Layla, TikTok und der Untergang unserer Kultur

Früher war alles besser? Nein, ganz sicher nicht. Zu jeder Zeit tun und taten sich Abgründe auf, das liegt in der Natur des Men­schen. Dennoch kann und sollte man in gewissen Bereichen massive Ero­si­ons­pro­zesse ansprechen. Die geistige Ent­wicklung breiter Gesell­schafts­gruppen und die resul­tie­rende Kultur gehören meiner Meinung nach ent­schieden zu diesen Verfallsprozessen.

Als Kind der Acht­ziger Jahre kenne ich noch Kul­tur­sen­dungen im Fern­sehen. Klar, Reste davon sind natürlich geblieben, meist auf den Nischen­pro­grammen 3sat und Arte. Okay, es gibt sie noch, und das ist gut so. Der Stel­lenwert von Kultur hat sich jedoch massiv ver­ändert. Vor dem Jahr­tau­send­wechsel waren z.B. Auf­zeich­nungen von Opern nichts Unge­wöhn­liches im Fern­sehen. Das gibt es in dieser Form kaum noch. Letztlich ist das neben einer Ange­bots­pro­ble­matik auch der Nach­frage geschuldet, denn selbst gebildete Bürger geben heute an, dass Opern ihnen zu sperrig und ande­rer­seits zu dünn seien. Mir geht es an dieser Stelle auch gar nicht um die Oper als Sinnbild für Kultur, sondern nur als einen Aspekt davon. Selbst­ver­ständlich ist auch ein Change in der kul­tu­rellen Aus­richtung einer Gesell­schaft völlig normal und sogar wün­schenswert. Andern­falls wäre Fort­schritt zu keiner Zeit möglich gewesen. Soll man sich jetzt jedoch freuen, dass der Som­merhit „Layla“ von DJ Robin & Schürze dazugehört?

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Zur guten Layla muss ich fest­stellen, dass dieser Bal­lermann-Hit niemals einen Skandal für mich dar­ge­stellt hat und auch kein Auf­reger für mich war. Ich finde diese Art von Musik wenig anspruchsvoll, habe jedoch kein Problem damit. Viel inter­es­santer finde ich die Dege­ne­ration in der deut­schen Gesell­schaft, für die Layla ein Symptom ist. Wie sollte man die Dia­gnose korrekt benennen? Stadt­fes­titis, Bal­ler­mann­demenz oder Dorf­fest­manie? DAS ist doch 2022 für breite Gesell­schafts­teile die einzig noch statt­fin­dende Kultur: Man baut die immer gleichen Sauf- und Fress­buden als Frühlings/Sommer/Herbst/Kartoffel/Wintermarkt (Martins‑, Nikolaus- und Weih­nachts­markt dürfen neben dem Stadtfest und der Kirmes natürlich nicht fehlen) und geht dorthin, um sich so richtig schön das Gehirn weg­zu­brennen. Auch das ist völlig legitim, ich habe kein Problem damit. Ich weiß jedoch nicht, ob das als vor­herr­schende Kultur sinnvoll ist?

Im Grunde leben wir einen gepflegten Kultur-Nihi­lismus aus. Es geht nur noch ums Saufen, Protzen und Fi.…, Letz­teres sogar im dop­pelten Sinne, nämlich wörtlich und im über­tra­genen Sinne. Diese Ent­wicklung wurde natürlich auch durch Social Media gepusht, denn jeder glaubt, damit ein Star sein zu können. In diesem Kontext wird dann jedes Dorffest tat­sächlich zu einem Kul­tur­event, das man dann auch genüsslich auf Instagram, TikTok und Facebook mit sich selbst im Mit­tel­punkt insze­nieren kann. Und wenn man gleich dabei ist, kann man ja auch ruhig selbst zum Mikro greifen und ein Video auf­nehmen. Wer hat noch Bock auf Opern­sänger, Schau­spieler oder Autoren? Ich will doch selbst mein Ego strei­cheln, dazu brauche ich doch keine jah­re­lange Aus­bildung oder spe­zielle Fähig­keiten, denn ich bin die Sonne meines Universums.

