"Gottfried von Bouillon führt das Heer der Kreuzfahrer zum blutigen Sieg" (Gemälde von Emile Signol, Frankreich, 1847)

“Alles Mist”: Spie­gel­re­dakteur meu­chelt Deutsche Kulturnation

Nachdem Frau Özoguz schon öffentlich in Abrede stellte, dass es so etwas, wie eine Deutsche Kultur gibt — was man ihr viel­leicht mangels Ver­ständnis nicht wirklich übel­nehmen kann, müsste man nicht dahinter eine bewusst anti­deutsche Haltung ver­muten – legt nun Herr Christian Stöcker im „Spiegel“ nach.
Inter­es­san­ter­weise geht Herr Stöcker aus einer rein ras­sis­ti­schen Per­spektive an die Frage heran, ob es denn über­haupt so etwas wie eine Deutsche Geschichte und Kul­tur­nation gegeben habe. Seine bio­lo­gis­tisch-ras­si­tische Sicht­weise kommt recht schön in dem Satz zur Geltung „Wie viele Gene­ra­tionen muss es ein Schnipsel DNA auf dem Boden der heu­tigen Bun­des­re­publik aus­ge­halten haben, bis sein Besitzer stolz auf die “erfolg­reiche deutsche Geschichte” sein darf?“
Herr Stöcker macht die Genetik zum allein­be­stim­menden Zuge­hö­rig­keits­merkmal einer Kul­tur­nation? Inter­essant. Was ver­steht er dann unter Inte­gration? Er sin­niert über die Frage, ob Kafka doch nicht eher ein Tscheche sei, da er ja „immerhin in Prag“ lebte und schrieb. Oder Mozart, der zwar Deutsch sprach, aber doch in Öster­reich lebte. Oder ob Kant nicht viel­leicht eigentlich eher Russe war, da er ja in Königsberg arbeitete und starb.
Lieber, ver­ehrter Herr Stöcker, viel­leicht sollten Sie, wenn Sie über (Deutsche) Geschichte schreiben, sich auch vorher ein wenig ein­lesen. Königsberg war zu Zeiten Immanuel Kants (* 22. April 1724 in Königsberg, Preußen; † 12. Februar 1804, ebenda) deutsch und auch heute noch ist das deutsche Erbe Königs­bergs unüber­sehbar und wird von den heute dort lebenden Russen sehr geehrt. Die Russen haben Hoch­achtung vor der Deut­schen Geschichte und Kultur – trotz allem -, weil sie Niveau, Bildung und Format haben und eine bewusste Kul­tur­nation sind. Auch, wenn sie sehr unter­schied­liche DNA haben. Wussten Sie, Herr Stöcker, dass der böse, finstere, rus­sische Prä­sident Wla­dimir Putin das Geburtshaus des großen, deut­schen Phi­lo­sophen Immanuel Kants auf eigene, private Kosten für 650.000 € hat reno­vieren lassen?
 

Das halb ver­fallene Geburtshaus des großen deut­schen Denkers Immanuel Kant bei Königsberg — vor der Wie­der­in­stand­setzung durch den rus­si­schen Prä­si­denten Wla­dimir Putin. (Bild: unzensuriert)

