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ISAAC NEWTON UND DIE ALCHEMIE — Die ver­borgene Seite eines wis­sen­schaft­lichen Genies

Ein Artikel von Wil­fried Haufe

Der unbe­kannte Newton

Wenn wir heute den Namen Isaac Newton hören, denken wir meist an einen der größten Wis­sen­schaftler der Geschichte. Wir denken an die Gesetze der Bewegung und der Gra­vi­tation, an die mathe­ma­tische Beschreibung der Natur, an seine Arbeiten über Licht und Farben und an die Grund­lagen der klas­si­schen Physik. Newton erscheint uns als Symbol für den Beginn der modernen Natur­wis­sen­schaft – als Ver­treter von Ver­nunft, Mathe­matik, Expe­riment und ratio­naler Erkenntnis. Doch hinter diesem Bild ver­birgt sich eine Seite Newtons, die lange Zeit kaum bekannt war: Newton beschäf­tigte sich intensiv mit Alchemie. Nicht nur ein wenig und nicht bloß aus his­to­ri­schem Interesse. Über Jahr­zehnte las, kopierte, kom­men­tierte und ana­ly­sierte er alche­mis­tische Texte, führte Expe­ri­mente durch und beschäf­tigte sich mit Stoffen, Metallen, Mine­ralien, Destil­lation, Ver­wandlung und den soge­nannten „phi­lo­so­phi­schen“ Geheim­nissen der Materie. Die For­schung geht davon aus, dass Newton min­destens 131 Manu­skripte zur Alchemie ver­fasste, mit ins­gesamt ungefähr einer Million Wörtern. Seine alche­mis­ti­schen Unter­lagen ent­halten Labor­auf­zeich­nungen, Rezep­turen, Notizen, Abschriften fremder Texte, Stoff­ver­zeich­nisse, Arbeits­an­wei­sungen, Indizes und sogar Gedichte. Damit stellt sich eine fas­zi­nie­rende Frage: Wie konnte der­selbe Mann, der die mathe­ma­ti­schen Grund­lagen der klas­si­schen Physik schuf, gleich­zeitig an Alchemie glauben? Und noch wich­tiger: War Newtons Alchemie lediglich ein Über­bleibsel mit­tel­al­ter­lichen Denkens – oder war sie ein Teil seines wis­sen­schaft­lichen Welt­bildes? Die Antwort ist kom­pli­zierter, als man zunächst ver­muten würde.

Was war Alchemie überhaupt?

Wiki­pedia

Zunächst muss man ver­stehen, dass die Alchemie des 17. Jahr­hun­derts nicht einfach mit dem gleich­ge­setzt werden kann, was wir heute unter „Magie“ oder bloßer „Gold­ma­cherei“ ver­stehen. Die Grenze zwi­schen Alchemie und Chemie war damals noch nicht so scharf wie heute. Der Begriff „Chy­mistry“ konnte unter­schied­liche Formen der Erfor­schung von Stoffen umfassen. Dazu gehörten prak­tische Ver­fahren wie Destil­lation, Kris­tal­li­sation, Sub­li­mation, Extraktion und Metall­ver­ar­beitung ebenso wie theo­re­tische Vor­stel­lungen über die Natur der Materie. Alche­misten inter­es­sierten sich für die Eigen­schaften von Metallen, Mine­ralien und Salzen und unter­suchten, wie sich Stoffe durch Hitze, Lösung, Ver­dampfung und andere Pro­zesse ver­ändern ließen. Natürlich gehörte auch die Suche nach der Trans­mu­tation dazu – also die Vor­stellung, dass ein Metall in ein anderes ver­wandelt werden könne, etwa unedle Metalle in Gold. Damit ver­bunden war die Suche nach dem soge­nannten Stein der Weisen, dem „Philosopher’s Stone“. In alche­mis­ti­schen Vor­stel­lungen sollte er eine außer­ge­wöhn­liche Sub­stanz sein, die eine ent­schei­dende Rolle bei der Umwandlung von Metallen spielen konnte.

Aus heu­tiger Sicht glauben wir, dass eine solche che­mische Umwandlung gewöhn­licher Metalle in Gold wahr­scheinlich nicht auf dem von den Alche­misten ange­nom­menen Weg möglich ist. Für Newton und seine Zeit­ge­nossen war die Frage jedoch kei­neswegs so ein­deutig entschieden.

