Das Drama der Einweihung

Die erste Ein­weihung erfahren die meisten Men­schen plötzlich und unmit­telbar. Oft ist es ein spie­gelnder Gegen­stand – der Anblick eines Kris­talls, ein Zinn­teller an der Wand –, der ein erstes Licht­er­lebnis her­vorruft. Auch der Schein des nächt­lichen Kamin­feuers kann ein plötz­liches Erwachen zur Folge haben. Selbst ein Spa­ziergang durch die Natur kann der Seele Schwingen ver­leihen und ein har­mo­ni­sches Ein­heits­gefühl mit der Umgebung her­vor­rufen. Die Offenheit des Geistes und die Inten­sität der Gefühle ent­scheiden über das Erlebnis der Ein­weihung. Mit dem Prozess ver­bunden ist eine besondere Art der Bewusstseinsveränderung.

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Von Birgit Waßmann

Im Grunde ist davon aus­zu­gehen, dass jeden Men­schen auf der Erde in gewisser Weise initia­to­rische Erleb­nisse begleiten – von der Geburt an bis zum Tod. Das gesamte Dasein kann unter diesem Aspekt als eine Schule des Lernens und der Ein­weihung betrachtet werden. Aber die wahre Ein­weihung findet in der Tiefe der mensch­lichen Per­sön­lichkeit statt; in der Begegnung mit den Weisen, den Dämonen und Engeln.

Initiation im wei­teren Sinne bezeichnet die fei­er­liche Auf­nahme eines Anwärters in eine spi­ri­tuelle Gemein­schaft, einen Geheimbund oder eine reli­giöse Sekte. Die Ein­wei­hungen weisen gewisse Gemein­sam­keiten auf; oft sind sie mit einer sym­bo­li­schen Handlung ver­bunden. Niemand wird zum Ein­ge­weihten, außer durch sich selbst. Dieser Satz bedeutet, dass ein Anwärter gewisse Vor­aus­set­zungen mit­bringen muss, um zur Ein­weihung zuge­lassen zu werden.

Eine wesent­liche Rolle spielt eine „Kraft­über­tragung“ auf die Mit­glieder einer Glau­bens­ge­mein­schaft. Nicht bei allen Arten von Ein­wei­hungs­riten kommt die­selbe Kraft zum Einsatz. Manche Zere­monien berühren die Anwe­senden auf anderen Bewusst­seins­ebenen. Sie ver­binden den Neo­phyten mit dem Wesen des Grup­pen­geistes und pflanzen in ihn den Samen einer Kraft, von der erwartet wird, dass sie in künf­tigen Zeiten in ihm keimen und wachsen wird.

Die rein for­malen Ein­wei­hungen sind lediglich Schatten der eigent­lichen Ein­weihung, die in anderen Räumen vor sich geht. Die wahre Initiation findet statt, wenn das per­sön­liche Selbst von einem höheren Gewahrsein umfasst wird und mit diesem verschmilzt.

Die Initiation auf fort­ge­schrit­tenen Stufen der Ent­wicklung geht mit einer Umwandlung der Per­sön­lichkeit einher. Eine Folge der Ein­weihung ist der Ein­tritt in eine höhere Stufe der Bewusstheit. Das indi­vi­duelle Bewusstsein wird tran­szen­diert; es erhebt sich über die Welt der Erschei­nungen in einen über­in­di­vi­du­ellen Zustand. Der Ein­zu­wei­hende hat somit die Mög­lichkeit, eine höhere Bewusst­seins­stufe zu erlangen, die er ohne Initiation nicht erreichen könnte.

Es gibt Men­schen, die die­selbe Welt sehen wie jedermann, aber darüber hinaus Dinge wahr­nehmen, die für andere völlig unsichtbar sind. Sie können in die Ver­gan­genheit und Zukunft blicken, mit Ver­stor­benen kom­mu­ni­zieren und erkennen die ver­bor­genen Kräfte des Universums.

Diese Men­schen haben einen Ent­wick­lungsweg durch­laufen, der seit Jahr­tau­senden exis­tiert, aber nur wenigen bekannt ist. Doch der Weg ist nicht unge­fährlich. Spi­ri­tuelle Lehrer warnen ein­dringlich vor den Gefahren, die jeden erwarten, der unvor­be­reitet in die höheren Welten ein­dringt. Die Ein­weihung ist nicht nur ein Erkennt­nisweg, sondern auch ein Lei­densweg. Eine der Grund­be­din­gungen ist die Ent­wicklung einer beson­deren See­len­haltung: die Ver­ehrung gegenüber spi­ri­tu­ellen Wahr­heiten. Diese Ver­ehrung ist wie ein Nähr­stoff für die Seele. Ohne sie können die höheren Fähig­keiten nicht erwachen.

