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Bis zur Unkennt­lichkeit und noch viel weiter

„Nichts ist Recht, alles behörd­liche Gnade.“
(Stefan Zweig)

Wie viele Men­schen mag es geben, die die Unge­wiss­heiten des mor­gigen Tages gern gegen die ver­gleichs­weise kleinen Qualen des gest­rigen ein­tau­schen würden? Alles für ein Leben in der Zeit­schleife, in einer win­zigen Zeit­spanne der Gewissheit, sei sie auch noch so ereig­nislos? Ich meine damit nicht eine diffuse Sehn­sucht nach einer ver­meintlich „bes­seren Epoche“, an die man viel­leicht nicht mal eine eigene Erin­nerung hat, sondern die buch­stäb­liche und kör­perlich emp­fundene Abscheu vor einem Morgen, das man nicht selbst in der Hand hat und in das man wie von einem Fluss getragen und geschoben wird, der nie sein Meer findet. Auf­geben, sich treiben lassen und hoffen, dass die Strudel einen nicht erfassen oder wei­ter­schwimmen? Treibholz werden, das immer dichter sich ver­klemmt und dadurch eine nur faden­scheinige Trag­fä­higkeit erlangt und die wenigen freien Schwimmer zer­malmt, die sich an die Ufer retten wollen? Hin­ge­rissen, mit­ge­rissen, fort­ge­rissen. Schon einmal war ich an einem solchen Punkt, das war im August, und auch die gegen­wärtige Lage legt sich wie damals drü­ckend auf meine Fähigkeit, zu beschreiben, was ich sehe und emp­finde. Jede Berührung mit diesem mal­menden Treib­holz­teppich bereitet mir fast kör­per­liche Schmerzen. Doch alles Aus­weichen und Ver­zögern hilft am Ende nicht. Es gilt, Tat­sachen festzustellen.

 

„Schwurbler“ ist die neueste Ver­bal­in­jurie, die zur Bezeichnung all jener her­halten muss, die Miss­fallen an den viel­fäl­tigen und all­gü­tigen staat­lichen Maß­nahmen äußern. Das Wort ist in aller Munde. Poli­tiker ver­wenden es, Jour­na­listen, Kom­men­ta­toren, Laden­in­haber und Gast­wirte und „Freunde“ auf Facebook, Twit­ter­junkies. Mitt­ler­weile wird es pseudonym ver­wendet, ganz so, als sei damit schon alles gesagt. Die Belei­digung ersetzt das Argument und ist fast schon das Urteil. Wiki­pedia hilft uns mit einer Defi­nition weiter, die schon einige Jahre alt ist. Schwurbler sei „…ein abwertend gebrauchter Aus­druck der Umgangs­sprache für ver­meintlich oder tat­sächlich unver­ständ­liche, rea­li­täts­ferne oder inhaltslose Aus­sagen. […] Für den Her­ab­set­zungs­versuch wird meist kein Inhalts­bezug auf­ge­nommen, häufig ist darüber hin­aus­gehend inten­diert, einer argu­men­ta­tiven Dar­legung für die beab­sich­tigte Abqua­li­fi­kation auszuweichen.“

Inhalts­ferne Aus­grenzung, Abwertung und Her­ab­setzung einer Person oder Gruppe also. Letz­teres oft fremd­de­fi­niert. Aus­ge­rechnet in einem Land, dessen Kanzler gerade erklärt hat, es gäbe keine Spaltung der Gesell­schaft. Belassen wir es heute bei der Betrachtung der Zuschreibung dieser Inhalts­ferne und ver­zichten ganz auf die Bewertung von Corona oder Maß­nahmen wie der Impfung und schauen uns an, wo wir kom­mu­ni­kativ momentan stehen.

Es geht in diesem Text also nicht um Maß­nahmen, sondern um Mecha­nismen, nicht um Ver­schwö­rungen, sondern Ver­fahren, nicht um ein unter­stelltes sinistres Ziel, sondern die Methoden, die schon so oft dorthin führten, wo eigentlich niemand hin­wollte. Die Retro­spektive hilft der Erkenntnis leider kaum, weil sie Ereig­nisse auf einer Infor­ma­ti­ons­basis beur­teilt, die man kaum haben kann, wenn man sich „mit­tendrin“ in den Ereig­nissen befindet. Die bequeme, aber schlechte Ange­wohnheit, his­to­rische Ereig­nisse mit der Elle der Gegenwart zu messen, hat uns vielmehr erst in diese miss­liche Lage gebracht und uns gesell­schaft­liche Ent­glei­sungen wie den Gen­derwahn, eine ideo­lo­gisch über­formte Ener­gie­wende oder den Kli­maalar­mismus beschert. (Haus­aufgabe: Unter­suchen Sie selbst­ständig diese und andere poli­tische Groß­kampf­felder mit Hilfe der Erkennt­nisse, die ich hier zu erlangen versuche.)