Newtons intensive Beschäf­tigung mit der Alchemie

Newton begann bereits in jungen Jahren, sich intensiv mit alche­mis­ti­schen Schriften aus­ein­an­der­zu­setzen. Dabei las er nicht nur ein­zelne Werke. Er stu­dierte eine große Zahl von Autoren, kopierte Pas­sagen, ver­glich Texte mit­ein­ander und ver­suchte, hinter den oft ver­schlüs­selten For­mu­lie­rungen alche­mis­ti­scher Autoren ver­borgene Ver­fahren zu erkennen. Viele alche­mis­tische Texte waren absichtlich schwer ver­ständlich geschrieben. Sie arbei­teten mit Sym­bolen, Alle­gorien, mytho­lo­gi­schen Figuren und geheim­nis­vollen Begriffen. Für einen modernen Leser können solche Texte voll­kommen rät­selhaft erscheinen.

Newton nahm sie jedoch sehr ernst und behan­delte sie gewis­ser­maßen wie ver­schlüs­selte Doku­mente über die Natur. Er ver­suchte her­aus­zu­finden, welche Stoffe sich hinter bestimmten Bezeich­nungen ver­bargen, welche Arbeits­schritte mit sym­bo­li­schen Begriffen gemeint waren und welche che­mi­schen Pro­zesse tat­sächlich durch­ge­führt werden sollten. Dabei ent­stand eine riesige Sammlung von Notizen. Das „Chy­mistry of Isaac Newton Project“ beschreibt Newtons alche­mis­tische Unter­lagen als außer­or­dentlich viel­fältig. Dar­unter befinden sich Labor­journale, Ver­zeich­nisse von Sub­stanzen und Ope­ra­tionen, Abschriften anderer Autoren und zahl­reiche eigene Anmer­kungen. Newton war also nicht einfach jemand, der ein alche­mis­ti­sches Buch gelesen hatte. Er war ein inten­siver Leser, Sammler, Expe­ri­men­tator und Ana­ly­tiker alche­mis­ti­scher Literatur.

Newtons Labor und seine Experimente

Besonders inter­essant ist Newtons prak­tische Beschäf­tigung mit der Alchemie. Er besaß bezie­hungs­weise ver­wendete Labor­geräte und führte Expe­ri­mente mit unter­schied­lichen Stoffen durch. Dazu gehörten unter anderem Metalle, Mine­ralien, Salze und Säuren. In seinen Auf­zeich­nungen finden sich genaue Beob­ach­tungen von Expe­ri­menten. Newton inter­es­sierte sich bei­spiels­weise für Destil­lation und die Her­stellung ver­schie­dener che­mi­scher Sub­stanzen. Ein über­lie­fertes Manu­skript beschreibt etwa die Her­stellung des soge­nannten „spirit of salt“, also Salz­säure, durch die Destil­lation von Kochsalz und einem mine­ra­li­schen Zusatz.

Solche Auf­zeich­nungen zeigen etwas Ent­schei­dendes: Newton beschäf­tigte sich nicht nur mit mys­ti­schen Vor­stel­lungen, sondern arbeitete prak­tisch mit Materie. Er beob­achtete, was geschah, wenn Stoffe erhitzt, destil­liert, gelöst oder mit­ein­ander ver­bunden wurden. In seinen Manu­skripten stehen deshalb kon­krete Labor­ver­fahren, Beob­ach­tungen che­mi­scher Reak­tionen, alche­mis­tische Theorien, Abschriften älterer Texte, phi­lo­so­phische Über­le­gungen, sym­bo­lische Deu­tungen und die Suche nach der Trans­mu­tation von Stoffen unmit­telbar neben­ein­ander. Für Newton gehörten diese Dinge offenbar zu einem grö­ßeren Zusammenhang.

Warum glaubte Newton an die Mög­lichkeit der Transmutation?

Eine der fas­zi­nie­rendsten Fragen lautet deshalb: Warum beschäf­tigte sich ein Mann wie Newton über­haupt mit der Mög­lichkeit, Metalle inein­ander zu ver­wandeln? Ein Grund liegt in seinem Ver­ständnis der Natur. Newton betrachtete die Natur nicht als eine tote Ansammlung mecha­ni­scher Gegen­stände. Er war über­zeugt, dass die Materie nach tie­feren Prin­zipien orga­ni­siert war, die der Mensch noch nicht voll­ständig ver­standen hatte.