In der Gegenwart finden die Initia­tionen weit­gehend im Ver­bor­genen statt. Sie treten nicht öffentlich in Erscheinung und sind nur denen bekannt, die dazu berufen sind. Die Ver­bor­genheit ist aber kein Zeichen dafür, dass die dabei über­mit­telten Lehren überholt sind oder die Zere­monien sich grund­sätzlich geändert haben.

Ist ein Kan­didat aus­ge­sprochen stark an mate­rielle Belange gebunden, kann es geschehen, dass ihm die Initiation den Zugang zu den astralen Ebenen eröffnet. Tra­di­tionen dieser Art sind mit Natur­magie und Zau­berei ver­bunden, wie es vom Scha­ma­nismus bekannt ist. Die Ein­ge­weihten ver­fügen über große Kennt­nisse der phy­si­schen Ebene und wissen, wie man auf die natur­ge­ge­benen Bedin­gungen Ein­fluss nehmen kann. Dabei benö­tigen sie Selbst­er­kenntnis und vor allem Ein­sicht in die eigenen Grenzen. Die hohen Energien, die in die Initi­anten ein­fließen, sind nicht für jedermann leicht zu ver­kraften. Starke Ängste und Selbst­zweifel gehören zu den größten Hin­der­nissen auf dem Pfad.

Um die Pro­zedur der Ein­weihung erfolg­reich bestehen zu können, müssen gewisse see­lische Vor­aus­set­zungen erfüllt sein. Als Zeichen der Berufung und Eignung des Kan­di­daten über­windet er diverse Hin­der­nisse und über­steht die Aus­ein­an­der­setzung mit den Wäch­ter­in­stanzen. Einige Pro­banden sind während der Ein­wei­hungs­pro­zedur in der Lage, aus ihrem phy­si­schen Körper her­aus­zu­treten und ihn von außen zu betrachten. Dieser Vorgang wird als „Spaltung der Per­sön­lichkeit“ bezeichnet.

Auf die Psyche des Pro­banden wird sys­te­ma­tisch Druck aus­geübt, bis er bereit ist für den zen­tralen Teil der Ein­weihung: die Schau der erha­benen tran­szen­denten Ebene. Um dieses Ziel zu erreichen, wird er in einen anderen Bewusst­seins­zu­stand ver­setzt, in welchem ihm ein­drucks­volle – erhabene und beängs­ti­gende – Visionen zuteil­werden. Darin ent­halten ist ein „Abstieg in die Hölle“, bei dem nicht selten Ori­en­tie­rungs­lo­sigkeit und Furcht vor­herr­schend sind.

Die große Initiation beinhaltet einen mys­ti­schen Tod, gefolgt von einem Auf­stieg in lichte Sphären und einer Wie­der­geburt. Die Ori­en­tie­rungs­lo­sigkeit im Dunkel wird abgelöst durch die

Erscheinung des Lichts und die Auf­er­stehung zu neuem Leben. Nach inten­siven und auf­wüh­lenden Erfah­rungen ist der Ein­ge­weihte von jeg­licher Furcht befreit. Ein Ziel der Mys­terien besteht darin, dem Men­schen die Angst zu nehmen, die vor allem eine Furcht vor dem Tod ist. Am Ende steht der Sieg des Lichts über die Fins­ternis. Das weitere Dasein wird von anderen Gesetzen regiert als bisher.

Die Mittel der Ein­weihung, die eine Umwandlung des Men­schen her­bei­führen, kann man nicht allein aus Büchern lernen oder mit dem Ver­stand begreifen, weil es sich dabei um inneres Erleben handelt, das jeder indi­vi­duell erfahren haben muss, um es zu verstehen.

Die Autorin

Birgit Waßmann war in meh­reren Berufen tätig: Sie arbeitete als Biblio­the­karin, stu­dierte Päd­agogik und war eine Zeit lang in der Psych­iatrie beschäftigt, bevor sie die geheim­nis­volle Welt der Spi­ri­tua­lität und Para­psy­cho­logie für sich ent­deckte. Eine Zeit lang war sie zudem als mediale Bera­terin tätig.

In meh­reren Büchern hat sie sich bereits kri­tisch mit den Themen spi­ri­tuelle Krisen und mediale Kon­takte aus­ein­an­der­ge­setzt. Mit „Das Ein­wei­hungs­trauma“ ver­öf­fent­licht sie nun ihr nächstes Sachbuch zu dem The­menfeld „Der spi­ri­tuelle Weg und die Trans­for­mation der mensch­lichen Natur“, in dem auch kri­sen­hafte Ver­läufe nicht zu kurz kommen.

Mail Adresse: b.wassmann@posteo.de

Web­seite: https://birgitwassmann.blogspot.com

 

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