 
Außerdem sollten Sie, Herr Stöcker, sich einmal infor­mieren, was denn eine Kul­tur­nation über­haupt ist, und einen Blick über den ras­sisch-völ­ki­schen Tel­lerrand hinaus wagen.
Dem großen deut­schen Denker und Phi­lo­sophen Johann Gott­fried Herder zufolge ist eine Kul­tur­nation eine Auf­fassung und Lebens­wirk­lichkeit, in der sich natio­nales Bewusstsein lang vor der Her­aus­bildung eines modernen Natio­nal­staates und auch unab­hängig davon ent­wi­ckelt hat. Es hängt nicht von einer zen­tralen, staat­lichen Orga­ni­sation (Staats­nation) ab, es liegt auch nicht in dem Willen der Ein­wohner eines Staates, die einer Nation ange­hören begründet (sub­jek­tiver Nati­ons­be­griff), sonder eine Kul­tur­nation beruht auf gemein­samer Sprache (mit allen zuge­hö­rigen Dia­lekten), gemein­samen Tra­di­tionen der Volks­kultur, der Sied­lungs- und Erzie­hungs­weise sowie den Vor­stel­lungen einer gemein­samen Abstammung, Ver­wandt­schaft und Geschichte (objek­tiver Nationsbegriff).
Diese Her­dersche Defi­nition ist im Übrigen auf der ganzen Welt akzeptiert.
Deshalb erlosch auch die Zuge­hö­rigkeit zur Deut­schen Kul­tur­nation nicht mit der Spaltung Deutsch­lands in Deutsche Demo­kra­tische Republik und Bun­des­re­publik Deutschland. So wie sie auch nicht durch den Verlust der Ost­ge­biete und Königs­bergs an Russland erlosch. Und so war die Deutsche Kul­tur­nation auch längst existent, noch bevor der Nord­deutsche Schutz- und Trutzbund einige deutsche Länder als Keim­zelle eines spä­teren Ersten Deut­schen Reiches vereinte.
Deshalb gab es auch keine spe­zi­fische Jugo­sla­wische Kul­tur­nation, sondern nur eine Staats­nation, mit eiserner Faust von Tito zusam­men­ge­halten, die nach dem Tode Titos und unter der unse­ligen Ein­wirkung der „West­lichen Inter­essen“ wieder blutig in die ver­schie­denen Ethnien und Kul­turen zerfiel. Daher ist auch die USA keine echte Kul­tur­nation, sondern eine Staats­nation, die einen über­stei­gerten Staats­pa­trio­tismus pflegen muss, weil dies die einzige Klammer ist, die diese Nation zusam­menhält. Deshalb ist auch die Trennung zwi­schen Nord- und Süd­korea eine stetig schwä­rende Wunde. Deshalb pflegen und lieben die Kanadier in Nova Scotia (Neu­schottland) auch ihre kel­tische Kultur als Iden­tität, schreiben die Orts­namen auch in kel­ti­scher Sprache unter den eng­li­schen Namen und fühlen sich dadurch mit ihrer Kultur ver­bunden und darin geborgen. Dabei werden Zuwan­derer gern auf­ge­nommen, wenn sie sich inte­grieren. Deshalb ist es auch völlig wurst, ob Herr Kafka in Prag lebte, dort die “deutsche Kna­ben­schule” besuchte in Öster­reich starb, aber deutsch schrieb. Ob Prag oder Hin­ter­pusemuckel-Süd: Er ist ein Teil der Deut­schen Kulturnation.
Falls Sie nach­schauen wollen, Herr Stöcker, auch die keines Natio­na­limus’ oder Volks­tü­melei ver­dächtige Online-Enzy­klo­pädie „Wiki­pedia“ bietet eine ähn­liche Defi­nition.
Heinrich Heine, ein großer Deut­scher Dichter, ist einer derer, die ein fester Bestandteil der Deut­schen Kul­tur­nation sind und dazu einen wun­der­baren Beitrag geleistet haben. Er war im tiefsten Herzen mit der Deut­schen Kultur und Geschichte ver­bunden. Für unsere Leser, die das auch sind, möchte ich hier ein Gedicht von Heinrich Heine als Kal­li­graphie ver­öf­fent­lichen, das mich als 13jährige sehr beein­druckte und aus dem Herzen sprach, so dass ich es auf­ge­schrieben habe

 

Heinrich

Auf dem Schlosshof zu Canossa / Steht der deutsche Kaiser Heinrich,
Barfuß und im Büßer­hemde / Und die Nacht ist kalt und regnicht.

Droben aus dem Fenster lugen / Zwo Gestalten, und der Mondschein
Über­flimmert Gregors Kahlkopf / Und die Brüste der Mathildis.

Heinrich, mit den blassen Lippen / Murmelt fromme Paternoster;
Doch im tiefen Kai­ser­herzen / Heimlich knirscht er, heimlich spricht er:

“Fern in meinen deut­schen Landen / Heben sich die starken Berge,
Und im stillen Ber­ges­schachte / Wächst das Eisen für die Streitaxt.

