Wirtschaft

„Energiewende“: Zauberkunst bei Harald Lesch

2. Mai 2019

Er ist schon gut, das muss man ihm lassen. Niemand in Deutschland kann mit so viel Begeisterung physikalische Gesetzmäßigkeiten erklären, wie Professor Harald Lesch dies seit Jahren in BR und ZDF tut. Wenn unter seinen Händen starke Kraft, schwache Kraft und Gravitation förmlich Gestalt annehmen, nicke ich begeistert. Wenn er jedoch versucht, mit großen Gesten, einer Art mathematikbefreiter Logik und viel „nimmste dies, machste das, biste fertig” die deutsche Energiewende wie „Uncle Ben’s Reis” darzustellen (gelingt immer und klebt natürlich nie), denke ich nach wenigen Minuten nur noch: schwache Kraft.

(Ein Kommentar von Roger Letsch – www.unbesorgt.de)

In seinem neuesten TerraX-Video auf YouTube skizziert er die 100%ig erneuerbare Energiewelt. „Raus aus Kernenergie und nun auch noch aus der Kohle? Wo soll denn dann unser Strom herkommen?“ Das, so Lesch, sei ganz einfach!

Leschs Vorstellung scheint zu sein, dass es Dinge in Deutschland gibt, mit denen wir bislang aus welchem Grund auch immer so rein gar nichts anzufangen wussten. Die Hälfte unseres Waldes zum Beispiel oder Pflanzenreste oder Erdwärme oder andere, riesige, ungenutzte Flächen von der Größe einiger Bundesländer. Er beginnt seinen Vortrag mit der Feststellung, dass von den 600 TWh jährlichem Strombedarf bereits 40% auf erneuerbare Energie entfallen. Das ist zwar sehr großzügig aufgerundet (es sind ca. 38%), aber wir wollen mal nicht kleinlich sein.

Kümmern müssten wir uns angeblich nur noch um die restlichen 60%, die aus Kohle, Kernkraft und Erdgas kommen. Vergessen wir für einen Moment, dass die erneuerbaren 40% auf wenige Prozente zusammenschnurren, wenn der Wind nicht weht oder Nacht ist. Vergessen wir auch, dass uns die Photovoltaik auch dann nicht hilft, wenn die Sonne tagsüber hinter den Wolken steckt oder es im Winter kaum und nicht für lange über den Horizont schafft. Schauen wir uns stattdessen an, wie Harald Lesch einen konventionellen Energieträger nach dem anderen durch saubere Alternativen ersetzt.

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Lesch ersetzt die Kohle

Bei der Hälfte des deutschen Waldes nehmen wir das raus, was nachwächst. Das bringt so viel Energie wie Braun- und Steinkohle zusammen.“ Wir sollen also Holz verbrennen statt Kohle. Zu dumm nur, dass es diese „ungenutzte Hälfte des Waldes“ nicht gibt. Dort, wo kein Naturschutzgebiet ist, die geologischen Bedingungen dies zulassen oder der Wald keine anderen Funktionen hat (etwa Erosions- und Lawinenschutz im Gebirge), wird er bewirtschaftet. Nachhaltig, wie es sich gehört, der Begriff ist schließlich die Erfindung des deutschen Forstwirtes Georg Ludwig Hartig. Und wir benutzen das geschlagene Holz! Nicht nur für lauschige Kaminabende oder Billy-Regale – auch Dachstühle, Innenausbau, Gerüste, Zellulose, Zahnstocher und Zäune. Wenn das jetzt alles in die Öfen soll, woher kommt Ersatz? Zumindest wächst die Waldfläche in Europa allgemein und in Deutschland im Besonderen. Allerdings – und als Ironie des Schicksals – ausgerechnet aufgrund des erhöhten CO2-Anteils in der Luft.

