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GameStop und die Schlacht­felder der Digitalisierung

An der Wall­street ist gerade der Teufel los, die Bewertung der Kurs­sprünge einiger Aktien aus der dritten Reihe fällt jedoch höchst unter­schiedlich aus. Die Bör­sen­auf­sicht SEC kün­digte Unter­su­chungen an, Sena­torin Eli­sabeth Warren fordert von der SEC „Inves­toren zu schützen“ – in diesem Fall kurio­ser­weise vor dem eigenen Erfolg – und im Netz werden die über Reddit ver­bun­denen Klein­an­leger, die durch mas­sen­haften Kauf der Aktien von z. B. GameStop den Kurs durch die Decke getrieben haben, als Helden gefeiert, die wie David gegen Goliath einigen Hedge­fonds dicke Brocken an den Kopf geworfen haben. Haupt­be­trof­fener: Melvin Capital.

Zwar haben sich mitt­ler­weile wohl alle Hedge­fonds aus ihren Short-Posi­tionen zurück­ge­zogen, aber um welchen Preis? Bei etwa 6 Dollar wettete man auf den Untergang, bei 300 Dollar musste man schließlich sehr viel Geld in die Hand nehmen, um aus der Wette wieder raus zu kommen. Von 70 Mil­li­arden Dollar Ver­lusten ist ins­gesamt die Rede. Die Auguren der Börsen, die Experten und Ana­lysten ver­suchen, das Geschehen mit dem Voka­bular zu erklären, das sie immer ver­wendet haben. Man inter­viewt sich gegen­seitig, setzt den Akti­enkurs in Relation zum Jah­res­umsatz und hält für eine Erklärung schließlich einen feuchten Finger in den Wind. Der Spuk sei vorbei, der Short-Squeeze zwar schmerzhaft gewesen, aber nun wieder alles „business as usual“. Kaum jemand hat wirklich ver­standen, dass wir gerade Zeuge einer völlig neu­ar­tigen Schlacht in einer digi­talen Revo­lution geworden sind. Einer Revo­lution, die ab jetzt auf drei Schlacht­feldern statt nur auf zweien geschlagen wird.

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Das erste Schlachtfeld

Digi­ta­li­sierung ist ein Zau­berwort, ohne das deutsche Poli­tiker keine Reden halten können. In diesen Reden malen sie dann gern kit­schige Bilder von der Zukunft, das Leben ist leicht, die Mit­be­stimmung der Men­schen gut simu­liert, Kon­flikte durch künst­liche Intel­ligenz ein­gehegt, Ener­gie­ver­brauch und Stoff­kreis­läufe perfekt orga­ni­siert, das Klima gerettet. Doch Digi­ta­li­sierung und Buch­druck haben eines gemeinsam: sie sind viel­fältig ein­setzbar und in der Lage, jede Art von Ideen und Gedanken zu ver­breiten. Und beide ent­ziehen sich immer wieder den regu­la­to­ri­schen Bestre­bungen derer, die glauben, das Recht dazu zu haben. Bücher sind Bibel und Boc­c­accio. Digi­ta­li­sierung ist Dorothee Bär und Darknet.

Die ersten, die die Ambi­valenz des Digi­talen Zeit­alters zu spüren bekamen, waren die Medien. Anfangs belä­chelt, hielt man das Internet später schlicht für einen wei­teren Kanal, die eigenen Inhalte und Welt­erklä­rungen an den Leser und Zuschauer zu bringen. Das Infor­ma­ti­ons­mo­nopol, Kor­re­spon­den­ten­netze und hau­fen­weise kluge oder doch zumindest klug wir­kende Köpfe konnten jedoch nicht ver­hindern, dass die Men­schen immer mehr dazu über­gingen, sich die Infor­ma­tionen direkt oder auf Schleich­wegen zu beschaffen. Wozu soll man dem ARD-Reporter bei der Schil­derung der Vor­komm­nisse auf dem Tah­r­ir­platz in Kairo lau­schen, wenn man die Bilder live über eine Webcam vor Ort sehen kann? Warum die Infor­ma­tionen mühsam aus den Vor­ur­teilen und poli­ti­schen Filtern eines Journo-Akti­visten pellen, wenn man sich via Augen­zeugen und sozialen Medien selbst ein Bild machen kann?

