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DEUTSCHLAND – Am Wen­de­punkt: Vom his­to­ri­schen Expe­riment zu einer neuen geis­tigen Epoche

von Wil­fried Haufe

Deutschland – und mit ihm die Mitte Europas – kann man als ein gewal­tiges his­to­ri­sches Expe­riment betrachten: Über Jahr­hun­derte hinweg hat der Mensch hier immer wieder ver­sucht, Ant­worten auf die großen Fragen des Lebens zu finden. Was gibt unserem Dasein Sinn? Was hält eine Gemein­schaft zusammen? Wo liegen die Grenzen von Freiheit und Macht? Und woran kann sich der Mensch geistig ori­en­tieren, wenn alte Gewiss­heiten ihre Kraft ver­lieren? Von den frühen ger­ma­ni­schen Vor­stel­lungen einer von Natur, Schicksal und Gemein­schaft geprägten Welt über Chris­tentum, Refor­mation, Huma­nismus und Auf­klärung bis hin zu Idea­lismus, Wis­sen­schaft, Kunst, Technik und den poli­ti­schen Ideo­logien der Moderne reicht dieser außer­ge­wöhn­liche Weg. Deutschland hat dabei eine enorme schöp­fe­rische Kraft her­vor­ge­bracht, aber ebenso erfahren, wie zer­stö­re­risch eine Idee werden kann, wenn sie sich selbst für absolut hält.

Kriege, Dik­ta­turen und die Kata­strophen des 20. Jahr­hun­derts gehören ebenso zu diesem Expe­riment wie große Werke der Phi­lo­sophie, Musik, Lite­ratur, Wis­sen­schaft und Technik. Viel­leicht liegt gerade in diesem Span­nungsfeld eine der tiefsten Erfah­rungen unserer Geschichte: Wir haben vieles aus­pro­biert, vieles ver­worfen und dabei erfahren, dass keine äußere Ordnung allein dem Men­schen Sinn geben kann. Heute scheint dieses his­to­rische Expe­riment erneut an einen Wen­de­punkt zu gelangen. Die großen Welt­an­schau­ungen des ver­gan­genen Jahr­hun­derts ver­lieren zunehmend ihre Bin­de­kraft, während mate­ri­eller Wohl­stand, tech­ni­scher Fort­schritt und gesell­schaft­liche Selbst­ver­wirk­li­chung nicht alle Fragen beant­worten können, die im Innersten des Men­schen wei­ter­leben. So stellt sich erneut die alte Frage – diesmal viel­leicht auf einer tie­feren Ebene: Was könnte nach all diesen Erfah­rungen kommen? Brauchen wir wirklich eine weitere große Ideo­logie, oder beginnt die Zukunft dort, wo Geist und Seele, Ver­nunft und Spi­ri­tua­lität, Freiheit und Ver­ant­wortung wieder mit­ein­ander ver­bunden werden?

Viel­leicht müssen wir unsere Geschichte nicht wie­der­holen, sondern ihr Erbe ver­wandeln und das Beste aus ihren unter­schied­lichen Epochen in eine neue Zeit hin­über­tragen. Viel­leicht liegt gerade darin die Mög­lichkeit, dass aus dem alten Abendland nicht einfach ein Nie­dergang, sondern ein neuer geis­tiger Auf­bruch ent­stehen kann. Dieser Beitrag folgt den Spuren dieses langen Weges – von den his­to­ri­schen Wurzeln Deutsch­lands bis zu der Frage, ob wir heute tat­sächlich am Beginn einer rei­feren kul­tu­rellen Epoche stehen.

