region, nimmt die Grundwassermenge stetig ab. Was geschieht, wenn das Autowerk wirklich 100.000 Mitarbeiter und deren Familienangehörige in die brandenburgische Heide zieht?

Dass das so sein wird, das ist bei den gebotenen Gehältern jetzt schon klar. Die niedrigste Lohngruppe für Arbeitslose, Jobwechsler und Leute ohne abgeschlossene Berufsausbildung liegt bei einem Bruttogehalt von 2.700 Euro monatlich. Jochem Freyer, der Leiter des Jobcenters in Frankfurt a.d. Oder ist voller Hochachtung für Tesla:

„Wir haben zu Gehaltsfragen Vertraulichkeit vereinbart. Vieles ist auch noch im Fluss. Aber die Untergrenze steht. Für Tesla ist es kein No-Go, jemanden einzustellen, der schon längere Zeit ohne Job war oder keine abgeschlossene Berufsausbildung hat. Das ist ein Statement, das von vielen anderen Unternehmen nicht kommt. Die Bezahlung ist einfach mal ein Kracher für dieser Ebene.“

Bewerber mit einer einschlägigen Berufsausbildung fängt die Besoldung mit brutto 3.500 Euro im Monat an. Bis zum Sommer 2021 sollen 7.000 unbefristete Vollzeitstellen entstehen, weitere 5.000 Mitarbeiter sollen ab Ende der ersten Ausbaustufe im Jahr 2022 eingestellt werden. Gesucht werden Ingenieure, Werkzeugmacher, Manager. Und Elon Musk will sich eine „Task-Force“ von 25 Top-Leuten zusammenstellen, die sofort überall eingreifen kann und auch direkt an ihn berichtet, schreibt das Handelsblatt. Elon Musk bezeichnet die „Elitetruppe“ in der ihm eigenen Art als seine „25 guns“, seine 25 Feuerwaffen. Sie müssen wild, direkt und erste Sahne sein. Tesla sei ein Unternehmen mit „flachen Hierarchien“ und kurzen Entscheidungswegen. Elon Musk will immer bis ins Detail eingebunden sein und entscheidet schnell und bisweilen brutal. Er ist bekannt, sehr unbequem zu sein und autokratisch, viel zu verlangen, aber auch viel zu geben. Leistung ist alles, was zählt. Er kann sich nicht über mangelndes Interesse von Bewerbern beschweren. Mit den guten Löhnen, die er bietet, liegt er vor allem im Vergleich zu den Durchschnittslöhnen in Brandenburg weit vorne. Die 2.700 Euro Monatslohn für Ungelernte bilden in Brandenburg das mittlere monatliche Bruttoeinkommen durch alle Schichten ab.

Dazu war Elon Musk in der ersten Novemberwoche nach Brandenburg gekommen. Er schaute sich persönlich mehrere Top-Ingenieure an, um sich selbst ein Bild zu machen und die herauszusuchen, die er für die Geeignetesten hält. Allerdings ist wo Licht ist, ist auch Schatten. Auf der Social Media Seite Kununu.com postet jemand, der in der Tesla-Europaverwaltung in Amsterdam gearbeitet hat, unter der Überschrift „Finger weg! Andere Arbeitgeber haben auch schöne Stellen“ seine Insider-Erfahrungen:

„Sind Vorgesetzte anwesend, so herrscht furchtbare Stimmung. Fairness ist hier Fehlanzeige, gelobt wird niemand und wenn, dann diejenigen, die am häufigsten mit Vorgesetzten Kaffee trinken gehen. Ansonsten ist die Atmosphäre davon abhängig, ob genügend Mitarbeiter pro Standort eingeteilt sind und wie diese miteinander zurechtkommen. Dann macht der Arbeitstag hin und wieder auch Spaß. Diese Wunschvorstellung ist aufgrund der hohen Fluktuation der Mitarbeiter und des daraus resultierenden Personalmangels aber eher selten gegeben, was dem Management zugeschrieben werden kann. (…) Das gute Image ist dem Produkt zu verdanken. Mehr Gutes gibt es in dem Unternehmen nicht.
Zur Work-Life-Balance: Work-Balance trifft es wohl eher. Ein Privatleben kann man nicht parallel haben und wenn doch, dann leidet das gewaltig; eine Partnerschaft ist zeitlich kaum machbar, da man ja für die Arbeit lebt. (…) Es gibt keine Weiterbildungsmöglichkeiten und Förderungen, obwohl diese anfangs angepriesen werden.
Umgang mit älteren Kollegen: Ältere Kollegen gibt es nicht.“

Sein Kommentar zu den hohen Gehältern ist knapp und erhellend: „Gehalt über dem Branchenschnitt, rechnet man die vielen Überstunden dazu, sieht das ganze anders aus.“

Bei den Behörden scheint Elon Musks brachiales Durchsetzungsvermögen nicht so richtig zu ziehen: „Zurzeit kämpft Tesla mit den deutschen Behörden um seinen ambitionierten Zeitplan zur Fertigstellung der Fabrik. Dieser soll auch unter Druck sein, weil Protokolle und Genehmigungsunterlagen für weitere Arbeitsschritte noch nicht vorliegen