 

Die Mecha­nismen, nach denen ich suche, lassen sich meiner Meinung nach in jeder unserer zu Gewohn­heiten und trü­ge­ri­schen Gewiss­heiten erstarrten Groß­krisen ent­decken. Das Covidzän, welches nun schon ins dritte Jahr geht, bildet da keine Aus­nahme. Wenn Sie mich gleich ver­schiedene Par­al­lelen ziehen sehen, behalten Sie bitte im Gedächtnis, dass es hier lediglich um den Wirkkern, also die Mecha­nismen geht und kei­neswegs um eine inhalt­liche Gleich­setzung. Dieser Unter­schied sollte in unserer Sprache, die sauber zwi­schen „das­selbe“ und „das gleiche“ zu unter­scheiden vermag, leicht ver­ständlich sein.

Auf der Flucht

Je unan­ge­nehmer die Berührung mit der poli­tisch-medialen Rea­lität wird, desto mehr flüchte ich mich auf der Suche nach Erklä­rungen neu­er­dings in Bücher, die min­destens vor einigen Jahren und für oder in anderen Krisen geschrieben wurden. So umstritten es unter Medi­zinern ist, in eine Pan­demie „hin­ein­zu­impfen“, so wenig erbaulich ist es im Augen­blick, mehr als nötig den täg­lichen Pro­to­kollen des Wahn­sinns zu lau­schen, weil diese wie der Wet­ter­be­richt kaum mehr als Tages­mess­werte, aber niemals Antwort auf das „Woher“, „Wohin“ und „Warum“ liefern. Zu dicht sind uns die Ereig­nisse auf den Fersen, zu unmit­telbar wirkt alles auf uns ein.

Als Treibholz, ein­ge­klemmt und andere ein­klemmend, Gewalt aus­ge­setzt und diese aus­übend ist man ein schlechter Zeit­zeuge. Das „Warum“ ver­schwimmt in Resi­gnation oder Panik, das „Woher“ ist stets die letzte, das „Wohin“ die nächste Fluss­biegung des Aus­nah­me­zu­stands. Einmal in einen solchen mah­lenden Fluss geraten, trübt die Gischt den Blick. Da heißt es mit­schwimmen, immer dabei sein, aber bloß nicht anecken. Demo­kratie wird angeblich so gemacht. Dik­ta­turen leider auch. Ein Blick von außen tut Not und sei es der Blick auf jene rei­ßenden Flüsse, die zu anderen Zeiten und an anderen Orten schon geflossen sind.

Staat und Begeisterung

Auf der Suche nach Erklä­rungen sind mir zwei Bücher in die Finger geraten, die mich auf sehr unter­schied­liche Weise ziemlich erschüttert und in die Gegenwart gezogen haben. Beide behandeln Ereig­nisse, die wir alle recht gut zu kennen glauben. Mehr noch, denn die beschrie­benen Zeit­läufte sind uns so stark ins kol­lektive Gedächtnis gedrungen, dass es in Deutschland mehr Experten und Auguren dafür gibt als Bäcker­läden. Die Urteile über die Epochen sind aus­ge­fertigt, die Schuld ver­teilt, Ausgang und Ende sind klar defi­niert und über das „Warum“ könnte so gut wie jeder mit einem IQ über Zim­mer­tem­pe­ratur einen kleinen Aufsatz schreiben.