Fern in meinen deut­schen Landen / Heben sich die Eichenwälder,
Und im Stamm der höchsten Eiche / Wächst der Holz­stiel für die Streitaxt.

Du, mein liebes treues Deutschland, / Du wirst auch den Mann gebären,
Der die Schlange meiner Qualen / Nie­der­schmettert mit der Streitaxt.”

(Nach­ge­lesene Gedichte 1812 — 1827) 

 
„Mein liebes, treues Deutschland“, wappne Dich, denn Herr Stöcker macht sich nun daran, die „Sechs Top-Erfolgen der Deut­schen Geschichte“ zu mas­sa­krieren. Mit viel Häme, aber wenig pro­funden Geschichts­kennt­nissen metzelt er mit der Axt des Hasses die Deutsche Geschichte zusammen, bis nur noch häss­liche, blu­tende, ent­stellte Lei­chen­teile das Schlachtfeld bedecken.
Ziehen wir uns die Latex­hand­schuhe des Patho­logen an und ver­suchen wir, die geschän­deten Lei­chen­teile zu aut­op­sieren, um den Hergang der Taten zu beschreiben:
Der erste Kreuzzug im Jahr 1095 ist Herrn Stöcker zufolge ein voll­kommen anlass­loser Überfall etwas beschränkter, gut­gläu­biger „Deut­scher“ Ritter auf das heilige Land, wo sie auf Geheiß des Papstes Männer, Frauen und Kinder nie­der­metzeln, eigene Staaten errichten, dort zwei Jahr­hun­derte wei­ter­metzeln, um dann „gede­mütigt“ wieder abzuziehen.
Das ist etwas ungenau beschrieben. Palästina — und damit Jeru­salem – war Teil der Ost­rö­mi­schen Reiches gewesen, bis es im Jahr 637 von mus­li­mi­schen Arabern erobert wurde. Dies geschah während der großen Erobe­rungs­kriege der Araber von 629 bis ins 8. Jahr­hundert. Während dieser Zeit ver­brei­teten die mus­li­mi­schen Araber den neuen Glauben mit „Feuer und Schwert“. Der Todeszoll unter der eroberten Bevöl­kerung war beachtlich. Die Araber – um Herrn Stö­ckers Worte zu ver­wenden — met­zelten mas­senhaft Männer, Frauen und Kinder quer durch den einst römi­schen Orient nieder. Dies war das Ende der his­to­ri­schen „Antike“, deren Kultur damit unterging.
 

Isla­mische Erobe­rungs­feldzüge Creative-Commons-Lizenz „CC0 1.0 Ver­zicht auf das Copyright“

 

Die Muslime ver­wüs­teten ganze Städte und heilige, christ­liche und jüdische Städten (z. B. Die Gra­bes­kirche). Es gab grausame Über­griffe, Raub, Mord und Ver­ge­wal­ti­gungen und ent­setz­liche Gräu­el­taten gegen die christ­liche und jüdische Bevöl­kerung. Die Juden und Christen stöhnten unter den Abgaben (Dschizya), die sie als ungläubige „Dhimmies“ an die mus­li­mi­schen Herr­scher zahlen mussten. Ihre Reli­gi­ons­aus­übung wurde nicht ver­boten, aber stark ein­ge­schränkt. Sogar der mus­li­mische Chronist al-Azimi berichtet von bru­talen Angriffen auf christ­liche Pilger, die den wei­teren Besuch hei­liger Stätten unmöglich machten. So blieb es Jahrhundertelang.

Als ab 1071 auch noch die tür­ki­schen Sel­dschuken gegen Byzanz (Kon­stan­ti­nopel) vor­rückten, 1073 Jeru­salem ein­nahmen und überall Gewalt und Tod ver­brei­teten, kam das byzan­ti­nische Reich als Außen­posten des christlich-latei­ni­schen Europas in Bedrängnis und an die Grenzen seiner Kraft. Der byzan­ti­nische Kaiser Alexios I Kom­nenos sandte – etliche Jahre später — endlich Hil­ferufe nach Europa, in denen er auch höchst ein­dringlich die schlimme Lage der Christen und Juden im hei­ligen Land schil­derte, um die christ­lichen, euro­päi­schen Mili­tär­mächte und die Römische Kirche auf­zu­rütteln. Mit Erfolg.

