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SMS von Präsident Erdogan – oder: »Wie blöd sind wir eigentlich?«

8. Juni 2017

18.07.2016

Am Morgen des 16. Juli 2016 saß ich mit einem Freund, der in der Türkei lebt, beim Frühstück zusammen, als er sein Handy zückte und mir eine SMS zeigte, die er kurz zuvor vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan erhalten hatte. Darin wurde er aufgefordert, auf die Straße zu gehen und sich gegen jene zu erheben, die »das türkische Volk niederwerfen wollen!« Nur wenige Stunden zuvor soll es in der Türkei zu einem vermeintlichen Putsch gekommen sein, der die Welt für einige Stunden in Atem gehalten hatte.

Spätestens als ich die SMS sah, war mir klar, dass dieses tragische Ereignis, dem Hunderte unschuldiger Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, ein Angriff unter »falscher Flagge« war. Es spricht vieles dafür, dass der Coup nicht vom Militär ausging, sondern vom Präsidenten selbst eingefädelt wurde, um seine ohnehin weitreichende Macht noch weiter auszubauen und seine Kritiker im In- und Ausland zum Verstummen zu bringen – mit Erfolg.

Vertreter aller politischen Lager in Ost und West stellten sich am 17. Juli demonstrativ und schwer geschockt hinter Erdoğan. Das Leben kann so einfach sein, wenn man die Mechanismen des Herrschens verstanden hat.

Hochrangige Berufssoldaten sind in der Regel kühl kalkulierende Taktiker und Strategen, die in der Lage sind, eine Situation nüchtern einzuschätzen. Nicht so jedoch jene Generäle und Offiziere, die in der Nacht zum 16. Juli 2016 einen Putsch gegen den türkischen Präsidenten versucht haben sollen. Ihr Versuch, die Macht im Land an sich zu reißen, soll bereits nach wenigen Stunden in sich zusammengebrochen sein. Kein einziger Politiker wurde von ihnen festgenommen, keine wichtige Radio- oder Fernsehanstalt besetzt. Sie sollen nur einige wenige Panzer und Fluggeräte kurzzeitig in ihre Gewalt gebracht haben, ehe sie vom mutigen türkischen Volk übermannt wurden. Das ist der Stoff, aus dem Volkshelden und Märtyrer sind.

Es muss sich bei den Putschisten um eine Horde von kompletten Stümpern gehandelt haben. Sie hätten sich nicht schlechter vorbereiten und ihre Lage falscher einschätzen können. Es sei denn, es gab gar keinen Putsch. Doch wie hätte dann die gesamte Welt darüber berichten können? Oder um die wirklich wichtigste Frage zu stellen: Wer hat von der Aktion am meisten profitiert?

Wenn wir in der Geschichte einige Wochen oder Monate zurückblicken, dann fällt uns vielleicht wieder ein, dass Recep Tayyip Erdoğan für das Überschreiten seiner verfassungsmäßigen Rechte, für die Unterdrückung einer kritischen Opposition, für sein brutales Vorgehen gegen die Kurden und für seine kritische Rolle im Syrienkrieg weltweit unter Beschuss stand.

Zudem bestand Deutschland darauf, dass die Ermordung Hunderttausender Armenier durch die Türken während des Ersten Weltkrieges als »Genozid« zu bezeichnen sei. Am Tag nach dem vermeintlichen Coup war davon keine Rede mehr. Geschlossen und demonstrativ wurde Erdoğan von scheinbar schockierten Politikern rund um den Globus der Rücken gestärkt. Alle waren froh, dass ihm nichts geschehen war. Erdoğan war der Held der Stunde. Er war unbesiegbar, so, wie seine Fans ihn sehen wollen.

Scheinbar waren Politiker aller Länder von dem Putsch, der nur einen Tag nach den schrecklichen Ereignissen von Nizza stattfand, völlig überrascht worden. Offenbar hatte keiner der Geheimdienste rund um den Globus bemerkt, dass Tausende türkische Soldaten einen Putsch planten – auch nicht der türkische. So weit, so unglaubwürdig, wenngleich auch nicht unmöglich.

