TeroVesalainen / Pixabay
Wirtschaft

Tabu: Geburtenkontrolle statt Sozialstaatsversorgung

25. Juni 2019

Ökonomen können durchaus in politische Minenfelder geraten. Gerade hierzulande. Heute versuche ich (erneut), ohne Blessuren durchzukommen.

Thema: Wenn wir bestimmte Geburten nicht hätten, wären nicht nur die Sozialstaatskosten geringer, sondern auch die Kriminalität. Hintergrund ist eine (hier in Deutschland nie groß diskutierte) Entscheidung der US-Regierung unter Bill Clinton, alleinstehenden Frauen nur bis zum zweiten Kind zu helfen. Danach nicht mehr. In der Folge gingen die Geburten in dieser Personengruppe deutlich zurück. Im Kern wurde also eine Subventionierung gestoppt, die in einer bestimmten – tendenziell bildungsferneren, aber auf jeden Fall ärmeren – Bevölkerungsschicht zu einem Fehlanreiz geführt hat. In der Folge ging die Kriminalität deutlich zurück. Nichtgeborene Menschen, vor allem Männer, können auch nicht kriminell werden.

Bei uns in Deutschland gibt es so eine Begrenzung nicht. Im Gegenteil, es lohnt sich für bestimmte Bevölkerungsgruppen, mehr Kinder zu haben, was dann – ironischerweise – zu einem Anstieg der Kinderarmut und damit zu noch mehr Umverteilung in dieses Segment führt. Ein weiteres Beispiel für die hierzulande völlig irre Politik.

Doch nun zu den USA. John J. Donohue und Steven D. Levitt haben schon vor einigen Jahren den Zusammenhang zwischen dem Geburtenrückgang und der geringeren Kriminalität gezeigt. In ihrem neuen Paper – erschienen beim angesehenen NBER – aktualisieren sie ihre Zahlen:

  • „Donohue and Levitt (2001) proposed a link between the legalization of abortion and future crime. The theory motivating that analysis is simple: decades of social scientific research have demonstrated that unwanted children are at an elevated risk for less favorable life outcomes on multiple dimensions including criminal involvement,and the legalization of abortion appears to have dramatically reduced the number of unwanted births.As a consequence, cohorts exposed to legalized abortion would be expected to exhibit less criminal behavior than would have been the case absent the legalization of abortion.“ – Stelter: und jene Frauen, die keine (weitere) staatliche Unterstützung erwarten dürfen, werden eher bereit sein, abzutreiben.
  • „For each crime category, high abortion states experience more favorable crime trends than medium abortion states, with low abortion states faring the worst.“ – Stelter: Es werden also die Bundesstaaten verglichen und jene mit der höchsten Abtreibungsquote haben den besten Trend bei der Kriminalität.
  • „The magnitude of the differences are substantial: violent crime has fallen an additional 30+ percentage points since 1997 in high-abortion states relative to low-abortion states. For property crime that difference is over 18 percentage points, and for homicide it is 12 or 18 percentage points, depending on the data source. Aggregating over the entire time period 1985 to 2014, high abortion states have experienced a reduction in crime relative to low abortion states of -64.0, -50.2, and -45.3 percentage points for violent crime, property crime, and homicide respectively. With Vital Statistics data, the homicide impact is -55.3 percentage points.“ – Stelter: Es ist also bei schweren Straftaten am deutlichsten sichtbar!
  • Die soziale Komponente zeigt sich hier: „(…) the drop in the number of children raised in adverse circumstances because of the legalization of abortion not only reduced the crime rate years later but it also led to a reduction in teen and out-of-wedlock births. This effect also shows up in an organic decline in the teen abortion rate for this second generation who were born after legalization.“ – Stelter: Klartext – die sozial schwierigen Umstände setzen sich nicht fort, weil es die Geburten nicht gab. Umgekehrt: Gibt es die Geburten, setzt sich das soziale Problem in der kommenden Generation fort.

So sieht das dann aus:

  • „François et al. (2014) provide such evidence with a panel data analysis with country and year fixed effects from 1990-2007 for 16 Countries in Western Europe. The paper ‘confirm[s] the negative impact of abortion on crime for both homicides and thefts (…)’ (…) their model showing the impact on crime 15 years after abortion legalization implies that the declines resulting from abortion legalization 25 years after legalization are 12-40% for homicide and 23-43% for theft. These estimates are roughly comparable to and therefore provide significant support for our own estimates on data from the United States.“ – Stelter: Also, Geburten in Familien, die sich in sozial schwierigen Lagen befinden, führen nicht nur in der ersten Generation zu Problemen, sondern die Probleme setzen sich fort. Die Schlussfolgerung muss sein, solche Geburten nicht zu fördern, sondern die finanziellen Anreize so zu setzen, dass es nicht dazu kommt. Dies ist ein Thema, das über die Kriminalität weit hinausgeht.

Nachtrag: Ich betone nochmals, dass ich weder ein Befürworter von Abtreibung bin, noch dass man Menschen aus rein ökonomischen Gesichtspunkten betrachten soll/darf. Es geht mir lediglich um eine interessante Studie, deren Schlussfolgerungen man nüchtern diskutieren sollte.


Dr. Daniel Stelter – www.think-beyondtheobvious.com

 

 


Ad
Ad
Ad

Jetzt eintragen und News kostenlos per E-Mail erhalten:

Ad
Ad
Ad
Ad
Ad
Ad
Ad