von Alexander Kohlhaas
„Wir sind umzingelt von Wirklichkeit.“ Es braucht schon den besten Wirtschaftsminister aller Zeiten, um einen Satz in die Welt zu setzen, bei dem man zugleich lachen, weinen und einen Antrag auf betreutes Denken stellen möchte. Robert Habeck sagte diesen Satz in der letzten Ausgabe von Anne Will — und vermutlich war er damit ehrlicher, als ihm selbst lieb sein konnte. Denn wer von Wirklichkeit „umzingelt“ ist, verrät unfreiwillig, dass er sich offenbar zuvor in einem Gelände aufgehalten haben muss, in dem Wirklichkeit eher selten anzutreffen war: vielleicht in klimaneutral beheizten Begriffswolken, in grün lackierten Märchenlandschaften, in Transformationsseminaren mit Bio-Catering oder in jener parteipolitischen Traumzone, in der Stahlwerke mit Feenstaub laufen, Strom von Kobolden mit Haltung kommt und Insolvenz nur bedeutet, dass jemand vorübergehend aufgehört hat zu verkaufen.
Man darf die Frage also ruhig stellen: Wo war der Mann vorher unterwegs? In welchen inneren Welten bewegt sich ein Grüner, wenn die Wirklichkeit plötzlich nicht mehr Umgebung, Grundlage und Prüfstein des Denkens ist, sondern wie eine feindliche Truppe erscheint, die den armen Weltverbesserer von allen Seiten einkesselt? Normalerweise lebt ein Mensch in der Wirklichkeit. Der grüne Bundesrepublikaner hingegen scheint sich in ihr gelegentlich wie in einem überraschend schlecht moderierten Auslandseinsatz wiederzufinden. Da steht sie dann plötzlich: die Wirklichkeit. Keine Pressemitteilung, kein Förderprogramm, kein Kinderbuchkapitel, keine Talkshowkulisse, sondern diese unverschämte, unpädagogische, nicht gendergerecht vorgeprüfte Realität, die sich einfach weigert, so zu funktionieren, wie es im grünroten Gendersprech emotional vorgesehen war.

Daraus wächst die modernere Form der Wirklichkeitsverzerrung. Es wird nicht mehr immer offen gelogen; das wäre zu plump und für das gehobene Milieu der betreuten Selbsttäuschung viel zu proletarisch. Viel eleganter ist es, Wirklichkeit so lange zu kontextualisieren, zu relativieren, umzubenennen, psychologisch zu rahmen und moralisch zu verdächtigen, bis ihre bloße Benennung bereits als Ungehörigkeit erscheint. Dann heißt Anpassungsdruck plötzlich Sensibilisierung, Zensur Verantwortung, Ausschluss Haltung, Kriegstüchtigkeit Friedenssicherung, Massenzuwanderung Vielfalt, Kontrollausbau Schutz und wirtschaftliche Selbstbeschädigung Transformation. Die Wirklichkeit verschwindet nicht; sie wird nur sprachlich so dick eingepackt, dass man sie kaum noch anfassen kann, ohne vorher beim moralischen Arbeitsschutz eine Einweisung unterschrieben zu haben.
Der moderne Bundesrepublikaner prüft deshalb nicht mehr zuerst, ob eine Aussage stimmt, sondern ob sie seinem inneren Betreuungsprogramm zugemutet werden darf. Erst kommt die Gesinnungstemperatur, dann vielleicht der Befund. Erst wird gefragt, ob der Sprecher sauber ist, dann ob sein Satz wahr sein könnte. Und wenn die Wirklichkeit stört, wird nicht die Wirklichkeit bearbeitet, sondern derjenige, der sie ausgesprochen hat. So entsteht diese wunderbare bundesrepublikanische Arbeitsteilung: Die Probleme dürfen wachsen, solange der Warner schrumpft.