Im November 1095 konnte eine byzan­ti­nische Gesandt­schaft im fran­zö­si­schen Clermont Papst Urban II. und die Kurie dazu bewegen, als Schutz­macht der Chris­tenheit im hei­ligen Land, besonders in Jeru­salem ein­zu­greifen. Schon im Vorfeld war öffentlich ange­kündigt worden, der Papst habe ein bedeu­tendes Ereignis für die Chris­tenheit zu ver­künden, und so kamen Tau­sende Men­schen zusammen, so dass der Papst nicht in der Kathe­drale, sondern vor dem Osttor Cler­monts seinen Aufruf an die Chris­tenheit pro­kla­mierte: Die Befreiung der hei­ligen Stätten, der Schutz der christ­lichen Pilger und der Bevöl­kerung vor den grau­samen Mus­limen rufe jeden wahren Christen auf – denn „Gott will es!“ (Deo lo vult!). Anschlie­ßende tourte Urban II. noch durch Frank­reich und ver­breitete den Aufruf, Wan­der­pre­diger wurden aus­ge­sandt, und so zogen ganze Völ­ker­scharen an Aben­teurern, Bauern, Ver­bre­chern, Fürsten, Bischöfen und Rittern aus ganz Europa ins heilige Land. Daher trägt dieser Auf­bruch auch den Namen „Volks-Kreuzzug“.

Natürlich ging es Papst Urban nicht nur um die Befreiung der hei­ligen Stätten und der unter­drückten, unter Gräu­el­taten der Muslime lei­denden Christen. Die Kreuzzüge waren auch Macht­in­strument in einem zer­split­terten Europa. Überdies strebte er auch die Wie­der­ver­ei­nigung mit der ost­rö­mi­schen Kirche an — die ihm in dieser Lage kaum Wider­stand hätte ent­ge­gen­setzen können -, um die Römische Kirche zur stärksten Ord­nungs­macht in Europa zu machen.

Inter­essant wäre es zu wissen, wie Herr Stöcker die Par­allele der heu­tigen Volks-Halb­mondzüge von Mil­lionen Mus­limen nach Europa hinein bewertet. Sieht er hier auch von „faden­schei­nigen Argu­menten der Imame“ ange­triebene, gut­gläubige IS-Ritter und und viele „Erfolglose“, die ins „unheilige“ Europa ziehen, um dort Männer, Frauen und Kinder zu metzeln? Wo sie nach eigenem Bekunden ein Kalifat errichten wollen?

1349: Die Pest ist Herrn Stö­ckers nächstes Thema. Unklar ist, warum er dies als deut­schen Lieb­lings­erfolg ein­stuft, den es gilt, zunichte zu machen. Die Deut­schen hätten dieser Krankheit nichts ent­ge­gen­setzen können, als Aderlass und krude Theorien. „Euro­paweit sterben geschätzte 25 Mil­lionen Men­schen, etwa ein Drittel der Gesamt­be­völ­kerung“. Ja, Herr Stöcker … und inwiefern ist das etwas, das gegen eine Deutsche Geschichte oder Kul­tur­nation spricht?

Die ältesten Nach­weise des Pest­er­regers „Yer­sinia pestis“ stammen aus bis zu 5000 Jahre alten Ske­letten aus der Step­pen­region um das Schwarze Meer herum. (Lite­ratur: Simon Ras­mussen et al.: Early Divergent Strains of Yer­sinia pestis in Eurasia 5,000 Years Ago In: Cell. Band 163, Nr. 3, 2015, S. 571–582, doi:10.1016/j.cell.2015.10.009).

Schon im alten Ägypten gab es Pest­seuchen, und auch dieses hoch­kul­ti­vierte Volk hatte keine wirksame, mit „wis­sen­schaft­lichem Denken“ erar­beitete Gegenstrategie.

