Mit einem einzigen Satz hat Friedrich Merz möglicherweise mehr über das Denken der politischen Klasse verraten als in unzähligen Sonntagsreden zuvor. Seine Aussage, eine wohlhabende Gesellschaft sei schwerer zu verändern als ein nach dem Krieg zerstörtes Land wieder aufzubauen, wirft eine beunruhigende Frage auf: Ist die fortwährende Eskalation von Krisen und Konflikten tatsächlich nur politisches Versagen – oder steckt dahinter die Hoffnung, durch den großen Bruch jene gesellschaftliche Transformation durchzusetzen, die demokratisch längst an ihre Grenzen stößt? Gastbeitrag

Der als Katalysator radikaler gesellschaftlicher Experimente – das ist nicht neu. Die “Great-Reset”-Vision des Weltwirtschaftsforums – ihrerseits absurderweise bis heute teils immer noch als Verschwörung abgetan – liefert zumindest die rhetorische Blaupause: „You will own nothing and be happy.“ In Trümmern ist das leichter durchzusetzen als in einer bürgerlichen, eigentumsorientierten Gesellschaft. Merz’ Zitat klingt in diesem Kontext wie ein ungewolltes Eingeständnis: Die Eliten wissen, dass ihre Agenda im Normalzustand scheitert; deshalb die Dringlichkeit, den Konflikt nicht einzudämmen, sondern zur großen Schlacht zu machen. Natürlich ist das eine These, keine bewiesene Tatsache; es gibt durchaus auch noch rationale Sicherheitsinteressen, historische Verantwortung und echte Bedrohungsperzeptionen. Doch warum wird dann osteuropäischer Regionalkonflikt, in dem Deutschland rein gar nichts verloren hat, anstelle diplomatischer Handlungsoptionen zur existentiellen Konfrontation hochgefahren, während man gleichzeitig die eigene Energieversorgung, Wehrfähigkeit und gesellschaftliche Kohäsion systematisch plattmacht?
Whatever it takes
Stecken dahinter wirklich nur Naivität oder Moralismus – oder nicht vielmehr der wohlkalkulierte Wunsch, dass aus der Asche eine „bessere“ – nämlich radikal “transformierte” – Ordnung entsteht? Und noch etwas kommt hinzu: Gerade die deutsche Geschichte lehrt, dass die “Stunde-Null”-Romantik gefährlich ist. Wer bewusst oder unbewusst auf den großen Bruch setzt, spielt mit dem Feuer. Statt Krieg als Hebel für Ideologie zu instrumentalisieren, sollte Politik auf Deeskalation, Diplomatie und Erhalt des Wohlstands setzen. Sonst riskiert Europa genau jene Zerstörung, die den Durchgeknallten in Berlin und Brüssel offenbar als “Chance” erscheint. Denn gerade die kartellparteiübergreifend “Superdemokraten“ und das Paradigma bestimmenden sozialismusaffinen Medien- und Kulturschaffenden sehnen sich nach “Überwindung” des Bestehenden, nach “Veränderung“ im Trugbild ihrer Elfenbeintürme, wie blutig und barbarisch sich diese Veränderung auch in der Realität konkret zeigt. Gerade Deutschlands Wohlstandslinken und ‑grünen ist seit jeher ein Dorn im Auge, dass in einer prosperierenden, weitgehend zufriedenen Gesellschaft, wie sie Deutschland vor Merkels Deformationsanstrengungen bis rund vor 20 Jahren noch war (cum grano salis jedenfalls), tiefgreifende Veränderungen ohne erkennbare Not und Nutzen nicht durchsetzbar sind.

Keine Paranoia, sondern reale Gefahr
Diese Compliance-Verweigerung des Patienten – die Renitenz der anderswählenden Bürger, die sich darin auch nicht mehr durch Steinmeier’sche Wählerbeschimpfung, Nazi-Keulung, Dauerkriminalisierung und Ausgrenzung beirren lassen –, bedroht nicht nur die bisherigen Machthabenden und Great-Reset-Vollstecker in den Richtung Einstelligkeit abstürzenden einstigen Volksparteien, weshalb sie immer mehr Sozialkontrolle, Zensur und Überwachung der Medien und Oppositionsbekämpfung bis hin zu Verbotsanstrengungen vorantreiben. Sie stellt auch alles in Frage, was sie bereits “erreicht” haben – in Sachen Klimasozialismus, “Vielfalt” und Umerziehung. Bevor sie das endgültige Scheitern ihrer destruktiven “Errungenschaften” und das endgültigeZurückdrehen der Uhr (besser: des Zerstörungscountdowns) gewärtigen, greifen sie zum letzten Strohhalm. Stimmt die Vermutung, dann soll nun offenbar Plan B greifen – und Fakten geschaffen werden, die am Ende um jeden Preis einen Neustart erzwingen: Durch einen großen Krieg. So sehr hassen sie die Welt, in der sie selbst sozialisiert wurden und Karriere gemacht haben, so sehr verachten sie die eigene Kultur und Identität, die freie Gesellschaft, den Meinungspluralismus und die Marktwirtschaft, dass sie lieber einen Weltenbrand entfesseln, um bei Null beginnen zu können, statt den (absehbar aussichtslosen) Kampf um “Veränderung“ im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten fortzusetzen.
Betrachtet man die Eskalation gegenüber Russland und die Unversöhnlichkeit linker Demagogen gegen Andersdenkenden unter diesem Aspekt, ergibt auf einmal alles einen Sinn. Und Merz‘ Zitat – “Eine wohlhabende Gesellschaft zu verändern, ist schwieriger, als ein Land nach dem Krieg wieder aufzubauen” klingt auf einmal nach einer Roadmap, der die uns (noch) Regierenden folgen. Das ist keine Paranoia, sondern eine reale Gefahr – und den meisten ist sie nicht einmal im Ansatz bewusst. Shakespeares Satz “Verrückte führen Blinde“ war nie treffender als heute. Wenn dem so ist, stellt sich nur noch eine einzige Frage: Gelingt es uns noch rechtzeitig, diesen Verrückten in den Arm zu fallen? “Warum nur müssen wir soviel Geist in die Zerstörung friedlicher Verhältnisse aufbringen? Wer hält die Wahnsinnigen auf?”, fragte Nikolai Wassiljewitsch Gogol vor 200 Jahren. Und Alexander Puschkin antwortete ihm: “Nur das Volk, das sich seines besten Ziels erinnert: Frei zu sein!” Dass es ausgerechnet dieser Dialog zweier großer russischer Nationaldichter ist, der uns in unserem Widerstand ermutigen sollte, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.
Der Beitrag erschien zuerst bei philosophia-perennis.com.
























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