Alexander Kohlhaas
Wenn eine Gesellschaft wissen will, wohin sie steuert, sollte sie manchmal auf ihre Geschwindigkeit achten. Deutschland baut Tempo-30-Zonen aus, reduziert frühere 70er-Strecken auf 50 und verwandelt Autobahnen in eine Dauerausstellung bunter Schilder, hinter denen oft jahrelang weniger gebaut als verwaltet wird. Das passt erstaunlich gut zu einem Land, das nicht nur auf seinen Straßen langsamer wird, sondern auch im Kopf. Wo 100 erlaubt wären, schleichen nicht wenige heute freiwillig mit 70 dahin — als hätte die allgemeine Verlangsamung längst den rechten Fuß erreicht.
China hingegen testet bereits jene Hochtechnologien, von denen Deutschland einst wenigstens eine Ahnung hatte. Jüngst meldeten mehrere Medien einen chinesischen Maglev-Test am Donghu Laboratory in Hubei: Ein nur rund 1,1 Tonnen schweres Versuchsfahrzeug beschleunigte auf einer ein Kilometer langen Teststrecke aus dem Stand auf 800 Kilometer pro Stunde — und zwar in 5,3 Sekunden. Zuvor hatte dieselbe Plattform bereits etwa 650 Kilometer pro Stunde in gut sieben Sekunden erreicht, danach rund 700 Kilometer pro Stunde und später knapp 798 Kilometer pro Stunde. Nach dem 800er-Lauf wurde das Fahrzeug zudem kontrolliert innerhalb von ungefähr 200 Metern abgebremst.
Es handelt sich ausdrücklich noch nicht um einen Passagierzug, sondern um ein Experimentalsystem zur Erprobung von Energieversorgung, elektromagnetischem Antrieb, Hochgeschwindigkeits-Schweberegelung und Notbremsung. Aber gerade diese Einschränkung macht die Sache nicht kleiner, sondern größer: Dort wird nicht bloß über Zukunft geredet, dort wird Zukunft mit magnetischer Gewalt auf die Schiene gesetzt.
Die Technik dahinter ist im Grundsatz das Magnetschwebebahnprinzip: Das Fahrzeug hebt magnetisch vom Fahrweg ab, sodass der Rad-Schiene-Kontakt und damit ein wesentlicher Teil der Reibung entfällt; elektromagnetische Felder entlang der Strecke treiben es voran. Das ist ausgerechnet jene Art von Hochtechnologie, bei der man in Deutschland früher einmal nicht nur zusah, sondern selbst mitspielen wollte. Transrapid hieß das Wort, als dieses Land noch nicht jeden technischen Ehrgeiz durch ein Gremium, eine Grundsatzdebatte und drei Betroffenheitsworkshops schicken musste. Heute ist davon vor allem die Erinnerung geblieben. Man kann hierzulande zuverlässig erklären, warum etwas nicht geht, warum es zu teuer ist, warum es problematisch wirkt, warum Bürgerbeteiligung fehlt und weshalb man nach sieben Prüfungen besser eine neue Arbeitsgruppe gründet. In China dagegen rauscht ein Versuchsfahrzeug in wenigen Sekunden in Geschwindigkeitsbereiche hinein, bei denen der bundesrepublikanische Ausschuss für Zukunftsfragen vermutlich erst einmal ein Positionspapier zur sozialen Verträglichkeit der Beschleunigung verfassen würde.
Natürlich wird der hiesige Fortschrittsverwalter sofort einwenden, dass ein Laborfahrzeug kein fahrplanmäßiger ICE-Ersatz sei. Das stimmt sogar. Nur besteht der Unterschied darin, dass andere Länder Laborfahrzeuge bauen, während Deutschland zunehmend Laborversuche am eigenen Industriestandort durchführt. Wir testen nicht, wie man in fünf Sekunden auf 800 Kilometer pro Stunde kommt, sondern wie lange ein Land braucht, um seine Energieversorgung zu verteuern, seine Automobilindustrie zu verunsichern, seine Kerntechnik abzuschalten, seine Bürokratie aufzublähen und anschließend so zu tun, als handle es sich dabei um einen moralischen Vorsprung. Der Chinese beschleunigt ein Magnetschwebesystem; der Deutsche beschleunigt höchstens noch seine Deindustrialisierung – allerdings ebenfalls mit beeindruckender Konsequenz.
Das könnten wir in Richtung China demnächst also noch exportieren? Vielleicht Windmühlen, sofern sie nicht gerade bei Flaute stehen und darauf warten, durch Kohle, Gas oder Importstrom moralisch gerettet zu werden. Vielleicht Genderkurse, denn auf diesem Gebiet sind wir zweifellos Hochgeschwindigkeitsnation: Während andere Magnetfelder, Stromversorgung und Notbremsung erforschen, untersuchen wir mit großer Leidenschaft, ob ein Formular hinreichend inklusiv seufzt. Vielleicht könnten wir den Chinesen auch erklären, dass wir zwar keine Magnetschwebebahn mehr hinbekommen, dafür aber die Welt gerettet haben, weil wir besonders innig über das Klima sprechen, während dieselbe Welt ihre Industrie, ihre Infrastruktur und ihre Machtmittel ohne unsere seelischen Verrenkungen weiter ausbaut. Und wenn der Zug dann mit 800 Stundenkilometern an uns vorbeirauscht, dürfen wir uns immer noch auf die Schulter klopfen: Wir waren zwar nicht dabei, aber wir haben immerhin sehr verantwortungsvoll darüber diskutiert, ob Geschwindigkeit nicht auch ein patriarchales Konzept sein könnte.
Am Ende hängt man sich hierzulande dann wieder Medaillen um — nicht mehr aus Gold, das man längst an Schuldenstaat, Kriegsmoral und Kaufkraftverlust verfüttert hat, sondern aus billigem Plastik, vielleicht klimaneutral zertifiziert und in einer Broschüre des Bundesministeriums für gelingende Selbsttäuschung gewürdigt. Denn eine Gesellschaft, der es an Grundkenntnissen in Betriebs- und Volkswirtschaft mangelt, kann sich lange einreden, Geld komme aus Haushaltsreden, Wohlstand aus Haltung und Zukunft aus Umverteilung. Sie kann dem Bürger erklären, es gehe ihm doch so gut, wie es ihm laut Politik gefälligst zu gehen habe. Sie kann so lange über Transformation sprechen, bis die Fabriken leiser, die Netze teurer, die Produkte seltener und die jungen Ingenieure anderswo beschäftigter sind. Aber irgendwann kommt der Augenblick, in dem man wieder lernen muss, dass man Geld nicht essen kann, dass Moral keine Maschine baut und dass ein Land, das Hochtechnologie abräumt, am Ende nicht Weltmeister der Menschlichkeit wird, sondern Zuschauer im eigenen Abstieg.























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