Die Auf­lagen der Zei­tungen schwanden, Relevanz und Akzeptanz öffentlich finan­zierter Medien ging zurück. Die Medien fanden sich nun im Internet wieder, wo sie nicht exklusiv, sondern nur ein Player unter vielen waren. Der Kampf um Relevanz und damit ums Über­leben wurde schmut­ziger. Heute wird er mit Framing, Denun­ziation, Ver­leumdung, Cancle-Cultur, Sper­rungen, Löschung und dreisten Lügen geführt. Kon­kur­rierten die Medien einst noch um die Gunst von Leser, Hörer und Zuschauer, ist heute jeder Leser, Hörer und Zuschauer selbst poten­ziell ein kon­kur­rie­rendes Medium, das sich durch Kom­mentare, Blogs, Facebook-Shit­storm oder Video-Empörung laut­stark Luft ver­schaffen kann.

Das zweite Schlachtfeld

Der­selbe Über­le­bens­kampf um Relevanz und Ein­fluss tobt in der Politik und er wird mit den­selben Waffen geführt. Im Bestreben, für den poli­ti­schen Rivalen mög­lichst unan­greifbar zu sein, beflei­ßigte man sich einer mög­lichst unver­bind­lichen Sprache, blieb so lange wie möglich vage. Musste man als Poli­tiker hin und wieder doch mal konkret werden, war das spä­testens nach zehnmal Tages­schau wieder ver­gessen. Alles ver­sendet sich!

Doch das Netz ver­gisst nicht. Noch Jahre später kann man nach­lesen, was Horst See­hofer im Interview mit dem „Hin­ter­tup­finger Dorf­boten“ sagte und falls er ver­sucht haben sollte, den Artikel wegen Pein­lich­keiten oder ent­hal­tenen Falsch­aus­sagen aus der Welt zu schaffen, hat sicher irgend ein Hei­mat­verein dafür gesorgt, dass im Web­archiv alles zu finden ist. Im Ergebnis ver­sucht die Politik, noch unkon­kreter und buch­stäblich zum Pudding zu werden, der unmöglich an die Wand zu nageln ist.

Wir erkennen nun, dass es lediglich diese laut­starke Unver­bind­lichkeit ist, die die meisten Poli­tiker auf ihre Posten brachte. Kom­petenz lässt sich dabei mühelos durch Haltung ersetzen, womit der rasante Verlust an Ver­ant­wortung einher geht. Ver­ant­wortung ist etwas, dass man mit anderen ver­handelt, in der Regel mit Wählern oder Mit­ar­beitern. Haltung ist viel bil­liger zu haben und noch dazu so schön unver­bindlich. Man muss sie nur mit sich selbst ver­handeln und kann sie mit Hilfe der Medien täglich polieren lassen, nachdem sie in den sozialen Medien ver­lacht und mit Tomaten beworfen wurde. Abends, bei Lanz, Illner oder Maisch­berger sitzen sie dann müde von ihren Schlachten zusammen, die Poli­tiker und die Medien, und lecken sich die Wunden, die ihnen Wähler, Leser und Zuschauer tagsüber schlugen.

Das dritte Schlachtfeld

Zunächst das Offen­sicht­liche und ein wenig Begriffs­sym­bolik. Dass die User der Reddit-Plattform r/wallstreetbet aus­ge­rechnet die Aktie von GameStop als Symbol aus­ge­wählt haben, obwohl sie ja noch andere Assets aufs Korn genommen hatten, könnte am Namen liegen. Ziel war ja, den Hedge­fonds das „Spiel“ zu ver­miesen. Also „Stop the Game“ bei GameStop. Etwas gewagter ist sicher die These, hier würde gewis­ser­maßen eine Schlacht im seit einigen Jahren tobenden „Neuen Ame­ri­ka­ni­schen Bür­ger­krieg“ aus­ge­fochten. Eine „Schlacht am Bull Run“ wie 1861, nur mit neuer Sym­bolik, als „Run“ auf einen „Bul­len­markt“ (Hausse) an der Börse. Kein Nord gegen Süd, sondern ein klein gegen groß, abge­hängt gegen sys­tem­re­levant, Regel­brecher gegen Regelverbieger.

