Ein Artikel von Wilfried Haufe
Der unbekannte Newton
Wenn wir heute den Namen Isaac Newton hören, denken wir meist an einen der größten Wissenschaftler der Geschichte. Wir denken an die Gesetze der Bewegung und der Gravitation, an die mathematische Beschreibung der Natur, an seine Arbeiten über Licht und Farben und an die Grundlagen der klassischen Physik. Newton erscheint uns als Symbol für den Beginn der modernen Naturwissenschaft – als Vertreter von Vernunft, Mathematik, Experiment und rationaler Erkenntnis. Doch hinter diesem Bild verbirgt sich eine Seite Newtons, die lange Zeit kaum bekannt war: Newton beschäftigte sich intensiv mit Alchemie. Nicht nur ein wenig und nicht bloß aus historischem Interesse. Über Jahrzehnte las, kopierte, kommentierte und analysierte er alchemistische Texte, führte Experimente durch und beschäftigte sich mit Stoffen, Metallen, Mineralien, Destillation, Verwandlung und den sogenannten „philosophischen“ Geheimnissen der Materie. Die Forschung geht davon aus, dass Newton mindestens 131 Manuskripte zur Alchemie verfasste, mit insgesamt ungefähr einer Million Wörtern. Seine alchemistischen Unterlagen enthalten Laboraufzeichnungen, Rezepturen, Notizen, Abschriften fremder Texte, Stoffverzeichnisse, Arbeitsanweisungen, Indizes und sogar Gedichte. Damit stellt sich eine faszinierende Frage: Wie konnte derselbe Mann, der die mathematischen Grundlagen der klassischen Physik schuf, gleichzeitig an Alchemie glauben? Und noch wichtiger: War Newtons Alchemie lediglich ein Überbleibsel mittelalterlichen Denkens – oder war sie ein Teil seines wissenschaftlichen Weltbildes? Die Antwort ist komplizierter, als man zunächst vermuten würde.
Was war Alchemie überhaupt?

Zunächst muss man verstehen, dass die Alchemie des 17. Jahrhunderts nicht einfach mit dem gleichgesetzt werden kann, was wir heute unter „Magie“ oder bloßer „Goldmacherei“ verstehen. Die Grenze zwischen Alchemie und Chemie war damals noch nicht so scharf wie heute. Der Begriff „Chymistry“ konnte unterschiedliche Formen der Erforschung von Stoffen umfassen. Dazu gehörten praktische Verfahren wie Destillation, Kristallisation, Sublimation, Extraktion und Metallverarbeitung ebenso wie theoretische Vorstellungen über die Natur der Materie. Alchemisten interessierten sich für die Eigenschaften von Metallen, Mineralien und Salzen und untersuchten, wie sich Stoffe durch Hitze, Lösung, Verdampfung und andere Prozesse verändern ließen. Natürlich gehörte auch die Suche nach der Transmutation dazu – also die Vorstellung, dass ein Metall in ein anderes verwandelt werden könne, etwa unedle Metalle in Gold. Damit verbunden war die Suche nach dem sogenannten Stein der Weisen, dem „Philosopher’s Stone“. In alchemistischen Vorstellungen sollte er eine außergewöhnliche Substanz sein, die eine entscheidende Rolle bei der Umwandlung von Metallen spielen konnte.
Aus heutiger Sicht glauben wir, dass eine solche chemische Umwandlung gewöhnlicher Metalle in Gold wahrscheinlich nicht auf dem von den Alchemisten angenommenen Weg möglich ist. Für Newton und seine Zeitgenossen war die Frage jedoch keineswegs so eindeutig entschieden.
Newtons intensive Beschäftigung mit der Alchemie
Newton begann bereits in jungen Jahren, sich intensiv mit alchemistischen Schriften auseinanderzusetzen. Dabei las er nicht nur einzelne Werke. Er studierte eine große Zahl von Autoren, kopierte Passagen, verglich Texte miteinander und versuchte, hinter den oft verschlüsselten Formulierungen alchemistischer Autoren verborgene Verfahren zu erkennen. Viele alchemistische Texte waren absichtlich schwer verständlich geschrieben. Sie arbeiteten mit Symbolen, Allegorien, mythologischen Figuren und geheimnisvollen Begriffen. Für einen modernen Leser können solche Texte vollkommen rätselhaft erscheinen.
