Whistleblower Politik

Der „Bürgerkrieg“ in Syrien – ein Ölfund und das globale Energie-Monopoly

20. Juli 2017

Im Fernsehkanal des Libanon, „Al Majjaddin“, verlautbarte 2013 der Leiter des „center for strategic research“ in Damaskus, Herr Dr. Imad Fausi Shuaibi, dass man in den küstennahen Gewässern vor Syrien mehr als ein Dutzend grosse Erdölblasen in nur 250 Metern Tiefe gefunden habe. „Die geologischen Erkundungen, die von der norwegischen Gesellschaft ANCIS vor der Küste Syriens in ihren Territorialgewässern durchgeführt wurden, haben bestätigt, dass sich dort 14 Erdölvorkommen befinden“, sagte Dr. Shuaibi. Unter diesen festgestellten 14 Erdölfeldern lägen noch vier weitere in etwas tieferen Schichten. Deren Ölvorräte würde denen des Scheichtums Kuweit entsprechen. Sechs bis sieben Millionen Barrel könnte Syrien pro Tag fördern – die Ölmacht Nr. 1, Saudi-Arabien fördert 12 Mio Barrel/Tag.

Und wo Öl ist, ist auch Gas, was ebenfalls ausgebeutet und verkauft werden kann.

Die norwegische Bohrgesellschaft ANCIS hatte die bestätigenden Probebohrungen durchgeführt und man konnte auch abschätzen, wie viel dort lagert: 37 Milliarden Tonnen Erdöl. Damit steigt Syrien zur viertgrößten Erdöl-Macht der Welt auf. Der Fund war schon 2012 gemacht worden, man hielt das aber geheim. Warum?

Natürlich wäre das eigentlich ein Grund zur Freude, denn das hätte Syrien reich und blühend machen können, Moderne Städte, Straßen, Energie im Überfluss, Entsalzungsanlagen an der Küste und grüne Felder, satte Einnahmen des Staates, beste Bildung für alle kostenlos, alles, was die Welt bietet an schönen und köstlichen Dingen würde der Reichtum aus diesem Öl den Syrern bringen.

Man braucht keine besonders scharfe Beobachtungsgabe um festzustellen, dass es jetzt in Syrien irgendwie gar nicht danach aussieht.

Es gibt natürlich Interessen. Die Region ist eine der am heißesten umkämpften. Es geht um den Ölmarkt, der zur Zeit eine aussichtslose Schlacht um den Erhalt der hohen Preise kämpft. Von den Ölpreisen hängen die Volkswirtschaften und Haushaltsbudgets der betroffenen Staaten ab. Für die entwickelten Industrieländer, die Öl importieren ist ein niedriger Ölpreis ein Segen für die Betriebe und Privathaushalte. Für die Förderländer ist er eine lebensbedrohliche Sache.

Der (relativ) niedrige Öl- und Gaspreis bringt sogar das sagenhaft reiche Saudi-Arabien ins Schlingern und hat einen Großteil der US-amerikanischen Fracking-Firmen ruiniert. Eigentlich wollen zwar alle Förderländer höhere Preise, da aber jeder versucht, so viel wie möglich auf den Markt zu werfen, da die Staatskassen durch die Ölpreisbaisse schon schlürfende Geräusche von sich geben, wo es vorher satt gluckerte, weil ganze Tankerflotten auf den Ozeanen vor den Küsten vor Anker liegen und die Fracht unbedingt gelöscht werden muß, weil jeder Tanker jeden Tag kostet – deshalb wird der Kampf um den Ölpreis erbittert geführt.