Die meisten Kom­men­ta­toren gingen davon aus, dass die gigan­ti­schen Kurs­sprünge bei GameStop einige wenige stein­reich machen würden. Das ist sicher nicht ganz falsch, sucht die Ursachen aber dort, wo man sie an der Börse immer zu finden glaubt: bei der Gier. Die ist als Pro­duk­tiv­kraft und Antrieb sicher nicht zu unter­schätzen. In diesem Fall liegt die Sache aber anders. Es geht um Rache. Rache für 2008, als Hedge­fonds nach der Finanz­krise gerettet wurden oder sich durch Insi­der­wissen schnell genug aus der Schuss­linie bringen konnten, während hun­dert­tau­sende Klein­an­leger buch­stäblich alles ver­loren. Doch im Gegensatz zu 2008 hatte sich nun etwas Ent­schei­dendes ver­ändert. Und genau hier finden wir das ver­bin­dende Element mit den anderen beiden Schlacht­feldern: Frei ver­fügbare Infor­ma­tionen als Teil der All­mende! Dank Internet und Digitalisierung.

Das Infor­ma­ti­ons­mo­nopol, der Wis­sens­vor­sprung der großen Inves­toren, die man gern unter dem Begriff „Wall­street“ sub­sum­miert, war ver­schwunden. Für Medien und Politik war er das längst! Das Internet und zahl­reiche Tools und Apps, die eigentlich dazu da waren, dass Neu­gierige am Kat­zen­tisch der Börsen Platz nehmen und den Großen beim Spiel zusehen konnten, sorgten gemeinsam mit der gewal­tigen Zahl der User dafür, dass r/wallstreetbet plötzlich am großen Tisch saß. Ama­teure, gewiss. Aber viele. Das Spiel ist riskant, gewiss. Aber die per­sön­lichen Risiken sind meist recht klein. Den letzten werden die Hunde beißen, gewiss. Aber die Aus­sicht auf Rache ist jede Mühe und jeden Verlust wert. Was hat man auch zu ver­lieren in einer von der Politik zum Lockdown ver­don­nerten Welt, in der man zwar nicht plötzlich wie 2008, aber doch schlei­chend auf Pleite und Untergang zusteuert? Was liegt da in der Post? Ein Sti­mulus-Scheck der Regierung? Was soll ich mit 600 Dollar retten? Oder,…was kann ich damit machen!?

Die Welt der Banken und Börsen war bisher trotz erkenn­barer Schwächen und sogar Betrü­ge­reien erstaun­li­cher­weise weit­gehend ver­schont geblieben vom Zorn der Bürger. Kein Wunder, dort liegen schließlich die Pen­si­ons­fonds von Mil­lionen Ame­ri­kanern. Pro­teste wie „Occupy Wall­street” dis­kre­di­tierten sich letztlich durch Gewalt selbst und zer­fielen in extre­mis­tische Lagerkämpfe.

Die Wall­street blieb unter sich, pflegte eine aus­gren­zende Sprache und wenn mal etwas schief ging, ließ man sich von der Politik mit Steu­er­zah­l­ergeld retten. Die Prügel der öffent­lichen Meinung steckte die Politik ein, aber die ließ sich dafür ja auch fürstlich bei ihren Wahl­kämpfen bezahlen. Die Politik stieg gern selbst auf in einen Club, der ideo­lo­gisch keine Berüh­rungs­ängste kennt. Über die Geschäfte der Familie Biden wurde schon viel berichtet und selbst ein Erz­linker wie Bernie Sanders, der noch 2016 im Vor­wahl­kampf den „Mil­lionairs and Bil­lionairs“ mit Ent­eignung drohte, strich 2020 die „Mil­lionairs“ aus seinem Kampf-Voka­bular. Ihm war auf­ge­fallen, dass er dank seiner Buch­ver­käufe selbst einer geworden war. Wer sich übrigens fragt, warum Sanders gerade seinen zweiten Frühling als Running-Gag und Meme erlebt…dieser Spott ist die popu­lis­tische Rache an der Schein­hei­ligkeit der linken Polit­pro­minenz. Gewaltfrei und lustig.

Neu ver­teilte Karten

Fast unbe­merkt wurden auf den Finanz­märkten die Karten neu ver­teilt. Der Infor­ma­ti­ons­vor­sprung der Wall­street ist dahin, die Main­street kann jetzt mit­spielen. Man braucht lediglich eine große Com­munity, ein paar hundert Dollar, einen Schluck Welt­ver­achtung und ein Smart­phone, sonst nichts. Kein Ver­mittler, kein Filter, kein Limit. Dass der Zorn der „Plebs“ aus­ge­rechnet die Hedge­fonds trifft, liegt in ihrem Cha­rakter begründet. Hedge­fonds spielen nicht mit eigenem Geld und auf eigenes Risiko, sondern mit dem Geld anderer Leute. Etwas, dass sie mit der Politik gemeinsam haben. Dabei würde ich nicht so weit gehen, das Geschäfts­modell von Hedge­fonds generell als ver­werflich oder kri­minell zu bezeichnen. In intakten Märkten können sie wert­volle Infor­ma­tionen liefern, Trends erkennen und Schwach­stellen auf­zeigen. Sel­biges gilt auch für die Leer­ver­käufe, die ja nichts anderes als Wetten auf fal­lende Märkte sind. Und Wetten kann man auch ver­lieren, wie einige nun lernen mussten.

