Trans­hu­ma­nismus & Digi­ta­li­sierung des Körpers — Der Download der Iden­tität funk­tio­niert nicht

Wie sich die Trans­hu­ma­nisten die Zukunft vor­stellen und warum es nicht so kommen wird
Stellen Sie sich fol­gende Szene vor: Jemand geht auf der Straße vor Ihnen, als dessen ein­zelne Kör­per­teile plötzlich zu zucken beginnen, erst die Arme, dann auch noch der Kopf. Die Person hat keine Kon­trolle mehr über sich selbst, sie bewegt sich nur noch ruck­artig und unko­or­di­niert über die Straße in Richtung Kran­kenhaus, wo man ihren Kopf scannt und fest­stellt, dass das Problem ein defekter Chip im Schädel ist. Dem Pati­enten wird geholfen, er öffnet seine Augen und auf der Stirn leuchtet schließlich das Symbol des implan­tierten Chips auf…
(Von Dr. Martin Fontanari)
Auch wenn solch eine Situation (nach Carolin Wie­demann) vielen Lesern sehr futu­ris­tisch erscheinen mag, so infil­triert gegen­wärtig immer mehr Technik die Welt des Men­schen – ja ihn selbst– und das „mit expo­nen­ti­eller Geschwin­digkeit“, so der Soziologe Robert Bene­dikter: „Jeans, die bereits so gemacht werden, dass sie Draht­los­si­gnale blo­ckieren, damit man nicht die Zah­lungs­codes aus den Mobil­te­le­fonen stehlen kann, oder die Apple-Uhr, die vor­aus­sichtlich nur der erste Schritt ist, per­manent auch phy­sisch mit intel­li­genter Tech­no­logie ver­bunden zu sein oder, wie Lev Grossman das nennt, ‚niemals mehr offline zu sein‘.“ Der Mensch und sein Alltag werden tech­ni­siert, und er will es gar nicht missen. Die Mög­lich­keiten der Nano­tech­no­logie kom­plet­tieren heute bereits das Durch­dringen des Men­schen bis in die kleinsten Zellen seines Körpers.
Nicht mehr lange und unsere Com­puter werden auch den Tod hinter sich lassen, ja „abschaffen“, lautet das Credo der Trans­hu­ma­nisten. Alles nur Science-Fiction-Phan­tasien? Nein, schon längst nicht mehr, wenn man bedenkt, dass auch die EU die „Digi­ta­li­sierung des Körpers“ (Carolin Wie­demann) erforscht. Ein Chip im Kopf, das wäre doch was – dann werden wir Men­schen dank unserer Maschinen endlich (und hof­fentlich schon bald) unsterblich.
Der Begriff des „Trans­hu­ma­nismus“ wurde erstmals 1957 durch den Evo­lu­ti­ons­bio­logen  Julian Huxley genannt. Ray Kurzweil, Mann der ersten Stunde in der For­schung zu künst­licher Intel­ligenz und füh­render Ver­treter der trans­hu­ma­nis­ti­schen Bewegung, meint hierzu, dass nunmehr „das letzte Jahr­hundert des Homo Sapiens ange­brochen sei“: Die geballte Kraft von Bio- und Nano­tech­no­logien, Infor­ma­ti­ons­technik und Kogni­ti­ons­wis­sen­schaften werden den Men­schen erneuern, von Grund auf durch Tech­no­logie gestaltet und auf den Markt geworfen. Schon ver­nimmt man den Klang dieser Zukunfts­musik: kein Altern mehr, nur noch Upgrades, keine lästige Kos­metik für den Körper mehr, nur noch tech­ni­sches Fine-Tuning. Als da sind Klonen und Implan­tieren, Gen­ma­ni­pu­lieren und Cybor­gi­sieren, schließlich sogar höchst will­kommene Ein­griffe ins Gehirn und in den Geist des Men­schen, indem man bestimmte Lei­tungen umlegt und halt ein bisschen „switcht“. Selbst die Schöpfung des Men­schen liegt nicht mehr im lie­benden, sexu­ellen Akt ein­ge­bettet, sondern wird den Gene­tikern, Klon-Wis­sen­schaftlern und Sty­listen über­lassen. Die dahinter lie­gende Gefahr für die christ­lichen Kirchen ist offen­sichtlich: Die Moral­lehre würde zusammen brechen, denn Sexua­lität würde nicht mehr zur behut­samen Fort­pflanzung ein­ge­setzt, sondern nur noch zur Lust­be­frie­digung – wie es in Teilen der Gesell­schaft mit allen Kon­se­quenzen bereits passiert.
