"Gottfried von Bouillon führt das Heer der Kreuzfahrer zum blutigen Sieg" (Gemälde von Emile Signol, Frankreich, 1847)
Politik

„Alles Mist“: Spiegelredakteur meuchelt Deutsche Kulturnation

16. Juni 2018

Nachdem Frau Özoguz schon öffentlich in Abrede stellte, dass es so etwas, wie eine Deutsche Kultur gibt – was man ihr vielleicht mangels Verständnis nicht wirklich übelnehmen kann, müsste man nicht dahinter eine bewusst antideutsche Haltung vermuten – legt nun Herr Christian Stöcker im „Spiegel“ nach.

Interessanterweise geht Herr Stöcker aus einer rein rassistischen Perspektive an die Frage heran, ob es denn überhaupt so etwas wie eine Deutsche Geschichte und Kulturnation gegeben habe. Seine biologistisch-rassitische Sichtweise kommt recht schön in dem Satz zur Geltung „Wie viele Generationen muss es ein Schnipsel DNA auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik ausgehalten haben, bis sein Besitzer stolz auf die „erfolgreiche deutsche Geschichte“ sein darf?“

Herr Stöcker macht die Genetik zum alleinbestimmenden Zugehörigkeitsmerkmal einer Kulturnation? Interessant. Was versteht er dann unter Integration? Er sinniert über die Frage, ob Kafka doch nicht eher ein Tscheche sei, da er ja „immerhin in Prag“ lebte und schrieb. Oder Mozart, der zwar Deutsch sprach, aber doch in Österreich lebte. Oder ob Kant nicht vielleicht eigentlich eher Russe war, da er ja in Königsberg arbeitete und starb.

Lieber, verehrter Herr Stöcker, vielleicht sollten Sie, wenn Sie über (Deutsche) Geschichte schreiben, sich auch vorher ein wenig einlesen. Königsberg war zu Zeiten Immanuel Kants (* 22. April 1724 in Königsberg, Preußen; † 12. Februar 1804, ebenda) deutsch und auch heute noch ist das deutsche Erbe Königsbergs unübersehbar und wird von den heute dort lebenden Russen sehr geehrt. Die Russen haben Hochachtung vor der Deutschen Geschichte und Kultur – trotz allem -, weil sie Niveau, Bildung und Format haben und eine bewusste Kulturnation sind. Auch, wenn sie sehr unterschiedliche DNA haben. Wussten Sie, Herr Stöcker, dass der böse, finstere, russische Präsident Wladimir Putin das Geburtshaus des großen, deutschen Philosophen Immanuel Kants auf eigene, private Kosten für 650.000 € hat renovieren lassen?

 

Das halb verfallene Geburtshaus des großen deutschen Denkers Immanuel Kant bei Königsberg – vor der Wiederinstandsetzung durch den russischen Präsidenten Wladimir Putin. (Bild: unzensuriert)

 

Außerdem sollten Sie, Herr Stöcker, sich einmal informieren, was denn eine Kulturnation überhaupt ist, und einen Blick über den rassisch-völkischen Tellerrand hinaus wagen.

Dem großen deutschen Denker und Philosophen Johann Gottfried Herder zufolge ist eine Kulturnation eine Auffassung und Lebenswirklichkeit, in der sich nationales Bewusstsein lang vor der Herausbildung eines modernen Nationalstaates und auch unabhängig davon entwickelt hat. Es hängt nicht von einer zentralen, staatlichen Organisation (Staatsnation) ab, es liegt auch nicht in dem Willen der Einwohner eines Staates, die einer Nation angehören begründet (subjektiver Nationsbegriff), sonder eine Kulturnation beruht auf gemeinsamer Sprache (mit allen zugehörigen Dialekten), gemeinsamen Traditionen der Volkskultur, der Siedlungs- und Erziehungsweise sowie den Vorstellungen einer gemeinsamen Abstammung, Verwandtschaft und Geschichte (objektiver Nationsbegriff).

Diese Herdersche Definition ist im Übrigen auf der ganzen Welt akzeptiert.