Newton nahm sie jedoch sehr ernst und behandelte sie gewissermaßen wie verschlüsselte Dokumente über die Natur. Er versuchte herauszufinden, welche Stoffe sich hinter bestimmten Bezeichnungen verbargen, welche Arbeitsschritte mit symbolischen Begriffen gemeint waren und welche chemischen Prozesse tatsächlich durchgeführt werden sollten. Dabei entstand eine riesige Sammlung von Notizen. Das „Chymistry of Isaac Newton Project“ beschreibt Newtons alchemistische Unterlagen als außerordentlich vielfältig. Darunter befinden sich Laborjournale, Verzeichnisse von Substanzen und Operationen, Abschriften anderer Autoren und zahlreiche eigene Anmerkungen. Newton war also nicht einfach jemand, der ein alchemistisches Buch gelesen hatte. Er war ein intensiver Leser, Sammler, Experimentator und Analytiker alchemistischer Literatur.
Newtons Labor und seine Experimente
Besonders interessant ist Newtons praktische Beschäftigung mit der Alchemie. Er besaß beziehungsweise verwendete Laborgeräte und führte Experimente mit unterschiedlichen Stoffen durch. Dazu gehörten unter anderem Metalle, Mineralien, Salze und Säuren. In seinen Aufzeichnungen finden sich genaue Beobachtungen von Experimenten. Newton interessierte sich beispielsweise für Destillation und die Herstellung verschiedener chemischer Substanzen. Ein überliefertes Manuskript beschreibt etwa die Herstellung des sogenannten „spirit of salt“, also Salzsäure, durch die Destillation von Kochsalz und einem mineralischen Zusatz.
Solche Aufzeichnungen zeigen etwas Entscheidendes: Newton beschäftigte sich nicht nur mit mystischen Vorstellungen, sondern arbeitete praktisch mit Materie. Er beobachtete, was geschah, wenn Stoffe erhitzt, destilliert, gelöst oder miteinander verbunden wurden. In seinen Manuskripten stehen deshalb konkrete Laborverfahren, Beobachtungen chemischer Reaktionen, alchemistische Theorien, Abschriften älterer Texte, philosophische Überlegungen, symbolische Deutungen und die Suche nach der Transmutation von Stoffen unmittelbar nebeneinander. Für Newton gehörten diese Dinge offenbar zu einem größeren Zusammenhang.
Warum glaubte Newton an die Möglichkeit der Transmutation?
Eine der faszinierendsten Fragen lautet deshalb: Warum beschäftigte sich ein Mann wie Newton überhaupt mit der Möglichkeit, Metalle ineinander zu verwandeln? Ein Grund liegt in seinem Verständnis der Natur. Newton betrachtete die Natur nicht als eine tote Ansammlung mechanischer Gegenstände. Er war überzeugt, dass die Materie nach tieferen Prinzipien organisiert war, die der Mensch noch nicht vollständig verstanden hatte.
Die damalige Naturphilosophie unterschied sich deutlich von unserem heutigen wissenschaftlichen Weltbild. Newton wusste noch nichts von Atomkernen, Protonen und Neutronen. Er kannte keine moderne Elementtheorie und konnte deshalb auch nicht wissen, dass die Umwandlung eines Elements in ein anderes eine Veränderung des Atomkerns voraussetzt. Für ihn war die Vorstellung einer tieferen Verwandtschaft der Stoffe daher nicht grundsätzlich absurd. Wenn Metalle verschiedene Formen derselben grundlegenden Materie sein konnten, warum sollte es dann unmöglich sein, dass sie unter bestimmten Bedingungen ineinander übergehen? Diese Frage war für einen Naturforscher des 17. Jahrhunderts durchaus ernst zu nehmen.
Die Geheimnisse der Natur
Newton suchte dabei nicht nur nach praktischen Rezepten. Er wollte die Natur verstehen. Das ist wahrscheinlich der wichtigste Punkt, um seine Beschäftigung mit der Alchemie zu begreifen. Für Newton war die Welt voller verborgener Strukturen und Kräfte. Seine Gravitationstheorie zeigte beispielsweise, dass Körper sich über große Entfernungen gegenseitig beeinflussen können. Auch in seinen alchemistischen Studien suchte er nach verborgenen Wirkprinzipien der Materie. Die Natur erschien ihm als ein System, dessen tiefere Ordnung entschlüsselt werden konnte.
