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Empörungstheater in Absurdistan – 1. FC Köln knickt vor „Fanprotesten“ ein – Neuer Medienchef muss wegen uraltem Tweet gehen

5. Februar 2021

Es war ein recht harmloser Tweet des ehemaligen BILD-Journalisten Fritz Esser. Er sollte der neue Medienchef des 1. FC Kölns werden, aber der Tweet aus 2017 bricht ihm nun das Genick. Er hatte den Tweet eines AfD-Bundestagsabgeordneten zustimmend kommentiert. Vollkommen egal, dass auch ein AfD-Mann berechtigte Kritik am Bundestag üben kann, man darf unter keinen Umständen einem Untermenschen von der AfD zustimmen, selbst wenn er sich gegen Atombomben äußern würde. Jetzt muss Fritz Esser das Feld räumen.

Auf den Schwiegersohn der FC-Spieler- und Trainer-Legende Hannes Löhr (er war zwanzigfacher Nationalspieler und gewann 1978 die deutsche Meisterschaft und 1968, 1977, 1978 den DFB-Pokal) wurde sofort eine mediale Treibjagd eröffnet.

Besonders verwerflich: Als BILD-Journalist hatte Esser eine Kritik zu dem Versprechen der Bundesregierung veröffentlicht, Zuwanderer mit Einreiseverbot wieder des Landes zu verweisen:

Noch einmal klargestellt: Die Bundesregierung hatte damals versprochen, eine „große Kraftanstrengung“ zu unternehmen, solche Migranten, die wegen Straftaten, illegaler Einreise oder Asylbetrugs o.ä. bereits abgeschoben und mit Einreiseverbot belegt worden waren, sofort wieder abzuschieben, wenn sie dennoch trotz Einreiseverbot wieder nach Deutschland kommen. Das war ein Versprechen unserer Regierung und so machen es alle Regierungen dieser Welt. Das Versprechen wurde gebrochen, Fritz Esser kritisierte das – und ist deshalb „nicht mit den Werten des Clubs vereinbar“.

Die Inquisition schläft nicht und öffnet die Akten: „Was haben wir denn gegen den?“, sagte schon Konrad Adenauer, wenn er jemanden aus dem Weg räumen wollte – und das ist hier geglückt. Alles, was sich im Kölner Raum als vorbildlich politisch korrekt und wichtig empfand, vom Fußballspieler bis zur B- und C-Prominenz, beteilige sich an der Empörung. Erfolgreich: Fritz Esser ist geschasst. Viele Jäger sind des Hasen Tod.

Nicht nur das, der FC Köln muss nun auch noch um Entschuldigung bitten, dass man überhaupt Herrn Esser in Betracht ziehen konnte, wo er doch etwas so Grauenhaftes und Fürchterliches getan hatte. Präsident Werner Wolf (64) und Geschäftsführer Alexander Wehrle (45) sagten am 3. Februar in einer Stellungnahme, in der sie (fast) alle PC-Glaubensbekenntnisbegriffe abspulten:

Toleranz, Fairness, Offenheit und Respekt sind als zentrale Werte in der Charta des FC festgeschrieben. Sie sind das Leitbild für den gesamten Verein und damit auch für uns Verantwortliche und unsere Mitarbeiter. Beim Auswahlprozess sind Fehler gemacht worden. Seit der Veröffentlichung haben uns Vorwürfe erreicht, die wir vorher hätten prüfen müssen. Daraus werden wir Konsequenzen ziehen.“ 

Also, da fehlt aber noch was, Herr Wolf und Herr Wehrle. Was ist mit Antirassismus, Diversity und Klimaneutralität? Wollen Sie sich etwa dem Verdacht aussetzen, diesen Werten nicht zugetan zu sein? Wo bleibt denn da der Aufschrei der Fans?

Stattdessen ein klägliches „Mimimi“, man habe ja gar nicht geahnt, was für einen AfD-Werwolf man sich da eingehandelt habe. Bei Tageslicht sah er wie ein ganz normaler Mensch aus, dem man seine inneren Abgründe gar nicht ansah:

Die FC-Bosse sagten weiter: ‚Wir bitten alle Mitglieder und Fans um Entschuldigung. Wir haben Herrn Esser als integren Menschen mit demokratischem Wertegerüst kennengelernt. Dennoch haben wir uns nach intensivem Austausch entschieden, auf die Zusammenarbeit zu verzichten.‘“ 

Tja, vielleicht war gerade das der Fehler, dass Her Esser ein demokratisches Wertegerüst hat und meinte, er könne seine Meinung selbst dann sagen, wenn ein Abgeordneter des AfD der gleichen Meinung ist. Also, sowas wie Meinungsfreiheit, freie Rede und so …

Und das Allerletzte: Herr Esser wehrt sich auch noch. Unglaublich. Sein Tweet zeugt davon, dass er überhaupt nicht versteht, dass jetzt hier sozialistische Selbstkritik und Selbstbezichtigung und tiefe Reue angesagt ist. Aber nein, er twittert:

Nun, man kann beim FC zwar aufatmen, der Mann räumt freiwillig seinen Posten, bevor er ihn überhaupt angetreten hat. Was wahrscheinlich auch das Beste für ihn ist, wenn er nicht restlos zerrissen werden will. Damit ist aber die Säuberungsaktion im FC noch nicht abgeschlossen. Das Böse ist mindestens so ansteckend wie Corona und jeder Abweichler vom Pfad der fleckenlosen PC-Tugend muss ausgemerzt werden, auch wenn er nur mittelbar schuldig ist.

Wer war es denn, der jetzt schuld ist, dass Herr Esser überhaupt seinen Teufelshuf in den Tempel der Toleranz, Fairness, Offenheit und des Respekts setzen konnte? Wer muss jetzt dafür büßen? Ene-Mene-Muh … und raus bist Du:

Jürgen Homeyer vom 1.FC hat – nachdem der geschasste Medienchef Tobias Kaufmann draußen war – vorübergehend die Position des Leiters Medien und Kommunikation betreut und zusammen mit einer Headhunter-Agentur einen neuen Medienchef gesucht. Die Wahl fiel nach mehreren Vorstellungs-Interview-Runden mit mehreren Kandidaten auf Fritz Esser. Der konnte glasklar überzeugen und so trafen FC-Geschäftsführer Alexander Wehrle, Horst Held und der FC-Vorstand den Entschluss, Fritz Esser zum neuen Medienchef zu machen.

Aber wer muss nun als Sündenbock gehen? Nicht etwa der Geschäftsführer. Auch der Vorstand tritt nicht angesichts der gemeinsamen Wahl des Leibhaftigen zurück. Nein, es ist Jürgen Homeyer, der gehen muss. Was ein erbärmliches Theater.