Deshalb erlosch auch die Zugehörigkeit zur Deutschen Kulturnation nicht mit der Spaltung Deutschlands in Deutsche Demokratische Republik und Bundesrepublik Deutschland. So wie sie auch nicht durch den Verlust der Ostgebiete und Königsbergs an Russland erlosch. Und so war die Deutsche Kulturnation auch längst existent, noch bevor der Norddeutsche Schutz- und Trutzbund einige deutsche Länder als Keimzelle eines späteren Ersten Deutschen Reiches vereinte.

Deshalb gab es auch keine spezifische Jugoslawische Kulturnation, sondern nur eine Staatsnation, mit eiserner Faust von Tito zusammengehalten, die nach dem Tode Titos und unter der unseligen Einwirkung der „Westlichen Interessen“ wieder blutig in die verschiedenen Ethnien und Kulturen zerfiel. Daher ist auch die USA keine echte Kulturnation, sondern eine Staatsnation, die einen übersteigerten Staatspatriotismus pflegen muss, weil dies die einzige Klammer ist, die diese Nation zusammenhält. Deshalb ist auch die Trennung zwischen Nord- und Südkorea eine stetig schwärende Wunde. Deshalb pflegen und lieben die Kanadier in Nova Scotia (Neuschottland) auch ihre keltische Kultur als Identität, schreiben die Ortsnamen auch in keltischer Sprache unter den englischen Namen und fühlen sich dadurch mit ihrer Kultur verbunden und darin geborgen. Dabei werden Zuwanderer gern aufgenommen, wenn sie sich integrieren. Deshalb ist es auch völlig wurst, ob Herr Kafka in Prag lebte, dort die „deutsche Knabenschule“ besuchte in Österreich starb, aber deutsch schrieb. Ob Prag oder Hinterpusemuckel-Süd: Er ist ein Teil der Deutschen Kulturnation.

Falls Sie nachschauen wollen, Herr Stöcker, auch die keines Nationalimus‘ oder Volkstümelei verdächtige Online-Enzyklopädie „Wikipedia“ bietet eine ähnliche Definition.

Heinrich Heine, ein großer Deutscher Dichter, ist einer derer, die ein fester Bestandteil der Deutschen Kulturnation sind und dazu einen wunderbaren Beitrag geleistet haben. Er war im tiefsten Herzen mit der Deutschen Kultur und Geschichte verbunden. Für unsere Leser, die das auch sind, möchte ich hier ein Gedicht von Heinrich Heine als Kalligraphie veröffentlichen, das mich als 13jährige sehr beeindruckte und aus dem Herzen sprach, so dass ich es aufgeschrieben habe

 

Heinrich

Auf dem Schlosshof zu Canossa / Steht der deutsche Kaiser Heinrich,
Barfuß und im Büßerhemde / Und die Nacht ist kalt und regnicht.

Droben aus dem Fenster lugen / Zwo Gestalten, und der Mondschein
Überflimmert Gregors Kahlkopf / Und die Brüste der Mathildis.

Heinrich, mit den blassen Lippen / Murmelt fromme Paternoster;
Doch im tiefen Kaiserherzen / Heimlich knirscht er, heimlich spricht er:

„Fern in meinen deutschen Landen / Heben sich die starken Berge,
Und im stillen Bergesschachte / Wächst das Eisen für die Streitaxt.

Fern in meinen deutschen Landen / Heben sich die Eichenwälder,
Und im Stamm der höchsten Eiche / Wächst der Holzstiel für die Streitaxt.

Du, mein liebes treues Deutschland, / Du wirst auch den Mann gebären,
Der die Schlange meiner Qualen / Niederschmettert mit der Streitaxt.“

(Nachgelesene Gedichte 1812 – 1827)

 

„Mein liebes, treues Deutschland“, wappne Dich, denn Herr Stöcker macht sich nun daran, die „Sechs Top-Erfolgen der Deutschen Geschichte“ zu massakrieren. Mit viel Häme, aber wenig profunden Geschichtskenntnissen metzelt er mit der Axt des Hasses die Deutsche Geschichte zusammen, bis nur noch hässliche, blutende, entstellte Leichenteile das Schlachtfeld bedecken.