Diese als „Trans­hu­ma­nisten“ bezeich­neten Ver­fechter von nach­haltig in den Men­schen zu implan­tie­renden Zukunfts­tech­no­logien, sind nach dem Zukunfts­for­scher und Phi­lo­sophen Karl­heinz Stein­müller zu allem bereit: „So wie wir 1000-Liter-Kühe und bizarre Hun­de­rassen her­an­ge­züchtet haben, so wie wir Knockout-Mäuse mit aus­ge­schal­teten Genen für Pharma-Expe­ri­mente erzeugt haben und gen­mo­di­fi­zierte Ziegen Insulin pro­du­zieren lassen, so könnten wir uns nun selbst neu schaffen: leis­tungs­fä­higer, intel­li­genter, schöner, kräf­tiger und so gesund, dass es tat­sächlich an Unsterb­lichkeit grenzt.“. Keine Frage, die Wis­sen­schaftler sind berauscht von der Idee, Schöpfung und Tod zu über­winden und Gott zu spielen.
Der Mensch ist durch seinen künftig einfach nicht mehr zeit­ge­mäßen Körper bislang einfach zu beschränkt und ein­geengt – und soll sich, so das neue Credo, pro­gressiv davon befreien. Den immensen Aufwand des dafür rele­vanten Zusam­men­wachsens der For­schung von Medizin, Genetik, Bio­chemie, Nano­tech­no­logie und Infor­matik wird freund­li­cher­weise durch die Ent­wicklung von immer leis­tungs­fä­hi­geren Com­putern Vor­schub geleistet. Ray Kurzweil will nicht weniger als die „Digi­ta­li­sierung des Körpers“, um den Men­schen scheib­chen­weise künstlich nach­bilden zu können, das heißt der Körper und alles, was in ihm so abläuft, werden kom­plett lesbar gemacht. Alles in allem machbar, meint auch die EU und finan­ziert mit mitt­ler­weile einer Mil­liarde Euro im Jahr das „Human Brain Project“ zum Simu­lieren des mensch­lichen Gehirns: im Kampf gegen Krank­heiten wie Par­kinson sollen ein­zelne Abschnitte mensch­licher Gehirne gegen künst­liche Gehirn­teile aus­ge­tauscht werden können – das sind Chips. In den USA fließen sogar jährlich mehrere Mil­li­arden US-Dollar in die trans­hu­ma­nis­ti­schen For­schungs- und Ent­wick­lungs­pro­jekte. Man ver­spricht sich ein Geschäft. So wird Leben zur Ware und droht im bil­ligen Mas­sen­konsum nicht mehr den Wert zu haben, der Respekt ein­flösst und Würde bewahrt.
