Von "Lustig ist das Zigeunerleben" zur Diskriminierung in den Polizeiakten. Bild: Pixabay
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Der „antiziganistische“ Blick der Polizei – „Zigeuner“ als Diskriminierung?

19. Januar 2021

Das Zauberwort „ethnische Minderheiten“ signalisiert es schon: Sei bloß vorsichtig, was du jetzt sagst und wie du dich ausdrückst, damit du keinen Ärger bekommst. Sicher ist es gut und richtig, Menschen nicht nach Volkszugehörigkeit zu be- bzw. verurteilen. Es ist heute schon fast „rechts“, das Wort „Volk“ überhaupt zu benutzen. Lieber den Begriff „Ethnie“ verwenden. Wer zu einer „Ethnischen Minderheit“ gehört, hat sofort Schutzstatus. Auch bei der Polizei. Die darf die Zugehörigkeit zur  Ethnie XYZ nicht einmal erwähnen, auch dann nicht, wenn es Tatsache ist. Das könnte Ärger geben.

Herder prägte einmal den Satz „Jedes Volk ist ein Gedanke Gottes“ und meinte damit die so wundervolle und einmalige Kultur, die das Wesen eines jeden Volkes prägt. Seine Sprache, die Menschen, die Kunst. Die Musik. Die spezielle Küche, die traditionelle Kleidung, die Lebensweise. Ein schöner, liebevoller Blick auf alle Menschen und die vielen verschiedenen Kulturen, die sie im Laufe der Jahrhunderte oder Jahrtausende hervorgebracht haben.

Aber auch eine sehr offene und bescheiden-wohlwollende Haltung, denn es kann bei dieser Betrachtungsweise keine „minderwertigen“ oder „schlechten“ Völker geben – und die gibt es auch nicht. In der Zeit der Aufklärung war die Welt hell und hoffnungsfroh. Eine Familie brüderlicher Völker – was für eine großartige Sache! Friedrich Schiller glühte dafür. Die jeweils individuelle Ausprägung verschiedener Kulturen war ein Ansporn, ja fast Verpflichtung, sie kennenzulernen, wie es Goethe auf seinen Reisen tat und darüber dichtete. Seine Begeisterung für Italien und Griechenland spricht aus seiner Dichtkunst.

Heute ist es politisch schon nicht korrekt, Menschen überhaupt mit ihrer Volkszugehörigkeit zu beschreiben. Dem hängt sofort der Ruch des Rassismus an. Die Eiertänze um die korrekte Bezeichnung, wenn man tatsächlich aus objektiven Gründen einen Menschen über seine ethnische Zugehörigkeit charakterisiert, werden immer absurder. Dabei bemerken die eifrigen Tugendwächter überhaupt nicht, dass es blanker Rassismus – gemäß ihrer eigenen Definition – ist, wenn die Nennung einer Volkszugehörigkeit einer Herabwürdigung gleichgestellt ist, bedeutet das doch, dass diese „Volks“-Zugehörigkeit ein Makel ist. Wie kann sie das denn überhaupt sein, wenn man NICHT rassistisch denkt? Warum muss man Menschen davor beschützen, als Bulgare, Franzose, Araber, Chinese, Indianer oder Zigeuner bezeichnet zu werden, wenn das doch zutreffend ist und in keiner Weise etwas Herabsetzendes sein kann?

So darf die Polizei nur dann die Ethnie nennen, wenn es aus sachlichen Gründen erforderlich ist, zum Beispiel für eine Fahndung. Es wird halt schwierig, wenn man sich weder auf das Aussehen, noch auf das vermutliche Gender/Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit beziehen darf, aber eine Täterbeschreibung liefern soll: „Gesucht wird eine Person mittleren Alters“. Das engt den Kreis möglicher Täter*Innen kaum ein.