Junge Hexe zum Schei­ter­haufen geführt, Ölbild von Anselm Feu­erbach, 1851, gemeinfrei

Ca. 1400 bis 1800 „Trend­sport Hexen­ver­folgung“ nennt Herr Stöcker zynisch das grau­en­hafte Schlachten, Foltern und ver­brennen von Frauen während des Wütens der Inqui­sition. Und auch das lastet er natürlich den Deut­schen an. Mal ganz abge­sehen davon, dass heute noch in Afrika, Süd­ost­asien und Latein­amerika Hexen ver­folgt werden, woran wir Deut­schen bestimmt auch irgendwie schuld sind, gibt es die Angst vor Hexen, Hexern, Zau­berern und Schwarzer Magie schon sein Mensch­heits­ge­denken überall. Schon im baby­lo­ni­schen Codex Ham­murabi wird die Was­ser­probe zur Ent­de­ckung der Hexe beschrieben. Im alte Tes­tament finden sich Verbote der Zau­berei, die Römer bestraften „Schad­zauber“ mit dem Tod.

Die „Inqui­sition“ (Unter­su­chung), die die mit­tel­al­ter­liche Hexen­ver­folgung ein­läutete, begann in Europa vor allem in Süd- und Mit­tel­europa und wurde in der frühen Neuzeit in Spanien, Italien und Por­tugal insti­tu­tio­na­li­siert. Die Grau­samkeit der spa­ni­schen Inqui­sition war berüchtigt. Hexen­ver­folgung und ‑Ver­brennung gab es in ganz Europa, sogar in den USA gab es Anfangs noch solche Pro­zesse. Berühmt wurde der voll­kommen aus dem Ruder lau­fende Hexen­prozess von Salem, in dessen Verlauf  20 Beschul­digte hin­ge­richtet, 55 Men­schen unter Folter zu Falsch­aus­sagen gebracht, 150 Ver­däch­tigte inhaf­tiert und weitere 200 Men­schen der Hexerei beschuldigt wurden. Diese furcht­baren Dinge als „typisch deutsch“ zu bewerten ist schon extrem gehässig.

Was Herr Stöcker dabei ganz bewusst unter­schlägt ist, dass es gerade ein Deut­scher war, der mit großem Mut und unter Einsatz seines Lebens diese ent­setz­liche Bar­barei beendete: Der Jesuit und Dichter Friedrich von Spee setzte 1631 mit seinem Buch „Cautio cri­mi­nalis seu de pro­ces­sibus contra Sagas Liber“ (Recht­licher Vor­behalt oder Buch über die Pro­zesse gegen Hexen) einen Prozess in Gang, der das Ende des Hexen­wahns ein­läutete. Auch Königin Christina von Schweden las eine Über­setzung dieses Buches und beendete auch in ihrem Land dar­aufhin die Hexenverfolgungen.

Das Buch von Spees fiel auf frucht­baren Boden. Schon vorher hatten sich mutige Männer in Deutschland gegen die Hexen­pro­zesse gewandt. Es sei an den Arzt Johann Weyer erinnert mit seiner Kampf­schrift „De praes­tigiis dae­monum“ („Von den Blend­werken der Dämonen“, 1563) aus der All­macht Gottes, der dies nie zuließe, gegen den Hexen­glauben. Kurz darauf lehnten Herzog Wilhelm V. von Jülich-Kleve-Berg (1516–1592), Kur­fürst Friedrich III. von der Pfalz (1515–1576), Graf Hermann von Neu­enahr und Moers (1520–1578) und Graf Wilhelm IV. von Berghs’Heerenberg (1537–1586) die weitere Tortur und Anwendung der Todes­strafe ab; auch Graf Adolf von Nassau (1540–1568) vertrat die Meinung Weyers. Christoph Prob, der Kanzler Fried­richs III. von der Pfalz, ver­tei­digte Weyers Auf­fassung 1563 auf dem Rhei­ni­schen Kur­fürs­tentag in Bingen. Ähnlich wie Weyer dachten der refor­mierte Arzt Johannes Ewich (1525–1588), der 1584 Folter und Was­ser­probe ver­ur­teilte, der refor­mierte Theologe Hermann Wilken (Witekind) (1522–1603) in der 1585 pseudonym erschie­nenen Schrift Christlich bedencken vnd erjn­nerung von Zau­berey oder der katho­lische Theologe Cor­nelius Loos (1546–1595) in seinem Traktat „De vera et falsa magia“von 1592. Wiki­pedia zählt noch viele Gegner der Hexen­pro­zesse auf, nicht alle, aber sehr viele davon waren Deutsche.