Ziehen wir uns die Latexhandschuhe des Pathologen an und versuchen wir, die geschändeten Leichenteile zu autopsieren, um den Hergang der Taten zu beschreiben:

Der erste Kreuzzug im Jahr 1095 ist Herrn Stöcker zufolge ein vollkommen anlassloser Überfall etwas beschränkter, gutgläubiger „Deutscher“ Ritter auf das heilige Land, wo sie auf Geheiß des Papstes Männer, Frauen und Kinder niedermetzeln, eigene Staaten errichten, dort zwei Jahrhunderte weitermetzeln, um dann „gedemütigt“ wieder abzuziehen.

Das ist etwas ungenau beschrieben. Palästina – und damit Jerusalem – war Teil der Oströmischen Reiches gewesen, bis es im Jahr 637 von muslimischen Arabern erobert wurde. Dies geschah während der großen Eroberungskriege der Araber von 629 bis ins 8. Jahrhundert. Während dieser Zeit verbreiteten die muslimischen Araber den neuen Glauben mit „Feuer und Schwert“. Der Todeszoll unter der eroberten Bevölkerung war beachtlich. Die Araber – um Herrn Stöckers Worte zu verwenden – metzelten massenhaft Männer, Frauen und Kinder quer durch den einst römischen Orient nieder. Dies war das Ende der historischen „Antike“, deren Kultur damit unterging.

 

Islamische Eroberungsfeldzüge Creative-Commons-Lizenz „CC0 1.0 Verzicht auf das Copyright“

 

Die Muslime verwüsteten ganze Städte und heilige, christliche und jüdische Städten (z. B. Die Grabeskirche). Es gab grausame Übergriffe, Raub, Mord und Vergewaltigungen und entsetzliche Gräueltaten gegen die christliche und jüdische Bevölkerung. Die Juden und Christen stöhnten unter den Abgaben (Dschizya), die sie als ungläubige „Dhimmies“ an die muslimischen Herrscher zahlen mussten. Ihre Religionsausübung wurde nicht verboten, aber stark eingeschränkt. Sogar der muslimische Chronist al-Azimi berichtet von brutalen Angriffen auf christliche Pilger, die den weiteren Besuch heiliger Stätten unmöglich machten. So blieb es Jahrhundertelang.

Als ab 1071 auch noch die türkischen Seldschuken gegen Byzanz (Konstantinopel) vorrückten, 1073 Jerusalem einnahmen und überall Gewalt und Tod verbreiteten, kam das byzantinische Reich als Außenposten des christlich-lateinischen Europas in Bedrängnis und an die Grenzen seiner Kraft. Der byzantinische Kaiser Alexios I Komnenos sandte – etliche Jahre später – endlich Hilferufe nach Europa, in denen er auch höchst eindringlich die schlimme Lage der Christen und Juden im heiligen Land schilderte, um die christlichen, europäischen Militärmächte und die Römische Kirche aufzurütteln. Mit Erfolg.

Im November 1095 konnte eine byzantinische Gesandtschaft im französischen Clermont Papst Urban II. und die Kurie dazu bewegen, als Schutzmacht der Christenheit im heiligen Land, besonders in Jerusalem einzugreifen. Schon im Vorfeld war öffentlich angekündigt worden, der Papst habe ein bedeutendes Ereignis für die Christenheit zu verkünden, und so kamen Tausende Menschen zusammen, so dass der Papst nicht in der Kathedrale, sondern vor dem Osttor Clermonts seinen Aufruf an die Christenheit proklamierte: Die Befreiung der heiligen Stätten, der Schutz der christlichen Pilger und der Bevölkerung vor den grausamen Muslimen rufe jeden wahren Christen auf – denn „Gott will es!“ (Deo lo vult!). Anschließende tourte Urban II. noch durch Frankreich und verbreitete den Aufruf, Wanderprediger wurden ausgesandt, und so zogen ganze Völkerscharen an Abenteurern, Bauern, Verbrechern, Fürsten, Bischöfen und Rittern aus ganz Europa ins heilige Land. Daher trägt dieser Aufbruch auch den Namen „Volks-Kreuzzug“.