Hier treffen sich seine scheinbar völlig unterschiedlichen Interessen: Mathematik, Physik, Optik, Alchemie, Theologie, Chronologie und Bibelinterpretation. Für uns gehören diese Gebiete verschiedenen Wissenswelten an. Für Newton selbst waren sie offenbar stärker miteinander verbunden. Er suchte nach einer umfassenden Ordnung der Wirklichkeit.
Alchemie und Newtons Religion
Ein weiterer Aspekt wird häufig unterschätzt: Newton war ein äußerst religiöser Mensch. Er beschäftigte sich intensiv mit der Bibel, der frühen Kirchengeschichte, Prophezeiungen und theologischen Fragen und vertrat dabei in wichtigen Punkten Auffassungen, die von der damaligen offiziellen Lehre abwichen. Seine Religion war also keineswegs oberflächlich.
Newton glaubte an einen rational geordneten Kosmos, der auf einen göttlichen Ursprung verweist. Diese Vorstellung konnte sich mit seiner Naturforschung verbinden. Wenn Gott die Welt geschaffen hatte, dann musste die Natur nach Newtons Vorstellung eine tiefere Ordnung besitzen. Die Aufgabe des Forschers bestand darin, diese Ordnung zu erkennen. Alchemie konnte in diesem Zusammenhang als ein weiterer Zugang zu den Geheimnissen der Schöpfung erscheinen. Das bedeutet nicht, dass Newton seine religiösen und alchemistischen Vorstellungen immer in einer einfachen Theorie zusammenfasste. Seine Manuskripte sind komplex und teilweise widersprüchlich. Sie zeigen jedoch deutlich, dass für Newton Naturwissenschaft, Philosophie, Religion und Alchemie nicht so streng voneinander getrennt waren, wie wir es heute gewohnt sind.
Newton als Leser alchemistischer Autoren
Newton las eine erstaunliche Zahl alchemistischer Autoren. Dazu gehörten unter anderem George Ripley, Michael Maier, Sendivogius, Eirenaeus Philalethes, Paracelsus, Jan Baptist van Helmont und andere Autoren der europäischen alchemistischen Tradition. Seine Manuskripte zeigen, wie intensiv er diese Texte studierte. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel sind seine umfangreichen Notizen zu Sendivogius. Ein erhaltenes Manuskript umfasst etwa 12.000 Wörter auf 37 Seiten und enthält detaillierte Anmerkungen zu mehreren Traktaten sowie weitere Notizen zu alchemistischen Konzepten.
Newton kopierte also nicht einfach. Er kommentierte, verglich und ordnete. Er versuchte, die Aussagen verschiedener Autoren miteinander in Beziehung zu setzen. In gewisser Weise betrieb er damit eine Art Quellenkritik innerhalb der Alchemie.
Die geheimnisvolle Sprache der Alchemisten
Ein besonderes Problem bestand darin, dass alchemistische Texte häufig verschlüsselt formuliert waren. Stoffe wurden nicht immer mit eindeutigen Namen bezeichnet. Stattdessen verwendeten Autoren Bilder und Symbole. Ein Stoff konnte beispielsweise als „Löwe“, „Drache“, „Adler“, „Sonne“ oder „Mond“ erscheinen. Metalle wurden mit den Planeten verbunden: Gold stand mit der Sonne in Verbindung, Silber mit dem Mond. Andere Begriffe konnten je nach Autor unterschiedliche Bedeutungen besitzen.
Newton versuchte, dieses System zu entschlüsseln. In seinen Papieren finden sich deshalb umfangreiche Listen, Querverweise und Vergleiche. Das macht seine Manuskripte heute für Historiker besonders wertvoll. Sie zeigen nicht nur, was Newton glaubte, sondern auch, wie er Informationen sammelte, verglich und verarbeitete.
Der Stein der Weisen und der „Green Lion“
Ein zentraler Bestandteil der alchemistischen Tradition war der sogenannte Stein der Weisen. Dabei handelte es sich nicht einfach um einen magischen Stein im Märchensinn. Für viele Alchemisten war er eine hypothetische Substanz oder ein Stoffprinzip, das die Transmutation von Metallen ermöglichen sollte. Mit ihm verbanden sich Vorstellungen von Reinigung, Vervollkommnung und Verwandlung. Unedles sollte zu Edlem werden, Unvollkommenes sollte vervollkommnet werden und die Materie sollte ihren höchsten Zustand erreichen.