Die deut­schen Frauen, die während des gras­sie­renden Hexen­wahns in Europa den größten Blutzoll leisten mussten, auch noch als anti­deut­sches Argument zu ver­wursten, ist schlichtweg geschmacklos.

1618 bis 1648: Auch im Drei­ßig­jäh­rigen Krieg sieht Herr Stöcker eine spe­zi­fisch deutsche Schuld. Das Mas­sen­sterben der Deut­schen und flä­chen­de­ckenden Gräu­el­taten unter den ver­schie­denen Heeren und Vigi­lan­ten­truppen ist aber kei­neswegs ein typisch deut­sches Hobby. Auch hier ver­schweigt er, dass es Truppen aus ganz Europa waren, die ins­be­sondere auf deut­schem Boden wüteten. Die vielen „Schwe­den­schanzen“, deren Namen noch von den schwe­di­schen Truppen unter Gustav Adolf zeugen, findet man quer durch Deutschland. Dabei waren auch die schwe­di­schen Lands­knechte mul­ti­na­tionale Truppen. Gustav Adolf konnte nach Gesetz (Krigs­folks­ordning) jeden über 15jährigen Untertan zum Kriegs­dienst her­an­ziehen, was nicht schwer war, denn die schwe­di­schen Gemein­de­pfarrer mussten Buch führen „über die Her­an­wach­senden“, damit sie mit 15 Jahren in die Liste aller kriegs­ver­pflich­teten Männer ein­ge­tragen wurden.
 

