Bank­ein­lagen sind nicht sicher!

Von Marcus Fritsch

„Wir sagen den Spare­rinnen und Sparern, dass ihre Ein­lagen sicher sind. Auch dafür steht die Bun­des­re­gierung ein.“ Spä­testens seit dieser bemer­kens­werten öffent­lichen Erklärung vom 05.10.2008, zu der sich Kanz­lerin Angela Merkel und ihr dama­liger Finanz­mi­nister in der Hochzeit der Finanz­krise genötigt sahen, ist das Thema Ein­la­gen­si­cherung einer brei­teren Öffent­lichkeit bekannt. Das zitierte Ver­sprechen ließe sich nach heu­tigen Maß­stäben ohne wei­teres als rie­siger Bluff bezeichnen – denn weder zum Zeit­punkt der Aussage gab es für die unbe­grenzte Sicherung der Bank­ein­lagen durch die Bun­des­re­gierung eine recht­liche Grundlage, noch wurde diese nach­träglich geschaffen.
Tat­sächlich ist auf­grund einer EU-Richt­linie aus dem Jahr 2009 jedes Mit­gliedsland dazu ver­pflichtet, auf natio­naler Ebene eine gesetz­liche Ein­la­gen­si­cherung von 100.000 € pro Sparer zu gewähr­leisten. In Deutschland gibt es darüber hinaus noch frei­willige Siche­rungs­ein­rich­tungen wie bei­spiels­weise der Ein­la­gen­si­che­rungs­fonds des Bun­des­ver­bandes Deut­scher Banken, der min­destens 1 Million € pro Bank und Kunden beträgt.
Seit einiger Zeit wird im Zuge der Euro­päi­schen Ban­ken­union (gemeinsame Ban­ken­auf­sicht und ‑abwicklung) unter dem Namen EDIS (European Deposit Insu­rance Scheme) über einen gemein­schaft­lichen euro­päi­schen Ein­la­gen­si­che­rungs­fonds dis­ku­tiert, der in drei Stufen bis 2024 ein­ge­führt werden soll. Eine gute Gele­genheit, einmal grund­sätzlich die The­matik der Ein­la­gen­si­cherung zu hinterfragen.
Sind Ein­lagen wirklich Geld? 
Weit ver­breitet ist die Annahme, Geld liege sicher auf einem Bank­konto und der Kunde könne jederzeit darüber ver­fügen. Tat­sächlich handelt es sich bei einer Bank­einlage jedoch um einen Dar­le­hens­vertrag, bei der der Sparer Gläu­biger und die Bank Schuldner ist. Der ver­meintlich risi­ko­be­wusste Ein­leger findet sich nun als Fremd­ka­pi­tal­geber gegenüber einer Bank mit einer Eigen­ka­pi­tal­quote im ein­stel­ligen Pro­zent­be­reich wieder.
Den Kredit, den die Bank auf diese Weise gegenüber ihrem Kunden auf­ge­nommen hat, gibt sie ihrer­seits als Kredit an andere Kunden weiter. Deshalb können von den Ein­lagen bei der Bank niemals alle Ein­lagen sofort als Bargeld aus­ge­geben werden – völlig unab­hängig davon, ob eine Bank gesund oder insol­venz­ge­fährdet ist. Es handelt sich schlicht um das typische Geschäfts­modell einer Bank. Dass es funk­tio­niert, liegt am Kun­den­ver­halten: Da in einem halbwegs funk­tio­nie­renden Ban­ken­system in der Regel nicht alle Kunden zeit­gleich all ihre Ein­lagen in bar abheben wollen, können Banken die Ein­lagen für andere Zwecke pro­duktiv nutzen.
Sparer – die gut­gläu­bigen Spekulanten
Im Glauben, die denkbar sicherste Anla­geform für das Ersparte gewählt zu haben, gehen Bank­ein­leger folglich in drei­erlei Hin­sicht (unbe­wusst) eine Wette ein. Erstens hoffen sie, dass ihre Ein­lagen im Fall der Insolvenz einer Bank nicht ver­loren sind. Zweitens gehen sie davon aus, dass die über­wie­gende Anzahl der anderen Sparer ihre Ein­lagen nie gleich­zeitig in großem Umfang abzieht. Drittens setzen die darauf, dass die Kauf­kraft ihrer Ein­lagen auch künftig aus­reicht, ihre Bedürf­nisse zu befriedigen.
