Bild: Wikimedia, Foto Bundeswehr, CC BY 2.0
Politik & Aktuelles

Nina Hagen und die seltsame Wahl beim Zapfenstreich der Bundeskanzlerin – Du hast den Subtext vergessen

7. Dezember 2021

Sie ist exzentrisch und schrill, aber selbst Nina Hagen konnte nicht glauben, welches Musikstück sich die scheidende Kanzlerin gewünscht hatte: Den alten DDR-Schlager „Du hast den Farbfilm vergessen“, den die Punksängerin Nina Hagen 1974 zum Hit machte. Den Text für dieses Erfolgsstück schrieb damals ein „DDR-Staatsdichter“, der sich besonderer Privilegien erfreute, bevor dann ruchbar wurde, dass er eine sexuelle Bestie war und sich eines vielfachen Kindesmissbrauchs schuldig gemacht hatte.

Zuerst hielt Nina Hagen die Nachricht über den alten DDR-Schlager für Fake News, wie sie auf Facebook schrieb (Auszüge):

„Einen wunderschönen Sonntag, liebe Maria Thomas, das habe ich auch mitbekommen, dass sich unsere Frau Bundeskanzlerin für ihre Abschieds-Zeremonie, unter Anderem den Song ‚Du hast den Farbfilm vergessen‘ aus der alten DDR gewünscht haben soll, (was ich übrigens für eine fake – Meldung halte, . . . obwohl ich grade sehe, dass sogar die Tagesschau berichtet hatte . . . . ) – denn ‚Farbfilm‘, das ist ein Song mit Text von Kurt Demmler, und dass jedoch der Kurt Demmler ein DDR – ‚Staatsdichter‘ mit Sonder-Privilegien war und später ein wegen systematischem Kindesmissbrauchs verurteilter Sexualstraftäter, der im Gefängnis Selbstmord beging … wird ihr hoffentlich bekannt sein. (…)
(…) auch wenn das Lied ‚Du hast den Farbfilm vergessen‘ , dessen Text der Kurt Demmler schrieb, der sich im Untersuchungsgefängnis selbst getötet hat, der wegen Kindesmissbrauchs angeklagt war, und für uns, die wir ihn kannten und ihm vertrauten, doch einen bitteren Beigeschmack bekommen hat. (…) und noch ein P.S. zur Frage von Heike Ober: ‚Nina Hagen, bei all den schlimmen Hintergrund Informationen über Kurt Demmler, find ich das Lied hat trotzdem Kultstatus und ist auch schön. Du singst es doch auch noch gelegentlich , liebe Nina, oder grenzt du dich davon jetzt aus besagten Gründen total davon ab? Was ja in Anbetracht dessen , konsequent und sogar nachvollziehbar wäre …‘ + Liebe Heike, zu Deiner Frage, und im Grunde habe ich das auch schon an Maria Thomas geschrieben. Nein, ich grenze mich nicht ab von dem Lied, aber ich werde mich nicht vor den Fakten verstecken, und auch nicht so tun, als gäbe es sie nicht. Mein Publikum kann und soll auch alle Zusammenhänge kennen. Sich vor der Wahrheit zu verstecken wäre feige, sowas ist mir ein Greuel! Fakt ist, dass der Text – Dichter dieses Songs, Kurt Demmler, ein hochprivilierter Künstler war in der DDR, ein staatstreuer Liedermacher, und besonders nach dem Fall der Mauer, beging er schweren, systematischen Kindesmissbrauch und daß er sich dann in der Untersuchungshaft im Knast Moabit erhängte, und sich sang und klanglos aus dem Staub machte, schmerzt umso mehr. (…) UND NOCH ein p.s. Ich bin übrigens von der Zapfenstreich-Musik-Auswahl genauso überrascht worden, wie meine Freunde und meine Feinde gleichermaßen! Mir hat niemand vorher mal Bescheid gesagt. Kein Bundeskanzleramt hat uns mal vorher kontaktiert und niemand hat mich drauf vorbereitet. Denjenigen Leuten, die mir jetzt unterstellen wollen, ich hätte mich ‚verraten und verkauft‘, denen kann ich nur raten: Bitte passt auf Euch auf, solche Richtersprüche sind voll gemein und absolut ungerecht! In der Bibel, im Matthäus-Evangelium steht geschrieben: Lieben ist besser als hassen!“

Der 1943 als Kurt Abramowitsch – später Kurt Demmler – geborene Liedermacher und Texter war eine Größe in der Unterhaltungsindustrie der DDR. Er schrieb auch Texte für viele Rockbands.

