Die Ente Rente. „Wir schulden der Gemein­schaft etwas!“

Kurz-Analyse eines deut­schen Glaubenssatzes

Der Satz „Wir schulden der Gemein­schaft etwas“, fiel bei­läufig – im Kontext einer Dis­kussion über die Ren­ten­po­litik. Die Junge Union solle den Kurs des Kanzlers Merz unter­stützen, sagte mein Gegenüber. Warum? Weil „die Jungen den Alten die Rente schulden“. Denn: „Wir sind eine Gemein­schaft!“ (von Adrian Pfranger)

Der Gesprächs­partner und ich mussten das Gespräch aus Zeit­gründen abbrechen, doch der Satz ver­folgt mich seitdem. Denn auch wenn dieser Halbsatz fast bei­läufig erwähnt wurde, kann vor dessen Trag­weite nicht genug gewarnt werden. Dieser Glau­benssatz ist ein Dogma, der die deutsche poli­ti­schen Debatte beherrscht und vor sich hertreibt.

Ein Glau­benssatz der deut­schen Staats­moral, des Eta­tismus, mit dem seit Jahr­zehnten immer mehr staat­liche Auf­gaben, Aus­gaben und Abhän­gig­keiten begründet werden. Ein Glau­benssatz, der erklärt, warum Deutschland so hart­näckig gegen Freiheit, Markt­wirt­schaft und Eigen­ver­ant­wortung immu­ni­siert wurde und wird – und warum die „Milei’sche Wende“ in Deutschland wohl auch in der näheren Zukunft noch aus­bleiben wird. Dieses Dogma muss mit klaren Worten ent­zaubert werden: Die, die ihr an dieses Dogma glaubt, wurdet und werdet ver­arscht![1]

Kurz­analyse: Drei Begriffe, drei Illusionen

Der Satz lässt sich zer­legen in drei Begriffe:

1. „Wir

2. „die Gemein­schaft

3. „schulden

Jeder dieser Begriffe ist für sich harmlos – im Verbund erzeugen sie einen poli­ti­schen Zau­ber­spruch, der jeden Zwang schein­le­gi­ti­mieren kann.

 

1. Wer ist „Wir? – Die kol­lektive Nebelgranate

„Wir“ ist ein Per­so­nal­pro­nomen der ersten Person Plural und wird ver­wendet, um sich selbst und min­destens eine andere Person oder Gruppe von Per­sonen mit ein­zu­schließen. Poli­tisch wird es – im deut­schen Kontext besonders – zur Anrufung eines Kol­lektivs, das der Sprecher einfach vor­aus­setzt, verwendet.

Im Gespräch meinte der Sprecher mit „wir“ offenbar:

– mich,

– sich selbst,

– die gesamte deutsche Bevöl­kerung und

– ver­mutlich auch jene, die wählen dürfen, zahlen müssen, funk­tio­nieren sollen.

Damit beginnt das erste Wort bereits mit einer Hypostasierung:

– „Wir“ bzw. Kol­lektive handeln nicht.

– Nur Indi­viduen handeln.

Ludwig von Mises (1881 – 1973) betonte dies uner­müdlich. Kol­lektive handeln nicht: nicht „das Volk“, nicht „die Bevöl­kerung“, nicht „die Gemein­schaft“. Einzig der Mensch handelt.

Nur der Ein­zelne selbst kann Ver­pflich­tungen ein­gehen. Diese ent­stehen auch nur durch eine aktive Ent­scheidung. Ein mys­ti­sches „Wir“, das mora­lische oder öko­no­mische Ver­pflich­tungen ein­ge­gangen ist oder eingeht, exis­tiert nicht. Das poli­tische „Wir“ ist ein rhe­to­ri­scher Trick. Das „Wir“ soll klar­machen, dass du und der Gesprächs­partner in einem Team seid. Das sug­ge­riert ein Ver­trau­ens­ver­hältnis: Wenn wir in einem Team sind, will er mir sicher nichts Schlechtes.