Lesch ersetzt die Kernkraft

Dann hätten wir die tiefe Geothermie, die liefert so viel, wie die Kernkraftwerke in Deutschland… hätte man nicht gedacht“ – Nee, hätte man nicht. Ganz einfach weil’s nicht stimmt. Die 9.444 MW verbliebene Reaktorkapazität (installierte Leistung 2018) lieferten 85 TWh Strom, während die vorhandenen 14 Anlagen (nur Stromproduktion) der tiefen Geothermie gerade mal 34 MW installierte Kapazität haben. Ganze drei weitere sind im Bau, 30 in Planung, was auch immer das genau für welche werden sollen. Um also wie Lesch es beschreibt die Kernkraft komplett zu ersetzen, müssten wir tausende weitere Geothermieanlagen im Megawatt- und Megaeurobereich erst mal bauen. Außerdem können wir bestehende Anlagen überhaupt nicht mitzählen, weil die ja schon in den großzügig aufgerundeten 40% erneuerbarer Energien vorkommen, die wir heute schon haben.

Der Sprung von einer Strommenge von 0,162 TWh, wie sie die tiefe Geothermie heute liefert, zu jenen 85 TWh Kernenergie, die Lesch mit einem Fingerschnips ersetzt hat, ist also eine Steigerung um 52.000% – zweiundfünfzigtausend Prozent! „Damit hätten wir Kohle und Kernkraft schon mal abgehakt“, meint Professor Lesch, der im ZDF wohl das Fach Zauberkunst unterrichtet, wenn er einfach so derartige Schlüsse zieht.

Lesch ersetzt das Erdgas

Dann ist da natürlich noch das Problem mit der Spitzenlast und dem flexiblen aber CO2-lastigen Energieträger Erdgas. Ja, auch das muss weg. Lesch setzt hier auf Bio-Ersatz, Biogas in diesem Fall. „Dafür nehmen wir nur landwirtschaftliche Abfälle, um keine weiteren Energiepflanzen anbauen zu müssen.“ Man fragt sich, was das für Abfälle sein sollen und was die Bauern wohl bisher damit gemacht haben. Ich habe jedenfalls noch nie eine grüne Tonne am Feldrand stehen sehen, die dann von der Abfallentsorgung geleert werden musste. Pflanzliche „Abfälle“ werden in der Regel untergepflügt oder wie bei Getreidestroh für die Viehwirtschaft verwendet. Auf jeden Fall bleiben sie Bestandteil des Ackers, sorgen für Gründüngung, Bodenbelüftung und Stickstoffeintrag und werden darüber hinaus natürlich auch in geringen Mengen in den bestehenden Biogasanlagen „verstromt“. Ungenutzte Energiepotenziale durch Abfälle aus der Landwirtschaft gibt es so gut wie keine.

Außerdem sind die gasbildenden Bakterien in Bio-Reaktoren genauso Spezialisten, wie üblicherweise Münchner Physikprofessoren. Füttert man sie mit irgendeinem Mist, machen sie Unfug oder stellen die Arbeit ganz ein. So ein Bio-Generator ist leider noch kein Fluxkompensator, der gleichermaßen mit Plutonium, Cola oder Katzenpisse läuft. Man kann da nicht reinwerfen, was einem so in den Sinn kommt. Auch hier gilt zudem: erst mal bauen! Der Anteil von Erdgas an der deutschen Stromerzeugung beträgt ca. 83 TWh pro Jahr. Die bestehenden Biogasanlagen liefern 32 TWh (in den 40% enthalten, die also bitte nicht mitzählen). Wir müssen also die Anzahl der Biogasanlagen fast verdreifachen, um auch auf Erdgas verzichten zu können. Wo die alle noch stehen sollen, ohne den Geothermiekraftwerken, Windrädern oder Wäldern in die Quere zu kommen, bleibt ein quantenphysikalisches Rätsel.

