Mas­sen­psy­chose: Gehirn­wäsche im Mas­sen­kontext — Teil 4

Genauso wie es möglich ist, einem ein­zelnen Indi­viduum sys­te­ma­tisch fremde Gedan­ken­ein­zu­pflanzen, ist dies auch für eine Men­schen­masse möglich. Letztlich besteht die Masse auch nur aus Indi­viduen und viele Aspekte und Prin­zipien der indi­vi­du­ellen Gehirn­wäsche können ohne wei­teres auf den Mas­sen­kontext über­tragen werden. Auch die Gehirn­wäsche einer grossen Gruppe von Men­schen setzt eine gewisse Atmo­sphäre von Skepsis, Unsi­cherheit und am «besten» sogar Angst voraus. Ziel der Gehirn­wä­scher ist es, die Opfer zu ver­un­si­chern, ihre men­talen Abwehr­me­cha­nismen zu schwächen und sie so in einen «form­baren» Zustand zu ver­setzen. Im Jahr 1969 erschien im deut­schen Magazin ZEIT unter dem Titel «Gehirn­wäsche ‑so wird das Opfer weich gemacht» ein sehr viel­sa­gender Artikel, der die ver­schie­denen Methoden zur sys­te­ma­ti­schen Ent­per­sön­li­chung des Ein­zelnen sowie eines Kol­lektivs beschrieb. (1) Autor des Textes war der tsche­chische Psy­chologe Ivo Planava. Gerade in Bezug auf die heute erlebte gesell­schaftlich-poli­tische Situation wirken Pla­navas Aus­füh­rungen, die er inzwi­schen vor mehr als 50 Jahren machte, geradezu prophetisch.

Stumpfer Gehorsam

Die tota­li­tären Regime der Moderne bedürfen laut Planava nicht der Mas­sen­zu­stimmung und Begeis­terung; viel mehr würden sie auf die Gleich­gül­tigkeit und dem stumpfen Gehorsam der brei­teren Schichten bauen. Planava beschrieb den Zustand der breiten Bevöl­kerung in tota­li­tären Regimen als «Apathie», was so viel wie Gleich­gül­tigkeit gegenüber dem bedeutet, was um einen herum bzw. in einem selbst pas­siert. Wie Planava schrieb, gebe es für ein Indi­viduum grund­sätzlich zwei Mög­lich­keiten, in die völlige Apathie zu geraten: Ent­weder geschehe dies durch einen plötz­lichen see­li­schen Zusam­men­bruch oder in einem lang­samen Prozess der Selbst­aufgabe. Der Zusam­men­bruch durch einen Schock sei dabei ziemlich selten, denn plötzlich emp­fun­dener see­li­scher Druck setze einen auto­ma­ti­schen Abwehr­me­cha­nismus in Gang. Aus­serdem bewirke die Tat­sache, dass die Gefahr bewusst wahr­ge­nommen wird, eine Stei­gerung der Wider­stands­fä­higkeit im Wesen des Men­schen. Dies stelle den wesent­lichen Unter­schied zur all­mäh­lichen Ver­än­derung der Umgebung dar. Auch die modernen kom­mu­nis­ti­schen Gehirn­wä­sche­me­thoden laufen über einen relativ langen Zeitraum ab (siehe S.12 ff.). Zwar kann man Men­schen auch innerhalb kür­zester Zeit «gehirn­wa­schen» — davon zeugen zahl­reiche Bei­spiele -, die lang­fristige Methode hat sich aller­dings in der Praxis als deutlich effek­tiver und nach­hal­tiger erwiesen. Die lang­samen Ver­än­de­rungen seiner selbst bemerkt der Mensch nämlich selten bewusst und am wenigsten dann, wenn in seiner Umgebung ähnlich mani­pu­lierte Men­schen leben, was sowohl in einem Gefan­ge­nen­lager als auch in einer gleich­ge­schal­teten Gesell­schaft der Fall ist. Planava schrieb, dass am Ende dieses Pro­zesses — nachdem die Apathie voll­ständig ein­ge­treten ist — eine Anzahl von iso­lierten Indi­viduen stünde, die nicht mehr dazu in der Lage seien, bewusste Ent­schei­dungen zu treffen und Ziele anzu­streben, die über den täg­lichen Brot­erwerb hin­aus­gehen. (1)

