Wirtschaft & Finanzen

Bitcoin und ein Topf voll Gold

6. März 2021

Man kann nichts über Kryptowährungen schreiben, ohne sofort maximal zu polarisieren. Denn es gibt im Grunde nur zwei Betrachtungsweisen. Entweder hat und liebt man Bitcoin oder man hat keine und verachtet diese Kryptowährung.

Auf jeden Fall hält man die jeweilig andere Seite für Spinner und Idioten. Da ich weder zu den Investoren noch zu den Spöttern gehöre, können wir uns wohl darauf verständigen, dass ich zu einer dritten Gruppe, den Ahnungslosen, den Naiven gehöre. Ich bin natürlich nicht blind für das, was mit dem Kurs des Bitcoin gerade abgeht. Für das Währungsäquivalent eines Bitcoins bekam man am 22. Februar 2021 fast ein Kilogramm Feingold. Doch schon die Art der Berechnung macht stutzig, muss man sich doch zur Veranschaulichung von Reichtum oder entgangenen Chancen immer noch des Dollars bedienen, bekanntlich wie Euro, Yen, Pfund und Renminbi eine Fiat-Währung, wie sie im Buche über staatliche Monopole stehen.

Vor einiger Zeit wollte ich sogar ernsthaft unter die Investoren gehen und Bitcoin kaufen. Also zumindest klitzekleine Teile davon. Die Anmeldung auf einer großen Handelsplattform war schnell erledigt und erst als ich für das schnelle Bitcoin-Vergnügen ein Konto bei einer windigen französischen Bank eröffnen sollte, stoppte ich den Prozess. Das und die Löschung meines Accounts hielt die Trader der Plattform aber nicht davon ab, mich monatelang auf penetrante Rosenverkäuferart telefonisch zu belästigen. Meiner Blacklist* musste ich mittlerweile eine dreistellige Anzahl Telefonnummern hinzufügen.

Natürlich kann das auch ein Indiz für eine ambitionierte Verkaufsstrategie sein, für mich sieht es aber eher nach Überhitzung und dem verzweifelten Versuch aus, die Kurse durch immer neues, frisches Fiatgeld am Steigen zu halten und die unvermeidbaren Gewinnmitnahmen auszugleichen. Auf was für einem „Topf voll Gold“ ich heute wohl säße, wenn ich meinen Ekel gegen dieses Geschäftsgebaren hätte überwinden können? Ein Töpfchen vielleicht, sofern ich heute wieder ausgestiegen und die erlösten Fiat-Euro in echtes Gold umgetauscht hätte, was die Bitcoinhändler zu noch größeren Anstrengungen beim Einsammeln von Fiatgeld ermutigt hätte, um den Kursverfall zu verhindern.

Liebe Leser, ich übertreibe hier natürlich maßlos! Man muss schon mehr als ein paar lausige Euro als Hebel haben, um einen Markt zu bewegen, in dem mittlerweile über eine Billion Dollar stecken. Es geht nur ums Prinzip. Man muss den freien Krypto-Währungen – sofern sie nicht von Staaten organisiert werden – zugutehalten, dass sie zumindest für so etwas wie Wettbewerb sorgen. Und dennoch habe ich meine Zweifel, ob die Sache am Ende gut ausgehen wird.

Dabei will ich hier gar nicht die bekannten Argumente vieler Skeptiker von der fehlenden materiellen Bindung anbringen. Die sind auch nur stichhaltig, wenn man an Gold, Silber oder weiße Trüffel als alternative Währung denkt. Bei der Letzteren hätte man zumindest das Problem der Hortbildung durch die olfaktorische Versuchung elegant gelöst. Auch die Frage, ob die letztlich absolute Transparenz und die daraus folgende fehlende Anonymität zugunsten der Fälschungssicherheit freiwillig in Kauf genommen würde, sollten Kryptowährungen sich erst mal durchsetzen, will ich hier nicht stellen. Ich habe vielmehr den Verdacht, dass den heutigen Kryptos und dem Bitcoin ganz besonders einige wichtige Eigenschaften fehlen, sie eine sehr unselige Allianz mit unserem kippeligen Fiat-Geldsystem eingegangen und in eine Falle geraten sind, aus der ich keinen guten Ausweg sehe.