 

Eine Über­sicht über die wich­tigsten Sta­tionen dieser Entwicklung:

Wenn wir auf die Geschichte Deutsch­lands und unserer mit­tel­eu­ro­päi­schen Region zurück­blicken, können wir sie als ein gewal­tiges his­to­ri­sches Expe­riment betrachten. Über Jahr­hun­derte haben die Men­schen hier immer wieder ver­sucht, Ant­worten auf die­selben großen Fragen zu finden: Was gibt unserem Leben Sinn? Wie sollen wir zusam­men­leben? Was hält eine Gesell­schaft zusammen? Und woran soll der Mensch glauben? Die Ant­worten darauf haben sich immer wieder ver­ändert. Gesell­schaften ent­standen, Glau­bens­vor­stel­lungen wan­delten sich, poli­tische Ord­nungen kamen und gingen. Manche Ideen schufen Freiheit und kul­tu­relle Blüte, andere führten zu Unter­drü­ckung, Gewalt und schließlich in die Kata­strophe. Viel­leicht ist gerade diese wech­sel­volle Geschichte eine der wich­tigsten Erfah­rungen, die Deutschland heute besitzt.

 

Die Wurzeln – Leben zwi­schen Natur, Gemein­schaft und Mythos 

Am Anfang dieser langen Ent­wicklung stehen die ger­ma­ni­schen Gesell­schaften. Sie waren keine ein­heit­liche Nation und auch kein geschlos­senes Volk im spä­teren Sinne, sondern bestanden aus zahl­reichen Stämmen und Gemein­schaften mit unter­schied­lichen Tra­di­tionen und Lebens­weisen. Dennoch prägten bestimmte Vor­stel­lungen diese Welt: die enge Ver­bindung mit der Natur, die Bedeutung von Familie, Sippe und Gemein­schaft, per­sön­liche Loya­lität, Ehre und gegen­seitige Ver­ant­wortung. Das Leben spielte sich in einer über­schau­baren Welt ab, in der Wald, Flüsse, Jah­res­zeiten, Tiere und Wetter unmit­telbar mit dem Über­leben ver­bunden waren. Die Natur war nicht bloß eine Kulisse, sondern Teil einer leben­digen Welt, die den Men­schen umgab und von der er abhängig war.

Auch die reli­giöse Vor­stel­lungswelt war eng mit dieser Erfahrung ver­bunden. Odin, Thor, Freyja und andere Gestalten gehörten zu einer viel­fäl­tigen Welt von Göttern und Mythen, in der Natur, Schicksal, Kampf, Frucht­barkeit, Tod und Hoffnung mit­ein­ander ver­bunden waren. Die ger­ma­nische Welt war dabei kei­neswegs idyl­lisch. Das Leben war hart, Gewalt gehörte dazu, und die Gemein­schaft konnte dem Ein­zelnen sowohl Schutz als auch Zwang bedeuten. Dennoch finden sich hier frühe kul­tu­relle Ele­mente, die in spä­teren Jahr­hun­derten immer wieder eine Rolle spielen sollten: die Ver­bun­denheit mit Natur und Gemein­schaft, die Bedeutung von Sprache, und Erzählung und die Suche nach dem Platz des Men­schen in einer grö­ßeren Welt.

Diese ger­ma­ni­schen Wurzeln sind deshalb weder ein roman­ti­sches Ideal noch etwas, das man zurück­holen könnte. Sie sind vielmehr eine der his­to­ri­schen Wur­zel­schichten unserer Kultur. Auch die alten Mythen und die Runen können heute als Zeug­nisse einer ver­gan­genen geis­tigen Welt betrachtet werden, in der Natur, Schicksal, Erkenntnis und mensch­liche Ver­ant­wortung mit­ein­ander ver­bunden waren. Ent­scheidend ist dabei nicht, diese Welt zu ver­klären, sondern sich bewusst zu machen, dass auch unsere Gegenwart auf älteren kul­tu­rellen Schichten aufbaut.

Mit der Chris­tia­ni­sierung begann schließlich ein tief­grei­fender Wandel.

 

Chris­tentum und euro­päische Geisteswelt 

Mit der Chris­tia­ni­sierung ver­än­derte sich die geistige Welt Europas grund­legend. Die alten reli­giösen Vor­stel­lungen traten zunehmend hinter eine neue Welt­deutung zurück. Aus vielen lokalen Tra­di­tionen ent­stand all­mählich eine gemeinsame reli­giöse Ordnung, die große Teile Europas mit­ein­ander verband. Über viele Jahr­hun­derte prägten Chris­tentum, Kirche, Kaiser und Königtum unsere Gesellschaft.