2. Wer ist „die Gemein­schaft? – Die große Hypostasierung

Der Begriff „Gemein­schaft“ wird so ver­wendet, als gäbe es dieses Wesen tatsächlich:

– unab­hängig von uns,

– über uns und

– mit Ansprüchen an uns.

Wiki­pedia nennt Gemein­schaft eine „über­schaubare soziale Gruppe mit Wir-Gefühl“. Doch im poli­ti­schen Sprach­ge­brauch bedeutet „Gemein­schaft“ etwas anderes:

Eine abs­trakte Entität, die wie ein eigener Akteur behandelt wird.

Dies ist exakt das, was Mises Hypo­sta­sierung nannte:  Dass einem geis­tigen Gebilde eine unmit­telbare Wirk­lichkeit zuge­schrieben wird, wie Andreas Tiedtke es in „Der Kompass zum leben­digen Leben“ (*, S. 40) definierte.

Im vor­ge­nannten Gespräch wurde klar, dass „Gemein­schaft“ sogar his­to­rische Leis­tungen umfasst, etwa:

– Straßen, die die Vor­fahren errichteten.

– Brücken, die von anderen errichtet wurden.

– „Errun­gen­schaften“ frü­herer Generationen.

Plötzlich wird die Gemein­schaft zu einem meta­phy­si­schen Kol­lektiv kon­struiert, das über Zeit und Raum hinweg wirkt – und dem die Lebenden, das „Wir“, etwas schulden sollen. Plötzlich spielt sich die Gemein­schaft nicht mehr in der Gegenwart ab. Die Gemein­schaft der Ver­gan­genheit schaffte Vor­aus­set­zungen für die Gemein­schaft der Gegenwart. Dieser ist man nun qua Geburt verpflichtet.

3. Was bedeutet „schulden? – Der Begriff als mora­lische Waffe

Eine „Schuld“ ent­steht hand­lungs­lo­gisch nur infolge einer Ver­ein­barung: Eine Person schuldet einer anderen Person eine Leistung, basierend auf einem frei­wil­ligen Vertrag.

Außerhalb dieser Kate­gorie gibt es nur Zwang, Erpressung oder ideo­lo­gische, fiktive Schuld­ge­fühle. Im poli­ti­schen Diskurs ist eine Mischform aller drei genannten Bei­spiele möglich. Eine poli­tische gewollte Position wird in eine mora­lische, ideo­lo­gische Schuld ver­wandelt. Aus der „Schuld gegenüber den Alten“ wird rhe­to­risch ein „Gene­ra­tio­nen­vertrag“ gebastelt, welcher ein gesetz­liches Ren­ten­system, also Zwang, legi­ti­mieren soll. Der Arbei­tende kann sich grund­sätzlich nicht aus­suchen, ob er die Bei­träge in die gesetz­liche Rente zahlt oder nicht.

Das Dogma „Wir schulden der Gemein­schaft etwas“ ist eine Art Gene­ral­klausel, ein Blan­ko­scheck, eine rhe­to­rische All­zweck­waffe zur Schein­le­gi­ti­mierung staat­licher Macht­aus­übung. Dabei benennt der Satz weder Inhalt oder Umfang der Schuld noch einen kon­kreten Gläu­biger oder eine Ver­trags­grundlage, der man zustimmte.

Die gefähr­liche Macht dieses Satzes

Warum ist der Satz so gefährlich? Weil er, wie erwähnt, gren­zenlose poli­tische Ansprüche schein­le­gi­ti­miert. Gehen wir hierfür einige Bei­spiele durch:

Ren­ten­system: Die Schuld der Gemein­schaft gegenüber ihren Älteren schein­le­gi­ti­miert ein gesetz­liches Ren­ten­system, das einen Großteil der Arbei­tenden zu Abgaben in die Ren­ten­ver­si­cherung zwingt. In der aktu­ellen poli­ti­schen Debatte führt diese Schuld zur „Recht­fer­tigung“ der Ver­ab­schiedung eines Ren­ten­pakets mit zusätz­lichen 120 Mil­li­arden Kosten. „Wir schulden das den Alten!“