Doch wenn man sich genauer ansieht, dass der mutige und unerschrockene Recep Tayyip Erdoğan bereits wenige Stunden nach Ausbruch des Putsches am frühen Morgen des 16. Juli von seinem Urlaubsort aus nach Istanbul flog, um sich einer jubelnden Menschenmenge als strahlender Sieger zu präsentieren, so muss man sich schon fragen, warum er sich das traute, wenn selbst sein eigener Geheimdienst keine Kenntnisse über die Ereignisse hatte und die Nachrichtenlage völlig unklar war. Sicher, Erdoğan ist ein Held, werden seine zahlreichen Anhänger sagen, aber war das nicht ein wenig übermütig? Aber geschenkt.

Nächste Frage: Wie konnte er inmitten der völlig undurchsichtigen Lage an die Handynummern aller Türken und aller in der Türkei lebenden Ausländer kommen, und wie konnte er an rund 80 Millionen Menschen gleichzeitig eine persönliche SMS schicken, wenn das Ganze nicht gut vorbereitet war? Wie bringt man in einem solchen Tumult alle türkischen Provider mitten in der Nacht dazu, die Handynummern aller Kunden herauszurücken? Oder hatte er sie alle in seinem Handy gespeichert?

Wie konnte die Regierung nur wenige Stunden nach einem angeblich völlig unerwarteten Coup 2.745 Richter absetzen? Wie konnte sie weitere Richter des Hohen Rates und Staatsanwälte absetzen und rund 3000 Militärangehörige verhaften lassen? Im Vergleich zu den dilettantisch putschenden Offizieren und Generälen waren die Regierung und der Rest der Exekutive offenbar extrem gut vorbereitet gewesen. Da drängt sich schon ein wenig der Verdacht auf, dass alles von langer Hand eingefädelt war und es nur noch eines triftigen Grundes bedurfte, um jene Erdoğan-kritischen Teile der Militärs und des Justizapparats auszutauschen, ohne von der gesamten Welt dafür als Despot beschimpft zu werden. Was könnte dafür besser geeignet sein als ein großes schockierendes Ereignis, bei dem zahlreiche unschuldige Zivilisten den Tod finden? Das ist zynisch? Nun, Erdoğan bezeichnete den vermeintlichen Putsch als »Geschenk Gottes!« Wenn das nicht zynisch ist?

Ich habe diese sogenannte »Shock-and-Awe-Taktik« (schockieren und einschüchtern) umfangreich in meinem jüngsten Buch als probates Mittel der US-Außen- und Innenpolitik beschrieben. Im Jahr 2001 etwa war George W. Bush als US-Präsident extrem unbeliebt, und in der US-Bevölkerung formierte sich massiver Widerstand gegen ihn. Dann folgten die Attentate des 11. September und alle Kritiker verstummten, um nicht als antipatriotisch abgestempelt zu werden.

Ähnlich verhielt sich die Lage, als François Hollande Ende 2014 alle Fäden aus den Händen glitten und er tagtäglich unbeliebter wurde. Er nutzte die »Charlie-Hebdo-Anschläge« vom 7. Januar 2015, um sich als großer Patriot und Krisenmanager zu profilieren. Außerdem tat er, was vor ihm auch Bush getan hatte: Er verhängte den Ausnahmezustand über sein Land und intensivierte die Überwachung und Einschüchterung der Bevölkerung. Das hat zwar nicht mehr Frieden oder Sicherheit geschaffen (wie zuletzt der Anschlag in Nizza bewies), aber es hat alle Kritiker und Datenschützer zum Schweigen gebracht und die gesamte Bevölkerung in Angst versetzt. Ein verängstigtes Volk lässt sich leichter regieren.

Innerhalb weniger Stunden hatte Erdoğan am 16. Juli sämtliche Kritiker im In- und Ausland ausgeschaltet. Zudem machte er öffentlich die Anhänger des im US-Exil lebenden islamischen Predigers Fethullah Gülen für den versuchten Militärputsch verantwortlich – was absurd ist. Dennoch sind Erdoğans Chancen gestiegen, die Auslieferung Gülens aus den USA in die Türkei zu erzwingen. Die Amerikaner brauchen die Kooperation der Türken im Syrienkrieg. Sie sind wie die Europäer auch vom großen NATO-Mitglied Türkei abhängig.