Newton beschäftigte sich intensiv mit diesen Vorstellungen und versuchte, die Hinweise verschiedener Autoren auf mögliche Prozesse zu verstehen. Ob er selbst überzeugt war, tatsächlich kurz vor einer erfolgreichen Herstellung des Steins der Weisen zu stehen, lässt sich nicht einfach beantworten. Seine Manuskripte zeigen vielmehr einen Forscher, der über Jahre hinweg nach einem verborgenen Schlüssel zur Natur suchte.
Die geheimnisvolle Sprache der Alchemie wird besonders deutlich in Newtons Notizen zu sogenannten „Green Lion“-Texten. In einem heute katalogisierten Manuskript findet sich unter anderem ein Text über die Fortsetzung der Suche nach dem „Green Lyon“. Das betreffende Manuskript enthält auch Material, das auf William Yworth zurückgeführt wurde. Für uns klingt das zunächst wie Fantasy. Für Newton war es eine verschlüsselte technische Sprache, deren Bedeutung möglicherweise entschlüsselt werden konnte. Genau hier zeigt sich der Unterschied zwischen moderner und frühneuzeitlicher Wissenschaft. Newton sah in solchen Texten nicht bloß Aberglauben. Er vermutete, dass sich darin praktische Erfahrungen und möglicherweise echte Kenntnisse über Stoffe verbargen.
Der gewaltige Umfang von Newtons alchemistischen Schriften
Besonders erstaunlich ist der Umfang des erhaltenen Materials. Die Forschung geht von mindestens 131 alchemistischen Manuskripten und ungefähr einer Million Wörtern aus. Wenn man diese Manuskripte, Abschriften und Notizen als physische Dokumente betrachtet, handelt es sich um ca. 7.000 Manuskriptseiten. Dabei sollte man allerdings vorsichtig sein, die Zahl der Seiten mit der Zahl der eigenständigen Texte gleichzusetzen: Newton kopierte zahlreiche fremde Texte ab, kommentierte sie, überarbeitete sie und ergänzte eigene Notizen. Trotzdem zeigt allein der Umfang, dass die Alchemie keineswegs nur eine kleine Nebenbeschäftigung in seinem Leben war. Sie nahm einen beträchtlichen Raum in seinem geistigen und praktischen Arbeiten ein.
Und genau hier beginnt die zweite, fast ebenso spannende Geschichte: Was geschah mit diesen Schriften?
Warum Newtons Alchemie so lange unbekannt blieb
Newton starb 1727, doch seine alchemistischen Schriften wurden nicht einfach veröffentlicht. Viele seiner Manuskripte blieben privat und gelangten später in verschiedene Sammlungen. Ein Teil wurde sogar ausdrücklich als wenig interessant angesehen. Bei der Katalogisierung der Newton-Papiere wurden alchemistische Materialien teilweise von anderen wissenschaftlichen und theologischen Schriften getrennt. Bestimmte Pakete mit alchemistischen Notizen wurden als von geringem Interesse betrachtet.
Aus heutiger Sicht ist das bemerkenswert. Wir besitzen dadurch eine Art geistige Zeitkapsel: Ein großer Teil dessen, was Newton über Alchemie dachte, lag jahrhundertelang in Archiven und privaten Sammlungen.
Die Versteigerung von 1936
Ein entscheidender Moment kam erst 1936. In diesem Jahr wurden bei Sotheby’s hunderte Newton-Manuskripte versteigert. Der Katalog umfasste 329 Lose, von denen mehr als ein Drittel eindeutig alchemistische Inhalte enthielt. Die Versteigerung fand am 13. und 14. Juli 1936 statt und zerstreute Newtons Archiv auf zahlreiche Käufer und Institutionen. Damit wurde das Ausmaß von Newtons alchemistischer Tätigkeit für die Forschung zunehmend sichtbar.
Unter den Käufern befanden sich bedeutende Sammler. Einer der wichtigsten war der Ökonom und spätere berühmte Wissenschaftler und Politiker John Maynard Keynes. Keynes interessierte sich sehr für Newtons alchemistische Schriften und baute eine bedeutende Sammlung auf. In einem Vortrag von 1946 formulierte Keynes später eine berühmte Neubewertung Newtons: Newton sei nicht einfach der reine Rationalist gewesen, als den man ihn im 20. Jahrhundert häufig dargestellt hatte. Diese Erkenntnis trug dazu bei, das Newton-Bild grundlegend zu verändern.