Den Nachnamen Demmler erhielt er durch die zweite Ehe seiner Mutter. Sein leiblicher Vater war als Fliegersoldat im Zweiten Weltkrieg verschollen gegangen. Als Schüler schon zeigte Kurt Demmler eine besondere Begabung auf musikalischem Gebiet, sang im Kirchenchor, brachte sich selbst das Gitarrespielen bei, gewann diverse Musikwettbewerbe und gab Konzerte. Als junger Mann und Sohn eines DDR-kritischen Elternhauses verfasste er systemkritische Liedtexte. Einen davon hängte er an die Wandzeitung in seiner Schule, wurde der Schule verwiesen und geriet ins Blickfeld der Stasi. Das scheint dazu geführt zu haben, dass Kurt Demmler sich dem System angepasst hatte. Er lökte zwar immer wieder mit einigen Liedertexten gegen den Stachel und wandte sich auch zusammen mit Widerständlern gegen die Ausbürgerung und das Verweigern der Wiedereinreise Wolf Biermanns 1976. Er machte einen Text über die Luftverschmutzung in der DDR und schrieb viele Erfolgsstücke. Er wusste aber immer, wie weit er gehen konnte. Demmler  machte auch ein Programm gemeinsam mit Kindern. Er wurde sogar „Anwalt der Kinder“ genannt und erhielt den Nationalpreis III. Klasse der DDR für Kunst und Literatur für sein von hoher Qualität getragenes schöpferisches Gesamtschaffen als Autor für die Rockmusik sowie als Autor, Komponist und Interpret im Liederschaffen der DDR. Kurt Demmler, Textautor und Interpret, Leipzig.“ 

Von da an wurde die Sache etwas auffälliger, aber man vertraute ihm und bewunderte ihn in der Szene. 

Demmler rief nach Konzerten nun dazu auf, ihm junge, talentierte Kinder vorzustellen, die mit ihm gemeinsam musizieren sollen, da seine Stimme nicht so gut zu den ‚Liedern des Kleinen Prinzen‘ passe wie Kinderstimmen. Manche Eltern kamen dieser Aufforderung reflexartig nach, ‚zu welchen Bedingungen auch immer‘. Von 1985 bis 1987 nahm Demmler an einer Liedercircustournee teil, die ein von den bekanntesten Liedermachern des Landes gestaltetes Programm umfasste. Tourneeregisseur Matthias Görnandt berichtet davon, dass Demmler immer wieder durch die Begleitung (zu) junger Mädchen aufgefallen sei: „Ich weiß, dass er ja sehr oft junge Mädels mitbrachte, die ihn einfach anhimmelten. Er war ein streichelbedürftiger Mensch und damit hat er es auch begründet. Und alle hat es natürlich auch befremdet, dass er immer mit so sehr jungen Mädchen ankam. Er ließ die dann auf der Bühne mal mitsingen.“

Für eine Mädchenband wurden Castings gemacht. Kurt Demmler missbrauchte sechs von ihnen mehr als 200 Mal. Die Berliner Zeitung berichtet die unschönen Einzelheiten. Demmler kam lange mit seltsamen Ausreden durch. Er wurde 2002 zwar schon wegen Missbrauchs Minderjähriger angezeigt und auch verurteilt, kam aber mit einer Geldstrafe von etwa 1800 Euro davon. Eine weitere Demütigung für Dutzende sehr junger Mädchen. Doch Demmler machte einfach weiter. Die 1800 Euro machten ihm nichts aus.

Neue Anzeigen, ein neuer Strafprozess steht an. Doch dazu kommt es nicht mehr. Als  Justizvollzugsbeamte den Angeklagten im Gefängnis Moabit aus der Zelle holen wollen, sehen sie Kurt Demmler mit einem Ledergürtel um den Hals tot an den Gitterstäben des Fensters seiner Zelle hängen. Eigentlich hätte das nicht möglich sein sollen. Inhaftierte dürfen nichts in der Zelle haben, womit sie sich selbst töten könnten.

„Hänger auf Station G1“, schreit Justizbeamter Ralph S. – Es ist der Morgen des 3. Februar 2009, Untersuchungshaftanstalt Moabit. Der Tag, an dem DDR-Liedermacher Kurt Demmler (65) um 13 Uhr vor dem Landgericht hätte erscheinen müssen. 

Kurt Demmler hatte sich auf diese Weise der Gerechtigkeit entzogen, eine feige Flucht, wie Nina Hagen enttäuscht feststellte. Damit war der Deckel drauf auf der Geschichte und die Opfer blieben mit ihren traumatischen Erfahrungen ratlos zurück. Ein nicht aufgelöster Skandal, offene Wunden, die schlecht verheilen. Eine Geschichte, die nicht vergessen werden wird.

Bundeskanzler Frau Dr. Merkel weiß dies sicherlich. Es geht hier nicht um Sympathien oder Antipathien in Bezug auf Frau Dr. Angela Merkel. Auch nicht darum, ob das Lied wirklich ein schöner Schlager war und welche Erinnerungen Frau Dr. Merkel damit verbindet.

Es geht darum, dass diese Wahl eines Musikstücks mit diesem Hintergrund einfach sehr unsensibel war. Besonders in der heutigen Zeit, wo jeder sehr  darauf achten muss, was er wie ausdrückt und welche Wortwahl politisch korrekt ist, wo für ein ungeschicktes Kompliment eines Mannes an eine Frau schon gleich der „Sexuelle-Belästigung-Hammer“ öffentlich auf ihn niedersaust und ihn persönlich und beruflich ruiniert … ist es dann angemessen, dass ein scheidender Bundeskanzler so ein Musikstück zum Abschied aus dem Amt wünscht? Das war keine private Feier, auf der man locker tun kann, was man möchte. Es ist der große, feierliche Zapfenstreich vor dem Berliner Amtssitz des Bundesverteidigungsministeriums. Das ist die höchste Form militärischer Ehrerweisung der deutschen Soldaten. Eine Zeremonie mit langer Tradition, die nur zu ganz besonderen Anlässen durchgeführt werden darf. Das war dieser Zeremonie nicht würdig.


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