 

Das erste Buch ist „Die Welt von gestern“ von Stefan Zweig. Zweigs Auto­bio­grafie, die 1942 kurz nach seinem Freitod erschienen ist, hatte ich schon vor Jahren gelesen. Mit schnei­dender Kon­se­quenz blickt Zweig aus seinem Exil auf die Trümmer der euro­päi­schen Zivi­li­sation und die seines eigenen, einst erfolg­reichen und nun zer­störten Lebens und sein resi­gnierter Tonfall speist sich aus dem, was er sah: Hitler erst ihm gegenüber auf dem Ober­salzberg, dann in Berlin, in Wien, in War­schau, in Oslo, in Paris, fast in Moskau, eigentlich überall. Ein wucherndes, mit­leid­loses Staats­ge­schwür, das Europa und der halben Welt Stiefel und Gesetz auf­drückt. Nur noch diese Freiheit ein­kas­sieren, nur noch dieses Land erobern, nur noch diese Lebens­äu­ßerung regle­men­tieren, nur noch diesen Feind ver­nichten. Gelesen im Jahr 2010, satt und schlau und mitten im Frie­dens­projekt „EU“, dabei die Schwüre auf Demo­kratie und Gerech­tigkeit im Sinn, die allent­halben geschworen wurden und die „Nie wieder Krieg“-Rhetorik im Ohr, erschien mir Zweigs Schil­derung damals stel­len­weise geradezu rührend naiv.

Die Kriegs­be­geis­terung um ihn herum im Jahr 1914 etwa oder seine Bemü­hungen in den 1920er Jahren, ein Netzwerk aus Lite­raten und Intel­lek­tu­ellen zu knüpfen, das der Völ­ker­ver­stän­digung diente. Warum sah er nicht – oder nicht recht­zeitig –, wie es zu beiden Kriegen kam? Warum schaffte all die ver­sam­melte Intel­ligenz es nicht, auf­zu­halten, was da kam? Warum war die Schnitt­menge so groß zwi­schen den Huma­nisten und Mili­ta­risten, den Geist­reichen und den Faschisten? Ach was, das kann nie wieder geschehen, aus Schaden wird man bekanntlich klug. Doch warum reichte die Klugheit dann nicht, um den Zweiten Welt­krieg zu ver­hindern? Ach was, der Faschismus erwächst aus dem Gleich­schritt von Wirt­schaft und staat­lichem Macht­mo­nopol! Doch warum sagen dann jene, die gestern noch „Der Staat ist nicht dein Freund“ riefen, heute „Mach‘, was der Staat dir sagt“? Mein Selbst aus dem Jahr 2010 würde trotzig aus­rufen, dass wir niemals zulassen werden, dass jemals wieder Men­schen dif­fa­miert und aus­ge­grenzt… wir würden doch, demo­kra­tie­er­probt wie wir sind, sofort merken, wenn… Doch warten wir mit den Schluss­fol­ge­rungen lieber noch auf eine weitere Buchlänge.

Tropfen für Tropfen

Die Erst­auflage von „Ganz normale Männer“ des ame­ri­ka­ni­schen His­to­rikers Chris­topher R. Browning erschien im Jahr 1992. Es beleuchtete einen medial wenig beach­teten Aspekt des Holo­caust. Auf über 400 quel­len­reichen, detail­lierten aber äußerst schwer zu ertra­genden Seiten pro­to­kol­lierte der Autor die Sta­tionen des 101. Reserve-Poli­zei­ba­taillons aus Hamburg. 500 „ganz normale Männer“, die für den Dienst bei der Wehr­macht schon zu alt waren, aus den unter­schied­lichsten Berufen kamen und in den vom Deut­schen Reich besetzen Gebieten Polens, Litauens, Weiß­russ­lands und der Ukraine zu „Ord­nungs­auf­gaben“ ein­ge­setzt wurden. Hier soll kein Raum sein für die Kette von Gräu­el­taten, in deren Ergebnis allein durch diese Ham­burger Poli­zei­einheit 38.000 Juden direkt ermordet und weitere 45.200 in die Ver­nich­tungs­lager geschickt wurden – und das in nur einem Jahr.