Letztendlich, so sagen die Kenner der Szene, bleiben den OPEC-Ländern nur drei Wege, um den Ölpreis zu stützen:

Nach Angaben von Oilprice.com bleiben der Opec letztendlich nur drei Alternativen. Erstens kann sie die gültigen Förderkürzungen verlängern. Zweitens könnte sie ihre Förderkürzungen drastisch ausweiten. Und drittens könnten die Opec-Staaten dem Rat Weinbergs folgen und die Produktion wieder hochfahren.“

Der Rat Weinbergs ist, das Opec Kartell könne seine Ölförderung massiv erhöhen und dadurch einen Preissturz auslösen, der die Frackingindustrie der USA komplett ruiniert:

Die erste Option scheint angesichts der Erfahrungen der vergangenen Monate die Preise nicht signifikant zu stützen. Die Folgen der zweiten Option könnte noch gravierender als die anderen beiden Optionen ausfallen. Katars ehemaliger Öl-Minister, Abdullah al-Attiyah, sagte Bloomberg, dass von hohen Förderkürzungen ausschließlich die US-Frackingunternehmen profitieren würden. Wenn nämlich die Preise steigen, erhöhen diese ihre Produktion und streichen Gewinne und Marktanteile ein.“

Alle ölfördernden Staaten streben danach, die Industriestaaten mit ihrem Energieträger Erdöl zu beliefern. Für den Nahen Osten ist Europa ein bevorzugter Abnehmer: Viel Industrie, dicht besiedelt, viele Autos, viel Lastverkehr, kalte Winter und massenhaft Ölheizungen, viel Plastikproduktion.

Die USA kämpfen schon lange darum, Europa von den Gaspipelines der Russen fernzuhalten und möchten unbedingt ihr Erdgas nach Europa verkaufen. Wenn ihnen etwas überhaupt nicht gelegen kommt, dann sind das riesige Ölfelder vor Syrien, dessen Präsident mit den Russen gut kann, dessen Ölfelder direkt vor der Küste im Mittelmeer liegen, von wo aus ein sehr kurzer Weg nach Europa führt. Außerdem sind auch die Länder drumherum mit ihrem Öl nicht glücklich darüber, denn sie müssen ihr Öl in Pipelines oder Lastern zu den Häfen transportieren, um es zu verschiffen, was das Öl verteuert und dem syrischen Öl einen Preisvorteil verschafft.

Die Pipelines zur Mittelmeerküste sind nicht nur teuer, man muß auch noch Geld an Syrien bezahlen, um die Pipelines durch das Land legen zu dürfen.

Das Problem lässt sich recht elegant lösen, indem man Syrien ins Chaos stürzt, einen Pseudo-Bürgerkrieg entfesselt, ganze Landstriche verwüstet und besetzt. Unter diesen Umständen baut das Land kaum teure Ölplattformen ins Meer und eine kostspielige Raffinerie-Industrie auf. In dem zerstörten Land kann man dann mit seinen Hilfstruppen nach belieben schalten und walten.

Und tatsächlich sieht man, wenn man es unter diesem Blickwinkel betrachtet, dass die Lage in Syrien gar nicht unübersichtlich ist. Welche Truppen irgendwo gegen andere stehen ist zwar schwer zu durchblicken, Schaut man aber, wo wichtige Pipelines verlaufen, und wo umkämpfte Gebiete sind, wird das Bild klarer. Alle kämpfen um die beste Ausgangsposition für den Export von Gas und Öl nach Europa.

Betrachtet man also die beiden Karten aufmerksam zeigt sich, dass sich die Kämpfe und die Gebietsbesetzungen entlang der Ölmärkte, den Straßen dazwischen und entlang der Pipeline-Regionen abspielen.

Die Deutschen Wirtschaftnachrichten schreiben hierzu:

Zwei der wichtigsten Öl-Märkte befinden sich in den syrischen Städten Manbidsch und al-Bab, die sich wiederum beide in der Provinz Aleppo befinden, berichtet die Financial Times. Durch diese beiden Städte verläuft auch die wichtigste Pipeline, die Öl aus dem Irak – aus Mossul und al-Qaim – nach Syrien bis in die Provinz Idlib transportiert. Dieselbe Pipeline verläuft im Westen auch durch die Stadt Aleppo bis zum Öl-Markt in Idlib.