Die damalige Natur­phi­lo­sophie unter­schied sich deutlich von unserem heu­tigen wis­sen­schaft­lichen Weltbild. Newton wusste noch nichts von Atom­kernen, Pro­tonen und Neu­tronen. Er kannte keine moderne Ele­ment­theorie und konnte deshalb auch nicht wissen, dass die Umwandlung eines Ele­ments in ein anderes eine Ver­än­derung des Atom­kerns vor­aus­setzt. Für ihn war die Vor­stellung einer tie­feren Ver­wandt­schaft der Stoffe daher nicht grund­sätzlich absurd. Wenn Metalle ver­schiedene Formen der­selben grund­le­genden Materie sein konnten, warum sollte es dann unmöglich sein, dass sie unter bestimmten Bedin­gungen inein­ander über­gehen? Diese Frage war für einen Natur­for­scher des 17. Jahr­hun­derts durchaus ernst zu nehmen.

Die Geheim­nisse der Natur

Newton suchte dabei nicht nur nach prak­ti­schen Rezepten. Er wollte die Natur ver­stehen. Das ist wahr­scheinlich der wich­tigste Punkt, um seine Beschäf­tigung mit der Alchemie zu begreifen. Für Newton war die Welt voller ver­bor­gener Struk­turen und Kräfte. Seine Gra­vi­ta­ti­ons­theorie zeigte bei­spiels­weise, dass Körper sich über große Ent­fer­nungen gegen­seitig beein­flussen können. Auch in seinen alche­mis­ti­schen Studien suchte er nach ver­bor­genen Wirk­prin­zipien der Materie. Die Natur erschien ihm als ein System, dessen tiefere Ordnung ent­schlüsselt werden konnte.

Hier treffen sich seine scheinbar völlig unter­schied­lichen Inter­essen: Mathe­matik, Physik, Optik, Alchemie, Theo­logie, Chro­no­logie und Bibel­in­ter­pre­tation. Für uns gehören diese Gebiete ver­schie­denen Wis­sens­welten an. Für Newton selbst waren sie offenbar stärker mit­ein­ander ver­bunden. Er suchte nach einer umfas­senden Ordnung der Wirklichkeit.

Alchemie und Newtons Religion

Ein wei­terer Aspekt wird häufig unter­schätzt: Newton war ein äußerst reli­giöser Mensch. Er beschäf­tigte sich intensiv mit der Bibel, der frühen Kir­chen­ge­schichte, Pro­phe­zei­ungen und theo­lo­gi­schen Fragen und vertrat dabei in wich­tigen Punkten Auf­fas­sungen, die von der dama­ligen offi­zi­ellen Lehre abwichen. Seine Religion war also kei­neswegs oberflächlich.

Newton glaubte an einen rational geord­neten Kosmos, der auf einen gött­lichen Ursprung ver­weist. Diese Vor­stellung konnte sich mit seiner Natur­for­schung ver­binden. Wenn Gott die Welt geschaffen hatte, dann musste die Natur nach Newtons Vor­stellung eine tiefere Ordnung besitzen. Die Aufgabe des For­schers bestand darin, diese Ordnung zu erkennen. Alchemie konnte in diesem Zusam­menhang als ein wei­terer Zugang zu den Geheim­nissen der Schöpfung erscheinen. Das bedeutet nicht, dass Newton seine reli­giösen und alche­mis­ti­schen Vor­stel­lungen immer in einer ein­fachen Theorie zusam­men­fasste. Seine Manu­skripte sind komplex und teil­weise wider­sprüchlich. Sie zeigen jedoch deutlich, dass für Newton Natur­wis­sen­schaft, Phi­lo­sophie, Religion und Alchemie nicht so streng von­ein­ander getrennt waren, wie wir es heute gewohnt sind.