Natürlich ging es Papst Urban nicht nur um die Befreiung der heiligen Stätten und der unterdrückten, unter Gräueltaten der Muslime leidenden Christen. Die Kreuzzüge waren auch Machtinstrument in einem zersplitterten Europa. Überdies strebte er auch die Wiedervereinigung mit der oströmischen Kirche an – die ihm in dieser Lage kaum Widerstand hätte entgegensetzen können -, um die Römische Kirche zur stärksten Ordnungsmacht in Europa zu machen.

Interessant wäre es zu wissen, wie Herr Stöcker die Parallele der heutigen Volks-Halbmondzüge von Millionen Muslimen nach Europa hinein bewertet. Sieht er hier auch von „fadenscheinigen Argumenten der Imame“ angetriebene, gutgläubige IS-Ritter und und viele „Erfolglose“, die ins „unheilige“ Europa ziehen, um dort Männer, Frauen und Kinder zu metzeln? Wo sie nach eigenem Bekunden ein Kalifat errichten wollen?

1349: Die Pest ist Herrn Stöckers nächstes Thema. Unklar ist, warum er dies als deutschen Lieblingserfolg einstuft, den es gilt, zunichte zu machen. Die Deutschen hätten dieser Krankheit nichts entgegensetzen können, als Aderlass und krude Theorien. „Europaweit sterben geschätzte 25 Millionen Menschen, etwa ein Drittel der Gesamtbevölkerung“. Ja, Herr Stöcker … und inwiefern ist das etwas, das gegen eine Deutsche Geschichte oder Kulturnation spricht?

Die ältesten Nachweise des Pesterregers „Yersinia pestis“ stammen aus bis zu 5000 Jahre alten Skeletten aus der Steppenregion um das Schwarze Meer herum. (Literatur: Simon Rasmussen et al.: Early Divergent Strains of Yersinia pestis in Eurasia 5,000 Years Ago In: Cell. Band 163, Nr. 3, 2015, S. 571–582, doi:10.1016/j.cell.2015.10.009).

Schon im alten Ägypten gab es Pestseuchen, und auch dieses hochkultivierte Volk hatte keine wirksame, mit „wissenschaftlichem Denken“ erarbeitete Gegenstrategie.

Junge Hexe zum Scheiterhaufen geführt, Ölbild von Anselm Feuerbach, 1851, gemeinfrei

Ca. 1400 bis 1800 „Trendsport Hexenverfolgung“ nennt Herr Stöcker zynisch das grauenhafte Schlachten, Foltern und verbrennen von Frauen während des Wütens der Inquisition. Und auch das lastet er natürlich den Deutschen an. Mal ganz abgesehen davon, dass heute noch in Afrika, Südostasien und Lateinamerika Hexen verfolgt werden, woran wir Deutschen bestimmt auch irgendwie schuld sind, gibt es die Angst vor Hexen, Hexern, Zauberern und Schwarzer Magie schon sein Menschheitsgedenken überall. Schon im babylonischen Codex Hammurabi wird die Wasserprobe zur Entdeckung der Hexe beschrieben. Im alte Testament finden sich Verbote der Zauberei, die Römer bestraften „Schadzauber“ mit dem Tod.

Die „Inquisition“ (Untersuchung), die die mittelalterliche Hexenverfolgung einläutete, begann in Europa vor allem in Süd- und Mitteleuropa und wurde in der frühen Neuzeit in Spanien, Italien und Portugal institutionalisiert. Die Grausamkeit der spanischen Inquisition war berüchtigt. Hexenverfolgung und -Verbrennung gab es in ganz Europa, sogar in den USA gab es Anfangs noch solche Prozesse. Berühmt wurde der vollkommen aus dem Ruder laufende Hexenprozess von Salem, in dessen Verlauf  20 Beschuldigte hingerichtet, 55 Menschen unter Folter zu Falschaussagen gebracht, 150 Verdächtigte inhaftiert und weitere 200 Menschen der Hexerei beschuldigt wurden. Diese furchtbaren Dinge als „typisch deutsch“ zu bewerten ist schon extrem gehässig.

