Politik

Ein Nachwort zu Ostern: Die Denkfehler der heutigen Christen

23. April 2019

Das Ur-Christentum war bekanntlich eine revolutionäre Angelegenheit. Das alleine wäre rein historisch betrachtet noch nichts Außergewöhnliches, denn Revolutionen gab es in der Menschheitsgeschichte zahllose. Die Besonderheit des christlichen und ehedem als so revolutionär empfundenen Glaubens war das Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit und seine Ausrichtung auf das Jenseits. Dies stellte eine unerhörte Haltung in der damaligen Welt dar, in der die Gewalt zum Alltag gehörte und das Leben nur im „Hier und Jetzt“ zählte.

Frieden, Demut und ewiges Leben als „Waffen“

Die Hinwendung zur prinzipiellen Vermeidung von Gewalt, die der religiöse Revolutionär Jesus damals anstieß, und die Verheißung, dass nur dem wahren Christenmenschen das Ewige Leben gehören würde, legten den Keim zum Erfolg des Christentums. Über den Weg des waffenlosen Widerstands gegen jede Verfolgung und durch die ständige Predigt der Liebe und der Demut, die im denkwürdigen Satz „Halte die zweite Wange hin“ ihre Verdichtung fand, kam es paradoxerweise zu einer zunehmenden Ermächtigung der Schwachen und Schlechtweggekommenen, weil gerade sie sich durch diese Philosophie am meisten angesprochen fühlten – nicht zuletzt deswegen, weil aus ihrer Not solcherart eine Tugend wurde. Über dieses Paradoxon konnte die christliche Glaubensrevolution ihren Siegeszug vollziehen. Dieser gipfelte schließlich in der Erhebung zur Staatsreligion durch den römischen Kaiser Konstantin.

Umkehr der Werte

Die unüberwindbare Stärke des Christentums lag also damals gewissermaßen in der permanenten Betonung der Schwäche und der Widerstandslosigkeit, die durch die zahlreichen Märtyrer und Opfertode der Urchristen ihre unbestreitbare und eminente Authentizität erhielt. Anders gesagt: Die Umkehr der damaligen Werte begründete den Erfolg der frühchristlichen Bewegung. Wären die frühen Nachfolger Christi alle mit dem Schwert durch die Welt gezogen, um ihren Glauben zu verbreiten, wäre das Christentum eine Sekte geblieben, die früher oder später von den Machthabern völlig vernichtet worden wäre.

Der Rest der Geschichte darf als bekannt vorausgesetzt werden: Als die Christen nolens volens immer mehr weltlichen Einfluss und damit auch Macht erlangten, traten ihre ursprünglichen Werte und Haltungen in den Hintergrund und die Religion entwickelte ihre dunklen Seiten. Es besteht historisch kein Zweifel daran, dass die europäischen Potentaten über Jahrhunderte hinweg den christlichen Glauben auch als Vehikel für ihren Machtausbau benützten, und es ist Teil des Allgemeinwissens, dass sehr viele kirchliche Würdenträger im Gegenzug ihren Segen dazu gaben. Die über 1500 Jahre andauernde christliche Missionierung der Welt von Europa aus war nicht nur einer der wichtigsten evangelikalen Aufträge von Jesus, sondern die Christianisierung ging natürlich auch Hand in Hand mit der Interessenbefriedigung der großen europäischen Herrscher.

Keine Kultur ohne Christentum

Weiters besteht aber auch überhaupt kein Zweifel daran, dass die Entwicklung Europas zur Hochkultur ohne die christlichen Fundamente nicht hätte stattfinden können. Von der Spätantike bis zur Aufklärung waren sämtliche abendländische Entwicklungsphasen vom Christentum geprägt und getragen, ja selbst die Aufklärung war letztlich eine Veranstaltung, die ohne Christentum nicht gelungen wäre.

Erst die nach der Aufklärung einsetzende Säkularisierung im 19. und 20. Jahrhundert bremste die Christianisierung. Trotzdem ist das Christentum in Europa und in den beiden Amerikas heute noch immer die vorherrschende Religion. Allerdings ist zu erwarten, dass durch die zweifellos weiter fortschreitende Säkularisierung einerseits und andererseits vor allem durch die zunehmende Islamisierung in Europa eine tiefgreifende Transformation stattfinden wird.

Mit gesundem Stolz und gutem Glauben

Vor dem überwältigenden Hintergrund der christlich geprägten europäischen Kultur- und Geistesgeschichte könnte man als Christ natürlich den beginnenden Veränderungen mit gesundem Stolz und grandiosen Argumenten entgegentreten. Es wäre vor allem die Aufgabe der Amtskirchen, hier die entscheidende Initiative zu ergreifen und starke Impulse zu setzen. Dem stehen allerdings fulminante Denkfehler der heutigen Christen respektive falsche Denkmuster ihrer „Führungskräfte“ entgegen: Die Würdenträger der christlichen Amtskirchen tappen intellektuell in ihre eigenen Fallen. Sie sind ganz offensichtlich der Ansicht, sie müssten den genannten Herausforderungen mit denjenigen Haltungen begegnen, die den Ur-Christen in ihren Anfängen zur Durchsetzung ihres Glaubens verhalfen. Das ist ein gröblicher Irrtum, der fatale Folgen haben wird.

