Entwicklungshilfe ist keine Antwort auf Armut! Hilfe zur Selbsthilfe kann es nur durch wirtschaftliche Freiheit geben - Bild von Gerhard Knühl - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

EU-Afrika-Gipfel: Die Ent­wick­lungs­hilfe hat versagt! Afrika braucht Kapi­ta­lismus statt Almosen

Angela Merkel reist zum EU-Afrika-Gipfel. Es gehe um die „Bekämpfung der Flucht­ur­sachen“. Doch die Ent­wick­lungs­hilfe hat kom­plett versagt.

(Von Dr. Rainer Zitelmann)

Wieder einmal wird Ent­wick­lungs­hilfe als Mittel pro­pa­giert, um „Flucht­ur­sachen zu bekämpfen“. EU-Kom­mis­si­onschef Jean-Claude Juncker hat die EU-Staaten auf­ge­fordert, die zuge­sagten Finanz­hilfen für Afrika auch in vollem Umfang zu leisten. Jeder Euro sei wichtig zur Bekämpfung von Flucht­ur­sachen. Die EU will neue Inves­ti­tionen in Mil­li­ar­denhöhe in Afrika ankurbeln. „Mit einem Beitrag von 4,1 Mil­li­arden Euro aus dem EU-Haushalt kann der ‚Externe Inves­ti­ti­onsplan‘ bis zu 44 Mil­li­arden Euro für Inves­ti­tionen in unsere gemeinsame euro­päisch-afri­ka­nische Zukunft mobi­li­sieren. Diesen Betrag können wir sogar ver­doppeln, wenn die Mit­glied­staaten mit­ziehen“, sagte Juncker der WELT vor dem Gip­fel­treffen mit afri­ka­ni­schen Staats­chefs an diesem Mittwoch und Donnerstag.

Ent­wick­lungs­hilfe schadet mehr als sie hilft

Ent­wick­lungs­hilfe klingt mora­lisch gut und für manche Befür­worter ist sie – fast im reli­giösen Sinne – eine Art Wie­der­gut­ma­chung für die Sünden des Kolo­nia­lismus und der „Aus­beutung der Dritten Welt“ durch die kapi­ta­lis­ti­schen Länder. Neu­er­dings wird sie als Wun­der­mittel ver­kauft um „Flucht­ur­sachen zu besei­tigen“. Aber bewirkt sie das, was sich die Befür­worter davon erhoffen?

Dambisa Moyo, die in Sambia geboren wurde, in Harvard stu­dierte und in Oxford pro­mo­viert wurde, hat in ihrem Buch „Dead Aid“ die Ent­wick­lungs­hilfe der reichen Länder als eine weitere Ursache für die Not auf dem Kon­tinent iden­ti­fi­ziert. In den ver­gan­genen 50 Jahren, schrieb Moyo 2009, wurde im Rahmen der Ent­wick­lungs­hilfe über eine Billion Dollar an Hilfs­leis­tungen von den reichen Ländern nach Afrika über­wiesen. „Doch geht es den Afri­kanern durch die mehr als eine Billion Dollar Ent­wick­lungs­hilfe, die in den letzten Jahr­zehnten gezahlt wurden, tat­sächlich besser? Nein, im Gegenteil: Den Emp­fängern der Hilfs­leis­tungen geht es wesentlich schlechter. Ent­wick­lungs­hilfe hat dazu bei­getragen, dass die Armen noch ärmer wurden und dass sich das Wachstum ver­lang­samte… Die Vor­stellung, Ent­wick­lungs­hilfe könne sys­te­mische Armut mindern und habe dies bereits getan, ist ein Mythos. Mil­lionen Afri­kaner sind heute ärmer – nicht trotz, sondern auf­grund der Entwicklungshilfe.“
Um nicht miss­ver­standen zu werden: Mit „Ent­wick­lungs­hilfe“ meint Moyo nicht kari­ta­tives Enga­gement und akute Hilfe bei Hun­gers­nöten oder Kata­strophen, die natürlich nicht kri­ti­siert werden sollen, sondern dau­er­hafte finan­zielle Trans­fer­leis­tungen mit dem Ziel, die wirt­schaft­liche Ent­wicklung zu fördern. Oft wurden diese Gelder an kor­rupte und des­po­tische Regie­rungen gezahlt und kamen nicht bei den Armen an. Doch „selbst wenn die Hilfs­leis­tungen nicht einfach ver­un­treut wurden und in den Kanälen der Kor­ruption ver­si­ckerten, blieben sie unpro­duktiv. Die poli­tische Rea­lität hat über­deut­liche Beweise dafür geliefert. Ange­sichts des öko­no­mi­schen Zustandes Afrikas ist nicht zu erkennen, wo Wachstum eine direkte Folge der gewährten Ent­wick­lungs­hilfe gewesen wäre“.