Was Herr Stöcker dabei ganz bewusst unterschlägt ist, dass es gerade ein Deutscher war, der mit großem Mut und unter Einsatz seines Lebens diese entsetzliche Barbarei beendete: Der Jesuit und Dichter Friedrich von Spee setzte 1631 mit seinem Buch „Cautio criminalis seu de processibus contra Sagas Liber“ (Rechtlicher Vorbehalt oder Buch über die Prozesse gegen Hexen) einen Prozess in Gang, der das Ende des Hexenwahns einläutete. Auch Königin Christina von Schweden las eine Übersetzung dieses Buches und beendete auch in ihrem Land daraufhin die Hexenverfolgungen.

Das Buch von Spees fiel auf fruchtbaren Boden. Schon vorher hatten sich mutige Männer in Deutschland gegen die Hexenprozesse gewandt. Es sei an den Arzt Johann Weyer erinnert mit seiner Kampfschrift „De praestigiis daemonum“ („Von den Blendwerken der Dämonen“, 1563) aus der Allmacht Gottes, der dies nie zuließe, gegen den Hexenglauben. Kurz darauf lehnten Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg (1516–1592), Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz (1515–1576), Graf Hermann von Neuenahr und Moers (1520–1578) und Graf Wilhelm IV. von Berghs’Heerenberg (1537–1586) die weitere Tortur und Anwendung der Todesstrafe ab; auch Graf Adolf von Nassau (1540–1568) vertrat die Meinung Weyers. Christoph Prob, der Kanzler Friedrichs III. von der Pfalz, verteidigte Weyers Auffassung 1563 auf dem Rheinischen Kurfürstentag in Bingen. Ähnlich wie Weyer dachten der reformierte Arzt Johannes Ewich (1525–1588), der 1584 Folter und Wasserprobe verurteilte, der reformierte Theologe Hermann Wilken (Witekind) (1522–1603) in der 1585 pseudonym erschienenen Schrift Christlich bedencken vnd erjnnerung von Zauberey oder der katholische Theologe Cornelius Loos (1546–1595) in seinem Traktat „De vera et falsa magia“von 1592. Wikipedia zählt noch viele Gegner der Hexenprozesse auf, nicht alle, aber sehr viele davon waren Deutsche.

Die deutschen Frauen, die während des grassierenden Hexenwahns in Europa den größten Blutzoll leisten mussten, auch noch als antideutsches Argument zu verwursten, ist schlichtweg geschmacklos.

1618 bis 1648: Auch im Dreißigjährigen Krieg sieht Herr Stöcker eine spezifisch deutsche Schuld. Das Massensterben der Deutschen und flächendeckenden Gräueltaten unter den verschiedenen Heeren und Vigilantentruppen ist aber keineswegs ein typisch deutsches Hobby. Auch hier verschweigt er, dass es Truppen aus ganz Europa waren, die insbesondere auf deutschem Boden wüteten. Die vielen „Schwedenschanzen“, deren Namen noch von den schwedischen Truppen unter Gustav Adolf zeugen, findet man quer durch Deutschland. Dabei waren auch die schwedischen Landsknechte multinationale Truppen. Gustav Adolf konnte nach Gesetz (Krigsfolksordning) jeden über 15jährigen Untertan zum Kriegsdienst heranziehen, was nicht schwer war, denn die schwedischen Gemeindepfarrer mussten Buch führen „über die Heranwachsenden“, damit sie mit 15 Jahren in die Liste aller kriegsverpflichteten Männer eingetragen wurden.

 

König Gustav Adolf, König von Schweden

 

Herr Stöcker, wussten Sie, dass die Großmachtszeit Schwedens zwischen 1620 und 1721 durch diese Kriegsverpflichtung jeden dritten Mann in Schweden das Leben kostete? Die meisten starben in der Fremde an Seuchen, Kälte und Hunger und gar nicht an Kriegsverletzungen.

Aber auch diese brutale Art der Rekrutierung reichte Gustav Adolf nicht, um seine Interessen auf deutschem Boden durchzusetzen. Also füllte er die Reihen in seiner Truppe damit, ausländische Soldaten auf dem internationalen Markt zu kaufen. Im Dreißigjährigen Krieg war die Zahl der gekauften Söldner so hoch wie nie. Eine große Gruppe davon stammte aus Schottland. Zwischen 13.000 und 14.000 Soldaten, hauptsächlich aus dem östlichen Hochland um Inverness, Aberdeen und Edinburgh. Ein weiteres, großes Kontingent stammte aus England. Man stelle sich vor, die Deutschen wären mit solchen riesigen Heeren in Skandinavien eingebrochen und hätten dort dermaßen geschlachtet und gehaust.