Die Berliner Landesdatenschutzbeauftragte Maja Smoltczyk monierte unlängst ungnädigst, dass die Polizei in den Akten ungebührlich oft die Begriffe „Roma“, „Sinti“ oder „Zigeuner“ benutzt. Das gehe gar nicht, das sei „racial profiling“ (was man in etwa mit „auf Rasse beruhender Tätervermutung“ übersetzen könnte). Oder anders gesagt: Wenn in einem Kaufhaus  durch Trickdiebstahl große Fehlbestände in der Schmuckabteilung entstehen oder durch Betrügereien an Haustüren Leute über‘s Ohr gehauen werden, oder ungewöhnlich viele Frauen massiv belästigt werden, die Polizei davon ausgeht das der/die Täter in den Reihen der Zigeuner – oder „mobile ethnische Minderheiten“ genannt, oder „Russen“  –  oder Zuwanderer aus dem Nahen Osten als wahrscheinliche Täter im Fokus der Fahndung stehen.

Die Süddeutsche schreibt:

„So vermerkte die Berliner Polizei nach SZ-Informationen allein 2017 in 31 Fällen Begriffe wie „Roma“, „Sinti“ oder „Zigeuner“. Die Angaben fanden sich in Strafanzeigen, Durchsuchungs-, Zwischen- oder Schlussberichten an die Staatsanwaltschaft, oft waren es einfach nur Zitate aus Zeugenvernehmungen. Immer wieder aber wurden solche Bezeichnungen auch anlasslos in Verbindung mit Trickdiebstählen benutzt. Und Letzteres ist nach Ansicht der Berliner Landesdatenschutzbeauftragten Maja Smoltczyk rechtswidrig.“

Warum eigentlich? Wenn die Polizei aufgrund nachvollziehbarer Indizien oder Zeugenaussagen davon ausgeht, dass ein gesuchter Trickbetrüger aus der Gruppe der Sinti oder Roma stammt, dann ist die Tatsache, dass der Täter diese Volkszugehörigkeit hat, ein Merkmal für die Beschreibung, wie „rote Haare“ oder „Sommersprossen“ oder Afrikaner. Es regt sich ja auch niemand auf, wenn ein Trickbetrüger als „mittelgroßer, blonder Deutscher mit bayerischem Akzent“ beschrieben wird. Rassismus wäre es allenfalls umgekehrt, wenn man jemandem, nur weil er „Zigeuner“ ist, gleich mal flott und unbegründet unterstellt, er sei Trickbetrüger.

All die immer wieder neu erfundenen, scheinbar neutralen Kunstbegriffe für bestimmte „Ethnien“ nutzen gar nichts gegen Diskriminierung. Nachdem man in den siebziger Jahren als Ersatz für das angeblich herabsetzende „Zigeuner“ die Bezeichnung „Sinti“ oder „Roma“ als Ersatz heranzog, hatten diese Bezeichnungen nach kürzester Zeit denselben, negativen Beiklang. Das versuchte man wiederum durch den Begriff „Mobile ethnische Minderheiten“ wieder aufzuhübschen, was nur dazu führte, dass sie in den Amtsstuben unter den Hand nur noch „Mems“ (Mobile Ethnische Minderheiten) hießen und der negative Beiklang erhalten blieb.

Nach dem ersten Weltkrieg versuchte die Siegermacht Großbritannien, deutsche Produkte auf der Welt schwer verkäuflich zu machen, indem die Kennzeichnung „Made in Germany“ obligatorisch auf dem Produkt angebracht sein musste. Da die deutschen Produkte aber meistens besser waren, als die englischen, wurde „Made in Germany“ zum Qualitätsmerkmal, statt zum Makel. Der Schuss ging nach hinten los.

Frau Maja Smoltczyk wird feststellen, dass sie nichts weiter bewirken wird, als neue, verkorkste Sprachschöpfungen für bestimmte Volksgruppen. Die neue Bezeichnung mag von dichterischer Schönheit sein, sie wird schnell dieselbe nachteilige „Bewertungs-Metaebene“ haben, wie die von ihr inkriminierten Bäbäh-Wörter. Ob ich nun „Zigeuner“ (was immerhin ein gewachsenes und echtes Wort ist, was sich aus einer sehr alten Bezeichnung herleitet) oder „Rotationseuropäer“ sage, das ändert nichts. Wikipedia schreibt:

„Die Herkunft des Wortes Zigeuner (vgl. französisch Tziganes) ist umstritten. Es ist möglicherweise eine korrumpierte Form der Sekte der Athinganen (griechisch Ἀθίγγανοι, Athinganoi, „die Unberührbaren“), die im 9. Jahrhundert im früheren Phrygien lebte. Im Jahre 803 wurden sie dort in Amorion erstmals als „Zauberer, Wahrsager und arge Ketzer“ beschrieben. (…) Ableitungen mit Herkunft aus dem 19. Jahrhundert beziehen sich auf eine „verstoßene“ Bevölkerungsgruppe namens Cangar (Tschangar) im heutigen Punjab (Indien), die eine „sanskritische Tochtersprache Sindhi gesprochen habe. Diese Cangar nannte Rienzi 1832 ‚Cingari‘ oder ‚Tzengari‘.“ 

Daneben gibt es eine Herleitung von alttürkisch čïγay mit den Varianten čïγan und čïγany mit der Bedeutung ‚arm‘, ‚elend‘, vermittelt über das ungarische Wort cigány. (…) Im Deutschen stammt das Wort aus mittelhochdeutsch ‚Cigäwnär‘, das erstmals 1422 als handschriftliche Notiz im Tagebuch des Andreas von Regensburg auftauchte: ‚Ein gewisser Stamm der Cingari, gewöhnlich Cigäwnär genannt‘.“

Das Wort „Zigeuner“ hatte im 19. Jahrhundert sogar einen wildromantischen Beiklang:

„Zugleich mit einer diskriminierenden kam eine ebenfalls abgrenzende romantisierende Sichtweise auf, die negative Stereotype positiv umwertete. In der Romantik wird die jahrhundertelang an den Rand gedrängte Minderheit der Roma zum faszinierenden Gegenbild der eigenen Gesellschaft: Die »Zigeuner« stehen für Freiheit, Arbeit ohne Zwang, ein umherschweifendes Leben unter freiem Himmel, eine freizügige Sexualität, künstlerische Kreativität und eine überschäumende Lebenslust, die in Musik und Tanz ihren Ausdruck findet.“ 

Johann Strauss‘ Oper „Der Zigeunerbaron“ schwelgt in diesem Lebensgefühl und die George Bizets Oper „Carmen“ ist geradezu eine Hymne an eine wunderschöne, aber wilde und ungezähmte Zigeunerin, deren Leidenschaft und Freiheitswille bis in den Tod ungebrochen ist.

Die sogenannte „Zigeunerromatik“ des 19. Jahrhunderts entsprang damals einer Sehnsucht nach Ungebundenheit, Freiheit, dem vermeintlich unbezähmbaren Ausleben von Abenteuerlust und Gefühlen, Lagerfeuer und das von Obrigkeiten nicht reglementierte, selbstbestimmte Leben, das sich nicht um Reputation, Geld und Sittsamkeit schert. Der Begriff „Zigeuner“ war eine Metapher für eine Freiheit, die dem braven Bürger, gefangen in gesellschaftlichen Konventionen, verwehrt war. Wie es auch in einem Lied aus der Oper Carmen heißt: „Die Liebe vom Zigeuner stammt, sie fragt nach Rechten nicht, Gesetz und Macht, ach, Carmen …“

Wie schade, dass Frau Maja Smoltczyk diese Seite nicht kennt und auch nicht so wirklich mitbekommen hat, dass  – laut Wikipedia – diejenigen, denen sie ersparen will, „Zigeuner“ genannt zu werden, aber genau so heißen wollen:

Die Sinti Allianz Deutschland – einer der weniger bedeutenden Zusammenschlüsse, beschränkt auf einige Familien aus den Teilgruppen der Sinti und der Lovara – akzeptierte noch lange die Bezeichnung, wiewohl sie sie in ihrem Eigennamen vermied. (…) so dass Sprecher es dann vorziehen, auf „Zigeuner“ auszuweichen. Zwischenzeitlich revidierte die Sinti-Allianz ihre Selbstbeschreibung und sprach von sich statt als von einem „Zusammenschluss deutscher Zigeuner“ nunmehr ausschließlich von „Sinti“, „Lovara“, „Roma“ (2013). Eine erneute Revision machte das rückgängig. 2020 heißt es nun wieder, „eine Zensur oder Ächtung des Begriffs Zigeuner, durch wen auch immer, sollte und darf es nicht geben“.