Politik

Welt im Netz – wie wir verraten & verkauft werden

16. November 2018

Die Welt, in der wir leben, hat sich in den letzten 15 Jahren grundlegend verändert. Der Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter verlief so krass wie kein anderer in der Menschheitsgeschichte. Die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre sind fließend geworden und der Drang zur Selbstinszenierung hat uns zu einer narzisstischen Gesellschaft der Selbstverliebten gemacht. Mehr Schein als Sein ist die Devise und das bedingungslose Unterordnen unter die Flagge des Mainstreams. Ganz gleich, ob Wissenschaft, Kunst, Politik oder Ökonomie, überall regieren die gleichen Gesetzmäßigkeiten. Selbst soziale Netze dienen nur einem Zweck: Der totalen Kommerzialisierung. Der Kunde ist die Werbewirtschaft und wir selber werden als Produkt herumgereicht, um für die Kunden attraktiv zu sein. Der massenkapitalistische Hund jagt seinen eigenen Schwanz. Selbst weltweite Prozesse wie die Globalisierung werden über unsere Köpfe hinweg dazu missbraucht, einen gnadenlosen Raubbau an der Umwelt, an Ressourcen und billigen Arbeitskräften zu betreiben. Wie beim Kindermarketing, wo über die Köpfe der Eltern hinweg eine unheilige Allianz zwischen Kids und Werbeindustrie geschmiedet wird, ebnet die Politik denen den Weg, die uneingeschränkten Profit ohne Rücksicht auf Verluste zum Maß aller Dinge erheben. Unser gesamtes Denken und Tun wird durch hyperintelligente Algorithmen systematisiert und ausgewertet. Wir werden im wahrsten Sinne des Wortes verraten und verkauft und der gläserne Mensch ist nur noch eine Frage der Zeit, wenn wir uns nicht wehren.

Das Panoptikum

Der englische Sozialreformer Jeremy Bentham, der schon im 19. Jahrhundert für Frauenwahlrecht und Pressefreiheit eintrat, entwickelte mit dem Panoptikum ein Modell-Gefängnis, das der Philosoph Michel Foucault 200 Jahre später als Symbol für den Überwachungsstaat moderner Prägung wählte. Das Prinzip ist schnell erklärt: Zellen umschließen einen runden Hof, in dessen Mitte ein Überwachungsturm steht, sodass alle Zellen vom Turm aus einsehbar sind. Jeder Zelleninsasse fühlt sich beobachtet und muss für jedes Verhalten, das von der Norm abweicht, Strafe befürchten. Die Zellen selber sind so angeordnet, dass es für die Insassen kein Versteck vor den kontrollierenden Blicken der Wächter gibt. Da die Eingesperrten nicht sehen können, ob sie sich gerade im Blickfeld der Wächter befinden oder nicht, trägt allein die Möglichkeit, dass sie beobachtet werden, zu einer permanenten Verunsicherung bei. Sinn des panoptischen Prinzips ist es, an Orten großer Zusammenballung von Menschen für Disziplin zu sorgen, ganz gleich, ob es sich um Gefängnisse oder Fabriken handelt. Denn Schwerverbrecher, die sich im Knast zusammenrotten oder rebellierende Arbeiter, die sich zum Streik verabreden, sind eine Gefahr für die Herrschenden. Das Panoptikum lenkt den Mob aber nicht nur in kontrollierbare Bahnen, sondern es zwingt ihn mit vergleichsweise geringem Aufwand auch bestimmte Verhaltensweisen auf, die er so sehr verinnerlicht, dass er letzten Endes sein Wesen verändert, ohne dabei Zwang zu empfinden. Dieses Aufoktroyieren bestimmter Normen soll als völlig normal empfunden und als fester Bestandteil des alltäglichen Lebens akzeptiert werden.

Übertragen auf unser Onlineverhalten sind also schleichende Kommerzialisierung, die Produktempfehlungen via Facebook und unsere massenkompatible Gefällt-mir-Kultur nichts anderes als hochgradig panoptische Merkmale, wobei noch synoptische hinzukommen – also die Sicht in umgekehrter Richtung –, da jeder heute ein Beobachter von allem ist und gleichzeitig ein von allen Beobachteter. Das perfekte synoptische Panoptikum!

Wenn unsere Smartphones wirklich nur dafür genutzt würden, unseren Wissensballast auszulagern und uns aufs Wesentliche zu konzentrieren, wäre das eine feine Sache. Doch dummerweise ist das genaue Gegenteil der Fall. In Zügen herrscht eine gespenstige Stille, weil sich niemand mehr mit dem anderen unterhält. Jeder sitzt vor seinem Smartphone oder Tablet und postet vielleicht gerade, dass er im Zug sitzt und wie langweilig die Zugfahrt doch ist. Das Beispiel zeigt die große Gefahr dieses technischen Spielzeugs, weil es uns – nicht alle, aber bedenklich viele – vom Unmittelbaren abhält. Der Suchteffekt ist so stark, dass die wenigsten dagegen ankommen, ja er ist im Grunde gewollt. Denn Menschen, die nur noch mit Flatrates, neuesten Apps und technischem Firlefanz beschäftigt sind, müssen sich keine Gedanken darüber machen, was sie mit ihrer Zeit anstellen sollen. Sie kommen nicht auf die Idee, sich ein eigenes Bild von der Welt zu machen – davon, was tatsächlich abgeht. Aber sie glauben, sie wüssten es besser als je zuvor, weil sie ja online sind und jederzeit alles wissen können. Das ist ein fataler Trugschluss!

Das Buch zeigt die Fallstricke auf, denen wir an allen Ecken und Enden der Gesellschaft erliegen. Es zeigt aber auch, wie wir entfesselten Turbokapitalismus zähmen und uns dem Einfluss übermächtiger Weltkonzerne entziehen können.