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Ban­ken­re­gu­lierung, ver­steckte Risiken, niedrige Zinsen etc. — Euro­päische Banken stecken in Schwierigkeiten

Während die Euro­krise aus dem Fokus gerückt ist, weil derzeit alle Länder innerhalb der Eurozone Staats­de­fizite von unter 3% des Brut­to­in­land­pro­dukts (BIP) fahren, gibt es nach wie vor ein Problem, das sich geräuschlos ver­größert: Die unge­löste Ban­ken­krise, die kein kleines Problem dar­stellt. Die Ban­ken­bi­lanzen des Euro­systems sum­mierten sich im Januar 2018 auf € 30 Bil­lionen, was 291% des BIPs entspricht.
(Von Philipp Bagus)
Euro­päische Banken sind in Schwie­rig­keiten auf­grund von ver­schie­denen Gründen:
Erstens: Die Ban­ken­re­gu­lierung wurde nach der Finanz­krise ver­schärft. Als Kon­se­quenz haben sich regu­la­to­rische Kosten und Com­pliance-Kosten sub­stan­tiell erhöht. Heute müssen Banken die Anfor­de­rungen natio­naler Behörden, der Euro­päi­schen Ban­ken­auf­sicht, des Ein­heit­lichen Auf­sichts­me­cha­nismus, der Euro­päi­schen Wert­papier- und Markt­auf­sichts­be­hörde und der natio­nalen Zen­tral­banken erfüllen. Diese Kosten erreichen heute bereits erstaun­liche 4% des Gesamt­um­satzes, werden sich erwar­tungs­gemäß jedoch auf 10% im Jahr 2022 erhöhen.
Zweitens: Es ver­stecken sich Risiken in den Bank­bi­lanzen. Das etwas an den Ver­mö­gens­werten der Euro­päi­schen Banken faul ist, lässt sich schnell daran erkennen, wenn man die Markt­ka­pi­ta­li­sierung der Banken deren Buch­werten gegen­über­stellt. Die meisten Euro­päi­schen Banken haben ein Kurs-Buchwert-Ver­hältnis von unter 1. Das Kurs-Buchwert-Ver­hältnis der deut­schen Com­merzbank liegt bei 0,49, das der Deut­schen Bank bei 0,36, das der ita­lie­ni­schen UniCredit bei 0,23, das der grie­chi­schen Banken Piräus und Greek Alpha bei 0,14 bzw. 0,34.
Bei einem Kurs-Buchwert-Ver­hältnis von unter 1 könnte ein Investor einen Gewinn ein­streichen, falls er eine Bank zum der­zei­tigen Preis kauft und ihr Anla­ge­ver­mögen zum Buch­preis liqui­diert. Warum tun das die Inves­toren nicht? Einfach, weil sie den von den Banken aus­ge­wie­senen Buch­werten für ihr Anla­ge­ver­mögen nicht glauben. Die Anlagen sind aus Inves­to­ren­sicht viel zu opti­mis­tisch bewertet. Berück­sichtigt man, dass die Eigen­ka­pi­tal­quote (Eigen­ka­pital in Relation zur Bilanz­summe) des Euro­päi­schen Ban­ken­sektors gerade einmal 8,3% beträgt, könnte eine Wert­be­rich­tigung der Anlagen nach unten das gesamte Eigen­ka­pital ausradieren.
Drittens: Das niedrige Zins­niveau hat die Anla­ge­preise auf­ge­bläht. Aktien- und Bond­preise haben sich dank der EZB-Geld­po­litik erhöht, was zu buch­hal­te­ri­schen Gewinnen für die Banken geführt hat. Die Geld­po­litik der letzten Jahre hat also die Ban­ken­ge­winne künstlich befördert.
Viertens: Laut EZB belaufen sich die not­lei­denden Kredite, also Kredite bei denen die Schuldner ihre Zah­lungen nicht mehr voll­um­fänglich bedienen können, auf € 759 Mil­li­arden bzw. auf 30% des Eigen­ka­pitals der Banken.
Fünftens: Auf die Banken kommen noch mehr Schwie­rig­keiten zu. Auf­grund der künstlich gedrückten Zinsen haben sich die Insol­venz­raten ver­ringert. In Deutschland wurden im Jahr 2003 39.470 Unter­nehmen (1.36% aller exis­tie­renden Unter­nehmen) insolvent. Im Jahr 2017 ist die Anzahl der Unter­neh­mens­in­sol­venzen auf lediglich 20.200 (0.62%) gesunken.