Doch ich muss Sie enttäuschen, liebe Leser, falls Sie hier so etwas wie einen Glaskugelblick erwarten. Weder rate ich Ihnen zum Kauf noch zum Verkauf von Kryptos! Es ist durchaus möglich und sogar sehr wahrscheinlich, dass mir einige grundlegende Fakten unbekannt sind oder ich irgendwas übersehen habe. Ich liefere hier weder eine Kritik noch eine Apologie. Ich vertraue darauf, dass Sie wie immer im Kommentarbereich des Artikels regen Gebrauch von Ihren Kenntnissen machen, meine Zweifel zerstreuen und mein Wissen vertiefen können.

Eine Pizza bitte

Während der Bitcoin die Funktion der Wertaufbewahrung scheinbar recht gut erfüllen kann, taugt er aus zwei Gründen nicht für die andere Aufgabe: allgemeines Tausch- und Zahlungsmittel zu sein. Denn selbst wenn jemand heute auf die Idee käme, eine Pizza für 0,00034 BTC zu bestellen, die man morgen vielleicht schon für nur noch 0,00033 BTC bekommen kann, stellt sich die Frage, ob sich die Transaktionen aller Pizzerien so abwickeln ließen – und sei es nur in Deutschland. Das Bitcoin-System kann etwa 5 Transaktionen pro Sekunde abwickeln und weil die Blockchain wächst, wird das eher weniger als mehr. Zum Vergleich: Visa wickelt etwa 1.700 Zahlungen pro Sekunde ab. Mir scheint, das Bitcoin-System ist schon deshalb vor allem mit sich selbst beschäftigt. Es werden Dollar und Euro in Bitcoin transferiert und schon deutlich weniger in die andere Richtung – deshalb steigt ja auch der Kurs.

Könnten eines Tages Quantenkomputer Abhilfe schaffen? Vielleicht, aber das ist wie die Kernfusion Zukunftsmusik, die uns heute kein Stück weiter bringt. Als allgemeines Zahlungsmittel wäre das System heute schon in einer mittleren Stadt völlig überfordert. Die Idee, dass wir nach dem Zusammenbruch des Fiat-Geldsystems von ganz allein beginnen würden, mit Bitcoin zu bezahlen funktioniert also schon rein praktisch nicht. Zudem gibt es kein Preisgefüge, das sich stabil in Bitcoin abbilden ließe. Das Gefühl, was „zu teuer“ und was „zu billig“ ist, stellt sich in Bezug auf Waren und Dienstleistungen nicht ein. Gewöhnung durch täglichen Umgang ist ein mächtiger Verbündeter des Fiatgeldes und ich fürchte, wenn nach dem Zusammenbruch des Euro der „Neuro” ausgegeben würde, vertraute man diesem wieder blind – und sei es nur, um den Wert des Topfes voller Bitcoin in Worte fassen zu können.

Fiatgeld zerstört den Bitcoin, Bitcoin stützt das Fiatgeld

Der Höhenflug des Bitcoins sagt meiner Meinung nach nichts über Kryptos aus, sondern über den Zustand von Dollar und Euro. Dank der besinnungslosen Gelddruckerei der Zentralbanken werden ja nicht nur Sachwerte wie Aktien und Immobilien, sondern auch Kryptos mit „Geld“ geflutet. Das schlechte Geld ist da und will irgendwo hin, wo es besser und sicherer ist. Bitcoin ist also in gewisser Weise ein Überlauf für Fiatgeld geworden und stabilisiert auf diese Weise ein instabiles Geldsystem, dessen Inflation sonst Schneisen der Verwüstung in die Konsum-Landschaft schlagen würde. Und während das Fiatgeld von unserem Vertrauen lebt, morgen noch etwa genauso viel wert zu sein, lebt der Bitcoin von der Hoffnung, morgen mehr wert zu sein als heute. Der Bitcoin will also nicht aus unserer Tasche und sollten wir uns eines Tages komplett auf ihn verlassen müssen, könnte er wegen technischer Gegebenheiten nicht schnell genug aus unserer Tasche.

Ein Topf voller Katzengold?