Abdoulaye Wade, 2000 bis 2012 Prä­sident von Senegal, äußerte einmal in einem Interview: “Ich habe noch nie erlebt, dass sich ein Land durch Ent­wick­lungs­hilfe oder Kredite ent­wi­ckelt hat. Länder, die sich ent­wi­ckelt haben – in Europa, in Amerika; oder auch in Japan oder asia­tische Länder wie Taiwan, Korea und Sin­gapur -, haben alle an den freien Markt geglaubt. Das ist kein Geheimnis. Afrika hat nach der Unab­hän­gigkeit den fal­schen Weg gewählt.” In der Tat wählte Afrika einen anderen Weg. Nach dem Ende der Kolo­ni­alzeit bekannten sich fast alle afri­ka­ni­schen Länder zu irgend­einer Form des Sozia­lismus. Diese Kon­zepte sind alle gründlich gescheitert, ebenso jedoch der Ansatz, Afrika durch Ent­wick­lungs­hilfe auf die Beine zu helfen.

James Shikwati, Gründer der Wirt­schafts­för­de­rungs­ge­sell­schaft “Inter Region Eco­nomics” in Nairobi (Kenia), äußerte in einem Interview: “Würde die Ent­wick­lungs­hilfe abge­schafft, bekäme das der kleine Mann gar nicht mit. Nur die Funk­tionäre wären scho­ckiert.” Sein Fazit zum Thema Ent­wick­lungs­hilfe: “Es werden riesige Büro­kratien finan­ziert, Kor­ruption und Selbst­ge­fäl­ligkeit gefördert, Afri­kaner zu Bettlern erzogen und zur Unselbst­stän­digkeit. Zudem schwächt die Ent­wick­lungs­hilfe überall die lokalen Märkte und den Unter­neh­mer­geist, den wir so dringend brauchen. Sie ist einer der Gründe für Afrikas Pro­bleme, so absurd dies klingen mag.”

William Eas­terly, Pro­fessor für Öko­nomie und Afri­ka­studien an der New York Uni­versity, hält Ent­wick­lungs­hilfe für weit­gehend nutzlos, oft sogar kon­tra­pro­duktiv. In zwei Jahr­zehnten wurden in Tan­sania zwei Mil­li­arden Dollar an Ent­wick­lungs­hil­fe­mitteln für den Stra­ßenbau aus­ge­geben, aber das Stra­ßennetz ist nicht besser geworden, so berichtet er. Weil die Straßen nicht instand gehalten wurden, ver­fielen sie schneller, als die Geld­geber neue bauen konnten. Was sich wir­kungsvoll in Tan­sania ent­wi­ckelte, war eine gigan­tische Bürokratie.

Afrika braucht Unternehmer

Trotz allem: In den ver­gan­genen zehn Jahren haben sich einige Länder in Afrika enorm ent­wi­ckelt, aber das ist kei­neswegs die Folge der Ent­wick­lungs­hilfe. In west­lichen Medien sehen wir vor allem die Bilder von flüch­tenden Men­schen in Not, die in Europa nach einem bes­seren Leben suchen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. “Unbe­merkt vom reichen Norden ent­steht in Afrika eine Unter­neh­mer­schicht, die den Auf­schwung auf diesem Kon­tinent vor­an­treibt und gestaltet”, berichtet Hiller von Gaer­tringen in seinem Buch “Afrika ist das neue Asien”. Wer die lebens­nahen Bei­spiele von Unter­neh­mertum in diesem Buch liest, ist beein­druckt und wird erinnert an den Unter­neh­mertyp, den der Ökonom Schum­peter als wich­tigste Vor­aus­setzung für den Erfolg des Kapi­ta­lismus so ein­drücklich beschrieben hat.

Die Zahl der Reichen wächst in Afrika stärker als in jedem anderen Kon­tinent. Der „Wealth Report“ von Knight Frank zeigt, dass von den 20 Ländern, in denen die Zahl der Ultra High Net Worth Indi­vi­duals (UHNWI, Per­sonen mit einem Net­to­ver­mögen von min­destens 30 Mil­lionen Dollar) in den letzten zehn Jahren am stärksten gestiegen ist, mehr als die Hälfte in Afrika liegt. In Kenia wuchs bei­spiels­weise von 2006 bis 2016 die Zahl der UHNWIs um 93 Prozent – noch stärker nahm sie weltweit nur in Vietnam, Indien und China zu. Für die kom­menden zehn Jahre pro­gnos­ti­ziert Knight Frank, dass die Zahl der UHNWIs in Afrika stärker wachsen wird als die in Amerika und Europa.