Ein Beispiel für die Komplexität der Manuskripte
Ein besonders interessantes Dokument ist ein alchemistischer Entwurf aus der Sammlung des Smithsonian. Das Manuskript umfasst ungefähr 14.000 Wörter und 42 Seiten. Newton verwendete darin Material verschiedener Autoren, darunter Lull, Philalethes, Ripley, Snyders, Flamel, Sendivogius, Fabré und van Helmont. Der Text versucht, verschiedene alchemistische Arbeitsgänge in eine bestimmte Reihenfolge zu bringen.
Das zeigt, wie Newton arbeitete. Er sammelte nicht wahllos, sondern versuchte, aus verstreuten und teilweise widersprüchlichen Quellen eine zusammenhängende Ordnung zu gewinnen. Er suchte gewissermaßen nach dem gemeinsamen Muster hinter den unterschiedlichen alchemistischen Traditionen.
Wissenschaft und Alchemie – eine Grenze im Wandel
Heute erscheint uns die Trennung klar: Hier Wissenschaft, dort Alchemie; hier Vernunft, dort Mystik. Für Newton war diese Grenze jedoch noch nicht so eindeutig. Die Wissenschaft des 17. Jahrhunderts befand sich gerade in einer Umbruchphase. Robert Boyle experimentierte mit Stoffen und Gasen, die Royal Society förderte experimentelle Forschung und die Mathematik wurde immer stärker zur Sprache der Naturbeschreibung. Gleichzeitig waren alchemistische Vorstellungen noch lebendig.
Newton stand genau an dieser Grenze. Das macht ihn historisch so interessant. Er war einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen Naturwissenschaft und gleichzeitig tief in eine Wissenskultur eingebunden, die wir heute teilweise als vormodern betrachten. Vielleicht sollte man deshalb nicht nur fragen: „Wie konnte Newton an Alchemie glauben?“ Die bessere historische Frage lautet: „Warum erscheint uns heute selbstverständlich, dass Wissenschaft und Alchemie vollständig voneinander getrennt waren?“
Hat die Alchemie Newtons Physik beeinflusst?
Damit stellt sich auch die Frage, ob Newtons Alchemie seine Physik beeinflusst hat. Hier beginnt eine der interessantesten Diskussionen der modernen Forschung. Einige Historiker haben argumentiert, dass Newtons Beschäftigung mit Alchemie seine Vorstellungen über Kräfte, Materie und Naturprozesse beeinflusst haben könnte. Andere sind vorsichtiger und warnen davor, zu direkte Verbindungen herzustellen.
Sicher ist jedoch, dass Newton sich mit alchemischen und physikalischen Fragen nicht nur zeitlich parallel beschäftigte, sondern beide Interessen über lange Zeiträume hinweg verfolgte. Das bedeutet nicht, dass die Gravitation aus der Alchemie entstanden wäre. Es macht aber deutlich, dass Newtons geistige Welt wesentlich komplexer war als das Bild des rein mathematischen Physikers. Das Chymistry-Projekt weist sogar darauf hin, dass die Forschung untersucht, ob Newtons alchemistische Arbeit Einfluss auf seine Untersuchungen von Licht und Farbe gehabt haben könnte. Wie stark solche Zusammenhänge tatsächlich waren, ist eine Forschungsfrage und sollte nicht als gesicherte Tatsache dargestellt werden.
Newtons Suche nach einer Einheit der Natur
Vielleicht lässt sich Newtons gesamtes alchemistisches Interesse am besten als Suche nach Einheit verstehen. Er wollte wissen: Was steckt hinter der sichtbaren Welt? Was verbindet die verschiedenen Stoffe? Welche Kräfte wirken in der Natur? Wie verwandelt sich Materie? Welche verborgenen Prinzipien liegen hinter den beobachtbaren Erscheinungen?