Diese Epoche brachte nicht nur Macht­struk­turen, Hier­ar­chien und Kon­flikte hervor. Sie schuf auch eine gewaltige kul­tu­relle Welt: Kathe­dralen, Klöster, Kunst, Musik, Phi­lo­sophie und eine gemeinsame euro­päische Geis­tes­tra­dition. Das Chris­tentum prägte Vor­stel­lungen von Moral, Schuld, Ver­gebung und der Würde des Men­schen. Gleich­zeitig ent­stand eine Gesell­schafts­ordnung, die über Jahr­hun­derte Bestand hatte.

Dann kam die Refor­mation. Der Pro­tes­tan­tismus stellte die bestehende reli­giöse Ordnung infrage und spaltete Europa. Katho­li­zismus und Pro­tes­tan­tismus standen sich gegenüber und führten auch zu schweren Kon­flikten und Kriegen. Doch gleich­zeitig ent­standen neue Formen von Bildung, per­sön­licher Ver­ant­wortung und indi­vi­du­eller Glau­bens­ent­scheidung. Der Ein­zelne wurde zunehmend selbst zum Träger von Ver­ant­wortung und begann, sich unmit­tel­barer mit seinem Glauben auseinanderzusetzen.

Mit Huma­nismus und Auf­klärung rückten schließlich Ver­nunft und der ein­zelne Mensch stärker in den Mit­tel­punkt. Der Mensch sollte selbst denken, for­schen und gestalten. Auto­ri­täten wurden nicht mehr selbst­ver­ständlich als unan­tastbar ange­sehen. Wissen sollte durch Beob­achtung, For­schung und ver-nünftige Aus­ein­an­der­setzung gewonnen werden. Daraus ent­standen Wis­sen­schaft, neue phi­lo­so­phische Ideen und ein wach­sender Glaube an die Freiheit des Menschen.

 

Das Jahr­hundert der Schöpferkraft 

Das 19. Jahr­hundert wurde zu einem Zeit­alter gewal­tiger Energie. Natio­na­lismus und Libe­ra­lismus ver­än­derten die poli­tische Land­schaft. 1871 ent­stand das Deutsche Reich als Natio­nal­staat, zunächst als Mon­archie. Gleich­zeitig ent­faltete sich eine außer­ge­wöhn­liche kul­tu­relle und wis­sen­schaft­liche Blüte. Der deutsche Idea­lismus, Goethe und Schiller, Bach und Beet­hoven, die Romantik, die Uni­ver­si­täten, Natur­wis­sen­schaften, Medizin, Technik und Industrie zeugen von einer enormen geis­tigen und schöp­fe­ri­schen Kraft. Deutschland wurde zum Land der Dichter und Denker, aber ebenso zu einem Land der For­scher, Inge­nieure und Erfinder.

Es war eine Zeit, in der der Mensch zunehmend davon über­zeugt war, die Welt ver­stehen und gestalten zu können. Der Idea­lismus suchte nach Freiheit und geis­tiger Selbst­be­stimmung, die Wis­sen­schaft nach Wahrheit, die Kunst nach Schönheit und der Erfin­der­geist nach neuen Mög­lich­keiten. In dieser außer­ge­wöhn­lichen Ver­bindung von Denken, Krea­ti­vität und tech­ni­schem Fort­schritt liegt ein bedeu­tender Teil des kul­tu­rellen Erbes Deutschlands.

Doch gerade in dieser gewal­tigen Kraft lagen auch Gefahren. Natio­na­lismus konnte in Über­heb­lichkeit umschlagen, Impe­ria­lismus in Macht­streben und ras­sis­tische Theorien in die Vor­stellung, Men­schen seien unter­schiedlich viel wert. Der Erste Welt­krieg zer­störte schließlich die alte Ordnung. Die Mon­archie ver­schwand und die Wei­marer Republik begann den Versuch einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft. Doch die Demo­kratie war von Krisen und poli­ti­schen Extremen geprägt.