Infor­ma­ti­ons­technik soll letztlich aber auch einen Mehr­zweck für die Gesell­schaft leisten können und zur „ega­li­tären Ver­teilung von Bildung und der Min­derung von Leid“ bei­tragen, findet Miriam Leis, Mit­glied der trans­hu­ma­nis­ti­schen Gesell­schaft Deutschland:„…der Netz­ausbau wie die weitere Ent­wicklung von Maschinen, die den Men­schen beim Denken und Lernen helfen: von innen, also durch invasive Methoden, oder von außen in Gestalt von huma­noiden Robotern, die diverse Dienste über­nehmen könnten.“ Ja, und 2030 soll es dann so weit sein: die Com­puter machen es möglich und schaffen den Tod einfach ab. Was denn sonst? Kein Leiden mehr und kein Sterben müssen. Ray Kurzweil nimmt zu diesem Zweck schon in abseh­barer Zeit die Nanobots in die Pflicht, das sind minimal kleine Roboter, die sich in der Blutbahn der unzäh­ligen Viren, Bak­terien und sogar Krebs­zellen annehmen werden – und natürlich obsiegen. Das wird dann jener Moment sein, den die Trans­hu­ma­nisten als „Sin­gu­la­rität“ bezeichnen:„Dann soll künst­liche Intel­ligenz so weit ent­wi­ckelt sein, dass sie mit der mensch­lichen ver­schmelzen kann. Das sei der Augen­blick, an dem sich Mensch und Maschine so weit annähern, dass die digitale Kopie von Per­sonen, der Download der Iden­tität möglich wird. Durch die Nanobot-Medizin werden Men­schen nicht mehr altern (Carolin Wiedemann).“
Ray Kurzweil nennt mitt­ler­weile völlig über­mannt von dieser Vision schon das Jahr 2029 als den Zeit­punkt, wo die Technik „intel­li­genz­mässig“ den Anschluss an mensch­liches Niveau erreichen könnte. Nach seiner Vor­stellung werde wohl die gesamte Menschheit in den Sog dieses neuen Zeit­alters geraten. Der bis dahin unab­lässig statt­fin­dende tech­no­lo­gische Wandel würde sein Tempo dafür zwar enorm erhöhen müssen, aber die betrof­fenen Men­schen würden sich auch daran gewöhnen und mehr noch diesen Wandel erwarten und vielfach sogar erhoffen.
Jede „Sin­gu­la­rität“ kennt zual­lererst nur eines – die Selbst­er­haltung. Daher stellt sich laut Nick Bostrom (Mit­be­gründer der Trans­hu­ma­nis­ti­schen Bewegung) als wich­tigste Frage, „wie wir eine immer intel­li­gentere Technik – eine „Super­in­tel­ligenz“, die durch die Kom­bi­nation künst­licher Intel­ligenz mit bio­lo­gi­schen Ele­menten im Ent­stehen begriffen ist – mit einem „Kon­troll­me­cha­nismus“ ver­sehen können, der ver­hindert, dass sie sich aus Selbst­er­hal­tungs­gründen gegen den Men­schen wendet“. Es ist ja nicht so, dass man sich blenden lassen muss vom Glanz der Ver­heißung, der da besagt, dass ab dem Moment des Errei­chens besagter „Sin­gu­la­rität“ alles besser wird und wir uns auf einer unbe­schwerten Reise in eine neue, per­fektere Welt befinden.
Carolin Wie­demann meint dazu, dass „Google, die EU und Think­tanks wie das der Sin­gu­larity Uni­versity von Ray Kurzweil oder das Future of Humanity Institute an der Uni­ver­sität Oxford Krankheit und Leid bekämpfen und dafür die Grenzen der Natur über­winden wollen. Doch über­winden ihre trans­hu­ma­nis­ti­schen Pro­jekte damit auch die Menschheit an sich? Sind die exis­ten­ti­ellen Bedenken berechtigt?“
Ja, denn auch die Sozio­login Sabina  Misoch sieht im Zusam­menhang mit der „Imma­te­ria­li­sation des Körpers…die Gefahr der Auf­lösung von Identität…Futuristische tech­nogene Körper wären aber kein pul­sie­render Leib­körper mehr, sondern ein Kör­perding, in dem das Bewusstsein des Men­schen (mittels mind upload) ein­ge­speist würde.“
Ange­strebt wird auch laut Roland Bene­dikter „…den bis­he­rigen Men­schen durch einen neuen zu ersetzen – und in eine „Neo-Menschheit“ zu über­führen“. Er emp­fiehlt daher, dass sich neben Pri­vaten auch Insti­tu­tionen – wie zum Bei­spiel Uni­ver­si­täten – und Staaten an einer kon­struk­tiven Aus­ein­an­der­setzung mit den neuen Tech­no­logien betei­ligen sollten. Dies kann die Vor­aus­setzung zu einem mög­lichst breiten gesell­schaft­lichen Diskurs schaffen. „Die Spaltung der Bevöl­ke­rungen in neue Welt­an­schau­ungs­kämpfe um den Men­schen und das Menschsein“ sollte nach Bene­dikter dadurch ver­mieden werden.