Der Schuld­komplex

Die zahl­reichen Schnitt­stellen zwi­schen den Gehirn­wä­sche­me­thoden bei moderner psy­cho­lo­gi­scher Folter und jenen in tota­li­tären Regimen, stechen ins Auge. Zu ihnen gehört u.a. das Erzeugen eines Schuld­kom­plexes. Wie wir bereits erfuhren (siehe S.14ff.), ist es Teil der Folter, das Opfer von seiner«Schuld» zu über­zeugen, obwohl diese gar nicht real ist. Auch Tyrannen, die überein ganzes Volk herr­schen, bringen ihre Unter­tanen dazu, sich selbst anzu­klagen. Was dann im grös­seren Massstab pas­siert, zeigt das Fol­ter­bei­spiel: Die Selbst­an­klage ist ein ent­schei­dender Schritt hin zum psy­cho­lo­gi­schen Zusam­men­bruch, während dem ein völlig neues Weltbild im Indi­viduum ver­ankert werden kann. Und was hierfür das Indi­viduum gilt, gilt genauso für die Masse. Obwohl sie nicht den gleichen extremen Bedin­gungen aus­ge­setzt ist wie ein Lager­in­sasse, ist auch bei ihr die Selbst­an­klage eine wichtige Vor­aus­setzung, damit sie neu kon­di­tio­niert werden kann. Wer die eigene «Schul­digkeit» akzep­tiert, ist eher bereit zu gehorchen.

Das Spielen mit Hoffnung

Aus der Per­spektive des­je­nigen, der sich die Gehirn­wäsche der Masse zur Aufgabe gemacht hat, ist es not­wendig, dass die Gefühle der Unsi­cherheit, der Angst und des Pes­si­mismus in seinem Opfer aber nicht restlos absolut sind. Es ist für ihn nicht zweck­mässig, in der Bevöl­kerung ein Gefühl des «man habe nichts zu verlieren»und «es gehe jetzt um alles» her­vor­zu­rufen. Würde dies doch unter den Bedrohten ein starkes Gefühl der Zusam­men­ge­hö­rigkeit ent­wi­ckeln und die Bereit­schaft wecken, Wider­stand zu leisten. Aus diesem Grund ist es ent­scheidend, dass der Masse von Zeit zu Zeit eine nebel­hafte, an viele Bedin­gungen geheftete Hoffnung prä­sen­tiert wird — eine «reale» Per­spektive für die Zukunft. Damit ver­schafft man sich die Mög­lichkeit, die Masse gleich einer Herde von Schafen immer weiter vor sich her­zu­treiben — von«Hoffnungsinsel» zu «Hoff­nungs­insel». Der Ver­gleich zur aktu­ellen «Corona»-Politik springt regel­recht ins Auge. Auch hier arbeitet die Regierung sys­te­ma­tisch mit Heils­ver­sprechen, wenn die Masse nur dieses oder jenes tun würde — doch hierzu später mehr. Wie die Inge­nieure der Mas­sen­meinung, so setzt auch die psy­cho­lo­gische Folter von Gefan­genen darauf, ihren Hoff­nungs­schimmer auf bessere Zeiten auf­recht­zu­er­halten. Was in tota­li­tären Staaten eine Revo­lution ist, ist in Gefan­genen-Lager nein Auf­stand der Insassen. Diese Zustände werden ver­hindert, indem man den Glauben an die Zukunft nie ganz ver­siegen lässt. Moderne Fol­ter­knechte als auch tota­litäre Herr­scher machen ihren Gefan­genen bzw. Unter­tanen aller­dings immer wieder deutlich, dass sie ein bes­seres Leben nur erfahren können, wenn sie sich den Befehlen bzw. der Ideo­logie unterordnen.