Wer immer Manbidsch kontrolliert, hat einen großen Einfluss auf den Öl-Transport in Syrien. Dasselbe gilt für Aleppo, Idlib und al-Bab im Westen des Landes. Im Osten des Landes verläuft dieselbe Öltransport-Linie durch Rakka und Deir Ezzor. Das Öl, das durch diese Transportlinie fließt kommt aus Mossul, über Sinjar nach Deir Ezzor und ein zweiter Strang von al-Qaim nach Deir Ezzor.

Die aktuelle Schlacht um Aleppo wird nur aus einem Grund Entscheidungsschlacht genannt: Aleppo ist die letzte große Stadt, durch die die wichtigste Transport-Linie des Landes fließt. Wer Aleppo kontrolliert, kontrolliert den „Schlüssel“ der Pipeline. Auffällig ist, dass die Kämpfe zwischen den Konfliktparteien insbesondere an den wichtigsten Punkten der Transport-Linien stattfinden, also in Rakka, Deir Ezzor, Aleppo, Idlib, Manbidsch, in Hasaka, al-Bukamal, Ain Issa und al-Bab.

In Homs und Hama finden ebenfalls heftige Gefechte statt. Zuvor war Palmyra heftig umkämpft. Das wiederum sind die Gebiete, durch die die Katar-Türkei-Pipeline verlaufen soll, die in Planung ist.“

Die von Russland geplante Pipeline soll aus dem Iran durch den Irak nach Syrien (Homs) verlaufen. Daher sitzen die Russen vorzugsweise dort und halten Homs.

Die Israelis, die ebenfalls Gas durch Pipelines nach Europa liefern wollen, möchten das mit einer Pipeline aus Israel über Damaskus in die Türkei machen. Das wiederum ist nicht im Interesse Russlands.

Die USA wiederum beabsichtigen, den europäischen Energiemarkt mit einer Pipeline vom Persischen Golf über Nordirak nach Nordsyrien und weiter durch die Türkei nach Europa hinein zu beliefern, was auch nicht im Interesse der Russen ist.

Die USA sind also in erster Linie nicht aus – wie immer vorgeschobenen – moralischen Gründen gegen Assad vorgegangen, sondern, um in Syrien freie Hand zu haben und schalten und walten zu können, wie es ihnen beliebt, um ihre Pool-Position zu bauen. Es geht nicht um Giftgas und Unterdrückung, sondern um Gas, Öl, Energiemärkte und Marktvorteile. Giftgasmassaker und rote Linien sind Requisiten in dem Spiel, die man arrangieren kann, wenn man gute Verbündete vor Ort hat.

Die gut informierte Webseite mintpressnews schreibt:

„… from numerous interviews with doctors, Ghouta residents, rebel fighters and their families, a different picture emerges. Many believe that certain rebels received chemical weapons via the Saudi intelligence chief, Prince Bandar bin Sultan, and were responsible for carrying out the dealing gas attack.“
Übersetzung: Aus zahlreichen Gesprächen mit Ärzten, Bewohnern der Stadt Ghouta, Rebellenkämpfern und ihren Familien, entsteht ein anderes Bild. Viele glauben, dass bestimmte Rebellen durch den saudischen Geheimdienstchef, Prinz Bandar bin Sultan, chemische Waffen erhielten und für den betreffende Gasangriff verantwortlich sind.

Auch der gestern berichtete, neuerliche Gasangriff, der wieder rein „mutmaßlich“ ist, ist nur ein Vorwand, dem geplagten und gebeutelten Syrien die Daumenschrauben noch stärker anzuziehen, in der Hoffnung, dass es doch irgendwann zusammenbricht. Die Schicksale der Menschen spielen im Energie-Monopoly keine Rolle.

Syrien hat einfach ungeheures Pech, genau da zu liegen, wo alle um ihren Vorteil im europäischen Energiemarkt kämpfen und entdeckt dann auch noch Unmengen von Öl und Gas, das den anderen die Preise verdirbt. Zu glauben, ein Sturz Assads würde die Situation verbessern, ist illusorisch. Dann ginge es erst richtig zur Sache, Syrien würde in endlosen Kämpfen und unter schrecklichen Opfern der Zivilbevölkerung in Interessenszonen aufgeteilt.

 


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