Ich bezweifle aber, dass die Ent­wicklung an den Börsen im Moment noch auf­grund ratio­naler und klarer Infor­ma­tionen zu erklären ist. Die Noten­banken drucken Geld, als gäbe es kein Morgen und das meiste davon infla­tio­niert Sach­werte wie Aktien oder Immo­bilien bis zur Unkennt­lichkeit. Etwa die Hälfte aller jemals in Umlauf gebrachten Dollars wurden innerhalb des letzten Jahres „gedruckt“ – in der Eurozone und für die EZB sieht es noch fins­terer aus. Dank Nullzins sind ver­wert­barer Preis- und Risi­ko­in­for­ma­tionen für die Märkte weg­ge­fallen. Ret­tungs- und Hilfs­pakete für alles mög­liche werden wie Kamelle vom Kar­ne­vals­wagen geworfen, Politik und Medien zeigen auf die stei­genden Bör­sen­kurse und rufen „der Wirt­schaft geht es blendend“, nur um sich selbst dafür auf die Schulter zu klopfen.

Dabei knirscht und stottert die Real­wirt­schaft, von der sich die Finanz­wirt­schaft längst abge­koppelt hat – und die Corona-Maß­nahmen lasse ich hier mal ganz außen vor! In Deutschland werden ganze Branchen poli­tisch gegen die Wand gefahren, die Ener­gie­wirt­schaft ist ein gigan­ti­sches staat­liches Sub­ven­ti­on­buffet, das immer wieder kurz davor steht, bei Ker­zen­licht statt­zu­finden. Unsere Auto­in­dustrie wurde zum Selbstmord ver­ur­teilt und die Politik ver­sorgt in diesem digi­talen Bür­ger­krieg marode Medien und ihre akti­vis­ti­schen Muni­ti­ons­fa­bri­kanten mit frisch gestärkter Haltung und frisch gedrucktem Geld.

Das­selbe Bild in den USA, wo die per Ukas regie­rende neue Admi­nis­tration sich gerade den Zorn von links und rechts zuzieht. Anders als in Politik und Medien lässt sich auf dem Schlachtfeld Wall­street aber nicht so leicht links gegen rechts aus­spielen. Nicht, dass man es nicht ver­suchen würde! Doch der Auf­stand kommt nicht von links oder rechts, sondern von unten.

Aber jetzt schlägt natürlich die Stunde der Dem­agogen, der Framing-Experten und poli­ti­schen Falsch­münzer. Man bringt die­selben Geschütze in Stellung, die schon auf den anderen Schlacht­feldern zum Einsatz kamen. Wall­streetbet sei unter­wandert von „alt right“ Ver­schwörern, die den armen Klein­an­legern das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Die Aktion sei Aus­druck des weit ver­brei­teten „Trum­pismus“ und der Höl­len­fürst Donald per­sönlich führe sie an. Kein Vorwurf ist zu absurd, keine Zen­sur­maß­nahme zu offen­sichtlich. Facebook schließt die Dis­kus­si­ons­gruppe von Wall­streetbet und auch Disqus ver­wehrte den Reddit-Usern den Zugang mit dem Hinweis auf „Hate-Speech“ – mein Lieb­lings-Tot­schlag­ar­gument. Block­warte, „Fak­ten­checker“ und Panik­ver­breiter gibt es nun also auch an der Börse.

Robinhood” als Sheriff von Nottingham

Die in den USA sehr weit ver­breitete Handels-App „Robinhood“, einst ange­treten mit dem Ziel, die „Kleinen“ im Kampf gegen die „Großen“ zu unter­stützen, beschränkte den Handel der Aktien von GameStop und einigen anderen Firmen mit dem irr­sin­nigen Argument, die Anleger zu schützen. Man konnte die Aktien zwar noch ver­kaufen, aber nicht kaufen. Der Kurs kannte ab da logi­scher­weise nur eine Richtung: nach unten. Ein Schelm, der da eine Ret­tungs­aktion zu Gunsten der Hedge­fonds wittert! Mitt­ler­weile und nach mas­siven Pro­testen und Klagen erlaubt „Robinhood” wieder begrenzte Käufe. Fünf Aktien pro Tag. Das ist natürlich ein schlechter Witz.