Zer­setzung der Kommunikationsstruktur

Während es bei der indi­vi­du­ellen «Umer­ziehung» wesent­liche Vor­aus­setzung ist, sämt­liche Kon­takte des Opfers zu ver­hindern oder zumindest zu kon­trol­lieren, geht es bei mas­sen­weiser Gehirn­wäsche hin­gegen vor allem darum, die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­turen zu domi­nieren und abwei­chende Ein­flüsse aus­zu­blenden. Um einen Men­tizid (siehe S.12 f.) der Gesellschaft«optimal» umsetzen zu können, muss die Masse so lange sub­jektiv ein­seitig infor­miert werden, bis der Ein­druck ent­steht, es gäbe nur «eine legitime Ein­stellung» (siehe S.26) und diese müsse geglaubt und akzep­tiert werden, auch wenn sie noch so sehr im Wider­spruch zur eigenen Ratio und zu den eigenen Erfah­rungen steht. Jede Debatte muss ver­mieden und im Keim erstickt werden. So gut es geht, muss der Mensch seiner Mög­lich­keiten beraubt werden, sich selbst eine eigene Meinung zu bilden. Das Perfide an der Zer­setzung der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struktur ist, dass sie irgendwann zum Selbst­läufer mutiert. Bei der indi­vi­du­ellen Gehirn­wäsche im Gefängnis-Kon­text­werden die Zel­len­ge­nossen dazu ani­miert, sich gegen­seitig umzu­er­ziehen. Genau die­selbe Dynamik ent­steht auch in der Masse. Ab einem bestimmten Grad der Zensur wird diese über­flüssig, da die mono­po­li­sierten Mas­sen­medien von aus­rei­chend «umer­zo­genen» Ange­stellten beherrscht werden, welche die Zensur umsetzen und das ein­seitige Mei­nungs­diktat auf­recht­erhalten, ohne sich dessen über­haupt bewusst zu sein.

Spaltung der Gesellschaft

Wie Meerloo schrieb, kann das beständige Bear­beiten mit Pro­pa­ganda zu zwei gegen­tei­ligen Effekten führen: So kann es einer­seits zu der von Planava ange­spro­chenen Apathie und Gleich­gül­tigkeit führen, die das Wesen weich und formbar hin­ter­lässt, oder aber das Pro­pa­gan­dasperr­feuer löst im Indi­viduum eine Art von Trotz­re­aktion aus und führt zu einem ver­stärkten Wunsch zu stu­dieren und zu ver­stehen. Leider — so ver­merkt Meerloo — ist die erste Reaktion die häu­figere. (2) Trotzdem können diese, im Zuge der Pro­pa­gan­daof­fensive, skep­tisch gewor­denen Indi­viduen nicht völlig igno­riert werden und müssen in das Nar­rativ der Gehirn­wä­scher ein­ge­bunden werden. Für die Mani­pu­lie­renden ist es von wesent­lichem Interesse, diese Pola­ri­sierung der Gesell­schaft zu nutzen, um so die Iso­lierung noch weiter vor­an­zu­treiben. Die ent­ste­henden Risse gehen durch alle natür­lichen sozialen Struk­turen: Familien, Freund­schaften, Berufe und so weiter. Die Iso­lation der skep­ti­schen Indi­viduen und deren Ver­drängung aus der Gesell­schaft ist zwar nicht so trau­ma­tisch wie das Ein­ge­sperrt-Werden in einer Zelle, doch gesell­schaft­liche und phy­sische Iso­lation sind in ihrer Wirkung ver­gleichbar. Auf den gesell­schaftlich Iso­lierten wird eben­falls Druck aus­geübt, «die Seite zu wechseln», und die Sehn­sucht, wieder zur Gesell­schaft zu gehören, ent­spricht dem Bedürfnis des Zel­len­in­sassen nach einer Rückkehr zur Nor­ma­lität. Trotz der unter­schied­lichen Inten­sität führt Iso­lation in beiden Fällen zu einem ähn­lichen Ergebnis.

«Ermüdung des Menschen»