Auch hier, Herr Stöcker, machen Sie die Opfer zu Tätern. Zackzack – mal eben wieder alles Deutsche abgewatscht, nächstes Thema.

Ab 1792: Das sogenannte Heilige Römische Reich deutscher Nation: „In Wahrheit eine Ansammlung vieler Fürstentümer höchst unterschiedlicher Größe, mit unterschiedlichen Kulturen, Dialekten und Gebräuchen, wird im ersten Koalitionskrieg und den daran anschließenden Napoleonischen Kriegen nach und nach weggeknabbert.“

Das Heilige Römischen Reich Deutscher Nation („Sacrum Romanum Imperium Nationis Germanicæ“), war nicht nur „sogenannt“, das gab es tatsächlich. Ein über Tausend Jahre alter, kraftstrotzender und würdiger Anker für Stabilität in Europa (obwohl ich kein Freund von Karl, dem Sachsenschlächter bin!) und der Urgrund der Deutschen Kulturnation, trug ja schon damals die „Deutsche Nation“ im Namen und wurde in den Quellen des 11. Jahrhunderts durchweg als „Regnum Teutonicorum“ – das Königreich der Deutschen bezeichnet. Man lebte, fühlte und dachte also als „Teutone“, als Deutscher. Dieses Heilige Römische Reich Deutscher Nation formte und bestimmte zu einem sehr großen Teil die Geschichte und Kultur des Kontinents Europa durch Tausend Jahre. Ende der Durchsage.

Die Deutsche Kulturnation ist also mehr als Tausend Jahre alt und damit ist der Ansatz, den Deutschen ihre tausendjährige Geschichte abzusprechen schlicht nicht legitim.

Dass die Interessen der Mächte um dieses Reich herum ständig mit denen der Großmacht in der Mitte Europas kollidierten, war und ist unvermeidbar. Wir erleben das in der heutigen EU wieder sehr anschaulich. Deutschland als größter Macht und -Wirtschaftsfaktor ist immer Reibebaum für alle anderen. Die Fliehkräfte innerhalb der EU aufgrund unterschiedlicher Interessen der verschiedenen Spieler auf dem Feld, nehmen zur Zeit wieder genauso überhand, wie damals, zu Zeiten Napoleon Bonapartes. Die Fürsten der verschiedenen deutschen Länder agierten mehr und mehr auf eigene Rechnung, Napoleon Bonaparte machte sich darüber lustig, wie leicht er die deutschen Länder gegeneinander aufbringen konnte und wie naiv die Deutschen seien. Bayern verbündete sich sogar mit den Franzosen und fiel gemeinsam über die Nachbarn in Tirol her. Eine Schande. Zusammen mit dem Fürsten von Württemberg, die Napoleon 1806 zu Königen erhob und 16 weiteren deutschen Reichsstände schloss man sich im selben Jahr unter Frankreich zum Rheinbund zusammen und kündigte die Reichszugehörigkeit auf. Jetzt hatte Napoleon genug zusammen, um auf den letzten Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Franz II. soviel Druck zu machen, dass dieser sich beugte und die erhabene, alte Krone ablegte. Am 06. August 1806 erklärte er, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation für erloschen.

Aber in der Tat, ich muss Ihnen insofern Recht geben, Herr Stöcker: Die französische Besatzung im zerrissenen, ehemaligen Reich, deren Schikanen, die Zensur und das Verbot der freien Rede brachte die Deutschen dazu, sich wieder darauf zu besinnen, wer sie waren. Der Verleger Johann Philipp Palm brachte die Schrift „Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung“ heraus, die sich vehement gegen die Napoleonische Besatzung richtete. Er gab den Namen des eigentlichen Autoren niemals preis. Er wurde von den Franzosen erschossen.