Doch auch in dieser Reaktion sehen wir Par­al­lelen zu den Schlacht­feldern Politik und Medien. Sobald es ein Gegner auf Augenhöhe geschafft hat, werden die Regeln geändert. Ganz gleich, wie peinlich genau man sich an gel­tende Regeln gehalten hat. Um die Regeln ändern zu können, braucht man aber vor allem eins: die poli­tische Drehtür. Eine mög­lichst enge Ver­bindung der­je­nigen, die die Gesetze machen, mit denen, die davon pro­fi­tieren. Man kennt das ja auch in Deutschland, wo die Lob­by­or­ga­ni­sa­tionen voll mit ehe­ma­ligen Poli­tikern und die Par­la­mente voller Lob­by­isten sind.

Ein Bei­spiel aus den USA? Pres­se­spre­cherin von Prä­sident Biden, Jen Psaki, gefragt zur Causa GameStop, ant­wortete aus­wei­chend. „Ich weiß, dass ist eine große Sache, aber wir kon­zen­trieren uns hier auf unsere große Sache: die Ame­ri­kaner wieder zurück an die Arbeit zu bringen.“ Ihr Bruder Jeffrey Psaki*, Port­folio-Manager beim Hedgefond Citadel LLC beeilte sich unter­dessen, sein Lin­kedIn-Profil zu deak­ti­vieren. Citadel LLC gehörte übrigens zu jenen Firmen, die GameStop auf „Short“ genommen hatten. Auf der Wiki-Seite von Jen Psaki konnte man Angaben zu ihrem Bruder unter „Per­sonal Life“ bis vor wenigen Tagen nach­lesen. Selt­sa­mer­weise ist er nun von Jen‘s Seite ver­schwunden – was man im Ände­rungs­pro­tokoll von Wiki­pedia natürlich nach­ver­folgen kann. Wie ich schon sagte: nichts ver­sendet sich mehr, nichts geht mehr ver­loren, nichts wird je ver­gessen. Dass Jen Psaki vor, während und nach ihrer poli­ti­schen Kar­riere unter Obama und Biden für Politico, CNN und die New York Times gear­beitet hat, ist natürlich auch unvergessen.

Die Reddit-User haben einen großen Sieg errungen, auch wenn ein­zelne Inves­toren teuer dafür bezahlen werden. Die Auf­merk­samkeit der Hedge­fonds wendet sich unter­dessen anderen Märkten zu und es ist zwei­felhaft, ob Reddit oder eine andere Com­munity dieses „David gegen Goliath“ anderswo wie­der­holen kann und es eine zweite „Schlacht am Bull Run“ geben wird. Wahr­schein­licher ist, dass die SEC mit­tel­fristig irgendeine Regelung erfinden wird, die solche Aktionen ver­hindert und kriminalisiert.

Die pani­schen Reak­tionen von „Robinhood”, den sozialen Medien und der Politik könnte lang­fristig jedoch gewal­tigen Image­schaden anrichten. Die tra­di­tio­nelle Vor­stellung vieler Ame­ri­kaner, dass Gewinne ehrenvoll und erstre­benswert sind, wenn sie gemäß den gel­tenden Regeln und Gesetzen erzielt wurden, hat einen gewal­tigen Schlag ins Gesicht erhalten. Man kann nicht Kurs­ge­winne der „Großen“ feiern und diese kri­mi­na­li­sieren und unter­binden, wenn die „Kleinen“ dies auch mal schaffen. Das ver­letzt jedes ame­ri­ka­nische Gerech­tig­keits­emp­finden, ganz gleich, ob man poli­tisch eher links oder rechts steht. Nach Medien und Politik haben nun auch die Börsen das Ver­trauen der Bürger verspielt.

* Die Meldung über den Bruder von Jen Psaki könnte falsch sein, wie mir ein Leser mit­teilte. Betrachten wir die Ange­le­genheit also mit größt­mög­licher Vor­sicht. Die im Kom­mentar und im Link erwähnte Janet Yellen ist übrigens die neue Finanzministerin.


Der Autor Roger Letsch ver­öf­fent­licht seine sehr lesens­werten Bei­träge auf www.unbesorgt.de