Denn das unge­deckte Papiergeld, das soge­nannte Fiat-Geld hat keinen Sub­stanzwert. Es ist nicht durch zugrun­de­lie­gende Sicher­heiten gedeckt. Früher war diese zugrun­de­lie­gende Sicherheit Gold, doch im modernen Papier­geld­system wurde diese Deckung auf­ge­geben. Dieses Geld ist vom recht­lichen Rahmen und dem kol­lek­tiven Glauben an seine Kauf­kraft abhängig. Die Gefahren, die damit ein­her­gehen, sollte man nicht unter­schätzen. In Deutschland kam es im ver­gan­genen Jahr­hundert mehrmals zum voll­stän­digen Kauf­kraft­verlust des unge­deckten Geldes. Dies wäre bei einer gedeckten Währung kaum möglich gewesen.
Im modernen Papier­geld­system steht der Sparer zu allem Übel auch noch am Ende der „Rendite-Nah­rungs­kette“: für Zinsen nahe der Null­linie stellt er aktuell Banken sein Geld quasi kos­tenlos zur Ver­fügung, das diese wie­derum mit posi­tiven Kre­dit­zinsen an die Real­wirt­schaft weiterreichen.
Ein­la­gen­si­cherung – Fakten oder Gefühl?
Die Bereit­schaft, als Pri­vat­person einer Bank zu solchen Kon­di­tionen Geld zur Ver­fügung zu stellen, ist ohne die Existenz einer Ein­la­gen­si­cherung schwer vor­stellbar. Doch ver­dient dieses Siche­rungs­system wirklich ein solches Ver­trauen? Sowohl die bestehenden natio­nalen Siche­rungs­fonds als auch der geplante euro­päische Ein­la­gen­si­che­rungs­fonds sind mit bis zu 0,8 Prozent der ver­si­cherten Ein­lagen (alle pri­vaten Ein­lagen bis 100.000 Euro) aus­ge­stattet. Der nationale Siche­rungs­fonds wird seit 2015 durch obli­ga­to­rische Bei­träge der Banken gespeist und muss gemäß EU-Ein­la­gen­si­che­rungs­richt­linie erst Mitte 2024 den Zielwert von 0,8 Prozent erreicht haben. Die ein­ge­zahlten Beträge würden wahr­scheinlich nicht einmal für die Sicherung der Ein­lagen einer ein­zigen in Schieflage gera­tenen Großbank genügen. Es drängt sich folglich der Ver­dacht auf, dass statt der tat­säch­lichen Absi­cherung von Ein­lagen die Prä­vention von Schal­ter­stürmen, soge­nannten „Bank Runs“, und die Erzeugung eines öffent­lichen Sicher­heits­ge­fühls im Vor­der­grund stehen.
Wege zum mün­digen Sparer
Eine solche insti­tu­tio­na­li­sierte psy­cho­lo­gische Steuerung der Bürger ist jedoch höchst bedenklich. Wün­schenswert wäre daher ein finanz­wirt­schaftlich auf­ge­klärter Bürger, der weiß, dass Bargeld und Ein­lagen eben keine risi­ko­losen Wertauf­be­wah­rungs­mittel sind. Sie sind aber hoch­ef­fi­ziente Zah­lungs­mittel, ohne die unser heu­tiges Wirt­schafs­leben unmöglich wäre. Als solche sollten sie auch primär genutzt werden.
Wer trotzdem nicht umhin­kommt, einen Teil seines Ver­mögens (zeit­weise) in Geld auf­zu­be­wahren, sollte dabei aber einen zen­tralen Grundsatz des Inves­tierens beher­zigen: Diver­si­fi­kation. Nie war es leichter und güns­tiger, Geld über Konten bei ver­schie­denen Banken zu streuen und so objektiv das per­sön­liche Ver­lust­risiko zu senken. Bei der Auswahl könnte man hier zudem Banken mit kon­ser­va­tivem Geschäfts­modell und hoher Eigen­ka­pi­tal­quote den Vorzug geben. Ein solches Vor­gehen wäre sicherer und selbst­be­stimmter, als das Ver­trauen in unzu­rei­chend aus­ge­stattete Ein­la­gen­si­che­rungs­fonds – ganz gleich ob auf natio­naler oder euro­päi­scher Ebene.


Marcus S. Fritsch ist Ban­ken­be­rater bei einer füh­renden inter­na­tio­nalen Management- und Tech­no­lo­gie­be­ratung und hat im Rahmen seiner Mas­ter­thesis an der Zep­pelin Uni­ver­sität über die Gefahren innerhalb des Euro-Geld­systems geforscht. — Dieser Artikel ist Teil einer Infor­ma­ti­ons­kam­pagne zu EDIS. Weitere Infor­ma­tionen finden Sie unter www.stoppt-edis.de.
Quelle: Ludwig von Mises Institute Deutschland