Die Aussicht auf die bevorstehende Befreiung Lüneburgs durch preußische und russische Truppen veranlasste auch die Bewohner der Stadt, sich gegen die französische Besatzung zu erheben. Als im Laufe des Gefechtes dem preußischen Regiment die Munition auszugehen drohte, versorgte Johanna Stegen die Soldaten mit Patronen, die sie aus einem von den Franzosen zurückgelassenen umgekippten Munitionswagen aufsammelte und in ihrer Schürze herbeitrug. Durch diese Tat, die maßgeblich zum Sieg der preußischen Truppen beigetragen haben soll, wurde sie als Heldenmädchen von Lüneburg bekannt. Bild: Wikipedia, gemeinfrei

 

 

Aus den Völkern der Deutschen erwuchs wieder das Verständnis für ihre Kulturnation, machtvoller, als zuvor. Philosophen und Denker wie Johann Gottlieb Fichte hielten ihre flammenden „Reden an die Deutsche Nation“. Die Freiheitskriege, in denen junge Männer tapfer für die Freiheit der Deutschen kämpften und – wie auch zahlreiche Heldenmädchen! – ihr Leben gaben, zeugen eindrucksvoll davon. Es war ein Ringen um die eigene, deutsche Identität, um Freiheit, um die alten Werte und um die Zukunft. Und ja, es war ein Erfolg, der Deutschland eine große und gute Zeit brachte, Frieden, technische Fortschritte, Wohlstand, Achtung und Respekt.

Nicht zuletzt auch Dank des Reichskanzlers von Bismarck, der ein kluger Politiker und Staatsmann war. Seine Maxime in der Politik war „Friede mit den Nachbarn, namentlich mit Russland“. Ein großer Mann. Die berühmte. englische Karikatur „Dropping the Pilot“ (Der Lotse geht von Bord) ist nicht ohne Grund weltbekannt. Nachdem von Bismarck gegangen war, steuerte das prächtige Schiff des Deutschen Reiches auf den Abgrund zu.

„Der Lotse geht von Bord“, eine Karikatur von John Tenniel aus der britischen Satirezeitschrift „punch“ (Dropping the Pilot). Bildquelle: Wikipedia, gemeinfrei

 

Dass Deutschland sich in den ersten Weltkrieg durch die Verblendung und den „Blankoscheck“ Kaiser Wilhelms II. an Österreich in den Ersten Weltkrieg hineinziehen ließ, ist eine europäische Tragödie. Nur sechs Wochen dauerte es vom Attentat am 28. Juni 1914 in Sarajevo auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz-Ferdinand durch den jungen Serben Gavrilo Princip bis zum Kriegsausbruch am 01. August 1914. Deutschland erklärte an diesem Tag Russland den Krieg, weil Zar Nikolaus auf der Seite Serbiens stand, Österreich aber Serbien am selben Tag des Mordes den Krieg erklärt hatte und Deutschland an Österreichs Seite stand.

Der Zweite Weltkrieg war eine Folge des Ersten. In Großbritannien nennt man diese beiden Weltkriege den Zweiten Dreißigjährigen Krieg gegen Deutschland.

Ja, Herr Stöcker, ich liebe die Deutsche Kulturnation und ihre Geschichte, sie ist meine Heimat, mein Herz, meine Seele. Meine Wurzeln sind metertief in diesem Boden und Deutschlands heutiges Elend zerreißt mein Herz. Und ja, ich achte andere Kulturnationen hoch und bewundere sie, wie Frankreich, Italien, Spanien, Russland, China … Angkor Wat, das Serail, Sankt Petersburg, die schönste Stadt, die ich je sah, Japans Tempel, Chichén Itzà, Norwegens Stabkirchen, die Pyramiden von Gizeh, die äthiopischen Felsenkirchen …

Solche herrlichen Dinge, wie auch die Musik, Malerei, Bildhauerei, die Städte, die Menschen. Es sind Gesamtkunstwerke, aus den Kulturnationen geboren. Nein, es ist nicht „alles Mist“!

Sie alle, alle! sind strahlende Juwelen in der Geschichte der Menschheit.

 

Jedes Volk ist ein Gedanke Gottes

(Johann Gottfried Herder)


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