Und nicht zu ver­gessen: phi­lo­so­phisch gesehen, so die Sozi­al­wis­sen­schaft­lerin und Zukunfts­for­scherin Miriam Ji Sun, ist dem Trans­hu­ma­nismus „…die hohe Bedeutung von Ver­nunft, Toleranz, Gewalt­freiheit und Gewis­sens­freiheit, sowie eine Ablehnung der aus seiner Sicht nicht hin­ter­frag­baren Auto­rität reli­giöser Texte und Instanzen“ inhärent.
Für den Poli­tik­wis­sen­schaftler und Intel­lek­tu­ellen Francis Fukuyama wird der Trans­hu­ma­nismus daher nicht von ungefähr zur gefähr­lichsten Idee der Welt. Aus der Sicht des Christen kommt es zur Abschaffung der natür­lichen Schöpfung bzw. des Schöp­fungs­ge­dankens über­haupt, ja spiegelt das Ent­ge­gen­ge­setzte wieder.
Wer sich in Romanform mit der Vor­stellung dieser „schönen, neuen Welt („brave new world“) befassen will, der greife zum gleich­na­migen Buch des Bruders von Julian Huxley: Aldous Huxley. Hierin beschreibt Huxley eine Welt, in der es gelungen ist, nach einem langen, zer­stö­re­ri­schen Krieg durch die Bildung einer Welt­re­gierung ein Kas­ten­system zu schaffen, in dem mit Hilfe künst­licher Fort­pflanzung, Kon­di­tio­nierung und Indok­tri­nation eine perfekt funk­tio­nie­rende Gesell­schaft gebildet wird. Um eine fort­während glück­liche und wohl­ha­bende Gemein­schaft zu schaffen, wurde Pro­pa­ganda gegen die natür­liche Fort­pflanzung gemacht und Brut- und Auf­zucht­zentren geschaffen. Es herrscht ein tota­li­täres, jedoch nicht gewalt­tä­tiges poli­ti­sches System. Die Schöpfung des neuen Men­schen erfolgt im Roman aller­dings nicht durch Gen­technik, sondern durch prä­natale bio­lo­gische Ein­wirkung und post­natale Kon­di­tio­nierung der Mentalität.
Huxleys schöne neue Welt ist Vorlage für viele Hol­lywood-Filme. Dort sollte der Stoff auch bleiben und als düstere Vision des Fort­be­stehens der Menschheit mit Zombie- und anderen Hor­ror­filmen das Genre nicht ver­lassen. Denn allein das Denken von Sin­gu­la­rität und Iden­tität zeigt, daß es Unter­schiede im Menschsein gibt und der wil­lenlose, uni­forme Mensch nur eine „Kreatur“ ist. Der Download mensch­licher Iden­tität bleibt eine Vision. Um es mit Ortega y Gasset zu sagen, der Iden­tität so defi­nierte: Yo soy yo y mis cir­cun­stancias – meine Iden­tität, das bin ich und meine Umstände. Diese Umstände aber werden immer unter­schiedlich sein, solange es Raum und Zeit gibt. Und solange es Raum und Zeit gibt, so lange gibt es auch Ver­gäng­lichkeit, mithin Sterblichkeit.


Erst­ver­öf­fent­li­chung auf conservo.wordpress. com
Dr. Martin Fon­t­anari ist Pri­vat­ge­lehrter mit dem Schwer­punkt Betriebswirtschaft