1933 über­nahmen die Natio­nal­so­zia­listen die Macht. Natio­na­lismus, Ras­sismus, Anti­se­mi­tismus und tota­litäre Herr­schaft führten in Dik­tatur, Krieg und Holo­caust. 1945 war die Kata­strophe voll­ständig. Deutschland hatte erfahren, wohin eine Ideo­logie führen kann, wenn sie sich selbst für absolut hält und den Wert des Men­schen von Her­kunft und Zuge­hö­rigkeit abhängig macht.

 

Zwei Deutsch­lands – zwei Wege 

Nach dem Krieg folgte das nächste große Expe­riment: zwei Deutsch­lands mit unter­schied­lichen Gesell­schafts­mo­dellen. Im Westen ent­stand eine liberale Demo­kratie mit sozialer Markt­wirt­schaft, im Osten ein sozia­lis­ti­scher Staat nach mar­xis­tisch-leni­nis­ti­schem Vorbild. Beide ver­sprachen eine bessere Zukunft, doch auf sehr unter­schied­lichen Wegen.

Fast vier Jahr­zehnte standen sich diese beiden Systeme gegenüber. Dann fiel 1989 die Mauer, 1990 wurde Deutschland wie­der­ver­einigt. Damit endete auch dieses große poli­tische Experiment.

Wenn wir heute zurück­blicken, erscheint unsere Geschichte wie eine lange Folge von Ver­suchen: ger­ma­nische Tra­dition, Chris­tentum, Katho­li­zismus, Pro­tes­tan­tismus, Huma­nismus, Auf­klärung, Idea­lismus, Libe­ra­lismus, Natio­na­lismus, Sozia­lismus, Kom­mu­nismus und Impe­ria­lismus – bis hin zu den extremen und zer­stö­re­ri­schen Formen von Ras­sismus und Natio­nal­so­zia­lismus. In der Nach­kriegszeit kam schließlich die moderne Welt des mate­ri­ellen Wohl­stands, des Konsums, der Technik und des stän­digen wirt­schaft­lichen Wachstums hinzu – eine Welt, die zunehmend vom Mate­ria­lismus geprägt wurde.

Doch diese Geschichte ist kei­neswegs nur eine Geschichte des Schei­terns. Sie ist auch eine Geschichte unglaub­licher Schöp­fer­kraft. Hier wurden große Gedanken ent­wi­ckelt, Musik geschaffen, Kunst her­vor­ge­bracht, wis­sen­schaft­liche Ent­de­ckungen gemacht und tech­nische Inno­va­tionen vor­an­ge­trieben. Unsere Geschichte hat deshalb nicht nur gezeigt, wie gefährlich Ideen werden können, wenn sie absolut gesetzt werden. Sie hat uns ebenso gezeigt, welche unglaub­liche Kraft in Freiheit, Wissen, Kunst, Idea­lismus und mensch­licher Krea­ti­vität liegt.

 

Der Wen­de­punkt

Viel­leicht stehen wir heute erneut an einem Wen­de­punkt. Die Frage lautet nicht mehr nur, welches poli­tische System Deutschland haben soll. Sie reicht tiefer: Welche geistige Grundlage soll eine Gesell­schaft besitzen, wenn die alten großen Welt­an­schau­ungen ihre Bin­de­kraft verlieren?

Die gegen­wärtige Welt wird in hohem Maße von wirt­schaft­lichem Wett­bewerb, tech­ni­schem Fort­schritt, Konsum und dem Streben nach stän­digem Wachstum bestimmt. Dieses System hat großen Wohl­stand und enorme tech­nische Mög­lich­keiten her­vor­ge­bracht. Zugleich stellt sich die Frage, ob mate­ri­eller Fort­schritt allein dem Men­schen eine aus­rei­chende Antwort auf die Frage nach Sinn und Ziel seines Lebens geben kann. Eine Gesell­schaft kann immer effi­zi­enter, schneller und wohl­ha­bender werden und sich trotzdem innerlich leer fühlen.