Hier beginnt der alte Kassandra-Fluch in moderner Verwaltungssprache. Wer rechtzeitig warnt, wer auf offenkundige Widersprüche hinweist, wer die unangenehme Entwicklung früher benennt als die offiziell zugelassene Einsicht, wird selten dafür geliebt. Er wird als Störer behandelt, als Übertreiber, Schwarzmaler, Radikaler, Verschwörungsgläubiger, Querulant oder gefährlicher Vereinfacher. Das Problem liegt dann angeblich nicht mehr im Geschehen selbst, sondern im Ton des Warnenden, in seiner Herkunft, seinem Medium, seiner angeblichen Motivation oder in der beunruhigenden Tatsache, dass auch die Falschen ihm zustimmen könnten.
So ersetzt die Gesellschaft die Ursachenanalyse durch Botenjagd. Man erschlägt den Überbringer der Nachricht nicht mehr unbedingt mit Steinen; man reicht Unterlassungserklärungen, eröffnet Verfahren, kündigt Konten, schreibt Aktenvermerke, schickt Behördenpost, moralisiert die Umgebung und sorgt dafür, dass der Betreffende künftig als Mensch mit Warnhinweis erscheint. Das ist Fortschritt: Früher brauchte man für die Verfolgung noch den Scheiterhaufen, heute genügen ein Formular, ein Hashtag und ein paar „Anständige“ mit Tastatur.
Damit zeigt sich der tiefere Schaden einer solchen Ordnung. Eine Gesellschaft, die den Überbringer schlechter Nachrichten verfolgt, verliert nicht nur den Warner, sondern auch ihre Lernfähigkeit. Sie trainiert ihre besseren Beobachter, zu schweigen. Sie lehrt kluge Menschen, ihre Wahrnehmung zu kaschieren, ihre Sätze abzuschwächen, ihre Schlüsse zu verschieben oder nur noch in privaten Räumen auszusprechen, was öffentlich nötig wäre. So entsteht ein Klima, in dem nicht die dümmsten Menschen schweigen, sondern oft gerade diejenigen, die am meisten zu sagen hätten. Übrig bleibt dann eine Öffentlichkeit, in der die Mutigen vorsichtig und die Angepassten laut werden.
Die Wirklichkeit selbst lässt sich von all dem freilich nicht dauerhaft beeindrucken. Sie mag verzögert, beschönigt, bestritten, moralisch umetikettiert oder juristisch bedrängt werden; verschwinden wird sie dadurch nicht. Sie kehrt zurück, meist teurer, härter und unhöflicher, als wenn man sie rechtzeitig zur Kenntnis genommen hätte. Verdrängte Ursachen verschwinden nicht, sie reifen. Tabuisierte Probleme lösen sich nicht auf, sie wechseln nur die Form. Und eine Gesellschaft, die der Wirklichkeit nicht mehr zuhören will, wird am Ende von ihr unterrichtet — nicht im Ton des Gesprächs, sondern im Ton der Katastrophe.
Vielleicht wäre deshalb eine der einfachsten und zugleich schwersten Übungen unserer Zeit, die Wirklichkeit wieder beleidigungsfrei betrachten zu lernen. Nicht jede harte Tatsache ist Hass. Nicht jede unbequeme Beobachtung ist Hetze. Nicht jede frühe Warnung ist Wahnsinn. Und nicht jeder, der eine schlechte Nachricht bringt, ist der Feind des Guten. Manchmal ist er nur derjenige, der noch sieht, was andere aus Angst, Bequemlichkeit oder Gruppentreue nicht sehen wollen. Eine erwachsene Gesellschaft müsste solche Menschen nicht lieben. Aber sie müsste sie anhören, bevor sie wieder einmal den Boten verfolgt und anschließend erstaunt vor den Folgen steht.
Und dieser Wahnsinn hat Methode, wie Jan van Helsing und ich in unserem Buch “Gendern, bis der Arzt kommt” beschreiben.























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