Wir glauben heute zu wissen, dass so etwas nie wieder geschehen kann, wenn man nur immer brav Schilder gegen den Anti­se­mi­tismus hochhält und 80 Jahre post festum gegen die Nazis kämpft, indem man schwarze Kla­motten trägt und Appelle auf Indy­media ver­öf­fent­licht. Doch wie sähe es aus, wenn man eine andere Gruppe her­nehmen würde? Eine Gruppe viel­leicht, die sich nie selbst als Gruppe defi­niert hat und die auch nur wenige Gemein­sam­keiten locker ver­binden? Könnte man diese Gruppe heute mit Worten aus­grenzen, ihre Inte­grität, ihre Intel­ligenz, ihre Absichten, ja, ihre bloße Existenz zum Problem erklären, das man „lösen“ müsse, egal wie? Ihre Arbeits­mög­lich­keiten beschränken, sie kenn­zeichnen, sie ent­eignen, viel­leicht Berufs­verbote ver­hängen? Man bedenke die Mög­lich­keiten, die einem die Schnell­wasch­pro­gramme von Twitter und Facebook dafür heute bieten! Spä­testens hier müssten Sie empört auf­hören, zu lesen, denn Sie und ich wissen, wohin sowas führt, liebe Leser. Sie würden natürlich nie… und das will ich doch auch stark hoffen!

 

Doch was, wenn Sie es nicht einmal merken, weil es tröpf­chen­weise in Sie ein­si­ckert, weil es Gewohnheit wird, weil es eben die Doktrin ist, weil es doch alle machen, weil es die Mehrheit so will, weil es das Gesetz so vor­schreibt – heute ein wenig, morgen schon stärker und über­morgen ver­pflichtend. Weil die Aus­ge­grenzten eben „diese Leute“ sind, vor denen immer gewarnt wird? Weil der Planet in Gefahr ist, weil das Land in Gefahr ist, weil die Gesundheit aller auf dem Spiel steht. Einen „großen Plan“ können Sie gleich ver­gessen, den gibt es nicht, weil es keinen braucht. Zeit, Impuls und Gewohnheit genügen, und wenn dann noch lange gehegte Vor­ur­teile hin­zu­kommen, sinkt die Hemm­schwelle umso schneller. Hat man es nicht schon immer „gewusst“? Ist das Vor­urteil nicht die unbe­kannte Stief­schwester der schlechten Erfahrung? Sind diese Leute nicht ohnehin solche…, leugnen die nicht auch dies…, behaupten die nicht auch jenes?

Betrachtet man die Ent­wicklung als braves Treibholz immer nur den Bezug zur letzten Fluss­biegung statt von der Quelle her, erscheint alles logisch, fol­ge­richtig und kon­se­quent. Man folgt der Partei, der Regierung, der Ver­nunft, der Logik, der Wis­sen­schaft, und die ver­ändert sich bekanntlich ständig. Es ist ja kein gebro­chenes Ver­sprechen, es ist die ver­än­derte Lage. Es ist ja kein gebro­chener Vertrag, es ist, weil Ver­träge mit Feinden nicht gelten. Es ist ja kein Angriff auf deine Freiheit, es ist, um zu ver­hindern, dass du diese Freiheit miss­brauchst. Es ist ja kein Recht, es ist ein Pri­vileg. Und wer möchte nicht pri­vi­le­giert sein!

Die 500 Ham­burger Poli­zisten hatten ihren ersten Einsatz im Juli 1942 im pol­ni­schen Józefów. Kom­mandant Trapp, trä­nen­auf­gelöst und mit seinem Mord­auftrag selbst hadernd, stellte seine Männer vor die Wahl. Wer von den Älteren sich der „Aufgabe“ nicht gewachsen fühle, könne bei­sei­te­treten. Zwölf Männer traten vor. Die halbe Truppe der zur Erschießung Ein­ge­teilten brach an diesem Tag mehr oder weniger zusammen, ver­drückte sich oder ließ sich ablösen. Am Ende des Tages lagen min­destens 1.500 Men­schen erschossen im Wald. Männer, Frauen, Kinder. Betranken sich die Erschie­ßungs­kom­mandos anfangs noch hem­mungslos, um das Gewissen zum Schweigen zu bringen, wurden die fol­genden Ein­sätze wegen ihres scheinbar harm­losen Cha­rakters als weit weniger belastend emp­funden. Man füllte ja nur die Züge, auch wenn man ihren Bestim­mungsort kannte. Man bewachte ja nur die Trans­porte, man trieb ja nur zusammen, man machte doch nur, was von einem ver­langt wurde. Spätere Mas­saker gingen dann schon viel ein­facher von der Hand, man hatte sich an das Grauen gewöhnt. Könnte man einen Poli­zisten der Einheit 101 im Mail 1942 fragen, ob er sich im November 1943 in Maj­danek an der Ermordung von 16.500 Men­schen aktiv betei­ligen würde, so hätten wohl mehr als nur zwölf Poli­zisten davor zurück­ge­schreckt. Trapp, der im Juli 42 in Józefów noch mit seinem Gewissen rang, ließ bei einer Ver­gel­tungs­aktion gegen Par­ti­sanen in Talcyn zwei Monate später gleich 86 mehr als die von seinen Vor­ge­setzten ver­langten 200 Men­schen erschießen, und weil er keine Par­ti­sanen finden konnte, nahm er eben die Juden aus dem benach­barten Ghetto.