Ent­wicklung der Unter­neh­mens­in­sol­venzen, Quelle: Creditreform.de

Unter­nehmen, die ansonsten dicht machen müssten, können auf­grund von Zinsen nahe Null über­leben. Dieses Über­leben ist aber nicht kos­tenlos, da diese Unter­nehmen Res­sourcen binden, die in andere Pro­jekte fließen könnten. In jedem Jahr der EZB Null­zins­po­litik wurden zig-tau­sende Insol­venzen ver­schleppt, was den wach­senden Bestand an Zombie-Unter­nehmen ver­grö­ßerte. Diese Zombies tragen zum anämi­schen Wirt­schafts­wachstum bei, da sie Res­sourcen ver­schwenden, die woanders effi­zi­enter ein­ge­setzt werden könnten. Sobald die Zinsen rasch anziehen, werden diese Zombie-Unter­nehmen tat­sächlich insolvent und die Insol­venzrate wird sich wieder nor­ma­li­sieren, was zu Pro­blemen bei den Banken führen wird.
Sechstens: Niedrige Zinsen sind sehr pro­ble­ma­tisch für die Zins­margen von Banken. Die Pas­siv­marge, der Trans­for­ma­ti­ons­beitrag und die Kre­dit­marge der Bank sind allesamt gefallen. Die Pas­siv­marge ergibt sich durch das Inves­tieren von Kun­den­ein­lagen als Tagesgeld am Inter­ban­ken­markt. Tra­di­tionell konnten Banken damit eine Marge ver­dienen, jedoch nicht in einer Welt von nega­tiven Zinsen am Interbankenmarkt.
Der Trans­for­ma­ti­ons­beitrag ent­steht mittels Fris­ten­trans­for­mation, wenn die Banken sich kurz­fristig mit Kun­den­geldern finan­zieren, um in lang­fristige Kun­den­kredite zu inves­tieren. Auf­grund einer der­zeitig flachen Zins­struk­tur­kurve ist der Trans­for­ma­ti­ons­beitrag unter­durch­schnittlich gering. Sich kurz­fristig für 0% Geld leihen, um dieses lang­fristig für 0% wieder zu ver­leihen ist nicht pro­fi­tabel. Darüber hinaus gilt, wenn Banken lang­fristig Geld für sehr niedrige Zinsen ver­leihen und die kurz­fris­tigen Zinsen zu steigen beginnen, ver­ringert sich der Trans­for­ma­ti­ons­beitrag weiter.
Die Kre­dit­marge resul­tiert aus dem Kre­dit­risiko. Banken ver­suchen die nied­ri­geren Pas­siv­margen und Trans­for­ma­ti­ons­bei­träge zu kom­pen­sieren, indem sie höhere Kre­dit­ri­siken ein­gehen. Der Wett­bewerb der Banken lässt die Kre­dit­margen jedoch eben­falls schrumpfen. Die Null­zins­po­litik der EZB hat also die tra­di­tio­nelle Ban­ken­pro­fi­ta­bi­lität kannibalisiert.
Siebtens: Die Banken in der Eurozone sind nach wie vor eng mit ihren jewei­ligen Regie­rungen ver­bunden. Im Januar 2018 hielten diese Banken € 3.536 Mil­li­arden an Staats­schulden in ihren Büchern, was 13% ihrer Bilanz­summe beträgt. Wenn während der nächsten Rezession die Staats­schul­den­krise wieder her­vor­bricht, können Banken mit Ver­lusten in ihren Staats­schul­den­port­folios rechnen.
Wenn Zinsen in der Zukunft ansteigen, werden Banken mit meh­reren Schwie­rig­keiten kon­fron­tiert. Als erstes werden die not­lei­denden Kredite ansteigen und Zombie-Unter­nehmen Pleite gehen. Als zweites wird es für die Banken schwie­riger und schwie­riger werden, die von ihnen, mit nied­rigen Zinsen, lang­fristig ver­ge­benen Kredite pro­fi­tabel zu refi­nan­zieren. Drittens werden fal­lende Ver­mö­gens­preise zu Ver­lusten führen. Regie­rungen werden dann eben­falls in Schwie­rig­keiten geraten.
Auf­grund dieser Ver­luste werden Banken dazu gezwungen sein, ihr Kre­dit­an­gebot zurück­zu­fahren, da sich ihr Eigen­ka­pital ver­ringert haben wird. Iro­ni­scher­weise wird die EZB-Null­zins­po­litik, die ent­worfen wurde, um eine Kre­dit­ex­pansion zu befördern, zu einer Kre­dit­ver­knappung führen. Das wird eine schwere Rezession her­vor­rufen und das Geld­an­gebot wird schrumpfen. Die Krise wird nicht nur das Ban­ken­system gefährden, sondern auch den Euro als Ganzes, da die ange­schla­genen Regie­rungen der Eurozone ver­suchen werden, ihre Banken durch die Mone­ta­ri­sierung von neu aus­ge­ge­benen Schulden wieder zu rekapitalisieren.
 


Aus dem Eng­li­schen über­setzt von Mathias Nuding. Der Ori­gi­nal­beitrag mit dem Titel 7 Reasons Why European Banks Are in Trouble ist am 17.5.2018 auf der website des Mises-Institute, Auburn, US Alabama erschienen.
Quelle: Ludwig von Mises Institut Deutschland