In ein solches geis­tiges Vakuum können neue Welt­an­schau­ungen treten. Eine davon wird heute häufig unter dem Begriff „Wokismus“ zusam­men­ge­fasst. Der Begriff ist aller­dings sehr unter­schiedlich defi­niert und umfasst sowohl gemä­ßigte als auch radi­kalere Posi­tionen. Kri­tiker sehen ins­be­sondere in bestimmten radi­ka­li­sierten Formen die Gefahr, dass gesell­schaft­liche Fragen zunehmend über Iden­ti­täts­ka­te­gorien, mora­lische Deu­tungs­muster und sprach­liche Vor­gaben betrachtet werden. Besonders sichtbar ist dies in den Debatten über Geschlecht und Iden­tität. Während für viele Men­schen die bio­lo­gische Unter­scheidung von Mann und Frau eine grund­le­gende Tat­sache bleibt, gibt es zugleich gesell­schaft­liche und wis­sen­schaft­liche Debatten über Geschlechts­iden­tität und deren Ver­hältnis zu bio­lo­gi­schem Geschlecht.

Pro­ble­ma­tisch kann eine Ent­wicklung dort werden, wo unter­schied­liche Auf­fas­sungen nicht mehr offen dis­ku­tiert werden können und Men­schen wegen ihrer Über­zeu­gungen mora­lisch oder gesell­schaftlich aus­ge­schlossen werden. Eine freie Gesell­schaft braucht die Mög­lichkeit, über ihre grund­le­genden Vor­stel­lungen zu streiten, ohne den Anders­den­kenden zum Feind zu erklären. Denn eine Gesell­schaft, die sich immer stärker über Iden­ti­täts­kon­flikte defi­niert, läuft Gefahr, gemeinsame Wirk­lich­keiten und gemeinsame Ori­en­tierung aus dem Blick zu ver­lieren. Der Mensch darf nicht auf seine Her­kunft, sein Geschlecht, seine Iden­tität oder seine Grup­pen­zu­ge­hö­rigkeit redu­ziert werden.

Ebenso wichtig ist die Frage nach dem Ver­hältnis von Macht und Frieden. Eine Kultur, die Frieden und Diplo­matie zunehmend als Schwäche betrachtet und mili­tä­rische Kon­fron­tation als selbst­ver­ständ­liches Mittel poli­ti­scher Aus­ein­an­der­setzung akzep­tiert, ent­fernt sich von einer wich­tigen his­to­ri­schen Erkenntnis: Frieden ist keine Selbst­ver­ständ­lichkeit, sondern eine kul­tu­relle Leistung. Gerade nach den Erfah­rungen des 20. Jahr­hun­derts sollte Europa wissen, welchen Preis es haben kann, wenn poli­tische Kon­flikte wieder aus­schließlich unter dem Gesichts­punkt von Macht und Kon­fron­tation betrachtet werden.

In diesem Zusam­menhang lässt sich auch an Oswald Spenglers „Der Untergang des Abend­landes“ erinnern. Seine Vor­stellung, Kul­turen würden bestimmte Lebens­zyklen durch­laufen, ist keine wis­sen­schaftlich bewiesene Zukunfts­pro­gnose. Sie kann jedoch als phi­lo­so­phische Warnung gelesen werden: Eine Kultur kann äußerlich mächtig, tech­nisch hoch­ent­wi­ckelt und mate­riell reich sein und innerlich dennoch ihre schöp­fe­rische Kraft und ihren Sinn ver­lieren. Ob Spenglers Geschichts­modell zutrifft, ist eine andere Frage. Seine grund­le­gende Warnung vor einer Kultur, die ihre geis­tigen Grund­lagen ver­liert, bleibt jedoch als Denk­anstoß interessant.

 

Die Mög­lichkeit einer geis­tigen Erneuerung 

Doch es gibt eine andere Mög­lichkeit. Sie beginnt nicht mit einer neuen poli­ti­schen Ideo­logie, sondern mit einer Rück­be­sinnung auf den Men­schen selbst – auf seine Fähigkeit zu denken, zu fühlen, zu lieben, zu gestalten und nach Sinn zu suchen.