Newton als Leser alche­mis­ti­scher Autoren

Newton las eine erstaun­liche Zahl alche­mis­ti­scher Autoren. Dazu gehörten unter anderem George Ripley, Michael Maier, Sen­di­vogius, Eirenaeus Philal­ethes, Para­celsus, Jan Baptist van Helmont und andere Autoren der euro­päi­schen alche­mis­ti­schen Tra­dition. Seine Manu­skripte zeigen, wie intensiv er diese Texte stu­dierte. Ein besonders ein­drucks­volles Bei­spiel sind seine umfang­reichen Notizen zu Sen­di­vogius. Ein erhal­tenes Manu­skript umfasst etwa 12.000 Wörter auf 37 Seiten und enthält detail­lierte Anmer­kungen zu meh­reren Trak­taten sowie weitere Notizen zu alche­mis­ti­schen Konzepten.

Newton kopierte also nicht einfach. Er kom­men­tierte, ver­glich und ordnete. Er ver­suchte, die Aus­sagen ver­schie­dener Autoren mit­ein­ander in Beziehung zu setzen. In gewisser Weise betrieb er damit eine Art Quel­len­kritik innerhalb der Alchemie.

Die geheim­nis­volle Sprache der Alchemisten

Ein beson­deres Problem bestand darin, dass alche­mis­tische Texte häufig ver­schlüsselt for­mu­liert waren. Stoffe wurden nicht immer mit ein­deu­tigen Namen bezeichnet. Statt­dessen ver­wen­deten Autoren Bilder und Symbole. Ein Stoff konnte bei­spiels­weise als „Löwe“, „Drache“, „Adler“, „Sonne“ oder „Mond“ erscheinen. Metalle wurden mit den Pla­neten ver­bunden: Gold stand mit der Sonne in Ver­bindung, Silber mit dem Mond. Andere Begriffe konnten je nach Autor unter­schied­liche Bedeu­tungen besitzen.

Newton ver­suchte, dieses System zu ent­schlüsseln. In seinen Papieren finden sich deshalb umfang­reiche Listen, Quer­ver­weise und Ver­gleiche. Das macht seine Manu­skripte heute für His­to­riker besonders wertvoll. Sie zeigen nicht nur, was Newton glaubte, sondern auch, wie er Infor­ma­tionen sam­melte, ver­glich und verarbeitete.

Der Stein der Weisen und der „Green Lion“

Ein zen­traler Bestandteil der alche­mis­ti­schen Tra­dition war der soge­nannte Stein der Weisen. Dabei han­delte es sich nicht einfach um einen magi­schen Stein im Mär­chensinn. Für viele Alche­misten war er eine hypo­the­tische Sub­stanz oder ein Stoff­prinzip, das die Trans­mu­tation von Metallen ermög­lichen sollte. Mit ihm ver­banden sich Vor­stel­lungen von Rei­nigung, Ver­voll­kommnung und Ver­wandlung. Unedles sollte zu Edlem werden, Unvoll­kom­menes sollte ver­voll­kommnet werden und die Materie sollte ihren höchsten Zustand erreichen.

Newton beschäf­tigte sich intensiv mit diesen Vor­stel­lungen und ver­suchte, die Hin­weise ver­schie­dener Autoren auf mög­liche Pro­zesse zu ver­stehen. Ob er selbst über­zeugt war, tat­sächlich kurz vor einer erfolg­reichen Her­stellung des Steins der Weisen zu stehen, lässt sich nicht einfach beant­worten. Seine Manu­skripte zeigen vielmehr einen For­scher, der über Jahre hinweg nach einem ver­bor­genen Schlüssel zur Natur suchte.

Die geheim­nis­volle Sprache der Alchemie wird besonders deutlich in Newtons Notizen zu soge­nannten „Green Lion“-Texten. In einem heute kata­lo­gi­sierten Manu­skript findet sich unter anderem ein Text über die Fort­setzung der Suche nach dem „Green Lyon“. Das betref­fende Manu­skript enthält auch Material, das auf William Yworth zurück­ge­führt wurde. Für uns klingt das zunächst wie Fantasy. Für Newton war es eine ver­schlüs­selte tech­nische Sprache, deren Bedeutung mög­li­cher­weise ent­schlüsselt werden konnte. Genau hier zeigt sich der Unter­schied zwi­schen moderner und früh­neu­zeit­licher Wis­sen­schaft. Newton sah in solchen Texten nicht bloß Aber­glauben. Er ver­mutete, dass sich darin prak­tische Erfah­rungen und mög­li­cher­weise echte Kennt­nisse über Stoffe verbargen.