Die Idee, es gäbe ein Geldsystem, das unabhängig von Banken, Zentralbanken und Regierungen funktioniert, ist natürlich sehr reizvoll. Die staatliche Garantie von Euro und Dollar ist schließlich sehr fadenscheinig, weil die Ausweitung der Geldmenge willkürlich erfolgen kann. Von Stabilität kann hier also keine Rede sein. Der Flirt vieler Staaten mit Krypto-Systemen und Bargeldabschaffung macht mir aber einige Sorgen und die sollten Bitcoin-Besitzer auch haben. Dezentralisierung und staatliche Unabhängigkeit sind nämlich keine Existenzgarantie für eine unabhängige Währung. Ein Staat oder Staatenverbund wie die EU kann jederzeit einfach ein Verbot verhängen und Bitcoin in die Illegalität treiben. Die Liste der Länder, in denen Bitcoin verboten sind, ist noch recht kurz, was nicht so bleiben muss.

Den Einwand, es handele sich dabei fast ausschließlich um autoritäre Staaten, kann ich nicht gelten lassen. Schließlich entwickelt sich die Welt als Ganzes in Richtung einer globalisierten, autoritären Technokratie und solche reagieren erfahrungsgemäß allergisch auf die „Anmaßungen“ individueller Entscheidungen. In Deutschland besteht eine Meldepflicht für den Kauf von physischem Gold ab einem Transaktionswert von 2.000 Euro. Man begründet das gern mit dem Geldwäschegesetz aber jeder ahnt, dass es andere Gründe gibt: der Staat weiß halt gern, wo er das Gold abholen muss, wenn er es mal brauchen sollte. Auch Goldverbote für Privatpersonen hat es in der sogenannten „freien Welt” bereits gegeben. Sollte der Bitcoin wirklich werthaltig bleiben und nicht irgendwann verboten werden, fände der Staat sicher Mittel und Wege, auch diesen Quell der Liquidität anzuzapfen. Der Angst-Faktor ginge hier nicht mal von einem funktionierenden Staat aus, sondern von einem Rechtsstaat, der nicht mehr funktioniert.

Das stärkste Argument für die Skepsis gegenüber dem Bitcoin ist meiner Meinung nach jedoch das absolute Desinteresse des Staates an der Sache. Mal abgesehen davon, dass EZB und Politik mit dem Gedanken spielen, selbst Kryptowährungen herauszugeben, die man dann natürlich unter Kontrolle hätte. Der deutsche Staat unterbindet den Rückfluss von Kursgewinnen aus dem Verkauf von Krypto-Währungen durch lange Haltefristen und kleine Freibeträge, hält sich sonst aber sehr zurück. Sähe man im Bitcoin eine Gefahr für das eigene Fiat-Geldsystem, handelte man sicher rigoroser.

Zwar könnte man darin auch einfach Dummheit sehen, aber das wäre sicher falsch. Vielmehr glaube ich, dass man die stabilisierende Wirkung von Bitcoin auf die Geldmenge gern mitnimmt. „Zumachen“ kann man diesen Sack immer noch und zu jeder Zeit – wenn er voll genug ist. Die Optimisten unter den Bitcoin-Freunden gehen davon aus, dass der Kurs weiter steil nach oben geht, von einer Million Dollar ist gar die Rede. Doch eine Frage bleibt unbeantwortet. Nämlich was der Topf voller Gold wirklich wert ist, wenn Dollar oder Euro – wie bisher noch jede Fiat-Währung – eines Tages implodieren sollte. Eine Million Mal Null wäre dann nur noch ein Topf voller Katzengold, für dessen Herstellung Unmengen an Energie verwendet wurden.

* Leider hat das auf Dauer nicht funktioniert, der Telefonterror ließ nicht nach. Deshalb an alle genervten Leidensgenossen ein Tipp: Strategiewechsel! Statt die Anrufer wegzudrücken oder laut Konsequenzen anzudrohen, nimmt man das Gespräch einfach an und legt das Telefon mit folgenden Worten neben sich: „Da Sie nicht aufhören, mir meine Zeit zu stehlen, stehle ich jetzt die Ihre. Ich lege das Telefon jetzt auf den Tisch und arbeite weiter. Sagen Sie also was sie sagen wollen, nehmen Sie sich ruhig Zeit.“


Quelle: unbesorgt.de