Kran­ken­ver­si­che­rungs­system: Die „Soli­dar­ge­mein­schaft“, die ebenso auf dem genannten Dogma basiert, schein­le­gi­ti­miert ein gesetz­liches Kran­ken­ver­si­che­rungs­system, das ebenso zu monat­lichen „Sozial“-Abgaben zwingt: „Wir haben eine soli­da­rische Pflicht.“

– Ein­führung der Wehr­pflicht: Wenn die Jün­geren den Älteren die Rente schulden, wenn wir auf­grund der „Soli­da­rität für unsere Gemein­schaft“ ein gesetz­liches Kran­ken­ver­si­che­rungs­system unter­halten müssen, dann ist der Einsatz des eigenen Körpers für „das eigene Land“ nur eine logische Folge. Die Wehr­pflicht wird – so meine Ein­schätzung – kommen, denn schließlich schulden wir es unserer Gemein­schaft. Wenn der Russe unser Land angreifen möchte, so müssen wir für unsere Gemein­schaft dem Russen zuvor­kommen und ihn angreifen. Im poli­ti­schen Diskurs wird diese Logik in naher Zukunft wohl zur Aus­weitung der indi­vi­du­ellen Schuld führen: Zur „Pflicht“ des Ein­zelnen, für das eigene Land zu den Waffen zu greifen.

– Steu­er­erhö­hungen & Kre­dit­auf­nahmen: „Wir müssen soli­da­risch sein!“ Wir schulden unserer Gemein­schaft sichere, gut aus­ge­baute Straßen. Aus diesem Grund müssen wir die Steuern erhöhen, Kredite auf­nehmen, um „unserer Zukunft“ eine gut aus­ge­baute Infra­struktur zur Ver­fügung zu stellen. Tat­sächlich führte dieses Dogma dazu, dass der Deutsche Bun­destag mit einer Grund­ge­setz­än­derung die Schul­den­bremse für solche Fälle (Infra­struktur u.a.) aus­setzte. An dieser Stelle wird deutlich, dass unsere gegen­wärtige Politik dafür sorgt, dass die zukünf­tigen Bürger Deutsch­lands tat­sächlich unserer vor­an­ge­gan­genen Gene­ration etwas schulden: Die Abbe­zahlung jener Schulden, die „wir“ in der Gegenwart im Namen unserer Soli­dar­ge­mein­schaft auf­nehmen – zu Lasten der zukünf­tigen Gene­ration, die die Res­sourcen mög­li­cher­weise lieber anders ver­wenden würden.

Ent­eig­nungen: Art. 14 Grund­gesetz schützt das Eigen­tums­recht. Gleich­zeitig gewährt die Schranke nach Absatz 2 Ein­griffs­mög­lich­keiten, wonach Eigentum ver­pflichtet und der Gebrauch des Eigentums zugleich dem Wohle der All­ge­meinheit dienen soll. Mit dem Erstarken der sozia­lis­ti­schen Politik, die nun auch die CDU/CSU erreichte, ist bereits absehbar, dass aus der „Schuld für die Gemein­schaft“ Ent­eig­nungen im großen Stil gerecht­fertigt werden könnten. Nach Helmut Kohl haben wir den Sozia­lismus ohnehin bald erreicht: „Bei einer Staats­quote von über 50 Prozent beginnt Sozia­lismus“. Die der­zeitige Staats­quote in Deutschland liegt „offi­ziell“ bei 49,5 %.

Das Dogma macht aus rund 84 Mil­lionen Men­schen eine Schulden-Gemein­schaft. Der Ein­zelne konnte dem Bei­tritt zur Schulden-Gemein­schaft weder zustimmen, noch seine Ablehnung for­mu­lieren. Mit seiner Geburt ist der Ein­zelne der Gemein­schaft zur Schuld ver­pflichtet. Andreas Tiedtke hat diesen psy­cho­lo­gi­schen Mecha­nismus präzise beschrieben:

Die­je­nigen, die diese Schuld inter­na­li­sieren, sind die „Gestock­holmten“ – die frei­wil­ligen Geiseln eines ideo­lo­gi­schen Schuld­ver­hält­nisses, die ihren Beitrag „für das Gemeinwohl“ gerne leisten.