Viel­leicht braucht die kom­mende Epoche keine große neue Welt­an­schauung. Viel­leicht braucht sie eine geistige und kul­tu­relle Erneuerung. Eine Erneuerung, die den Men­schen wieder als ganzen Men­schen betrachtet: als Wesen mit Körper, Geist und Seele, als füh­lendes, den­kendes und schöp­fe­ri­sches Wesen.

Hier können auch die unter­schied­lichen Schichten unserer Geschichte mit­ein­ander in Beziehung treten. Die Ver­bun­denheit mit Natur und Gemein­schaft aus den älteren euro­päi­schen Über­lie­fe­rungen, die geistige Tiefe des Chris­tentums, die Würde des Huma­nismus, die Ver­nunft der Auf­klärung, die Freiheit des Libe­ra­lismus, die soziale Ver­ant­wortung, die Neugier der Wis­sen­schaft, die schöp­fe­rische Kraft von Kunst und Musik und die Suche der Phi­lo­sophie nach Wahrheit und Sinn müssen sich nicht gegen­seitig aus­schließen. Viel­leicht können sie sich sogar ergänzen.

Auch spi­ri­tuelle Tra­di­tionen aus anderen Teilen der Welt können dabei eine Berei­cherung sein. Yoga, bud­dhis­tische Strö­mungen, Sufismus, ver­schiedene Formen von Medi­tation und Kon­tem­plation sowie andere Weis­heits­tra­di­tionen können daran erinnern, dass der Mensch mehr ist als Kon­sument, Pro­duzent oder poli­ti­sches Wesen. Dabei geht es nicht darum, fremde Tra­di­tionen unkri­tisch zu über­nehmen, sondern darum, offen zu bleiben für Erfah­rungen und Gedanken, die den eigenen Horizont erweitern können.

 

Deut­scher Geist 

Wenn wir von einem „deut­schen Geist“ sprechen, sollte auch dieser Begriff nicht als etwas Bio­lo­gi­sches oder als Aus­druck einer ange­bo­renen natio­nalen Eigen­schaft ver­standen werden. Gemeint ist vielmehr eine geistige Tra­dition, die sich über Jahr­hun­derte ent­wi­ckelt hat und in der sich bestimmte Formen des Denkens und Schaffens besonders stark aus­ge­prägt haben.

Dazu gehören die Freude am Denken und For­schen, die Suche nach Erkenntnis, die Neigung, die Dinge bis in ihre phi­lo­so­phi­schen Grund­lagen zu hin­ter­fragen, aber auch der Wille, Ideen prak­tisch umzu­setzen. Von der mit­tel­al­ter­lichen Phi­lo­sophie über Huma­nismus und Auf­klärung bis zum deut­schen Idea­lismus reicht eine Tra­dition, in der immer wieder ver­sucht wurde, den Men­schen, seine Freiheit und seine Stellung in der Welt grund­sätzlich zu verstehen.

Dieser Geist zeigte sich ebenso in der Wis­sen­schaft wie in der Kunst und Technik. In den Uni­ver­si­täten, in Musik, Lite­ratur und Phi­lo­sophie, in der Natur­wis­sen­schaft und schließlich in Industrie und Technik ent­stand eine außer­ge­wöhn­liche schöp­fe­rische Kraft. Der deutsche Geist war nicht nur ein Geist des Wissens, sondern auch einer des Gestaltens. Und was aus diesem Geist an Erfin­dungen und Erkennt­nissen her­vor­ge­gangen ist, endet nicht an Deutsch­lands Grenzen, sondern kann der gesamten Menschheit dienen und sie bereichern.

Doch auch hier gehört die Fähigkeit zur Selbst­kritik zum Erbe. Denn die­selbe Kraft des Denkens kann groß-artige Erkenntnis her­vor­bringen, aber auch gefährlich werden, wenn eine Idee nicht mehr hin­ter­fragt werden darf. Unsere Geschichte hat deshalb gezeigt, dass geistige Freiheit nicht nur bedeutet, eigene Gedanken ent­wi­ckeln zu können. Sie bedeutet ebenso, die eigenen Gedanken immer wieder prüfen und kor­ri­gieren zu können. Viel­leicht liegt gerade darin eine der wich­tigsten Lehren unserer Geschichte: Wahrer geis­tiger Fort­schritt ent­steht nicht dort, wo wir glauben, end­gültige Ant­worten gefunden zu haben, sondern dort, wo wir den Mut behalten, weiterzufragen.