Auch in Afrika gilt – wie in China und Indien -, dass mit der Zahl der Reichen gleich­zeitig die Mit­tel­schicht wächst. Teil­weise wird die Mit­tel­schicht in Afrika schon auf 350 Mil­lionen Men­schen geschätzt, das wäre rund ein Drittel der Gesamt­be­völ­kerung des Kon­ti­nents. Die Zahl hat sich in den letzten 30 Jahren mehr als ver­drei­facht. Aller­dings bewegt sich die Hälfte dieser Gruppe nur knapp über der Armuts­grenze. Man muss dazu wissen, dass der Begriff Mit­tel­schicht in den ein­schlä­gigen Studien nicht nach den Maß­stäben von Indus­trie­ländern defi­niert wird, sondern nach denen von Ent­wick­lungs­ländern. Danach beginnt die Mit­tel­schicht genau dort, wo die Armut aufhört.

Aber selbst wenn man den Begriff enger fasst, zählen heute in Afrika 150 Mil­lionen Men­schen zur Mit­tel­schicht. Diese Men­schen haben ein Leben fern von exis­ten­zi­ellen Ängsten, mit bezahl­barer ärzt­licher Ver­sorgung, Urlaub, ein Leben mit Eigentum und der Mög­lichkeit, den Kindern eine viel bessere Aus­bildung zu finan­zieren, als sie selbst hatten. Die enorm stei­genden Zahlen der Mobil­te­lefone oder der Autos sind ein Zeichen dafür, dass die Mit­tel­schicht wächst.

Bono: Afrika braucht Kapitalismus

Aus­län­dische Invest­ments – etwa aus China und Indien – einer­seits und die Eta­blierung einer stärker markt­wirt­schaft­lichen Wirt­schafts­ordnung in vielen afri­ka­ni­schen Ländern sind nur zwei Vor­aus­set­zungen für Wachstum und Wohl­stand. In Afrika gibt es viele negative Fak­toren, die es in China, das vielen als Vorbild für den schwarzen Kon­tinent gilt damals nicht gab: Bür­ger­kriege, Stam­mes­ri­va­li­täten und feh­lende Insti­tu­tio­na­li­sierung. Fraglich ist zudem, ob die – auch im Ver­gleich zu Europa und Nord­amerika – extrem aus­ge­prägte Leis­tungs­be­reit­schaft und Dis­ziplin, die für viele asia­tische Länder so cha­rak­te­ris­tisch ist, in afri­ka­ni­schen Ländern im gleichen Maße vor­handen ist oder sich ent­wi­ckeln wird. Nicht in jedem Land führt die Ein­führung des Kapi­ta­lismus zu gleichen Ergeb­nissen, aber sie ist ein Kata­ly­sator für die Mehrung des wirt­schaft­lichen Wohl­standes. Auch für Afrika gilt, dass der Kapi­ta­lismus nicht – wie linke Ideo­logen meinen – das Problem ist, sondern ein wich­tiger Beitrag zur Lösung der Probleme.

Das hat inzwi­schen übrigens auch der U2-Rock­sänger Bono erkannt, der früher weltweit die großen Afrika-Fes­tivals orga­ni­sierte, bei denen der Kapi­ta­lismus ange­prangert und mehr Ent­wick­lungs­hilfe als Lösung zur Über­windung von Hunger und Armut in Afrika pro­pa­giert wurde. Bono hat sich durch die Tat­sachen über­zeugen lassen: „Handel und unter­neh­me­ri­scher Kapi­ta­lismus befreit mehr Men­schen aus der Armut als Hilfe. Afrika muss eine Wirt­schafts­macht werden.“ Bob Geldorf, der die Live-Aid-Kon­zerte für Afrika mit ins Leben gerufen hatte, gründete zusammen mit Partnern einen Private Equity-Fonds, weil er sah, dass es mehr braucht als nur wohl­tätige Spenden, damit Afrika seine Pro­bleme löst: Pri­vates Kapital.

Wann werden die deut­schen Poli­tiker und unsere anti­ka­pi­ta­lis­ti­schen Gut­men­schen den Lern­prozess durch­machen, den Bono und Geldorf längst hinter sich haben?

Dr. Rainer Zitelmann / TheEuropean.de