Da läuft etwas falsch

Der Anfang des Christentums war wie beschrieben eine gewaltlose geistige Revolution gegen Rom, das mächtigste Regime der Welt, und sie fand im vorderen Orient vor 2000 Jahren statt. Wer glaubt, dass er der komplexen Welt von heute mit den Denkmustern von damals begegnen kann, liegt falsch – noch dazu, wenn er heute gar nicht mehr als Revolutionär wie Jesus auftreten kann, sondern sich zwangsläufig als Vertreter einer arrivierten und mächtigen religiösen Kultur präsentieren muss, die seit Jahrtausenden auf breiten Fundamenten steht und noch immer unverändert überzeugende Konzepte zu bieten hat.

Wenn Bischöfe und Caritas-Chefs, Pastorinnen, Domherren und beflissene Theologen unisono mit gebeugten Häuptern den Chor von der Barmherzigkeit singen und uns täglich in den Medien erklären, wie wichtig die Demut und das aufeinander Zugehen sind und welche enorme Verpflichtungen wir doch im sozialen Umgang mit unseren Nächsten haben, die gerade aus dem Orient zu uns vorgedrungen sind, könnte es einem manchmal den Magen umdrehen. Man muss kein ausgebildeter Theologe und kein Priester und schon gar kein Feind der Kirchen sein, um zu spüren, ja zu wissen: Hier läuft etwas ganz, ganz falsch, so kann Christentum heute nicht funktionieren und das ist auch nicht sein Sinn.

Selbstbewusstsein und Stärke

Wer heute die kulturelle Transformation Europas verhindern will, muss sich auf das besinnen, was das abendländische Europa geleistet hat. Er muss wissen, was dieser Kulturraum für den Europäer darstellt und er muss auch überlegen, was dieses Europa den Ankömmlingen an hier verwurzelten kulturellen bzw. religiösen Inhalten anbieten kann und muss. Das ist ungeheuer viel und kein Europäer muss sich deswegen kleiner geben als er ist, ganz im Gegenteil. Christen müssen keinen Kotau vor den herbeiströmenden Orientalen und ihrer Kultur machen. Die aufgesetzt-betuliche Barmherzigkeit, die noch immer gar viele von uns als Zierde empfinden, wirkt angesichts der täglich aus den Migrantenmilieus berichteten üblen Vorkommnisse nur noch deplatziert bis schreiend falsch. Barmherzig kann und soll der Einzelne im Einzelfall sein, aber als verordnete Pauschal-Tugend für alle kann sie nicht wirken, sie wird dadurch höchstens zur Karikatur ihrer selbst.

Noch immer tragender Teil der Leitkultur

Dem prinzipiell christlich orientierten Europäer (und das sind noch immer die meisten, auch wenn sie nur zu Weihnachten in die Kirche gehen), diesem Europäer und Kultur-Christen stünde es gut an, selbstbewusst seine kulturellen Haltungen zu zeigen und jenen Leuten, die sie nicht annehmen oder gar verändern und bekämpfen wollen, umgehend die Tür zu weisen. Falsche Toleranz, süßliche Demut und kritiklose Barmherzigkeit sind letztlich Zeichen der Feigheit oder, schlimmer noch, sie sind nichts als Heuchelei – und diese ist nachweislich unchristlich und von Jesus Christus persönlich vielfach und heftigst kritisiert worden.

Verteidigung ist legitim

Als Christ muss man nicht alles nach dem Prinzip „die zweite Wange hinhalten“ sehen. Man darf sich auch durchaus verteidigen, wenn man angegriffen wird. Das Recht auf Verteidigung betrifft nicht nur die Notwehr an sich, sondern es reicht tief in gesellschaftliche Fragen hinein und es gilt natürlich auch im übertragenen Sinn. Dazu gibt es Literatur vom hochrangigen Kirchenlehrer Thomas von Aquin bis hin zum einflussreichen österreichischen Moraltheologen Karl Hörmann, der in seinem Lexikon der Christlichen Moral ganz klar Stellung zu diesen Fragen nimmt. All das ist den kirchlichen Würdenträgern zweifellos bekannt. Das Motiv, warum sie trotzdem an ihren hier beschriebenen Irrungen festhalten, bleibt daher im Dunklen.

Der Tod des Osterhasen kommt leise… Endlich schaffen wir unsere eigene kulturelle Identität ab!

 

 


Dr. med. Marcus Franz – Abgeordneter zum österreichischen Nationalrat und Mediziner – www.thedailyfranz.at


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