König Gustav Adolf, König von Schweden

 
Herr Stöcker, wussten Sie, dass die Groß­machtszeit Schwedens zwi­schen 1620 und 1721 durch diese Kriegs­ver­pflichtung jeden dritten Mann in Schweden das Leben kostete? Die meisten starben in der Fremde an Seuchen, Kälte und Hunger und gar nicht an Kriegsverletzungen.
Aber auch diese brutale Art der Rekru­tierung reichte Gustav Adolf nicht, um seine Inter­essen auf deut­schem Boden durch­zu­setzen. Also füllte er die Reihen in seiner Truppe damit, aus­län­dische Sol­daten auf dem inter­na­tio­nalen Markt zu kaufen. Im Drei­ßig­jäh­rigen Krieg war die Zahl der gekauften Söldner so hoch wie nie. Eine große Gruppe davon stammte aus Schottland. Zwi­schen 13.000 und 14.000 Sol­daten, haupt­sächlich aus dem öst­lichen Hochland um Inverness, Aberdeen und Edin­burgh. Ein wei­teres, großes Kon­tingent stammte aus England. Man stelle sich vor, die Deut­schen wären mit solchen rie­sigen Heeren in Skan­di­navien ein­ge­brochen und hätten dort der­maßen geschlachtet und gehaust.
Auch hier, Herr Stöcker, machen Sie die Opfer zu Tätern. Zackzack – mal eben wieder alles Deutsche abge­watscht, nächstes Thema.
Ab 1792: Das soge­nannte Heilige Römische Reich deut­scher Nation: “In Wahrheit eine Ansammlung vieler Fürs­ten­tümer höchst unter­schied­licher Größe, mit unter­schied­lichen Kul­turen, Dia­lekten und Gebräuchen, wird im ersten Koali­ti­ons­krieg und den daran anschlie­ßenden Napo­leo­ni­schen Kriegen nach und nach weggeknabbert.”
Das Heilige Römi­schen Reich Deut­scher Nation („Sacrum Romanum Imperium Nationis Ger­manicæ“), war nicht nur „soge­nannt“, das gab es tat­sächlich. Ein über Tausend Jahre alter, kraft­strot­zender und wür­diger Anker für Sta­bi­lität in Europa (obwohl ich kein Freund von Karl, dem Sach­sen­schlächter bin!) und der Urgrund der Deut­schen Kul­tur­nation, trug ja schon damals die „Deutsche Nation“ im Namen und wurde in den Quellen des 11. Jahr­hun­derts durchweg als „Regnum Teu­to­ni­corum“ — das König­reich der Deut­schen bezeichnet. Man lebte, fühlte und dachte also als „Teutone“, als Deut­scher. Dieses Heilige Römische Reich Deut­scher Nation formte und bestimmte zu einem sehr großen Teil die Geschichte und Kultur des Kon­ti­nents Europa durch Tausend Jahre. Ende der Durchsage.
Die Deutsche Kul­tur­nation ist also mehr als Tausend Jahre alt und damit ist der Ansatz, den Deut­schen ihre tau­send­jährige Geschichte abzu­sprechen schlicht nicht legitim.
Dass die Inter­essen der Mächte um dieses Reich herum ständig mit denen der Groß­macht in der Mitte Europas kol­li­dierten, war und ist unver­meidbar. Wir erleben das in der heu­tigen EU wieder sehr anschaulich. Deutschland als größter Macht und ‑Wirt­schafts­faktor ist immer Rei­bebaum für alle anderen. Die Flieh­kräfte innerhalb der EU auf­grund unter­schied­licher Inter­essen der ver­schie­denen Spieler auf dem Feld, nehmen zur Zeit wieder genauso überhand, wie damals, zu Zeiten Napoleon Bona­partes. Die Fürsten der ver­schie­denen deut­schen Länder agierten mehr und mehr auf eigene Rechnung, Napoleon Bona­parte machte sich darüber lustig, wie leicht er die deut­schen Länder gegen­ein­ander auf­bringen konnte und wie naiv die Deut­schen seien. Bayern ver­bündete sich sogar mit den Fran­zosen und fiel gemeinsam über die Nachbarn in Tirol her. Eine Schande. Zusammen mit dem Fürsten von Würt­temberg, die Napoleon 1806 zu Königen erhob und 16 wei­teren deut­schen Reichs­stände schloss man sich im selben Jahr unter Frank­reich zum Rheinbund zusammen und kün­digte die Reichs­zu­ge­hö­rigkeit auf. Jetzt hatte Napoleon genug zusammen, um auf den letzten Kaiser des Hei­ligen Römi­schen Reiches Deut­scher Nation, Franz II. soviel Druck zu machen, dass dieser sich beugte und die erhabene, alte Krone ablegte. Am 06. August 1806 erklärte er, das Heilige Römische Reich Deut­scher Nation für erloschen.
Aber in der Tat, ich muss Ihnen insofern Recht geben, Herr Stöcker: Die fran­zö­sische Besatzung im zer­ris­senen, ehe­ma­ligen Reich, deren Schi­kanen, die Zensur und das Verbot der freien Rede brachte die Deut­schen dazu, sich wieder darauf zu besinnen, wer sie waren. Der Ver­leger Johann Philipp Palm brachte die Schrift “Deutschland in seiner tiefen Ernied­rigung” heraus, die sich vehement gegen die Napo­leo­nische Besatzung richtete. Er gab den Namen des eigent­lichen Autoren niemals preis. Er wurde von den Fran­zosen erschossen.
Die Aus­sicht auf die bevor­ste­hende Befreiung Lüne­burgs durch preu­ßische und rus­sische Truppen ver­an­lasste auch die Bewohner der Stadt, sich gegen die fran­zö­sische Besatzung zu erheben. Als im Laufe des Gefechtes dem preu­ßi­schen Regiment die Munition aus­zu­gehen drohte, ver­sorgte Johanna Stegen die Sol­daten mit Patronen, die sie aus einem von den Fran­zosen zurück­ge­las­senen umge­kippten Muni­ti­ons­wagen auf­sam­melte und in ihrer Schürze her­beitrug. Durch diese Tat, die maß­geblich zum Sieg der preu­ßi­schen Truppen bei­getragen haben soll, wurde sie als Hel­den­mädchen von Lüneburg bekannt. Bild: Wiki­pedia, gemeinfrei