Der gewaltige Umfang von Newtons alche­mis­ti­schen Schriften

Besonders erstaunlich ist der Umfang des erhal­tenen Mate­rials. Die For­schung geht von min­destens 131 alche­mis­ti­schen Manu­skripten und ungefähr einer Million Wörtern aus. Wenn man diese Manu­skripte, Abschriften und Notizen als phy­sische Doku­mente betrachtet, handelt es sich um ca. 7.000 Manu­skript­seiten. Dabei sollte man aller­dings vor­sichtig sein, die Zahl der Seiten mit der Zahl der eigen­stän­digen Texte gleich­zu­setzen: Newton kopierte zahl­reiche fremde Texte ab, kom­men­tierte sie, über­ar­beitete sie und ergänzte eigene Notizen. Trotzdem zeigt allein der Umfang, dass die Alchemie kei­neswegs nur eine kleine Neben­be­schäf­tigung in seinem Leben war. Sie nahm einen beträcht­lichen Raum in seinem geis­tigen und prak­ti­schen Arbeiten ein.

Und genau hier beginnt die zweite, fast ebenso span­nende Geschichte: Was geschah mit diesen Schriften?

Warum Newtons Alchemie so lange unbe­kannt blieb

Newton starb 1727, doch seine alche­mis­ti­schen Schriften wurden nicht einfach ver­öf­fent­licht. Viele seiner Manu­skripte blieben privat und gelangten später in ver­schiedene Samm­lungen. Ein Teil wurde sogar aus­drücklich als wenig inter­essant ange­sehen. Bei der Kata­lo­gi­sierung der Newton-Papiere wurden alche­mis­tische Mate­rialien teil­weise von anderen wis­sen­schaft­lichen und theo­lo­gi­schen Schriften getrennt. Bestimmte Pakete mit alche­mis­ti­schen Notizen wurden als von geringem Interesse betrachtet.

Aus heu­tiger Sicht ist das bemer­kenswert. Wir besitzen dadurch eine Art geistige Zeit­kapsel: Ein großer Teil dessen, was Newton über Alchemie dachte, lag jahr­hun­der­telang in Archiven und pri­vaten Sammlungen.

Die Ver­stei­gerung von 1936

Ein ent­schei­dender Moment kam erst 1936. In diesem Jahr wurden bei Sotheby’s hun­derte Newton-Manu­skripte ver­steigert. Der Katalog umfasste 329 Lose, von denen mehr als ein Drittel ein­deutig alche­mis­tische Inhalte ent­hielt. Die Ver­stei­gerung fand am 13. und 14. Juli 1936 statt und zer­streute Newtons Archiv auf zahl­reiche Käufer und Insti­tu­tionen. Damit wurde das Ausmaß von Newtons alche­mis­ti­scher Tätigkeit für die For­schung zunehmend sichtbar.

Unter den Käufern befanden sich bedeu­tende Sammler. Einer der wich­tigsten war der Ökonom und spätere berühmte Wis­sen­schaftler und Poli­tiker John Maynard Keynes. Keynes inter­es­sierte sich sehr für Newtons alche­mis­tische Schriften und baute eine bedeu­tende Sammlung auf. In einem Vortrag von 1946 for­mu­lierte Keynes später eine berühmte Neu­be­wertung Newtons: Newton sei nicht einfach der reine Ratio­nalist gewesen, als den man ihn im 20. Jahr­hundert häufig dar­ge­stellt hatte. Diese Erkenntnis trug dazu bei, das Newton-Bild grund­legend zu verändern.

Ein Bei­spiel für die Kom­ple­xität der Manuskripte

Ein besonders inter­es­santes Dokument ist ein alche­mis­ti­scher Entwurf aus der Sammlung des Smit­h­sonian. Das Manu­skript umfasst ungefähr 14.000 Wörter und 42 Seiten. Newton ver­wendete darin Material ver­schie­dener Autoren, dar­unter Lull, Philal­ethes, Ripley, Snyders, Flamel, Sen­di­vogius, Fabré und van Helmont. Der Text ver­sucht, ver­schiedene alche­mis­tische Arbeits­gänge in eine bestimmte Rei­hen­folge zu bringen.