Letztlich ist natürlich Dieter Bohlen mit seinem Cas­ting­format DSDS schuld. Wer braucht schon echte Super­stars, wenn er selbst einer sein kann. Oder ist auch der Dieter nur Symptom von etwas anderem, viel Schwer­wie­gen­derem? Die erste Staffel von DSDS lief 2002, also vor exakt zwanzig Jahren. Dass sich dieses Format so lange halten konnte, hat sicher mehrere Gründe. Sicher ist nur, dass genügend Men­schen es sehen wollen. Könnte es nicht sein, dass das Motiv dafür sehr eng mit dem Nie­dergang der Kultur ver­flochten ist?

Die gesell­schaft­liche Schere zwi­schen arm und reich klafft immer weiter aus­ein­ander, und zwi­schen den Lagern exis­tiert auch kaum ein Aus­tausch. Wer ganz unten ist, kann sich oftmals anstrengen, so viel er will – er wird aus dem Morast nur sehr schwer raus­kommen. Anders herum bietet die Ober­schicht sehr viel Knautschzone, selbst für schwerere Miss­ge­schicke – wer einmal oben ist, muss sich für einen Absturz extrem anstrengen.

Unter­stellen wir jetzt, dass der Großteil der Men­schen in diesem Land auf ihre Erwerbs­tä­tigkeit ange­wiesen ist bzw. auf staat­liche Leis­tungen wie Arbeits­lo­sengeld und Hartz IV. Die Arbeitswelt hat sich min­destens im gleichen Maße ver­ändert, wie es auch die Freizeit getan hat. Nehmen wir alleine das Smart­phone, das als iPhone seit dem Jahr 2007 seinen Sie­geszug ange­treten hat und in unserem Leben fast nicht mehr weg­zu­denken ist. Wer abends gestresst von der Arbeit kommt, daddelt noch etwas auf seinem Handy herum oder schaut im besten Fall noch eine Folge seiner Lieb­lings­serie auf Netflix. Für ein Buch, ein Thea­ter­stück oder eine Oper bleibt da einfach keine Zeit. Außerdem ist mit dem End­gerät eben auch der Zugang zum Social Media direkt in unsere All­tagswelt möglich. Und wer kann sich schon der Idee ver­schließen, als nächster Influ­encer oder YouTube-Star den Exit aus seiner tristen All­tagswelt zu schaffen?

Wir sollten das Momentum, das gerade durch die mobilen End­geräte erzeugt wurde, nicht unter­schätzen. Nehmen wir die Social Media-Plattform TikTok. Jugend­liche und zunehmend auch Erwachsene werden dort mit Videos über­flutet, die meist kaum länger als eine Minute sind. Durch flei­ßiges „Swipen“ ver­kürzt man die Dauer der ein­zelnen Videos noch weiter und setzt sich der totalen Reiz­über­flutung aus. Wenn das nur aus­dauernd genug ein­geübt wird, könnte das viel­leicht auch unsere Kon­zen­tra­ti­ons­spanne dras­tisch nach unten fahren? Sind wir dann über­haupt künftig noch fähig, einem inten­siven Gespräch zu folgen?

Letztlich kann niemand mehr diese Ent­wicklung auf­halten, bzw. die ver­ant­wort­lichen Stellen rühren keinen Finger. Wenn der Ein­zelne wahl­weise gestresst und auf sich selbst zurück­ge­worfen eska­pis­tisch in die Vir­tua­lität flüchtet, oder sich die Birne bei einem der belie­bigen Anlässe weg­säuft (oder kifft), ist er defi­nitiv kein kri­ti­scher Bürger mehr. Wer von den Par­ty­biestern und Social-Media-Helden soll denn noch die Auf­merk­samkeit auf­bringen, um über Miss­stände in unserem besten Deutschland aller Zeiten nachzudenken?