 
 
Aus den Völkern der Deut­schen erwuchs wieder das Ver­ständnis für ihre Kul­tur­nation, macht­voller, als zuvor. Phi­lo­sophen und Denker wie Johann Gottlieb Fichte hielten ihre flam­menden “Reden an die Deutsche Nation”. Die Frei­heits­kriege, in denen junge Männer tapfer für die Freiheit der Deut­schen kämpften und — wie auch zahl­reiche Hel­den­mädchen! — ihr Leben gaben, zeugen ein­drucksvoll davon. Es war ein Ringen um die eigene, deutsche Iden­tität, um Freiheit, um die alten Werte und um die Zukunft. Und ja, es war ein Erfolg, der Deutschland eine große und gute Zeit brachte, Frieden, tech­nische Fort­schritte, Wohl­stand, Achtung und Respekt.
Nicht zuletzt auch Dank des Reichs­kanzlers von Bis­marck, der ein kluger Poli­tiker und Staatsmann war. Seine Maxime in der Politik war „Friede mit den Nachbarn, namentlich mit Russland“. Ein großer Mann. Die berühmte. eng­lische Kari­katur „Dropping the Pilot“ (Der Lotse geht von Bord) ist nicht ohne Grund welt­be­kannt. Nachdem von Bis­marck gegangen war, steuerte das prächtige Schiff des Deut­schen Reiches auf den Abgrund zu.
“Der Lotse geht von Bord”, eine Kari­katur von John Tenniel aus der bri­ti­schen Sati­re­zeit­schrift “punch” (Dropping the Pilot). Bild­quelle: Wiki­pedia, gemeinfrei

 
Dass Deutschland sich in den ersten Welt­krieg durch die Ver­blendung und den „Blan­ko­scheck“ Kaiser Wil­helms II. an Öster­reich in den Ersten Welt­krieg hin­ein­ziehen ließ, ist eine euro­päische Tra­gödie. Nur sechs Wochen dauerte es vom Attentat am 28. Juni 1914 in Sarajevo auf den öster­rei­chisch-unga­ri­schen Thron­folger Erz­herzog Franz-Fer­dinand durch den jungen Serben Gavrilo Princip bis zum Kriegs­aus­bruch am 01. August 1914. Deutschland erklärte an diesem Tag Russland den Krieg, weil Zar Nikolaus auf der Seite Ser­biens stand, Öster­reich aber Serbien am selben Tag des Mordes den Krieg erklärt hatte und Deutschland an Öster­reichs Seite stand.
Der Zweite Welt­krieg war eine Folge des Ersten. In Groß­bri­tannien nennt man diese beiden Welt­kriege den Zweiten Drei­ßig­jäh­rigen Krieg gegen Deutschland.
Ja, Herr Stöcker, ich liebe die Deutsche Kul­tur­nation und ihre Geschichte, sie ist meine Heimat, mein Herz, meine Seele. Meine Wurzeln sind metertief in diesem Boden und Deutsch­lands heu­tiges Elend zer­reißt mein Herz. Und ja, ich achte andere Kul­tur­na­tionen hoch und bewundere sie, wie Frank­reich, Italien, Spanien, Russland, China … Angkor Wat, das Serail, Sankt Petersburg, die schönste Stadt, die ich je sah, Japans Tempel, Chichén Itzà, Nor­wegens Stab­kirchen, die Pyra­miden von Gizeh, die äthio­pi­schen Felsenkirchen …
Solche herr­lichen Dinge, wie auch die Musik, Malerei, Bild­hauerei, die Städte, die Men­schen. Es sind Gesamt­kunst­werke, aus den Kul­tur­na­tionen geboren. Nein, es ist nicht “alles Mist”!
Sie alle, alle! sind strah­lende Juwelen in der Geschichte der Menschheit.
 

Jedes Volk ist ein Gedanke Gottes

(Johann Gott­fried Herder)