Die Poli­tiker, die diese Schuld ein­fordern, spielen die „Erlöser“ (*): Sie nehmen die Rolle des Gläu­bi­ger­ver­treters ein und sind über­zeugt davon, dass andere ihnen etwas schulden. Sie bestimmen und ver­walten die Schuld nach eigenem Gusto.

Dieses Dogma braucht beide Seiten, die Schul­digen, und die Gläu­biger. Und dabei nehmen sie alle anderen in Mithaftung.

 

Ihr werdet ver­arscht!  [1]

Es ist Zeit für eine Zäsur. Dieses Dogma – „Wir schulden der Gemein­schaft etwas“ – ist nichts weiter als eine leere Phrase. Schuld ist indi­vi­duell. Schuld ist konkret. Schuld ist begrenzt. Schuld kann nicht unendlich aus­ge­weitet werden. Jeder, der etwas anderes behauptet, betreibt Propaganda.

Sagen wir also, wie es wirklich ist: Ihr (die ihr von dem Dogma über­zeugt seid) wurdet ver­arscht.[1] Euer ganzes Leben lang hat euch die Politik ein­ge­redet, dass ihr im Alter ver­sorgt sein werdet. „Die Rente ist sicher.“ „Die Gemein­schaft kümmert sich.“ „Ihr bekommt zurück, was ihr ein­zahlt.“ Das war alles gelogen. Die Rente ist nicht sicher – und das wird jetzt immer deut­licher: Ihr wurdet verarscht.

Und jetzt wollt ihr, die ihr jahr­zehn­telang ver­arscht wurdet, dass ich mich auch ver­ar­schen lasse? Dass ich – wider bes­seres Wissen – in ein kaputtes System ein­zahlen soll, nur damit ihr eure Illusion behalten könnt? Damit ich später von der nächsten Gene­ration ver­langen muss, dass sich diese nun ver­ar­schen lässt? So wie ihr von eurer Vor­gän­ger­ge­ne­ration belogen wurdet. Es ist ein Teu­fels­kreis von Ver­ar­schenden und Verarschten.

Doch dieser Kreislauf endet zu einem bestimmten Zeit­punkt – frei­willig oder zwangs­weise. Ent­weder durch bewussten Bruch oder durch die fak­tische Insolvenz des Systems. Doch wer zahlt die Zeche? Ich finde, es ist nur fair, dass die­je­nigen, die an die Schuld geglaubt haben, das Insol­venz­risiko dieser Lüge tragen müssen. So viel Kon­se­quenz muss sein. Ich, für meinen Teil, möchte da nicht mit­machen. Denn wer sich heute ver­ar­schen lässt, muss morgen die nächste Gene­ration dazu zwingen, sich ver­ar­schen zu lassen. Und das lehne ich ab.


[1] Wem das Wort „ver­ar­schen“ zu vulgär ist, der sei darauf hin­ge­wiesen, dass Johann Wolfgang von Goethes (1749 – 1832) bekannte Figur Götz von Ber­li­chingen im gleich­na­migen Drama (1773) sich mit dem soge­nannten „Schwä­bi­schen Gruß“ einer weitaus deli­ka­teren Metapher betreffend jenes Kör­perteil bediente und Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1991) diesen Aus­druck sogar als Titel für einen sechs­stim­migen Kanon (1782) verwendete.

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Adrian Pfranger stu­dierte in Regensburg Rechts­wis­sen­schaften (1. Staats­examen). Derzeit ist er als Jurist in einer Kanzlei beschäftigt. Seit 2022 ver­öf­fent­licht er Artikel über seinen Blog auf Sub­stack.

Hinweis: Die Inhalte der Bei­träge geben nicht not­wen­di­ger­weise die Meinung des Ludwig von Mises Instituts Deutschland wieder.

Der Artikel erschien zuerst hier: misesde.org
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