 

Deutsche Seele

Neben diesem „deut­schen Geist“ lässt sich auch vor­sichtig von einer „deut­schen Seele“ sprechen. Nicht als etwas Bio­lo­gi­sches oder Ras­si­sches und nicht als Anspruch auf Über­le­genheit, sondern als Bild für eine über Jahr­hun­derte gewachsene geistige und kul­tu­relle Prägung: die Liebe zur Sprache und zur Musik, die Suche nach Erkenntnis und Sinn, die Freude am Denken, For­schen und Erfinden, die Ver­bun­denheit mit Natur und Kultur und zugleich die Fähigkeit zur Selbstkritik.

Viel­leicht sind Geist und Seele dabei zwei Seiten der­selben kul­tu­rellen Erfahrung. Der Geist sucht zu erkennen, die Seele sucht zu erfahren. Der Geist fragt nach Wahrheit, die Seele nach Sinn. Der Geist erschafft, die Seele gibt dem Erschaf­fenen Bedeutung. Ein Geist ohne Seele könnte kalt und rein tech­nisch werden; eine Seele ohne Geist könnte sich dagegen in Gefühl, Mythos oder Sehn­sucht ver­lieren. Viel­leicht liegt deshalb eine Aufgabe der kom­menden Epoche darin, beides wieder mit­ein­ander zu ver­binden: Ver­nunft und Spi­ri­tua­lität, Wis­sen­schaft und Sinn, Freiheit und Ver­ant­wortung, Erkenntnis und inneres Erleben.

Diese deutsche Seele muss keine Grenzen haben. Deutschsein muss nicht über Abstammung, Rasse oder Abgrenzung defi­niert werden. Es kann eine kul­tu­relle und geistige Ver­bun­denheit sein. Ein Mensch kann unab­hängig von seiner Her­kunft Teil dieser Kultur werden, wenn er ihre Sprache, ihre Gedanken, ihre Kunst und ihre Geschichte auf­nimmt und wei­ter­trägt. Kultur kann ver­binden, ohne auszugrenzen.

Denn Kultur ist kein Eigentum. Goethes Gedanken enden nicht an der deut­schen Grenze. Kant endet nicht am Rhein. Bachs Musik endet nicht dort, wo Deutschland aufhört. Was hier ent­standen ist, gehört heute der Welt. Und genauso kann die deutsche Kultur durch andere Kul­turen, Reli­gionen und geistige Tra­di­tionen weiter berei­chert werden.

Eine deutsche Seele, die keine Grenzen braucht, kann gerade deshalb eine Brücke sein. Sie kann ihre eigenen Wurzeln kennen und dennoch offen sein für das, was aus anderen Teilen der Welt zu uns kommt. Sie muss nicht zwi­schen „uns“ und „den anderen“ unter­scheiden, um sich ihrer selbst bewusst zu sein.

Viel­leicht liegt darin eine besondere Aufgabe für die Zukunft: offen zu sein, ohne sich selbst zu ver­lieren; ver­wurzelt zu sein, ohne sich abzu­schotten; selbst­be­wusst zu sein, ohne andere abzuwerten.

 

Eine neue Epoche 

Viel­leicht müssen wir nach all den großen Expe­ri­menten der Geschichte nicht schon wieder eine neue Welt­an­schauung erschaffen. Viel­leicht müssen wir lernen, mit dem Erbe unserer Geschichte reifer umzu­gehen. Nicht mehr ständig „Wir gegen die anderen“, sondern die Frage: Was können wir ein­ander geben?

Viel­leicht ist die nächste Epoche deshalb nicht radi­kaler, sondern ruhiger. Nicht lauter, sondern tiefer. Nicht geprägt von der Suche nach der per­fekten Gesell­schaft, sondern von der Suche nach einem guten Leben.