Das zeigt, wie Newton arbeitete. Er sam­melte nicht wahllos, sondern ver­suchte, aus ver­streuten und teil­weise wider­sprüch­lichen Quellen eine zusam­men­hän­gende Ordnung zu gewinnen. Er suchte gewis­ser­maßen nach dem gemein­samen Muster hinter den unter­schied­lichen alche­mis­ti­schen Traditionen.

Wis­sen­schaft und Alchemie – eine Grenze im Wandel

Heute erscheint uns die Trennung klar: Hier Wis­sen­schaft, dort Alchemie; hier Ver­nunft, dort Mystik. Für Newton war diese Grenze jedoch noch nicht so ein­deutig. Die Wis­sen­schaft des 17. Jahr­hun­derts befand sich gerade in einer Umbruch­phase. Robert Boyle expe­ri­men­tierte mit Stoffen und Gasen, die Royal Society för­derte expe­ri­men­telle For­schung und die Mathe­matik wurde immer stärker zur Sprache der Natur­be­schreibung. Gleich­zeitig waren alche­mis­tische Vor­stel­lungen noch lebendig.

Newton stand genau an dieser Grenze. Das macht ihn his­to­risch so inter­essant. Er war einer der wich­tigsten Weg­be­reiter der modernen Natur­wis­sen­schaft und gleich­zeitig tief in eine Wis­sens­kultur ein­ge­bunden, die wir heute teil­weise als vor­modern betrachten. Viel­leicht sollte man deshalb nicht nur fragen: „Wie konnte Newton an Alchemie glauben?“ Die bessere his­to­rische Frage lautet: „Warum erscheint uns heute selbst­ver­ständlich, dass Wis­sen­schaft und Alchemie voll­ständig von­ein­ander getrennt waren?“

Hat die Alchemie Newtons Physik beeinflusst?

Damit stellt sich auch die Frage, ob Newtons Alchemie seine Physik beein­flusst hat. Hier beginnt eine der inter­es­san­testen Dis­kus­sionen der modernen For­schung. Einige His­to­riker haben argu­men­tiert, dass Newtons Beschäf­tigung mit Alchemie seine Vor­stel­lungen über Kräfte, Materie und Natur­pro­zesse beein­flusst haben könnte. Andere sind vor­sich­tiger und warnen davor, zu direkte Ver­bin­dungen herzustellen.

Sicher ist jedoch, dass Newton sich mit alche­mi­schen und phy­si­ka­li­schen Fragen nicht nur zeitlich par­allel beschäf­tigte, sondern beide Inter­essen über lange Zeit­räume hinweg ver­folgte. Das bedeutet nicht, dass die Gra­vi­tation aus der Alchemie ent­standen wäre. Es macht aber deutlich, dass Newtons geistige Welt wesentlich kom­plexer war als das Bild des rein mathe­ma­ti­schen Phy­sikers. Das Chy­mistry-Projekt weist sogar darauf hin, dass die For­schung unter­sucht, ob Newtons alche­mis­tische Arbeit Ein­fluss auf seine Unter­su­chungen von Licht und Farbe gehabt haben könnte. Wie stark solche Zusam­men­hänge tat­sächlich waren, ist eine For­schungs­frage und sollte nicht als gesi­cherte Tat­sache dar­ge­stellt werden.

Newtons Suche nach einer Einheit der Natur

Viel­leicht lässt sich Newtons gesamtes alche­mis­ti­sches Interesse am besten als Suche nach Einheit ver­stehen. Er wollte wissen: Was steckt hinter der sicht­baren Welt? Was ver­bindet die ver­schie­denen Stoffe? Welche Kräfte wirken in der Natur? Wie ver­wandelt sich Materie? Welche ver­bor­genen Prin­zipien liegen hinter den beob­acht­baren Erscheinungen?

Diese Fragen erinnern in gewisser Weise an die Fragen, die auch seine Physik bestimmen. Die Gra­vi­tation suchte nach einem uni­ver­sellen Gesetz, die Optik nach den grund­le­genden Eigen­schaften des Lichts und die Mathe­matik nach einer prä­zisen Sprache für Natur­vor­gänge. Die Alchemie suchte nach den ver­bor­genen Eigen­schaften und Ver­wand­lungen der Materie. Newton war also nicht einfach ein Wis­sen­schaftler, der zufällig auch Alchemist war. Er war ein Mensch, der ver­suchte, eine ver­borgene Ordnung der Natur zu erkennen.