Die Gehirn­wäsche ist ein lang­wie­riger Zer­mür­bungs­prozess, der auf das Müde­werden der Men­schen setzt. Stück für Stück wird der Mensch in «schlechte Zeiten» über­führt, wo dann mit seinem Selbst­er­hal­tungs­trieb und seinem Bedürfnis, irgendwie über diese Zeiten hin­weg­zu­kommen, gear­beitet wird. Um unter diesen Umständen zurecht­zu­kommen, muss er wie ein Radar­gerät reagieren, muss aus­weichen, sich drehen und wenden, sich dumm stellen, kurz: sich selbst so defor­mieren, wie es die krummen Ver­hält­nisse ver­langen. Auch die psy­cho­lo­gische Folter in Gefäng­nissen fordert vom Indi­viduum stän­diges Anpassen an die Umstände und anstren­gende mentale Stra­tegien, um in den «schlechten Zeiten», in denen man sich befindet, zurecht­zu­kommen. Das alles erschöpft die Energie und mündet in Unkon­zen­triertheit sowie in der Unfä­higkeit, ziel­be­wusst denken und arbeiten zu können — bei indi­vi­du­eller als auch mas­sen­hafter Gehirn­wäsche. Ein zer­mürbter Mensch sucht ver­zweifelt nach Sicherheit, um über­leben zu können und wendet sich hil­fe­su­chend an die­je­nigen, die ihn über­haupt erst in die schlechten Zeiten manö­vriert haben, also an die Herr­schenden oder seine Fol­ter­knechte. Denn dank der Iso­lation bzw. der zer­setzten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­turen sind dies mehr oder weniger die ein­zigen Kon­takt­per­sonen, die dem Indok­tri­nierten noch geblieben sind. Doch das einzige, was diese ihm anbieten, ist eine Form von rela­tiver Sicherheit und Freiheit im Aus­tausch für Loya­lität: «Wenn du uns aner­kennst und loyal unsere Instruk­tionen aus­führst, brauchst du nichts zu fürchten und kannst ein nor­males Leben führen.»

Dies ist natürlich bloss eine Illusion der Sicherheit und Freiheit, denn «Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides ver­lieren», so die ewig gültige Weisheit von Ben­jamin Franklin. Ent­weder akzep­tiert das Indi­viduum passiv die Umstände(eingeschränkte Freiheit ist für eine gewisse Zeit möglich), es wird selber zum aktiven Träger der Unter­drü­ckung oder aber es beginnt, sich aktiv zur Wehr zu setzen. Im ersten Fall­gerät es in kür­zester Zeit in einen Kon­flikt mit sich selbst, weil man das natür­liche Bedürfnis des Men­schen, sich zu enga­gieren und sich selbst zu ver­wirk­lichen, nicht unter­drücken kann. Im zweiten Fall, in dem das Indi­viduum zum Träger der Gewalt wird, ist das Gefühl der Sicherheit eben­falls bedroht, weil es früher oder später unver­meidlich und unbarm­herzig mit denen in Streit gerät, die es unterdrückt.Im dritten Fall — also, wenn das Indi­viduum ver­sucht, sich zu wider­setzen — wird es sowohl vom System selbst zum Feindbild aus­er­koren als auch von den pas­siven und aktiven Trägern der Gehirn­wäsche aus­ge­grenzt und bekämpft. Je weiter fort­ge­schritten der Zustand der Indok­tri­nation ist, desto mehr ver­härten sich die Fronten zwi­schen jenen, die die Indok­tri­nation tragen und jenen, die sie ver­suchen zu überwinden.

Massen-Men­tizid

Gerade heute in Zeiten von «Corona» sehen wir immer deut­licher, wie die gesamte west­liche Zivi­li­sation einem langsam fort­schrei­tenden Men­tizid unter­zogen wird. Ein Angriff auf den Ver­stand und die Selbst­stän­digkeit, der dank flä­chen­de­ckend wirk­samen Mas­sen­medien all­um­fassend wirkt. Die Tech­niken der Pro­pa­ganda sind ver­feinert und sys­te­ma­ti­siert worden; es gibt kaum einen Ort, an dem man sich vor den stän­digen visu­ellen und ver­balen Angriffen auf den Ver­stand ver­stecken kann. Der Druck des täg­lichen Lebens treibt immer mehr Men­schen dazu, eine ein­fache Flucht vor Ver­ant­wortung und Reife zu suchen. In der Tat ist es schwer, diesem Druck stand­zu­halten. Für viele ist das Angebot eines poli­ti­schen All­heil­mittels sehr ver­lo­ckend, für andere ist das Angebot der Flucht in Alkohol, Drogen oder ähn­liche Mittel unwi­der­stehlich. Freie Men­schen in einer freien Gesell­schaft müssen nicht nur lernen, diesen heim­lichen Angriff auf die geistige Unver­sehrtheit zu erkennen und zu bekämpfen, sondern sie müssen auch lernen zu ver­stehen, was im Inneren des Men­schen vorgeht, und was ihn für diesen Angriff anfällig macht.


Mit freund­licher Geneh­migung von expresszeitung.com, Dop­pel­ausgabe 43/44