Diese Fragen erinnern in gewisser Weise an die Fragen, die auch seine Physik bestimmen. Die Gravitation suchte nach einem universellen Gesetz, die Optik nach den grundlegenden Eigenschaften des Lichts und die Mathematik nach einer präzisen Sprache für Naturvorgänge. Die Alchemie suchte nach den verborgenen Eigenschaften und Verwandlungen der Materie. Newton war also nicht einfach ein Wissenschaftler, der zufällig auch Alchemist war. Er war ein Mensch, der versuchte, eine verborgene Ordnung der Natur zu erkennen.
Das Paradox des Isaac Newton
Genau hier liegt vielleicht das größte Paradox des Isaac Newton. Newton gilt heute als einer der Begründer einer Welt, in der Naturerscheinungen mathematisch beschrieben, experimentell überprüft und rational erklärt werden. Und doch verbrachte dieser Mann einen beträchtlichen Teil seines Lebens mit Texten über den Stein der Weisen, geheime Stoffe, alchemistische Symbole und Transmutation. Auf den ersten Blick widerspricht sich das. Auf den zweiten Blick vielleicht weniger.
Newton lebte an einer historischen Schwelle. Er gehörte noch zur Welt der Renaissance und frühen Neuzeit, in der Naturphilosophie, Religion, Alchemie, Astronomie und Philosophie miteinander verbunden waren. Gleichzeitig half er dabei, eine neue Welt der mathematischen und experimentellen Naturwissenschaft zu schaffen. Er war somit nicht einfach ein Mann zwischen zwei Welten. Er war einer der Menschen, durch deren Arbeit sich die Grenze zwischen diesen Welten überhaupt erst veränderte.
Was uns Newtons Alchemie heute zeigt
Die Erschließung seiner alchemistischen Manuskripte hat unser Bild von Newton deshalb grundlegend erweitert. Der Newton des Schulunterrichts ist der Physiker der Gravitation. Der historische Newton war jedoch viel mehr: Mathematiker, Physiker, Optiker, Philosoph, Theologe, Historiker – und Alchemist. Sein Geist war nicht in die Kategorien aufgeteilt, die wir heute verwenden. Er suchte nach Wahrheit, unabhängig davon, welchem modernen Fachgebiet eine Frage später zugeordnet werden sollte. Das macht seine alchemistischen Manuskripte so wertvoll. Sie zeigen nicht nur einen Irrtum eines großen Wissenschaftlers. Sie zeigen einen Menschen auf der Suche nach Erkenntnis.
Newton erinnert uns damit daran, dass Wissenschaftsgeschichte nicht einfach eine Geschichte ist, in der die Menschen früher unwissend waren und wir heute alles wissen. Wissenschaft entsteht häufig aus einer Mischung von richtigen Beobachtungen, falschen Theorien, Intuition, Experimenten, philosophischen Vorstellungen und manchmal auch Irrtümern. Die Alchemie war in vielem aus heutiger Sicht falsch. Gleichzeitig entwickelte sie praktische Verfahren und Fragestellungen, die zur späteren Entwicklung der Chemie beitrugen. Newton selbst lag mit vielen seiner alchemistischen Vorstellungen aus heutiger Sicht falsch. Doch seine Bereitschaft, Stoffe zu untersuchen, Texte kritisch zu vergleichen und Experimente durchzuführen, gehört zu derselben geistigen Haltung, die ihn auch in anderen Bereichen zu außergewöhnlichen Leistungen befähigte.
Seine Geschichte zeigt deshalb etwas sehr Menschliches: Ein genialer Mensch kann gleichzeitig Dinge erkennen, die seiner Zeit weit voraus sind, und an Vorstellungen festhalten, die uns heute überholt erscheinen.
Zwei Links zu Newtons Alchemie, auf Englisch:
Im Deutschen gibt es nur Sekundärliteratur.
Bücher zu Newtons Alchemie:
- Auf Englisch: William R. Newman: Newton the Alchemist (2018, 560 Seiten)
- Auf Deutsch: Manfred Ehmer: Ouroboros – Die Alchemie Isaak Newtons (2025, 128 Seiten)
Weitere Artikel des Verfassers:
- DEUTSCHLAND — Das Land mit der größten Vielfalt an Landesnamen weltweit
- Von den Runen zum Deutschen — Die Entwicklung unserer Sprache und Schrift
- DEUTSCHLAND – Am Wendepunkt: Vom historischen Experiment zu einer neuen geistigen Epoche
Buch des Autors:























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