Das Paradox des Isaac Newton

Genau hier liegt viel­leicht das größte Paradox des Isaac Newton. Newton gilt heute als einer der Begründer einer Welt, in der Natur­er­schei­nungen mathe­ma­tisch beschrieben, expe­ri­mentell über­prüft und rational erklärt werden. Und doch ver­brachte dieser Mann einen beträcht­lichen Teil seines Lebens mit Texten über den Stein der Weisen, geheime Stoffe, alche­mis­tische Symbole und Trans­mu­tation. Auf den ersten Blick wider­spricht sich das. Auf den zweiten Blick viel­leicht weniger.

Newton lebte an einer his­to­ri­schen Schwelle. Er gehörte noch zur Welt der Renais­sance und frühen Neuzeit, in der Natur­phi­lo­sophie, Religion, Alchemie, Astro­nomie und Phi­lo­sophie mit­ein­ander ver­bunden waren. Gleich­zeitig half er dabei, eine neue Welt der mathe­ma­ti­schen und expe­ri­men­tellen Natur­wis­sen­schaft zu schaffen. Er war somit nicht einfach ein Mann zwi­schen zwei Welten. Er war einer der Men­schen, durch deren Arbeit sich die Grenze zwi­schen diesen Welten über­haupt erst veränderte.

Was uns Newtons Alchemie heute zeigt

Die Erschließung seiner alche­mis­ti­schen Manu­skripte hat unser Bild von Newton deshalb grund­legend erweitert. Der Newton des Schul­un­ter­richts ist der Phy­siker der Gra­vi­tation. Der his­to­rische Newton war jedoch viel mehr: Mathe­ma­tiker, Phy­siker, Optiker, Phi­losoph, Theologe, His­to­riker – und Alchemist. Sein Geist war nicht in die Kate­gorien auf­ge­teilt, die wir heute ver­wenden. Er suchte nach Wahrheit, unab­hängig davon, welchem modernen Fach­gebiet eine Frage später zuge­ordnet werden sollte. Das macht seine alche­mis­ti­schen Manu­skripte so wertvoll. Sie zeigen nicht nur einen Irrtum eines großen Wis­sen­schaftlers. Sie zeigen einen Men­schen auf der Suche nach Erkenntnis.

Newton erinnert uns damit daran, dass Wis­sen­schafts­ge­schichte nicht einfach eine Geschichte ist, in der die Men­schen früher unwissend waren und wir heute alles wissen. Wis­sen­schaft ent­steht häufig aus einer Mischung von rich­tigen Beob­ach­tungen, fal­schen Theorien, Intuition, Expe­ri­menten, phi­lo­so­phi­schen Vor­stel­lungen und manchmal auch Irr­tümern. Die Alchemie war in vielem aus heu­tiger Sicht falsch. Gleich­zeitig ent­wi­ckelte sie prak­tische Ver­fahren und Fra­ge­stel­lungen, die zur spä­teren Ent­wicklung der Chemie bei­trugen. Newton selbst lag mit vielen seiner alche­mis­ti­schen Vor­stel­lungen aus heu­tiger Sicht falsch. Doch seine Bereit­schaft, Stoffe zu unter­suchen, Texte kri­tisch zu ver­gleichen und Expe­ri­mente durch­zu­führen, gehört zu der­selben geis­tigen Haltung, die ihn auch in anderen Bereichen zu außer­ge­wöhn­lichen Leis­tungen befähigte.

Seine Geschichte zeigt deshalb etwas sehr Mensch­liches: Ein genialer Mensch kann gleich­zeitig Dinge erkennen, die seiner Zeit weit voraus sind, und an Vor­stel­lungen fest­halten, die uns heute überholt erscheinen.

Zwei Links zu Newtons Alchemie, auf Englisch:

  1. https://newton.dlib.indiana.edu/, https://newtonproject.ox.ac.uk/

Im Deut­schen gibt es nur Sekundärliteratur.

Bücher zu Newtons Alchemie:

  1. Auf Eng­lisch: William R. Newman: Newton the Alchemist (2018, 560 Seiten)
  2. Auf Deutsch: Manfred Ehmer: Ouroboros – Die Alchemie Isaak Newtons (2025, 128 Seiten)

 

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