Wenn Rache ein Gericht ist, das kalt genossen wird, dann ist Grau­samkeit und Ent­mensch­li­chung eines, das als „negative Salami“ daher­kommt. Je mehr man davon abschneidet und ver­zehrt, umso größer wird sie. Scheibe für Scheibe. Doch genug davon, ich will hier keine his­to­ri­schen Ver­gleiche ziehen. Lesen Sie am besten beide Bücher erneut und achten Sie beim Lesen auf Signale aus Ihrem Unter­be­wusstsein und ver­gleichen sie diese mit unserer Realität.

 

Wie kommt man von hier nach da?

„Prutzmann stellte dar­aufhin ein 15 bis 25 Mann starkes Erschie­ßungs­kom­mando zusammen. Es bestand in erster Linie aus Frei­wil­ligen von der Unter­hal­tungs­truppe [Musiker und Vor­trags­künstlern aus der Front­be­treuung].“ (Browning)

Wenn Sie die Bücher noch nicht kennen, sollten Sie unbe­dingt beide lesen. Sie werden fest­stellen, wie leicht man von einer scheinbar auf­ge­klärten und gebil­deten Gesell­schaft hin­ab­schlittern kann in die Bar­barei. Ein bisschen herr­schaft­licher Diskurs (wo ist eigentlich Habermas, wenn man ihn mal braucht?), ein wenig absichts­volle Sprache, eine Prise „Dumm-sind-immer-die-Anderen“ und ein kräf­tiger Schluck aus der „Wir-wissen-es-besser-Flasche“ genügen, und je mehr Zeit man zur Ver­fügung hat, desto sicherer wirkt das Rezept. Das ist kein bewusster Prozess, dies ergibt sich einfach aus der täg­lichen Erfahrung und ist eher ein Ein­schwingen in eine all­ge­meine Stimmung. Es ist die Reaktion auf das, was empört, was geglaubt und worüber gelacht wird. Auch darauf, was in der Zeitung stand, was die Nach­richten melden, wen die Politik beschuldigt.

Mit welcher Meinung befindet man sich als Treibholz in sicherem Fahr­wasser, ist anschluss­fähig an Macht und Gewohnheit? Was kann man sicher äußern und – finale Nagel­probe – gibt es Schuldige, die man ver­ur­teilen kann? Natürlich darf die Gruppe der Schul­digen weder zu groß noch zu homogen noch zu schlag­kräftig sein, damit sie sich nicht zur Wehr setzt. Am besten ist es, wenn die Gruppe durch bloße Zuschreibung zustande kommt, denn je weniger tat­säch­liche Bedrohung von ihr ausgeht, umso sinistrer kann man die Gefahr dar­stellen, die von ihr ausgeht. Deshalb muss man überall Netz­werke ver­muten und ganz im Stil Robes­pierres in allen Ecken Verrat und Ver­schwörung sehen. Links und rechts des Weges, der im Gleich­schritt zurück­zu­legen ist, darf nichts als Ver­dammnis sein. So aller­dings lässt sich nur noch eine Dik­tatur bewerk­stel­ligen. Wie prak­tisch, dass man nur einige Köpfe aus­zu­tau­schen braucht, das fah­nen­schwin­gende Boden­per­sonal kann das­selbe bleiben.