Eine solche Ent­wicklung könnte auch bedeuten, unsere Vor­stellung von Fort­schritt zu erweitern. Fort­schritt wäre dann nicht allein eine Frage von Wirt­schafts­wachstum, tech­ni­scher Leis­tungs­fä­higkeit oder mate­ri­ellem Besitz. Fort­schritt könnte ebenso bedeuten, mehr Zeit für Bezie­hungen zu haben, Natur zu erleben, Kunst zu schaffen, zu for­schen, zu lernen, zu glauben oder mit­ein­ander zu leben. Eine Gesell­schaft könnte daran gemessen werden, wie frei ihre Men­schen sind, wie ver­ant­wortlich sie mit­ein­ander umgehen und ob sie Raum für geistige Ent­wicklung lässt.

Wir haben vieles aus­pro­biert. Wir haben erlebt, wohin Abso­lutheit führen kann. Wir haben aber auch erlebt, welche unglaub­liche Kraft in Freiheit, Wissen, Kunst, Idea­lismus und mensch­licher Krea­ti­vität liegt. Viel­leicht ist jetzt die Zeit gekommen, beides zusam­men­zu­bringen. Nicht die nächste große Ideo­logie könnte unsere Zukunft sein, sondern eine Kultur der Besinnung, der Freiheit, des Friedens und der Ver­bun­denheit. Eine Kultur, die ihre Wurzeln kennt und dennoch keine Mauern braucht. Ein Deutschland, das seine kul­tu­relle und geistige Tiefe kennt und gerade deshalb anderen offen begegnen kann. Ein Europa, das Frieden nicht als Schwäche, sondern als große kul­tu­relle Leistung begreift. Und ein Mensch, der nicht länger danach fragt, welcher Ideo­logie er folgen muss, um seinem Leben Sinn zu geben, sondern beginnt, diesen Sinn selbst in Freiheit, Ver­ant­wortung, Liebe, Erkenntnis und geis­tiger Ent­wicklung zu finden.

Die Zukunft muss deshalb nicht im Bruch mit unserer Geschichte liegen. Sie könnte gerade aus ihrer bewussten Annahme ent­stehen. Das ger­ma­nische Erbe, die christ­liche Tra­dition, Huma­nismus und Auf­klärung, Idea­lismus und Wis­sen­schaft, Kunst und Musik, Freiheit und soziale Ver­ant­wortung und die Berei­cherung durch andere Kul­turen können Teil eines neuen kul­tu­rellen Bewusst­seins werden, wenn wir sie nicht gegen­ein­ander aus­spielen, sondern mit­ein­ander ver­binden. Wir müssen die Ver­gan­genheit nicht wie­der­holen. Wir müssen sie verwandeln.

Viel­leicht besteht unsere Aufgabe deshalb nicht darin, die Ver­gan­genheit zurück­zu­holen, sondern ihren besten Teil in die Zukunft zu tragen. Eine Kultur, die wieder weiß, woher sie kommt, ohne zu ver­gessen, wohin sie gehen will. Eine Kultur, deren Seele keine Grenzen braucht. Eine Kultur, die nicht durch Abgrenzung stark wird, sondern durch das, was sie zu geben vermag. Eine Kultur, die Frieden nicht für Schwäche hält, Freiheit nicht mit Belie­bigkeit ver­wechselt und geistige Tiefe nicht gegen Ver­nunft aus­spielt. Viel­leicht liegt genau darin die Mög­lichkeit, dass aus dem alten Abendland nicht einfach ein Untergang, sondern ein neuer Auf­bruch entsteht.

Nicht die Rückkehr zu einer ver­gan­genen Welt. Nicht die Herr­schaft einer neuen Ideo­logie, sondern die Geburt einer rei­feren Kultur.

 

Was gestern uns prägte, soll morgen noch klingen, wir tragen das Gute durch Wandel und Zeit. Mit offenen Herzen, ver­wurzelt, ver­bunden, sei Frieden der Weg und die Freiheit unser Kleid. 

 

 

 

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