Der gescheiterte Coup war ein Lehrstück aus der Kategorie »Shock and Awe«. Diese organisierte und systematische Verdrehung der Tatsachen ist für einfach und strukturiert denkende Menschen nicht begreifbar, weil sie letztlich keiner Logik folgt, sondern ausschließlich darauf beruht, aggressiver und schneller zu sein als die Gegenseite, und dadurch zu verwirren und einzuschüchtern. Ein normaler Mensch, der Gefühl und Mitgefühl empfinden kann, steht diesem aggressiven Lügengespinst völlig überwältigt gegenüber und wendet sich fassungslos und verunsichert ab. Nur wenige durchschauen das System, und die meisten davon kapitulieren davor, weil es ihnen graut.

Die meisten Menschen wollen nicht hinter den Schleier unserer Scheinwelt blicken, weil sie Angst davor haben, dass dann das Kartenhaus ihrer Existenz zusammenbricht. Sie lassen sich lieber falsche Schurken vorführen, die sie dann direkt beschimpfen oder gar lynchen können, wie beim vermeintlichen Putsch in der Türkei. Aber die meisten Menschen scheuen sich, eine Verschwörung oder einen großen Plan hinter all dem anzuerkennen, weil dies bedeuten würde, dass sie anerkennen müssten, dass sie klein und machtlos sind.

In Wahrheit aber sind sie es längst, weil sie die Realität verleugnen und in einer Scheinwelt leben. Sie sehen sich Filme zu »Verschwörungs-Themen« an, lesen Bücher darüber, aber sie weigern sich aus Angst, all dies als Realität zu akzeptieren. Diese Angst wurde ihnen zuvor von den Regierenden mittels schockierender Ereignisse eingepflanzt. Das System ist so simpel, dass alle Intellektuellen es verlachen, weil sie die Welt gerne kompliziert hätten. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht?

Soldaten, die nach dem merkwürdigen Putsch verhaftet wurden, sollen angeblich davon gesprochen haben, dass sie den Putsch für eine militärische Übung gehalten hatten und sie angesichts des massiven Polizeiaufgebots und der wütenden Menschenmenge wieder den Befehl zum Rückzug erhalten hätten. Diese Version würde sehr viel Sinn ergeben. Wenn man einem kleinen Teil der Streitkräfte vormacht, sie sollten für Übungszwecke Putschisten spielen, dann wären sie natürlich nicht entschlossen und auf alle Eventualitäten vorbereitet, dann würden sie sich so dilettantisch verhalten, wie sie es taten.

Ich halte es für möglich, dass Erdoğan sich an seiner Gier eines Tages überfressen wird, dass die Wahrheit über sein Treiben irgendwann ans Licht kommt und noch mehr Menschen aus ihrem Koma erwachen. Oder, um es mit Bob Marley zu sagen: »Du kannst manchmal einige Leute täuschen, aber du kannst nicht alle Menschen für alle Zeit täuschen!«

Was wird wohl passieren, wenn die Deutschen vor der nächsten Wahl eine SMS von ihrer Kanzlerin erhalten, mit der Bitte, sich der gefährlichen rechten AfD in den Weg zu stellen? Wird es Lynchjustiz geben oder werden die braven Bürger wie in Österreich einfach nur die Wahl fälschen? Wie leicht die Menschen zu steuern sind, wie gerne sie die Realität ausblenden und sich in eine Scheinwelt flüchten, beweist gerade der Pokémon-Go-Hype recht eindrücklich. Es ist nicht leicht, sich dieser Tage seinen Glauben an die Menschheit oder an ein göttliches System zu erhalten. Aber es sind genau jene schwierigen Zeiten, in denen Menschen über sich hinauswachsen können – oder aber untergehen. Alles spitzt sich zu, auf allen Ebenen, Gutes wie Schlechtes. Umso wichtiger ist es nun, sich nicht einschüchtern und beeindrucken zu lassen.

Behalten Sie einen kühlen Kopf und lassen Sie sich nicht länger für blöd verkaufen! Was es jetzt braucht, sind Mut und Zivilcourage! Wir müssen die Dinge furchtlos beim Namen nennen, ohne dabei die bereits sehr angespannte Situation zu eskalieren! Wandel ist möglich, wenn wir uns unserer eigenen Macht und Stärke gegenwärtig werden! Oder um es mit Bob Marley zu sagen: »So now you see the light, stand up for your rights! Come on!«

 

Dieser Artikel erschien ursürünglich hier:

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/europa/michael-morris/sms-von-praesident-erdogan-oder-wie-bloed-sind-wir-eigentlich-.html