 

Betrachte ich den Zustand dieses Landes, stößt mir die Pola­ri­sierung durch Politik und Medien bei den Corona-Maß­nahmen bitter auf. Das alles ist nicht ohne Wirkung geblieben und ein sehr großer Teil der Men­schen folgt dem mitt­ler­weile nach und hat sich der erzeugten Bedro­hungslage ange­passt. Viele Men­schen, die ich zumindest anhand ihrer Äuße­rungen zu kennen glaubte, erkenne ich gerade kaum mehr wieder. Das Corona-Regime an der Schwelle zum Jahr drei neuer Zeit­rechnung hat einen neuen Keil zwi­schen Freunde, Kol­legen und Familien getrieben und uns alle der Willkür erra­ti­schen Regie­rungs­han­delns aus­ge­setzt. Es gibt keinen dem Pri­vaten vor­be­hal­tenen Raum mehr, den man betreten, die Tür hinter sich schließen und „Lasst mich einfach in Frieden“ aus­rufen kann. Denn was war pri­vater als die Ver­ant­wortung für die eigene Gesundheit und Lebens­führung? Schwurbler, Unge­impfter, Quer­denker… die Begriffe fallen wie Ohr­feigen und werden zur Arti­ku­lation einer unbe­stimmten Bedrohung ver­wendet. Durch das kom­mu­ni­kative Glutamat der „sozialen Medien“ wird diese „Bedrohung“ bei mir jedoch zum Ekel. Ich will und werde einen Men­schen nicht nach der Zustimmung zu einer medi­zi­ni­schen Behandlung bemessen, habe aber auch das Glück, andere im Alltag nicht danach fragen zu müssen.

Ähnlich erhellend wie Bücher von gestern zu lesen, kann es sein, sich Gesetze und Ver­ord­nungen anzu­sehen, die vor kurzem noch selbst­ver­ständlich galten. Nicht nur das Grund­gesetz, das immer weniger die Abwehr­rechte des Bürgers gegen den Staat enthält, sondern immer stärker dazu ver­wendet wird, die Stör­ri­schen von den Folg­samen zu scheiden. Nehmen wir so etwas Simples wie die Aus­weis­pflicht. Hier erklärt uns eine Ver­si­cherung – der Text stammt noch aus der Zeit vor Corona – was dar­unter zu ver­stehen ist. Es gäbe eine Pflicht, ab dem 16. Lebensjahr einen Per­so­nal­ausweis zu besitzen, jedoch keine, ihn ständig bei sich zu haben. Er diente lange Zeit vor allem dazu, je nach Situation einen Alters­nachweis zu ermög­lichen, nicht wie heute, wo er zur Veri­fi­zierung des staat­lichen Nach­weises einer medi­zi­ni­schen Behandlung oder durch­ge­machten Krankheit dient. Der Übergang vom gele­gent­lichen Alters­nachweis zur Ein­tritts­karte zu Bus, Bahn und Burger-Laden kam nicht als Ver­ordnung oder infolge einer lan­des­weiten Laut­spre­cher­durchsage daher, sondern als Anhängsel der Zer­ti­fikate und des Miss­trauens der staat­lichen Behörden, das sich auf die Bürger übertrug.

 

Waren früher Kon­trollen lediglich bei wenigen Anlässen und auch nur durch wenige Instanzen gestattet, sind sie heute all­gemein und zum Teil gesund­heit­licher Vor­sorge erklärt worden. Es ist doch nur ein Schräubchen, es ist doch nur eine Umdrehung, es ist doch nicht für lange, es ist doch für deine Sicherheit. Fragt man heute zehn Freunde, ob es eine Pflicht gäbe, den Per­so­nal­ausweis immer bei sich zu tragen, bekommt man in den meisten Fällen die Antwort: ja. Man muss also nicht einmal die Gesetze ändern, was ja sehr abrupt geschieht. Es genügt, die Gewohn­heiten anzu­passen und immer, wenn man auf Akzeptanz stößt, wei­ter­zu­machen. Wozu auch etwas ver­ordnen, wenn es die Men­schen frei­willig tun? Hier wirkt offen­sichtlich nicht Willkür, sondern das Bestreben des Men­schen, eini­ger­maßen durch den Alltag zu kommen. Und um die sozialen Trans­ak­ti­ons­kosten nicht ins Uner­mess­liche steigen zu lassen und Zwang dort aus­zuüben, wo eine Mode das Recht ver­letzt, ändert man Schritt für Schritt seine Gewohn­heiten. Die Fähigkeit des Men­schen, sich sogar unbe­wusst anzu­passen, ist also Fluch und Segen zugleich.

Wir sind zu Treibholz geworden und auf dem Weg zur nächsten Fluss­biegung. Leider habe ich die Befürchtung, dass es uns erst an das eine oder andere Ufer spülen muss, damit wir erkennen können, wie weit uns die sty­gische Flut diesmal getragen hat.


Quelle: unbesorgt.de