Fassen wir zusammen, was Harald Lesch „ganz einfach” findet

  • Wir ersetzen die Kohle durch Holz, wofür wir die Hälfte unserer Wälder exklusiv als Brennholzquelle bewirtschaften müssen. Möbelindustrie, Baugewerbe, Papierindustrie, Hambi-Besetzer und andere sollen halt sehen, wo sie bleiben. Da der Heizwert von Holz – auch wenn es gut getrocknet ist, kaum die Hälfte von Kohle beträgt, fahren dann nicht mehr kilometerlange Kohleversorgungszüge durchs Land, sondern doppelt so lange Holzversorgungszüge. Fortschritt ist so geil! Angesichts der Feinstaubwerte in der Luft in der Nähe der Holzkraftwerke werden die Bewohner sich voller Wehmut an die guten alten Dieselzeiten zurückerinnern.
  • Die Kernenergie ersetzen wir durch Geothermiekraftwerke, von denen wir innerhalb weniger Jahre tausende errichten müssen. Die Kosten pro Anlage und installierter Megawattstunde sind deutlich höher als für Windkraftanlagen (siehe hier, Seite 4) und summieren sich locker in die Billionen.
  • Das Erdgas schließlich ersetzen wir durch etwa 25.000 neue Biogasanlagen, die wir aber nicht betreiben können, weil wir nicht genügend „Abfälle“ für sie haben und falls wir diese „Abfälle“ der Landwirtschaft entziehen, werden wir dort massiv mehr Kunstdünger benötigen, um für den nötigen Stickstoffeintrag in die Ackerböden zu sorgen, was wiederum zu erheblichen Problemen mit dem Grundwasser führt, was wiederum zu weiteren Problemen führen wird. An diese Feedbackschleife hat natürlich auch niemand gedacht.

Doch auch Lesch weiß, dass selbst seine Milchmädchenrechnung nur den aktuellen Stromverbrauch betrifft und uns der 100%-reines-Gewissen-Energiewelt kaum näher bringt. Die Energiebereiche Heizen, Prozesswärme, Verkehr usw. sind da noch gar nicht drin!

Wir bewirtschaften nur noch Energie“

Ja, das kommt alles noch oben drauf und ist energetisch ein Mehrfaches des Strombedarfs. „ …dann haben wir alles zugekachelt, dann haben wir Energie, aber was ist das dann für ein Land? Hier würde ja praktisch nur noch Energie bewirtschaftet!“ Da wird es selbst Harald Lesch mulmig. Vielleicht stellt er sich vor, er würde – natürlich mit dem Rad – durchs Land fahren und sähe praktisch nichts anderes als Windkraftanlagen und Biogasanl… ach, ich hätte es fast übersehen: Das ist ja schon heute so bei uns hier in Niedersachsen, dabei ist das erst die 40%ige Lösung all unserer Probleme. Noch schöner kann’s also eigentlich nur noch im Süden werden. Auf der Theresienwiese in München soll noch Platz sein…

Tote Ideen, neu verstromt

Also, meint Lesch, muss eine andere Lösung her! Statt eine Fläche von der Größe des Saarlandes und Berlins mit Solarpanelen zuzudecken (warum eigentlich nicht, das würde doch sicher die Mieten wie gewünscht drücken), holt Lesch Desertec wieder aus der Versenkung. Jene Idee, gigantische Solarthermie und Photovoltaik-Kraftwerke in die Sahara zu klotzen und sie durch sündhaft teure Gleichstromkabel via Malta und Gibraltar mit Europa zu verbinden. Ja, das wird sicher klappen, weil die Investoren dieser größten Investition aller Zeiten gar nicht schnell genug die Schecks unterschreiben können. Ist bislang ja erst einmal grandios gescheitert, mehr Glück halt beim nächsten Mal.

Aber mal ehrlich: Wäre, unabhängig von Geld und technischen Schwierigkeiten, dieser Teil von Lesch’s Vision nicht in der Tat der am leichtesten zu realisierende? Man muss doch nur ganz Nordafrika in die friedlichste und stabilste Region der Welt verwandeln, der man ohne Bedenken und mindestens bis zur Erfindung des Fluxkompensators fast die gesamte Energieversorgung Europas anvertrauen möchte. Verglichen mit den anderen „einfachen Ideen” im Video scheint das fast schon ein Kinderspiel zu werden!

Hausaufgabe: Den Umgang mit dem Zauberstab üben und dann auf nach Libyen!


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